Interessen: Osten, Westbindung

Die Geschichte zeigt, daß unser „Volk der guten Nachbarn“ (Willy Brandt) beide politischen Ausrichtungen pflegen muß – zu Washington die transatlantische Westbindung und zu Moskau eine ausgewogene Ostpolitik. Ein gewiß schwieriges Unterfangen. Da braucht es den Mut einer Diplomatie, wie sie die Realpolitiker Adenauer, Brandt und Kohl unter Beweis gestellt haben:
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– 1955 hat Konrad Adenauer mit seiner Moskaupolitik die Heimkehr der noch lebenden deutschen Kriegsgefangenen – 10 Jahre nach Kriegsende! – erreicht.
– 1970 krönte Willy Brandt seine Entspannungspolitik mit den Verträgen von Moskau und Warschau sowie dem Grundlagenvertrag BRD-DDR.
– 1990 fuhr Helmut Kohl zu Michail Gorbatschow an die Wolga und legte so die Grundlagen zur deutschen Einheit.
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Ostpolitik 1955 Konrad Adenauer1970, Willy Brandt und 1990 Helmut Kohl

Diese drei mutigen Meilensteine deutscher Ostpolitik wurden in Krisenzeiten gesetzt, als die Beziehungen Berlin-Moskau auf einem Tiefpunkt waren. Auch heute ist das deutsch-russische Verhältnis angespannt, auch heute bedarf es mutiger Schritte einer Öffnung gegenüber Moskau.

Diese drei Meilensteine folgten dem Diktum von Willy Brandt’s Ostexperten Egon Bahr: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ In der Außenpolitik geht es nicht um Moral, Ideologie und mediale Freundlichkeit, sondern knallhart um die eigenen Interessen.

So ist es im Interesse von Deutschland als Land in der Mitte Europas, mit allen seinen Nachbarn gute Beziehungen zu pflegen. Willy Brandt fasste dies als Leitlinie, die heute mehr denn je gilt: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein“.

Diese drei Meilensteine fußten auf der diplomatischen Leistung, die Ostpolitik nicht zu Lasten der Westbindung zu forcieren – oder andersherum, die transatlantischen Beziehungen mit dem Verhältnis zu Moskau in Einklang zu bringen. Ein Akt von Balance und Fingerspitzengefühl zwischen 1955 und 1990.
Auch 2025 ist Diplomatie gefragt zum Interessenausgleich – ein konkretes Beispiel: Die US-Amerikaner unter Trump wollen ihr überschüssiges Fracking-Gas per NLG-Verschiffung teuer an Deutschland verkaufen. Auf der anderen Seite ist Putin bereit, umgehend wieder billiges Erdgas über die eine noch intakte Nordstream-Pipeline nach Deutschland zu pumpen.
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Diese drei obigen Meilensteine wurden von den einst großen Volksparteien CDU und SPD gesetzt. Von ihnen wollen weder die heutige CDU noch die heutige SPD etwas wissen. Beispiele: Heute dominieren gratismutige Sprüche wie „Russland ruinieren“ (Annalena Baerbock, Grüne), „Russland wird immer unser Feind sein“ (Johann Wadephul, CDU) und „Wir müssen den Krieg nach Russland tragen“ (Roderich Kiesewetter, CDU), deren Kriegsrhetorik zu nichts führt. Und die deutsche Friedensbewegung – leider schwach, da in links und rechts geteilt – bleibt ungehört: „Man lügt uns in einen Krieg hinein“ (Eugen Drewermann).

Das SPD-Manifest Friedenssicherung mit seinem 8-Punkte-Programm vom 12.6.2025 mit Peter Brandt bleibt belächelte Theorie.
Das Buch „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein“ vom SPD-Diplomaten Albrecht Müller wird als zu sehr“ antikrieg“ abgelehnt.
Klaus von Dohnanyi (97), der letzte noch lebende Entspanungspolitiker der SPD, formuliert in seinem Buch „Nationale Interessen“ die deutliche Aufforderung: „Je gefährlicher ein Nachbar ist, desto mehr muss man sich mit ihm beschäftigen und mit ihm reden.“ Dies interessiert weder die Klingbeil-SPD noch die Merz-CDU, aber die AfD.

In dieser von Bequemlichkeit, Trägheit und Unvermögen geprägten Zeit scheint deutsche aktive Außenpolitik einfach nicht stattzufinden. Da darf man die Russland-Kontakte von Tino Chrupalla (AfD) durchaus als mutigen Weg zu einem vierten Meilenstein interpretieren. Nichts ist billiger, derlei Kontakte mit der Verdächtigung Moskau-Spitzel abzutun. Putin verstehen wollen ist etwas anderes als Verständnis zeigen mit seinem Angriffskrieg. Ud wenn CDUSPDGrüne nicht mit Russland sprechen wollen, damm muß es eben die AfD tun. „Mir hat Putin nichts getan“ und „Ich sehe keine Gefahr für Deutschland durch Russland“ sagte der AfD-Vize im Spiegel-Interview.

Tino Chrupalla steht für eine sich öffnende und ausgewogene Ostpolitik. Alice Weidel für eine Westbindung bzw. transatlantische Beziehung. Diese innerparteilichen konkurrierende Strömungen der AfD fördern den Wettstreit und Diskussion der Ideen – es sind Kennzeichen einer großen Volkspartei. Schließlich lassen sich mit der parteiinternen Vielfalt breitere Wählerschichten erschließen. Daß die selbstbewußte Binnenpolarität der AfD die Parteien CDUSPDGrüne nervös macht, ist ein gutes weil aufweckendes Zeichen.
Es ist kein Argument bekannt, das für einen Konfrontationskurs gegen Russland spricht. Allein die deutschen Interessen zählen, nicht irgendeine Ideologie. Wann ist man endlich bereit, dies aus der Geschichte der drei ostpolitischen Meilensteine zu lernen.
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1955-1970-1990-2025: Ausblick zu einem vierten Meilenstein
1. Das oberste Ziel: Beendigung des Sterbens im Ukrainekrieg durch einen sofortigen Waffenstillstand.
2. Der Wunsch: In der deutschen Friedensbewegung tun sich Linke und Rechte zusammen und bringen die Zivilgesellschaft auf die Strassen: Hunderttausende demonstrieren für eine Stop des Massensterbend im Osten. Nur so kann Druck ausgeübt werden auf Moskau, Washington wie auch auf Brüssel und Berlin.
3. Fakt: Russland und die USA haben die Macht, den Ukrainekrieg in bilateralen Gesprächen zu beenden. Nach der Offenlegung der immensen Korruption auch innerhalb der Kiew-Administration ist ein solcher Friedens-Deal wahrscheinlicher geworden.
4. Zeitfenster: Im Auf und Ab der Geschichte tun sich immer wieder unerwartet Zeitfenster auf, die – falls sie genutzt werden – eine abrupte Veränderung ermöglichen. Adenauer, Brandt und Kohl nutzten solche Zeitfenster. Nun gilt es, das sich mit einem Ende des Ukrainekriegs öffnende Zeitfenster für eine Wiederbelebung der deutsch-russischen Verständigung zu nutzen.
18.12.2025
… auch erschienen auf
https://ansage.org/deutsche-interessen-ostpolitik-und-westbindung/
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Ende von Beitrag „Interessen: Osten, Westbindung“
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Beginn von Anlagen (1) –

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(1) Zur Russlandfrage und die AfD in der innerdeutschen Verständigung
Es gibt politische Themen, die nicht deshalb schwierig sind, weil sie kompliziert wären, sondern weil sie tief reichen. Die Russlandfrage ist ein solches Thema. Und ich sage ganz bewusst: Es geht dabei nicht um Putin. Es geht nicht um Sympathien oder Antipathien. Es geht um uns. Um die Frage, wer wir als Land in der Mitte Europas sind und sein wollen.
Denn die Haltung zu Russland ist keine außenpolitische Randnotiz. Sie zeigt wie ein Seismograph, wie unterschiedlich Deutschland in Ost und West bis heute geprägt sind – und wie wenig wir bisher getan haben, diese Unterschiede wirklich zu verstehen oder auch uns teilweise wechselseitig überhaut – sozialisationsbedingt- verstehen zu können.

Ich sage das ausdrücklich als jemand, der in Westdeutschland aufgewachsen ist und seit vier Jahrzehnten in Berlin lebt. Ich habe beide Denkwelten erlebt, beide Prägungen kennengelernt, beide Sprachen verstanden. Die westliche Sozialisation mit ihrer klar transatlantischen Orientierung prägt mich bis heute. Aber das Leben in Berlin – in diesem Schnittpunkt zweier deutscher Gedächtnisse – hat mir deutlich gezeigt, was man im ehemaligen Westdeutschland, das ideengeschichtlich und lebensweltlich bruchlos in die Wiedervereinigung gestolpert ist, übersieht: Der Osten denkt anders, nicht schlechter, nicht provinzieller, sondern erfahrungsbedingt legitim anders.

Jetzt wird die Ost-West-Spannung in der AfD offen sichtbar, kann aber nicht überraschen. Die anderen Parteien haben ihre Brüche einfach übertüncht. Die AfD dagegen zeigt das, was ist und was die Menschen jeweils bewegt, was sie wiederum wachsen lässt. Deshalb reagieren die westdeutsch dominierten Medien mit einer klaren Strategie: Sie stilisieren und missbrauchen https://www.bild.de/politik/inland/russland-beben-bei-der-rechtsaussen-partei-diese-afd-abgeordneten-hat-putin-am-liebsten-69149c990407e2fef73ca744 die notwendige Auseinandersetzung, die sich in Russlandreisen von AfD-Abgeordneten https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-streit-russland-reise-weidel-chrupalla-100.html entlädt, zu einem angeblichen „Beweis der Unwählbarkeit im Westen“. Das mag politisch erklärbar sein – aber es ist unredlich. Es geht nicht um Weidel oder Lucassen gegen Chrupalla. Es geht um eine Frage, die viel tiefer reicht: Wie wächst ein Land zusammen, dessen zwei historischen Prägungen sich jahrzehntelang kaum begegnet sind?

Die AfD steht heute als einzige Kraft vor der Aufgabe, diese beiden deutschen Wirklichkeiten zusammenzuführen. Nicht durch Harmonisierung, sondern durch Verständigung. Nicht durch Beschwichtigung, sondern durch wechselseitige Anerkennung sozialisationsbedingt legitimer Anschauungen, nicht durch ein Entweder-Oder, sondern durch ein neues Sowohl-als-auch.

Versöhnung in diesem Kontext heißt:
den Osten hören, ohne den Westen zu verlieren,
den Westen verstehen, ohne den Osten zu bevormunden,

und aus beiden eine gemeinsame Sprache der Souveränität zu schaffen. Wenn das gelingt, könnte die „verspätete Nation“ (Plessner) zum ersten Mal rechtzeitig werden. Und die Russlandfrage — die so oft spaltete — könnte der Anlass sein, dieses Land ganz und souverän werden zu lassen.

… Alles vom 19.11.2025 von Frank-Christian Hansel bitte lesen auf
https://frank-hansel.de/zur-russlandfrage-und-die-afd-in-der-innerdeutschen-verstaendigung

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