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Peter Sloterdijk: Der Kontinent ohne Eigenschaften – Lesezeichen im Buch Europa
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Auf der Suche nach schöpferischer Leidenschaft
Der Philosoph Peter Sloterdijk denkt in verschiedenen Lektionen über das Gemeinwesen Europa nach und will damit Orientierung stiften.
Rezension von Volker Kempf
Peter Sloterdijks „Der Kontinent ohne Eigenschaften“ könnte auch lauten: „Auf der Suche nach Europa“. Wo lohnt es sich zu suchen? Um die Ausgangslage deutlich zu machen, knüpft Sloterdijk an ein Henry Kissinger in den Mund gelegtes Bonmont an, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könne, falls er Europa an das Telefon bekommen solle. Der wahre Kern leuchtet ein, eine Nation mit Bundeskanzler ist Europa nicht. Frau von der Leyen anrufen? Sie ist der Kopf eines undurchsichtigen politischen Großgebildes, aber Europa ist das nicht.
Der Buchtitel, der auf Robert Musils Romanheld vom Mann ohne Eigenschaften anspielt, verspricht etwas von „Eigenschaftslosigkeit“, von „wohltemperierter Unauffälligkeit“. Konsumwerte könnten Aufschluß geben. Der gemittelte Europäer trinkt im Jahr elf Kilogramm Alkohol, gibt 13 Prozent seines Budgets für Mobilitätskosten aus und verfügt über eine Lebensarbeitszeit von 35,9 Jahren; der CO2-Ausstoß beträgt 7,8 Tonnen. Da weiß man, worauf es Europa ankommt. Auf das Reisen etwa. Wer nach Rom reist, sucht die europäische Geschichte.
Ein paar Lesezeichen durch die Geschichte Europas legt Sloterdijk vor, die alten Römer, das Latein-Europa, der Drang zur Überdehnung. Das rückt näher an das 19. Jahrhundert heran, in dem das „Gespenst des Kommunismus“ umging; noch unheimlicher sei das Gespenst der Dekadenz. Auch die Franzosen dürften sich angesprochen fühlen – so beruht Sloterdijks Werk auf Vorträgen 2024 in Paris. Ein Lesezeichen gilt Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Nachrufe auf Europa zu halten würden sich heute einige anschicken, „wobei manche die Dahingegangene als Selbstmörderin bezeichneten – man weiß nicht, ob vorwurfsvoll oder bedauernd.“ Totgesagte leben oft länger. Das meint Sloterdijk, indem er sich wenig verwundert zeigt, wenn Michel Onfray als „Epigone Spenglers ‘unserer judäo-christlichen Zivilisation’“ nachsage, sie sei ‘tot’“, um hinzuzufügen, es bleibe „zwischen Totsagung in Abwesenheit von Presse und Fernsehkameras und der Ausstellung eines Totenscheins durch Personal mit Leichenhallenerfahrung ein Unterschied, den man nicht ganz außer acht lassen sollte“. Ehe man den Untergang des Abendlandes feststellt, gelte es zu sehen, die Vergangenheit wirke fort. Etwas ratlos geworden zwar, aber auf der Suche nach Orientierung helfe die Verortung im Strom der Zeit weiter.
Das mit vierzig Seiten breiteste Lesezeichen gilt Eugen Rosenstock-Huessy. Dieser Historiker und Soziologe legte 1938 ein Buch über den westlichen Mann vor: „Out of Revolution“. Dem liegt die „Erhellungsmethode“ der Autobiographie zugrunde, die Licht in das Dunkel vom „amorphen Quasi-Gegenstand Europa“ bringe. Sloterdijk liest das als Zeugnis eines Rückkehrers aus dem Ersten Weltkrieg und trifft sein geistiges Zentrum: „Seine Überzeugung, die menschliche Geschichte im ganzen, die europäische Geschichte des letzten Jahrtausend im besonderen, könne nur aus der Bewegung der Leidenschaften, der Bekenntnisse, der Inspiration begriffen werden, bringt ihm die Verlegenheit ein, die Unterscheidung der Begeisterung vollziehen zu müssen, ohne Kriterien vorwegnehmen zu können.“
Die Unterscheidung zwischen noblem Enthusiasmus und Eruptionen von Massenwahn komme zu kurz. Dabei war sich Rosenstock in seinem Gesamtwerk bewußt, wie Massenwahn entchristlicht um sich greift, im Hitler-Deutschland. Rosenstock-Huessy ging es immer um das christliche Erbe, Sloterdijk hingegen betont die Befreiung aus der christlichen Enge von einst als Wegmarke in die Freiheit. Hier dürfte das letzte Wort um die Geschichte Europas und ihrer Bedeutung nicht gesprochen sein. Das Kapitel über Rosenstock-Huessy könnte als Einführung in sein Denken durchgehen. Auch offensichtliche Schwachpunkte spürt Sloterdijk auf, wie sie bei jedem Denker zu finden sind. Sloterdijk selbst ist nicht vor Schwachstellen gefeit, aber das spricht nicht gegen ein gelungenes Buch.
Mit Blick in dieses Buch kann man sich am Ende fragen, ob Angela Merkel als Kanzlerin nicht eine Frau ohne Eigenschaften war, deren Erbe sich nicht nur Deutschland überdrüssig erweist, das sich für eine Alternative begeistern will, als immer nur für ein paar Ziffern aus der CO2-Bilanz, der Dekadenzwerte beim Alkoholkonsum und neuerdings dem legalisierten Cannabis. Europa ist mehr als das, dazu braucht es geistiger Nahrung, an der Sloterdijk reich ist.
12.6.2025, Volker Kempf, volkerkempf@aol.com
Rezension in der JF vom 12.6.2025.
Peter Sloterdijk: Der Kontinent ohne Eigenschaften. Lesezeichen im Buch Europa. Suhrkamp, Berlin 2024, gebunden, 296 Seiten, 28 Euro
Europa in alten Strategien gefangen, USA steuern radikal um
EU-EUROPA
Die Implosion der UdSSR schuf ein Machtvakuum in Osteuropa, das von der EU und der NATO gefüllt wurde. Zuerst in Georgien (2008) und dann in der Ukraine (seit 2014) zeigte Russland, dass es die Mittel, den Wunsch und den Willen hat, das zu verteidigen, was es als seine lebenswichtigen Interessen ansieht. Der Westen reagierte mit Wirtschaftssanktionen und 350 Milliarden Euro an Militär- und Finanzhilfe für die Ukraine.
Diese Maßnahmen hatten keine fundamentalen Auswirkungen für die Wirklichkeit auf dem Schlachtfeld. Die Politik entscheidet jetzt. Deshalb bewegen sich die USA auf russische Bedingungen für die Friedensverhandlungen in Riad zu: ukrainische Neutralität und keine NATO-Mitgliedschaft. Die EU, die sich drei Jahre lang völlig weigerte, diplomatische Instrumente einzusetzen, zetert sich nun darüber, nicht am Verhandlungstisch zu sitzen. Gleichzeitig reklamierte die EU mit viel Prestige nichts weniger als totalen militärischen Sieg und Regimewechsel in Russland – auch wenn die europäischen Länder nicht bereit waren, eigenes Militär zu entsenden. Darüber hinaus beweisen ihre jahrzehntelangen Ausgaben für eine unterdurchschnittliche Verteidigung, dass sie die russische Bedrohung nicht zu ernst nehmen, trotz ihrer Rhetorik von feindlichen Panzern, die in naher Zukunft Brüssel einnehmen.
Die USA wollen nun die Kosten ihres außenpolitischen Einsatzes in der Ukraine der europäischen Führung übertragen, die das dankbar zu akzeptieren scheint. Die USA machen nebenbei ihr Interesse an ukrainischen Bodenschätzen deutlich, während die EU unbeholfen danebensteht. Obendrein liefern die USA, was die einen Handelskrieg und 25 Prozent Zölle für EU-Produkte nennen, während ein europäischer Regierungschef nach dem anderen Washington DC besucht, um sozusagen den Ring zu küssen. Die EU demonstriert ihre Ratlosigkeit grandios. Außenminister Marco Rubio empfängt nicht einmal EU-Kommissar Kaja Kallas.
Seit Jahrzehnten werden europäische Eliten ausgewählt, gebildet und in einem atlantischen ideologischen Rahmen gefördert. Dieser Rahmen beruht nicht auf geteilten moralischen Werten, sondern auf der Grundlage der amerikanischen Interessen. Diese Interessen sind nicht immer die Interessen der europäischen Länder. Der sogenannte Freie Westen aus der Ära der bipolaren Welt existiert nicht mehr. Theoretische Konzepte aus der unipolaren Welt, von Fukuyamas End of History bis Huntingtons Kampf der Kulturen, sind völlig veraltet und bilden keinerlei Anleitung für die Welt von heute, geschweige denn für die Welt von morgen.
Die Amerikaner haben die multipolare Realität akzeptiert und begonnen, die logischen Schlussfolgerungen für die Außenpolitik zu ziehen. Es ist an der Zeit, dass wir dasselbe in Europa tun.
Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen auf die eine oder andere Weise Frieden für die Ukraine finden und eine neue Art von Verteidigungsarchitektur für Europa. Das bedeutet, dass wir irgendwann unsere Beziehungen zu Russland normalisieren müssen, insbesondere bei Handel und Energie. Je länger wir uns in vergangenen Strategien verstricken, desto höher sind die humanitären und finanziellen Kosten sowohl für die Ukraine als auch für uns selbst. Zweitens ist es wichtig und vordringlich, in unsere eigenen Verteidigungskapazitäten und Industrien zu investieren. Und dies nicht auf der Grundlage des atlantischen Denkens, sondern eines eurozentrischen Machtzentrums, das die wesentliche Voraussetzung für die Verteidigung unserer geostrategischen Interessen ist. Die Art und Weise, wie der belgische Verteidigungsminister Theo Francken mit dem Schwanz wedelt, um mehr amerikanische F-35 zu bestellen, ist ein Hinweis auf Belgiens Ohnmacht. Schließlich müssen wir wieder anfangen, in Realpolitik zu denken, anstatt das moralistische liberale und utopische Denken fortzusetzen, das die EU auszeichnet.
In einer multipolaren Welt werden die USA immer ein Verbündeter bleiben. Europa muss jedoch in der Lage sein, auf eigenen Beinen zu stehen. Dafür ist die EU nicht das richtige Instrument, wir müssen unsere Souveränität und nationale Dynamik wiederherstellen für eine Renaissance unserer europäischen Zivilisation.
… Alles vom 8.4.2025 von Tom J.P. Vandendriessche bitte lesen auf
https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/europa-in-alten-strategien-gefangen-usa-steuern-radikal-um/
oder
https://brusselssignal.eu/2025/04/europe-locked-in-past-strategies-while-us-makes-radical-break/
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Tom J.P. Vandendriessche ist belgisches Mitglied des EU-Parlaments für Vlaams Belang, Patrioten für Europa
