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Suicidal Empathy: Wenn Empathie zur Selbstzerstörung führt
„Empathie für Asylsuchende wird absolut gesetzt“
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Der Begriff „suicidal empathy“ beschreibt eine moralische Übersteuerung westlicher Politik: Empathie wird zum absoluten Maßstab erhoben und verdrängt Urteilskraft, Grenzziehung und langfristige Verantwortung – mit fatalen Folgen für Gesellschaft und Institutionen.
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Der kanadische Psychologe Gad Saad beschreibt mit dem Begriff „suicidal empathy“ ein zentrales Problem westlicher Politik: ein performatives Mitgefühl, das die systematische Auflösung der eigenen Gesellschaft als moralisch geboten erscheinen lässt.
Bilder einzelner Opfer ziehen stärker als Statistiken. In der Fachliteratur ist dieser Mechanismus als „Identifiable Victim Effect“ bekannt. Er erklärt, warum dramatische Einzelschicksale politische Entscheidungen auslösen können, während tausend anonyme Fälle folgenlos bleiben. Denn Empathie verteilt sich nicht nach Dringlichkeit oder Schadensausmaß, sondern nach Sichtbarkeit und emotionaler Nähe. Genau darin liegt ihre politische Gefährlichkeit: Sie ist leicht mobilisierbar, medial steuerbar und systematisch blind für langfristige Folgen.
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Indem westliche Gesellschaften Empathie von einer Tugend zu einem absoluten Maßstab erheben, machen sie sich strategisch, politisch und moralisch erpressbar. Empathie dominiert zunehmend Entscheidungen, die eigentlich nüchterne Analyse erfordern. Begriffe wie „Humanität“, „Solidarität“ oder „Haltung zeigen“ fungieren seit langem als moralische Platzhalter, die Kosten, Nebenfolgen und Zielkonflikte politischer Entscheidungen verdecken. Empathie erscheint hier nicht mehr als Mitgefühl, sondern als öffentliche Gefühlsperformanz, die affektive Anteilnahme und emotionale Intensität mit moralischem Urteil verwechselt. Empathie für Asylsuchende wird absolut gesetzt; Fragen nach sozialem Zusammenhalt, Kriminalität, fiskalischen Kosten oder kultureller Integration gelten hingegen als suspekt. Damit gerät auch der Sozialstaat unter Druck, dessen Funktionsfähigkeit auf Gegenseitigkeit, Leistungsakzeptanz und klaren Anspruchsgrenzen beruht.
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Lieber polemisch als scheinheilig
Besonders sichtbar ist „suicidal empathy“ dort, wo eigentlich Distanz, Nüchternheit und das Streben nach Objektivität herrschen sollten: an den Universitäten. Saad beschreibt sie als institutionalisierte Räume moralischer Signalpolitik, in denen emotionale Bekundung systematisch Vorrang vor Evidenz erhält.
… Alles vom 12.1.2026 von Shantanu Patni bitte lesen auf
https://www.cicero.de/kultur/contra-suicidal-empathy-wenn-empathie-zur-selbstzerstorung-fuhrt
Volker Boehme-Neßler: Angstpolitik
Seit einigen Jahren werden politische Forderungen nicht mehr (nur) politisch, sondern moralisch begründet. Vor allem die Debatte um den Klimaschutz bietet viele Beispiele dafür. Das gilt etwa für die immer wieder aufflammende Diskussion über SUVs und Verbrennerautos allgemein. Mit moralisch unterfütterter Empörung werden die Fahrer solcher Autos kritisiert, oft geradezu gegeißelt. Umgekehrt empören sich die kritisierten Autofahrer. Sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt – und moralisch genauso im Recht wie ihre Kritiker. Ähnlich verlaufen die Diskussionen über Kurzstreckenflüge oder den Konsum von Fleisch. Wer genau hinschaut, findet in immer mehr Debatten moralische Argumente, die den Sachargumenten entgegengestellt werden. Das ist ein Phänomen, das weltweit zu beobachten ist.
In den öffentlichen Debatten der Coronazeit ging es viel zu oft um Moral. Der Meinungs-Mainstream postulierte eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen („Wir schützen uns und andere“). Das erleichterte die brutalen Ausgrenzungen derjenigen, die sich widersetzten. Denn Moral liefert immer die stärkeren Argumente. In einer moralisch unterfütterten Politik geht es nicht um vernünftig oder unvernünftig, mehrheitlich gewollt oder nicht. Es geht um gut oder böse, wahr oder falsch. Das verleiht Argumenten eine ganz andere Durchschlagskraft.
Moralisierung als Rückfall
Die moralische Einfärbung öffentlicher Diskussionen ist kein Fortschritt. Sie ist im Gegenteil ein trauriger zivilisatorischer Rückschritt. In archaischen Gesellschaften, in frühen und vormodernen Staaten waren Recht, Moral und Sitte alles eins. Moralische Normen waren Recht und wurden vom Staat mit Macht durchgesetzt. Spätestens mit der Aufklärung begann die Unterscheidung von Recht und Moral. Der Staat sollte für das Recht zuständig sein. Moral und Sitte – das war dagegen die Domäne von Gesellschaft und Kirche. Ganz so eindeutig ist die Lage allerdings immer noch nicht. Bis heute gibt es staatliche Rechtsnormen, die stark moralisch geprägt sind – etwa die Menschenrechte, das Abtreibungsverbot oder das Tötungsverbot im Strafrecht.
Trotzdem ist die grundsätzliche Trennung von Staat und Moral in den modernen Gesellschaften ein großer Gewinn an Freiheit für die Bürgerinnen und Bürger. Denn staatliches Recht will nur das äußere Verhalten beeinflussen. Die Gedanken und Gefühle sind weiterhin frei. Moral dagegen zielt auf die inneren Einstellungen und Gesinnungen. Sie will Gedanken und Gefühle in den Griff nehmen. Das ist – jedenfalls potenziell – totalitär. Vor diesem Hintergrund wird klar: Zu viel Moral in der Debatte und der Politik bedroht die Freiheit.
Moral: Alles ist einfach
Für die zunehmende Moralisierung der öffentlichen Diskussion gibt es Gründe. Mit moralischen Argumenten kann man sich in einer komplexen Welt scheinbar leicht zurechtfinden. Wer – dank der Moral – immer genau weiß, was richtig und falsch ist, hat für jedes Problem schnell die richtige Lösung. Das ist psychisch und emotional ungeheuer entlastend. Eine mühsame Auseinandersetzung mit schwierigen Argumenten, die womöglich nicht ganz eindeutig sind? Das ist nicht mehr nötig, wenn man nur die richtige Moral hat. Und natürlich ist Moral als Argument sehr effektiv, wenn man Interessen politisch durchsetzen will. Wer moralisch auf der richtigen Seite steht, muss mit weniger Widerstand rechnen, und Zustimmung sowie Unterstützung sind ihm sicher. Es kann ein sehr wirkungsvoller, aber perfider rhetorischer Trick sein, moralische Argumente ins Spiel zu bringen. Kein Wunder, dass populistische Politiker jeglicher Couleur am liebsten moralisch argumentieren. Durch scheinbar eindeutige moralische Urteile lassen sich leicht und wirksam Wählerinnen und Wähler gewinnen.
Scham: Moral und Emotionen
Wenn Moral ins Spiel kommt, wird es schnell emotional. Denn es geht dann ja um richtig oder falsch, um Gut oder Böse, um Freund oder Feind, also um die ganz großen, sogar existenziellen Fragen. Wer sich moralisch – angeblich – falsch verhält, muss sich schämen. Mit seinem Verhalten schädigt er ja seine Mitmenschen, die Gesellschaft oder das Klima. Wer sich nicht schämt, wird von anderen darauf hingewiesen, dass er sich gefälligst zu schämen hätte. So hat man während der Coronakrise kritische und skeptische Bürger enorm unter Druck gesetzt. Scham ist eines der hässlichsten und unangenehmsten Gefühle, das Menschen kennen. Und ausgerechnet dieses Gefühl wird als Instrument in einer politischen Debatte eingesetzt? Das gibt der Auseinandersetzung eine ganz neue, negative Qualität.
Natürlich war das Coronavirus eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Umso mehr hätte es sachliche, zielführende Debatten und vernünftige, durchdachte Strategien und Instrumente gebraucht. Während der Pandemie hat man gesehen: Scham und Angst und andere negative Gefühle helfen überhaupt nicht weiter. Trotzdem hat man auf sie gesetzt. Hier liegt einer der Gründe, warum die Coronapolitik nicht nur ineffektiv, sondern höchst schädlich war.
Moral ist undemokratisch
Aber ist Moral nicht etwas Gutes? Trägt moralisches Handeln nicht zu einer besseren Welt bei? Wäre eine Welt ohne Moral nicht furchtbar? Das mag im privaten Bereich oft so sein. Aber ob das immer so ist? Darüber ließe sich sicher streiten. In der öffentlichen Debatte sind moralisch aufgeladene Argumente schädlich. Langfristig gefährden sie sogar die Demokratie. Warum ist das so?
Das Gefühl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen, fördert die Intoleranz und – im schlimmsten Fall – die Aggressivität. Andere Ansichten, die von der eigenen Meinung abweichen, widersprechen automatisch der „richtigen“ Moral, die man für sich in Anspruch nimmt. Damit sind sie nicht nur anders, sondern unmoralisch – und dürfen und müssen bekämpft werden. Tolerieren ist keine Option mehr. Die Diskussion ist zu Ende. Der Kampf beginnt. Und das ist zutiefst undemokratisch. Denn Kompromisse zu suchen und zu schließen, ist die hohe Kunst der Demokratie. Ohne Kompromisse lassen sich in einer modernen, freiheitlichen Gesellschaft keine Problemlösungen finden, mit denen sich möglichst viele Bürger identifizieren können. Anders als ein moralisch gefärbter Kampf kennen Kompromisse keine Sieger und Besiegten. Deshalb können die unterschiedlichsten Konfliktparteien nach einem Kompromiss weiter friedlich zusammenleben.
Aus der Perspektive der Moral sind Kompromisse unzulässig. Wer moralisch auf der richtigen Seite steht, darf gar nicht nachgeben und einen Kompromiss schließen. Wer die moralische Pflicht erfüllt, das Klima zu retten, kann keine Kompromisse machen. Denn dann würden die Moralischen ja auf die Unmoralischen zugehen. Aus dieser Sicht ist der Kompromiss unmoralisch. „Die Natur macht keine Kompromisse“ ist ein viel zitiertes Schlagwort in der Klimadebatte. Das ist ein ungeschminkter Ausdruck dieses zutiefst undemokratischen Denkens. Moralische Argumente sind oft leidenschaftlich, sprechen tiefe Emotionen an und reißen mit. Demokratie ist nüchtern und vernünftig, um nicht zu sagen: langweilig. Ihr Unterhaltungswert ist in der Regel eher gering. Gerade deshalb ist sie das überlegenere politische Konzept.
Angstmacher: Moral und Scham
Die öffentliche Debatte über Corona wurde sehr früh moralisch aufgeladen. In einer modernen Demokratie wäre etwas anderes angemessen gewesen. Nämlich eine nüchterne Analyse der vorhandenen Fakten aus allen relevanten Bereichen – nicht nur Virologie, sondern auch Epidemiologie, Medizin, Kinderheilkunde, Psychologie, Soziologie, Ökonomie, um nur einige zu nennen. Darauf basierend hätten gut überlegte, abgewogene und rationale politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Trotz der demonstrativen Devise „Follow the Science“ war davon aber wenig zu sehen. Sehr früh ging es darum, bei den Bürgern Schuldgefühle und Scham hervorzurufen. Auch das findet sich im bereits erwähnten Angstpapier des Innenministeriums. Dessen Autoren beschäftigen sich ausführlich mit den Schuldgefühlen, die Kinder haben werden, wenn sie ihre Eltern mit dem Coronavirus anstecken. In einer Parlamentsrede im September 2020 griff die damalige Bundeskanzlerin diesen Gedanken auf: „Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschließend das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben. Das sollten wir nicht tun.“ Ein bemerkenswert plumper Versuch, Menschen durch Schuldgefühle unter Druck zu setzen. Aber diese Angstpolitik hat funktioniert.
Dass Debatten in einer Krisensituation auch emotional geführt werden, ist normal. Der Mensch ist ein hochemotionales Wesen. Und Gefühle sind wichtig. Sie steuern das Verhalten und können ungeahnte Energien freisetzen. Ohne Gefühle lassen sich Herausforderungen kaum bewältigen. Das Problem in den Coronadebatten war aber von Anfang an, dass die Politik immer nur ein einziges Gefühl stimulierte: Angst. Gute Politik hätte auch andere Emotionen geweckt wie Mut, Zuversicht, Optimismus. Genau das zeichnet wirklich herausragende Politiker in schwierigen, krisenhaften Situationen aus. Die Geschichte kennt dafür eindrucksvolle Beispiele.
… Alles vom 13.11.2025 von Volker Boehme-Neßler bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/angst_politik
Dies ist ein Auszug aus dem Buch
Volker Boehme-Neßler: „Angstpolitik. Das Grundgesetz in der Krise
– Von den Schrecken der Pandemie zur Versöhnung der Gesellschaft“,
2025, München: Europa Verlag, circa 160 Seiten, 24,00 Euro.
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Thorsten Hinz: Der Preis der Moralpolitik
Gaza-Krieg und deutsche Staatsräson: Der importierte Antisemitismus führt zu einem inneren Souveränitätsverlust
Thorsten Hinz
Seit dem Gaza-Krieg, der auf den Terror-Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 folgte, wird beklagt, daß die Beteuerung, Israels Sicherheit sei Teil der deutschen Staatsräson, sich als hohle Phrase erwiesen hätte. Das trifft zu und ist auch gut so! Alles andere hätte bedeutet, sich mit der Kriegsführung, welche die Netanjahu-Regierung zur Durchsetzung ihrer Sicherheitsvorstellungen für nötig hält, zu identifizieren, ohne irgendeinen Einfluß auf sie zu haben. Deutschland hätte sich direkt in Mithaftung begeben. Die Bilder aus Gaza-Stadt erinnern an das bombenzerstörte Rotterdam, an Hamburg, Dresden, Pforzheim, an das von Sprengkommandos zerstörte Warschau. Gewiß, das Verhältnis zu Israel ist ein besonderes, ein Krieg ist kein Sandkastenspiel, und wer Wind sät, wird Sturm ernten, der Schuldige wie Unschuldige erfaßt. Doch läßt das Gaza-Elend sich in kein noch so extensives Verständnis vom deutschen Staatsinteresse integrieren.
Kanzler Merz räumte bei Miosga denn auch ein: „Staatsräson hat man in der Regel für das eigene Land und nicht für andere.“ Diese Feststellung ist so banal, daß die Frage sich aufdrängt, wie sie jemals in Vergessenheit geraten konnte. Zu den Vergeßlichen gehörte auch Merz, der noch im Januar mit Blick auf Israel bekundet hatte: „Der Begriff ‘Staatsräson’ wird sich wieder an Taten und nicht nur an Worten messen.“ Und im Bundestag am 24. Juni: „Unsere Staatsräson ist die Verteidigung des Staates Israel in seiner Existenz.“ Um so überraschender war der Stopp deutscher Waffenlieferungen, den der Kanzler im August wegen der Ausweitung und Eskalation der Gaza-Offensive durch die israelische Regierung verfügte.
Egal, ob man die Entscheidung für richtig oder falsch hält, ihre Begründung war ernüchternd, peinlich und verräterisch. In einem Schreiben an die Parteiführung erklärte Merz: „Diese Eskalation trägt auch zur Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte in Deutschland und Europa bei, die wir auch im Sinne unserer Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel vermeiden müssen.“ Der Satz besagt, daß hinter der Präzisierung der Staatsräson keine Rehabilitierung der außen- und sicherheitspolitischen Souveränität Deutschlands steht, sondern die Angst davor, daß die Proteste propalästinensischer Gruppen in Deutschland außer Kontrolle geraten und die islamistischen Anschläge eine neue Qualität bekommen könnten.
Die Parallelgesellschaft, aus der die Gefahr erwächst, ist zu einem politischen Faktor geworden und wird wegen ihrer wörtlich zu nehmenden Schlagkraft respektiert und gefürchtet. Der deutsche Staat erlebt durch sie einen schleichenden Souveränitätsverlust von innen. Den hat Merz mit seiner Entscheidung bestätigt und sich ihm gebeugt. Das macht seine Wiederentdeckung der Staatsräson doppelt absurd.
Der innere Souveränitätsverlust betrifft unmittelbar die Juden in Deutschland. Verbale und körperliche Übergriffe häufen sich. Die Polizei gibt ihnen zu verstehen, sich nicht durch Kleidung, Accessoires oder Sprache in der Öffentlichkeit kenntlich zu machen und sich in bestimmten Gegenden lieber gar nicht erst blicken zu lassen. Jüdische Restaurants werden regelrecht terrorisiert. In Berlin-Neukölln wurden „Make Zionists afraid“- Steckbriefe ausgehängt. „Das sind Hamas-Unterstützer“, sind die Betreiber des Lokals „Bajszel“ sich sicher und kritisieren, daß die Attacken für die Täter selbst dann folgenlos bleiben, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden. Die Behörden, die jedem halluzinierten Hitlergruß mit vermeintlich rechtem Hintergrund exzessiv nachgehen, verhalten sich gegenüber den „From the River to the Sea“-Rufern äußerst kulant.
Der Grund der Ungleichbehandlung liegt auf der Hand. „Die Kosten der Rechtsdurchsetzung sind bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich hoch. Unter dem Grundsatz der Gleichberechtigung sind aber die Mittel, die der Staat einsetzen darf, gegenüber allen dieselben. Auch unter den besten Umständen hat daher jeder Rechtsstaat einen Hang zur Anarchotyrannei: Man wird immer finden, daß die Justiz harmlose Bürger mit Schwachsinn schikaniert, während asoziale Elemente dem Staat auf der Nase herumtanzen“, schreibt der Publizist Johannes Konstantin Poensgen in der Zeitschrift Sezession. In einer multikulturellen und -religiösen Einwanderungsgesellschaft ist das Kostengefälle besonders hoch. Schlichter ausgedrückt: Dem Staat, seinen Beamten und Angestellten sitzt die Angst im Nacken, mit der Durchsetzung geltenden Rechts gewalttätige Gegenreaktionen auf sich zu ziehen. Die neue Qualität besteht darin, daß Angriffe auf Juden, die sich nicht als NS-Nachfolge-Delikte rubrizieren lassen, als Kollateralschäden akzeptiert werden.
Die Entwicklung ist in fast allen westeuropäischen Ländern ähnlich, in Frankreich sieht es sogar noch schlimmer aus. Das Spezielle in Deutschland besteht darin, daß hier der Einsatz gegen Antisemitismus und Judenfeindschaft neben der rechtlichen staatlicherseits auch als eine zivilreligiöse Angelegenheit betrachtet worden ist. Das „Nie wieder“ wurde als Identitätskern des vereinten Deutschland implemetiert, was die Loyalität zum Staat Israel einschloß. Die Einweihung des Holocaust-Mahnmals 2005 und des Jüdischen Museums 2001 wurden als staats- und gesellschaftspolitische Großereignisse zelebriert. In der Tageszeitung Die Welt war damals zu lesen: „Die Gästeliste für die feierliche Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin wurde in so manchem deutschen Haushalt dieser Tage studiert wie früher ein Hofzirkular aus Buckingham Palace oder die Einladungsliste zum berühmten Ball der Lady Astor in New York: Wer darauf stand, gehörte zur ‘Gesellschaft’, zu jener erlauchten Schicht, die keine Kameras und Schlagzeilen braucht, um sich ihrer Bedeutung bewußt zu sein.“ Eine nationale Elite, die sich um ein Großverbrechen und das nationale Schuldtrauma herum konstituiert, ist auch in soziologischer Hinsicht ein sehr spezielles Phänomen.
Für die aktuellen judenfeindlichen Übergriffe findet die einst so hyperaktive, zivilreligiös motivierte Zivilgesellschaft keine Worte. Im Jahr 2000 hatte sie anläßlich eines Brandanschlags auf die Düsseldorfer Synagoge einen „Aufstand der Anständigen“ vom Zaun gebrochen, und selbst die Tatsache, daß sich als Täter keine Neonazis, sondern arabischstämmige Täter herausstellten, tat ihrem Protest-, Wut- und Trauerfuror keinen Abbruch. Als 2021 der Sänger Gil Ofarim, ein frustrierter C-Promi, der sich an der Rezeption eines Leipziger Hotels nicht ausreichend gewürdigt fühlte, mit der durchschaubaren Lüge hausieren ging, man hätte ihn antisemitisch beleidigt, begab der gesamte Medien-, Politik- und Protestbetrieb sich ebenfalls auf die Barrikaden. Die Hysterie steigerte sich nochmals nach den Lügengeschichten über die angebliche „Wannseekonferenz 2.0“ im November 2023 in Potsdam. Das „Nie wieder“ wurde zum „Nie wieder ist jetzt“ hochgejazzt.
Doch jetzt, wo es konkret wird, geschieht – nichts. Kaum einer von denen, die sonst ganz nach vorn an die Bekenntnisfront drängen, mag sein Gesicht zeigen. Die Schauspielerin Uschi Glas beklagte in der Bild-Zeitung die fehlende Solidarität aus der Kunst- und Kulturszene. Spreche sie Kolleginnen und Kollegen aus der Theater- oder Filmwelt an und bitte um Unterstützung, höre sie Ausreden: „Du, ich bin neutral.“ Oder: „Du, dann kriege ich vielleicht keinen Job mehr.“ Die Pflege der Zivilreligion hat statt zivilcouragierten, urteilsfähigen Bürgern ängstliche, affektgesteuerte Opportunisten hervorgebracht, die allenfalls zu Ersatzhandlungen – beispielhaft die Ikonisierung der kürzlich hundertjährig verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer – befähigt sind.
Der aktuelle Judenhaß in Deutschland – der deutlich zu unterscheiden ist von Kritik an der israelischen Regierung – ist größtenteils importiert. Der Import geschah zu einer Zeit, in der ein geäußerter Zweifel an der proisraelischen „Staatsräson“ die Gefahr der gesellschaftlichen Exklusion und sozialen Vernichtung in sich barg. Merkels unsinnige Erklärung 2008 vor der Knesseth und die Grenzöffnung 2015 lassen sich nicht auf einsame Fehlleistungen der Ex-Kanzlerin reduzieren. Es waren Wegmarken einer Entwicklung in einem nationalen und internationalen Kontext.
2005 verlangte der damalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer, die Transformation Europas in einen multikulturellen und multireligiösen Kontinent. Deutschland müsse in diesem Prozeß vorangehen. Es sei das böse Spiel von Extremisten, Juden und Muslime gegeneinander auszuspielen, und ihre Behauptung, die Politik Israels schaffe einen „neuen Antisemitismus“ unter den Einwanderern, sei eine „Wunschphantasie“. Er forderte: „Macht aus Einwanderern gute Staatsbürger! Integriert die Muslime, so wie die Juden integriert wurden.“ Singer propagierte eine moraluniversalistische, liberale Weltsicht, die zudem darauf baute, das System des Freihandels problemlos auf Menschen und Kulturen übertragen zu können. Das erinnert an die Suggestion bunter Werbeprospekte, über den gleichgearteten Massenkonsum eine grenzenlose Verbrauchergemeinschaft und schließlich eine kultur- und völkerübergreifende Brüderlichkeit zu erschaffen. Für Singer wird die Erfahrung eine Rolle gespielt haben, daß der Holocaust von einem monokulturellen europäischen Nationalstaat ausgegangen war. Ein ethnisch-kulturell durchmischtes Gemeinwesen, in dem keine Gruppe mehr eindeutig dominierte und das innere Gleichgewicht permanent neu austariert werden muß, mochte bei oberflächlicher Betrachtung als vernünftige Alternative erscheinen. Das war, wie sich herausgestellt hat, die reine Hybris. Die demographischen Verhältnisse haben sich deutlich verschoben, doch kein neues Gleichgewicht stellt sich her, sondern das gesamte Normengefüge ist ins Rutschen geraten.
Die Deutschen in ihrer gebrochenen Identität verstanden die Vision als moralischen Auftrag. Jüdische Funktionäre und Vertreter rückten in Künder- und Instanzpositionen ein, in die Rolle von Praeceptores Germaniae, die sie intellektuell wie moralisch überfordern und korrumpieren mußte. Über die Einwanderung und die Kompatibilität voraufklärerischer Kulturen ließen sie genausowenig mit sich reden wie Politiker und Funktionäre aus dem grün-linken Spektrum, wobei ihr Wort aufgrund ihrer Stellvertretung für ein historisches Opferkollektiv besonderes Gewicht hatte.
Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch zeigte sich 2015 über die Ankunft der Flüchtlingszüge, denen vorzugsweise junge Männer arabisch-muslimischer Herkunft entstiegen, hocherfreut: „Dieses Deutschland zu erleben ist wohltuend, gerade für die jüdische Gemeinschaft. Nicht zuletzt für jene, deren Erinnerung an Verfolgung und Flucht noch immer präsent ist.“
Frau Knobloch war nicht klüger als die „Refu-gees welcome“-Rufer auf deutschen Bahnhöfen. Die Gründe für deren Euphorie waren vielschichtig: die Aussicht auf Exotik und Erotik, moralischer Selbstgenuß, die Vorstellung vom Rendevous mit der Geschichte. Von Wiedergutmachung der Väter- und Großväterschuld war die Rede, wobei nicht ganz klar wurde, wie der Massenmord an den Juden mit der Türöffnung für vorhersehbare Judenfeinde gesühnt werden konnte. Explosive Begriffe wie Intifada, Islamismus, Hamas oder Hisbollah waren schließlich schon damals allgegenwärtig. Zu vermuten ist eine Übersprungshandlung, eine irrationale, zweckfreie oder -widrige Reaktion auf eine Überforderung, auf eine ausweglose Situation. Insgeheim ging es weniger um Wiedergutmachung als um Erlösung aus der Hybris einer Zivil- und Schuldreligion, die ihrerseits keinen „Schlußstrich“, keine Entsühnung und keine Erlösung zuläßt.
Der Hybris folgt die Nemesis, und es bewahrheitet sich, was Alt-Kanzler Konrad Adenauer 1966 bei seinem Besuch in Tel Aviv auf den Vorhalt des israelischen Ministerpräsidenten Eschkol, es gebe keine Sühne für die Greuel des Holocaust, erwiderte: Es könne nichts Gutes daraus entstehen, wenn guter Wille nicht anerkannt würde. Die Nemesis tritt nun in Gestalt des Bündnisses der radikalen Linken mit migrantischen Radikalen unter Einschluß von Islamisten auf.
Die Linke hatte sich mit dem Antifaschismus unangreifbar gemacht, sie hatte sich an die Spitze des Anti-Antisemitismus-Zuges gesetzt und den moralischen Universalismus gegen den nationalen und europäischen Partikularismus, den die Rechte vertritt, als Waffe benutzt. Und zwar zu dem Zweck, revolutionäres Potential aus der Dritten Welt ins Land zu holen und mit ihm den 1989 so gründlich gescheiterten Traum vom Sozialismus wiederzuleben.
Ideologisch überwölbt wird das Vorhaben vom Postkolonialismus, in dem der Anti-Antisemitismus keine Rolle spielt. Israel wird jetzt als ein koloniales Projekt des globalen Kapitalismus wahrgenommen, seine Unterstützer und Sympathisanten – und dazu gehört nun mal die Mehrheit der Diaspora-Juden – sind als Gegner zu behandeln. Für Islamisten sind die Linken nur Türöffner und nützliche Idioten, was die aber nicht beeindruckt. In der Vergangenheit hat die Blindheit linker Intellektueller gegenüber den Verbrechen Stalins bewiesen, daß Fakten und Aufklärung nichts gegen ideologischen Fanatismus ausrichten können. So gesehen ist die neue Judenfeindschaft ein Detail in einem erst ansatzweise erkannten historischen Prozeß.
.. Alles vom 7.11.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 46/25, Seite 13
https://www.jungefreiheit.de
