egal: Religion, Demokratie

„Ist mir egal„, „keine Ahnung„, „das interessiert mich nicht“ oder „laß‘ mich damit in Ruhe“ – derlei hört man immer öfters. Vielen wohlstandsverwöhnten Bürgern scheint es an nichts zu fehlen, man hat ja alles und ist satt. Deshalb nimmt das Desinteresse und damit die Gleichgültigkeit gegenüber den kleinen und großen Fragen zu.
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In seinem Buchbestseller „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ geht der niederländische Theologe Jan Loffeld einen Schritt weiter und wendet sich der Frage zu, ob mit der Gleichgültigkeit gegenüber der religiösen Frage auch die Gleichgültigkeit gegenüber Werten der Demokratie einhergeht. Macht religionsmüde auch demokratiemüde oder ist es gerade umgekehrt?

Loffeld unterscheidet Atheismus (Religion ablehnen), Agnostizismus (Religion anzweifeln) und Apatheismus (Gleichgültigkeit gegenüber Religion). Fördert die Gleichgültigkeit gegenüber Religion und Glaube auch die Gleichgültigkeit gegenüber den grundlegenden Werten und Prinzipien, die unser freiheitliches Leben und unsere demokratische Strukturen ermöglichen? Apathie rangiert nach der anfänglichen Ermüdung, der Erschöpfung, nach dem Burnout, der Resignation und der totalen Hilflosigkeit. Ist die Gleichgültigkeit vielleicht auch ein Zeichen dafür, den großen Fragen nicht gewachsen zu sein?

Das Böckenförde-Dilemma der Verfassungsgarantie:
Ob nun Religionsmüdigkeit zu Demokratiemüdigkeit führt oder umgekehrt oder beides nichts miteinander zu tun hat, sei dahingestellt.
Wichtig ist die Sorge, daß den die Demokratie tragenden Werten und Prinzipien wie individuelle Freiheit, Grundrechte, Verfassung, Staatsbürgerlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Abwehrrechte gegenüber dem Staat, Gewaltenteilung usw. von immer mehr Bürgern immer weniger Verständnis  entgegengebracht wird. Und daß demzufolge auch immer  weniger Engagement stattfindet.
Dabei setzt die Demokratie sogenannte „mündige Bürger“ voraus, die über staatsbürgerliches Wissen, Verfassungsbewußtsein, Grundgesetzakzeptanz, Gemeinsinn und Freiheitsliebe verfügen und bereit sind, diese als kulturelle und moralische Ressourcen in das für sie wertvolle demokratische System aktiv einzubringen.
Der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat dies als das Dilemma des demokratischen Staates so beschrieben:
„Der liberale, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“
Salopp ausgedrückt: Wenn es an „mündigen Bürgern“ fehlt, die die Demokratie wertschätzen, dann endet das demokratische irgendwann im totalitären System. „Ist mir egal“ deutet auf Untertanen, die sich eher in der Diktatur wohlversorgt wissen.

Die Weizsäcker-Frage nach der guten Verfassung:
Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker stellte zum gleichen Problem in seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des deutschen Grundgesetzes 1989 diese Frage:
„Wir haben uns hier versammelt, um unsere Verfassung zu feiern, weil wir sagen dürfen: Wir haben eine gute Verfassung. Aber es wäre doch eine oberflächliche Feierlichkeit ohne die ernsthafte Frage an uns: Sind wir in einer guten Verfassung?
Also: Akzeptieren wir als „mündige Bürger“ das Grundgesetz von 1949 als „gute Verfassung“, die es zu verteidigen gilt? Ist uns das Grundgesetz, in dem die Abwehrrechte gegenüber dem übergriffigen Staat niedergeschrieben sind, die jeder Bürger qua Geburt besitzt und lebenslang geltend machen kann, wirklich „gut“ bzw. wert-voll?
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Es ist Aufgabe des Bildungssystems, die o.a. genannten Wissensinhalte und Ressourcen zu vermitteln, um Wissen bzw. Verständnis von verfassungsrechtlichen Werten und Engagement für deren Erhalt zu wecken. Mit dem Wissen ist es angesichts der Bildungsmisese so eine Sache, das Engagement ist immer weniger vorhanden: Je nach Umfrage sind allenfalls 10 % der deutschen Bürger bereit, sich für das demokratische System bzw. Grundgesetz zu engagieren und es zu verteidigen.
18.8.2025

Ende von Beitrag „egal: Religion, Demokratie“
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Beginn von Anlagen (1) –
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(1) Demokratiemüde, weil religionsmüde?
Für immer mehr Europäer ist die Frage nach Gott für ihr Leben völlig irrelevant geworden. Hängt die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber bürgerlichen Werten und demokratischen Normen damit zusammen?
Ein Buch, das derzeit die deutschen Bestsellerlisten erklimmt, hat kürzlich meine Aufmerksamkeit erregt, nicht zuletzt, weil sein Titel eine Frage aufwirft, die gleichzeitig paradox und tiefgründig erscheint. Jan Loffelds „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ untersucht ein wachsendes Phänomen in westlichen Gesellschaften, das über die herkömmliche Säkularisierung hinausgeht.

Loffeld, katholischer Priester und Theologe an der Universität Utrecht, dokumentiert nicht nur den bekannten Rückgang der Kirchenbesuche oder der Religionszugehörigkeit. Er identifiziert etwas Subtileres, aber weitaus Bedeutenderes: „Apatheismus“. Der Begriff selbst ist aufschlussreich – eine Mischung aus „Apathie“ und „Theismus“, die sowohl religiöse Gleichgültigkeit als auch die tiefere Gleichgültigkeit, die sie charakterisiert, erfasst. Im Gegensatz zum Atheismus (der religiöse Ansprüche aktiv ablehnt) oder zum Agnostizismus (der Unsicherheit darüber aufrechterhält) beschreibt der Apatheismus einen Zustand tiefer Gleichgültigkeit.
Die religiöse Frage selbst – nicht nur die Antwort darauf – hat an Bedeutung verloren. Für immer mehr Europäer ist die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes für ihr Leben völlig irrelevant geworden. Sie empfinden kein Gefühl von Verlust oder Leere; spirituell gesehen fehlt ihnen nichts, wenn Gott nicht vorhanden ist. Das erscheint mir ziemlich außergewöhnlich. Es ist eine Sache, Religion abzulehnen – Atheisten tun das seit Jahrhunderten. Es ist jedoch etwas ganz anderes, sich überhaupt nicht mehr für diese Frage zu interessieren.
Nachdem ich Loffelds Werk gelesen hatte, fragte ich mich, ob sich diese Gleichgültigkeit auch über die Religion hinaus erstreckt. Könnten wir Zeugen eines parallelen „Apatheismus“ gegenüber den grundlegenden Werten und Prinzipien sein, die unser bürgerliches Leben und unsere demokratischen Strukturen untermauern? Nicht eine aktive Ablehnung von Verfassungsprinzipien oder demokratischen Normen – sondern ein zunehmendes Unvermögen, ihre Bedeutung oder gar ihre Relevanz überhaupt wahrzunehmen?

Anzeichen für diesen staatsbürgerlichen „Apatheismus“ sind in den westlichen Demokratien zunehmend sichtbar. Studien zeigen immer wieder, dass das Wissen über grundlegende Verfassungsprinzipien und Regierungsstrukturen selbst unter den gebildeten Schichten abnimmt. In den Vereinigten Staaten zeigt die nationale Bildungsstudie „National Assessment of Educational Progress“ einen alarmierenden Rückgang der staatsbürgerlichen Kenntnisse unter Schülern (obwohl Staatsbürgerkunde in vielen Bundesstaaten Pflichtfach ist). In Europa belegen Untersuchungen weit verbreitete Missverständnisse über grundlegende Verfassungsregelungen.

Noch besorgniserregender als die bloße Unkenntnis der Fakten ist jedoch die Erosion des substanziellen Engagements für die zugrunde liegenden Prinzipien. Demokratische Bürgerschaft reduziert sich zunehmend auf die Einhaltung von Verfahren – vielleicht das regelmäßige Wählen – ohne bedeutungsvolles Engagement für oder Verständnis von verfassungsrechtlichen Werten. Man kann nicht das Fehlen von etwas empfinden, das man nie gekannt oder geschätzt hat. Wir sehen diese wachsende Leere in vielerlei Hinsicht. Parlamentarische Verfahren, die eine ordnungsgemäße Prüfung und Beratung gewährleisten sollen, werden zunehmend durch Mechanismen wie „Dringlichkeitsbestimmungen“ umgangen.

Eine Illusion von Engagement
Je mehr wir uns auf formale Anforderungen verlassen, um schwindendes staatsbürgerliches Wissen und Engagement auszugleichen, desto mehr signalisieren und beschleunigen wir möglicherweise unbeabsichtigt genau diesen Niedergang. Hier liegt eine Ironie: Die Verbreitung expliziter Regeln spiegelt oft die Schwächung des impliziten Verständnisses wider.
Das soll nicht heißen, dass eine formale Kodifizierung von Grundsätzen keinen Wert hat, insbesondere wenn diese Grundsätze einer Erosion ausgesetzt sind. Aber wir sollten uns über die Grenzen im Klaren sein. Kein noch so gut konzipiertes Rahmenwerk kann ohne den ihm zugrunde liegenden Bürgersinn erfolgreich sein. Und dieser Bürgersinn lässt sich nicht per Gesetz verordnen.

Das gleiche Prinzip gilt für unsere zivilgesellschaftlichen Institutionen. Die Schaffung ausgefeilterer Regulierungsrahmen, Aufsichtsgremien oder Compliance-Mechanismen wird den zivilgesellschaftlichen Geist nicht wiederherstellen, wenn dieser Geist grundlegend erodiert ist. Diese institutionellen Korrekturen bekämpfen die Symptome, nicht die Ursachen. Sie könnten sogar das tieferliegende Problem verschleiern, indem sie eine Illusion von Engagement schaffen, wo eigentlich keines vorhanden ist.
… Alles vom 16.8.2025 von Oliver Marc Hartwich bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/sind_wir_demokratiemuede_weil_wir_religionsmuede_sind

Jan Loffeld: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt –
Das Christentum vor der religiösen Indifferenz
Herder Verlag Freiburg, 192 Seiten, 22 Euro
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Einige Kommentare:
Der Böckenförde-Satz sollte in die Präambel des Grundgesetzes aufgenommen werden. Er ist so fundamental wie Kants Sapere aude. Das Delegieren der Moral an eine erfundene göttliche Instanz ist aber keine Lösung. Reiner Zufall, ob wir bei den 10 Geboten landen oder der unfehlbaren Scharia. Echter Fortschritt in der Gesellschaft wird nur möglich, wenn sie den Gottesglauben überwindet. Thomas Frieling
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Hätte das Bewusstsein für Freiheit gesiegt, wäre die politische EU nie entstanden. Macht und Einfluss werden nie auszurotten sein. Künstler, die auf einer Bühne vor im Gleichklang mitsingenden, zweihunderttausend Fans stehen, berauschen sich ebenso an der gewonnen Einflussnahme, wie die von Millionen gewählten Parlamentarier und Regierungen. Die Abhängigkeit ist stärker als die individuelle Freiheit. Das hat mit Natur zu tun. In der Natur gibt es keine Freiheit. Jede Pflanze, jedes Tier ist abhängig von Nahrung, Licht, Photosynthese, Platz. Auch die autark produzierenden Landwirtschaftskollektive stellen nach einiger Zeit auf Vorsitzende, Führer um, um den Laden am Wuppen zu halten. Freiheit ist ein humanistisches Konstrukt. Wäre ich komplett frei, bräuchte ich weder Sonne, Wasser noch Strom, kein Holz, kein Wildtier, keinen Boden für Getreide, Gemüse und Obst. Wenn ich leben will, muss ich mich in Abhängigkeiten begeben. Karsten Dörre
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Ich denke, die Menschen gehen Gott auch aus dem Weg, weil sie Angst vor dem Tod haben und tief innen drin das Gespür, dass nach dem Tod doch noch etwas kommt, dass trotz aller starken Sprüche nicht ALLES AUS ist. – – – Irgendwo habe ich neulich gelesen, auf Krebsstationen und in Schützengräben gebe es kaum Atheisten.
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Apatheismus“ ist eine Wortschöpfung, die mir gut gefällt, weil darin zumindest ein erheblicher Teil der Wahrheit über das Grundübel enthalten ist. Vor der Apathie kommt in der Regel Ermüdung, dann Erschöpfung (Burnout) und bei Wahrnehmung der eigenen Hilflosigkeit gegenüber den „Umständen“ überfällt einen Apathie. Jedenfalls dann, wenn man keinen Orientierungs- und Ankerpunkt im Leben hat. Davon abgesehen stelle ich aber im ehemals christlichen Abendland, das seine sämtlichen Werte auf den Brüsseler (Babylon) Müllhaufen geworfen hat, auch eine zunehmende Feindseligkeit, gar wilde Aggression, gegen Menschen fest, die an den dreieinigen Gott der Bibel glauben. Die gläubigen Menschen sind stellvertretende Zielscheiben, weil Gott ja Geist und damit unsichtbar und unangreifbar ist. „Blinde“ können (und wollen) ihn nicht wahrnehmen, erkennen sein Handeln nirgendwo. Dass Gott alles sieht, alle Fäden in der Hand hält, jeden aus dem Effeff und auch die Zukunft kennt, macht die Angreifer umso aggressiver. Was das alles mit dem Funktionieren von Demokratie zu tun hat, „weiß“ ich nur insofern, als die Verantwortlichen in Politik, Legislative, Judikative, Exekutive, Medien und steuerfinanzierten „N“GOs usw. mit Gott nichts zu tun haben wollen, kaum jemals von ihm gehört haben und sich ihm in keiner Weise verantwortlich fühlen. (Diese alle werden sich wundern! – – Nein, nicht im Sinne von Margot Honecker.) Die Bibel sagt seit fst 3000 Jahren genau diese Entwicklung voraus! Bibel selber lesen macht schlau… Ilona Grimm
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Weder der Glaube noch sonst irgendein Wissen kommt über uns, aus den Nichts, wie der hl. Geist. Entweder resultiert er/es aus Erlernen oder aus selbst Erfahren. Da liegt m.E. “der Hase im Pfeffer”. # Das seit ungefähr 50 Jahren zunehmend linksgrün unterwanderte Bildungssystem ist darauf ausgerichtet, “Idioten” zu fabrizieren. Nicht Neugier wird gelehrt, es wird zunehmend die einzig richtige Haltung vermittelt. Und “die Kirchen”, vom Islam mal abgesehen, haben sich dem Zeitgeist angepaßt. “Der Zeitgeist” wurde mißbraucht, Pseudowissenschaften als Ersatz für den “kirchlichen Glauben” zu installieren. Ob es um Klima, um Genderstudies, um saubere Energieerzeugung, um die richtige Moral und Ethik oder weiß der Teufel worum, geht. Und “die Kirchen” haben freudig mitgemacht und machen noch immer freudig mit. # Der letzte Dorn im Fleisch der Bescheidwisser, der Gleichmacher, derjenigen, die uns dominieren können, weil “der Klügere nachgegeben hat”, also kurz: “der Dummen”, ist das Internet und sind “alternative Medien”. Die gilt es noch final zu regulieren. Dann ist deren Werk vollbracht. Bernhard Freiling
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War es Bismarck, der sagte: “Wir Deutschen fürchten nichts, außer Gott”? Neulich habe ich gelesen, daß ein Pfarrer kurz nach dem 2. WK dies umdrehte: “Wir Deutschen fürchten alles, außer Gott!” Irgendwie schwer, dem nicht zuzustimmen. Und ja, darin nicht einen der Gründe zu sehen, warum sich Land und Gesellschaft in dieser zwickmühligen Sackgasse befinden. A,Quesseleit
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Der in der gesamten westlichen Welt zu beobachtende (und von den Sedierern bitter beklagte) Aufwuchs von “rechten” Parteien (z.B. SVP in CH mit weitem Abstand stärkste Partei) widerspricht der These wachsender Gleichgültigkeit der Bürger. Der Bedeutungsverlust der Religion ist dagegen real und liegt an deren intellektueller Substanzlosigkeit. Franz Klar
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