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Ostern-Schweigemarsch für den Frieden in Freiburg am Karsamstag 19.4.2025

 

Friedensfähig statt kriegstüchtig
Frieden wie geht das? Im Gedenken an das Ende des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren, dessen Zeitzeugen wir sind.
Vortrag auf der Mitgliederversammlung und Jahrestagung der IPPNW– Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges- in Berlin vom 9.- 11.Mai 2025 (Redemanuskript)
von Prof. Dr. Annelie Keil (Bremen) https://www.anneliekeil.de
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I. Biografische Notiz Als Kriegskind unterwegs zum Frieden
80 Jahre danach- und es ist wieder Krieg in Europa
Kriege enden nicht, wenn sie vorbei sind, wenn die Waffen schweigen oder ein politischer
Friedensvertrag auf irgendeinem Papier unterzeichnet wird. Auf allen Seiten bleiben
Generationen von „Hinterbliebenen“ zurück, Gegner und Befürworter der Kriege, Frauen,
Männer, Kinder, die nicht starben. In ihnen, die die Kriege leibhaftig erlebt und erlitten haben, leben die Kriege weiter, hinterlassen heilende und unheilbare Wunden, legen Spuren, die nicht sichtbar werden, aber im Untergrund auf unterschiedliche Weise unheilvoll wirken und den Stoff für neue Kriege darstellen. Zwietracht, Hass, Vergeltung, auch Hilfs- und Hoffnungslosigkeit zu entwickeln, fällt uns Menschen meistens leichter als der Möglichkeit eines wirksamen Friedens zu vertrauen und sich trotz allem daran zu beteiligen, dass es geschieht. Der Aufschrei der Hoffnung „Nie wieder Krieg“ ist keine Leerformel ohne Konsequenzen, sondern Anstiftung zur mitverantwortlichen Arbeit an der weltverändernden Kraft des Friedens und der Friedensfähigkeit in uns und im gesellschaftlichen Miteinander.
Millionen Tote und noch mehr Verletzte, Verluste von Hab, Gut und dem, was wir Heimat
nennen, Zerstörung von Lebensgrundlagen, körperliche, seelische, geistige und soziale
Verletzungen, nicht aufgearbeitete Denkformen und Gefühlslandschaften lagern sich neben den erneuten Kriegs-Drohungen als nachhaltige „Kriegsfolgen“ in den Biographien einzelner Menschen wie in der kollektiven Erinnerung der Menschen ein und begleiten diese auch 80 Jahre nach dem 2. Weltkrieg in dem Versuch, die eigene wie kollektive Nachkriegszeit zu bewältigen und mit Perspektiven zu versehen, sich im „Anfängergeist “ demokratischer Praxis zu üben, Lebenserwartungen in neue Pläne zu verwandeln und zumindest auf den „kleinen Frieden“ vor Ort zu hoffen, während der Gedanke und die Angst an eine Fortsetzung des Krieges oder den nächsten „großen Krieg“ die Seelen aufscheucht. „Bitte seid Menschen!“ ruft uns Margot Friedländer immer wieder zu1
Welche humanwissenschaftlichen Forschungen müssten wir ungeachtet der oder zumindest neben den strategisch- militärischen Forschungen und der Erfindung neuer Waffensysteme unternehmen, um die vielfältigen biografischen wie gemeinsamen Erfahrungen der Menschen, ihre Lebens- und Leidensgeschichten in den Kriegen dieser Welt zur Sprache zu bringen?
Eines der Ergebnisse solcher Dokumentationen könnte veranschaulichen, dass
paradoxerweise eine „besondere und vor allem andere Kriegstüchtigkeit“ vieler Menschen
gerade darin besteht, notgedrungen die Folgen u Gefährdungen für Leib und Leben im Krieg und vor allem danach mit größter Anstrengung, Phantasie, Überlebenswille und Solidarität zu bewältigen und für sich und andere fruchtbar zu machen. Diese spezifische Art der „Kriegstüchtigkeit“ könnte die Wurzel einer umfassenden Friedensfähigkeit sein, wenn wir nicht nachlassen, über die Frage „Warum Krieg?“ nachzudenken. In mir hat sich 1962, zu Beginn meines Studiums der Soziologie und Politischen Wissenschaft auf dem Höhepunkt des kalten Krieges mit der Kuba-Krise und der akuten Drohung eines dritten Weltkrieges mit atomaren Waffen meine tiefe Kriegsangst vom Anfang meines Lebens verschärft, die Menschheit könnte sich selbst vernichten- ein wichtiger, unüberhörbarer Weckruf, der seine Wirkung im Verlauf meiner 86 Lebensjahre nicht verloren hat!
Ich war ein Kind, das kurz vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde und mit dem ersten
Atemzug gleichzeitig noch die Spuren des ersten Weltkrieges im Leben meiner Mutter zu
spüren bekam. Alle Pläne und Hoffnungen ihrer Familie auf ein friedliches Zusammenleben und eine eigene Zukunft, für die es sich zu leben lohnte, waren ihnen im ersten Weltkrieg abhandengekommen und meine Mutter konnte und wollte die Verantwortung für ihre ungewollte Schwangerschaft im Schatten des 2. Weltkrieges 1939 nicht übernehmen. Ich kam ins Heim. Zerrissen und entwurzelt zwischen und in zwei Weltkriegen habe ich meine Mutter bis zu ihrem Tod als eine Frau erlebt, die sich von den unterschiedlichen Folgen dieser Kriege nie erholt hat. Wie eine Art geistiges politisches „Erbe“ hat sie mir dennoch immer wieder das Gefühl vermittelt, dass es das Recht auf ein würdiges Leben für uns beide und darüber hinaus eine Pflicht gibt, ein Mensch im aufrechten Gang zu werden und dafür zu kämpfen, auch wenn man zwischendrin die Kraft verliert und aufgeben will.

Unehelich geboren kam ich 1939 in ein Kinderpflegeheim der Nationalsozialisten in Berlin. Dieses Heim wurde 1940 nach der Besetzung Polens nach Ciechocinek verlegt, einem polnischen Kurbad in der Nähe von Posen, das Hitler zu einer Art Lazarettstadt für deutsche Soldaten verwandelte. Ich wurde zusammen mit den anderen Heimkindern Teil des wahnsinnigen Programms der Nazis, Polen einzudeutschen. Den Jahren einer friedlichen Kindheit in einem besetzten Land folgten dann dramatische Jahre der Flucht als Hitler am 17. Januar 1945 alle Deutschen aufforderte, Polen zu verlassen. Meine Mutter, die im besetzten Polen Arbeit gefunden hatte, holte mich aus dem Heim und gemeinsam traten wir im Treck mit anderen fliehenden Menschen zu Fuß die Flucht nach Westen an. Auf dem Weg kamen wir für zwei Jahre in russisch-polnische Kriegsgefangenschaft, meine Mutter entkam der Verschleppung nach Sibirien, später gelang uns die Flucht aus dem Gefangenenlager und so landeten wir über Berlin 1947 im Grenzdurchgangslager Friedland. „Willkommen in der Heimat“ stand auf den Schildern, der erste Ausweis hieß „Flüchtlingsausweis A“, wir wurden weitergeschickt und die Menschen, in deren Haus wir eingewiesen wurden, fürchteten sich vor den „Polacken“, die plötzlich unter ihrem Dach Zuflucht gefunden hatten.
Hunger haben, frieren, auf der Flucht sein, Gewalt erleben und fürchten, irgendwo
aufgenommen werden, Heimatgefühle entwickeln und auch heimatlos bleiben, aber auch
Solidarität, Durchhaltevermögen, Selbständigkeit und Mitgefühl von fremden Menschen, das lernte ich. Meine Pubertät und das Erwachsenwerden durchlebte ich in der Nachkriegszeit, Ausgrenzung als Flüchtling und Stigmatisierung als uneheliches Kind einer Sozialhilfeempfängerin wurde zur Alltagserfahrung, leben in Armut wurde geübt und
gleichzeitig gab es die Förderung durch Lehrer, Kirche und staatliche Hilfe. Verzweiflung und Hoffnung auf ein besseres Leben wechselten sich ab. Als ich als Jugendliche und später als Studentin bewusster und kritischer wurde für das, was um mich herum geschah, suchte ich nach Möglichkeiten, Widerspruch zu üben, aufzubegehren und ersten Widerstand zu leisten gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, die Notstandsgesetze, die Stationierung von Raketen, gegen Atomwaffen, gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Armut – gegen vieles, was meiner Meinung nach ein friedliches, menschenfreundliches und respektvolles Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlichen Demokratie verhinderte.
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Die Studenten-, Friedens-, Frauen-, Gesundheits- und ökologische Bewegung wurden zu
Orten, die mein Leben als erwachsene Bürgerin prägten, mich ermutigten, Stellung zu
beziehen und für den „kleinen Frieden“ vor Ort einzutreten. Auf der Grundlage von
Anerkennung und Erfolgen, frühem beruflichem Aufstieg, erfahrenen Niederlagen,
ideologischen, feindlichen wie friedlichen Auseinandersetzungen im gesellschaftlichen
Miteinander, Chaos und Ordnung im eigenen Leben, solidarischen Erfahrungen im Umgang mit Enttäuschung und Verrat und Glück ließen Eigensinn und Bürgersinn in mir wachsen. Sie gehörten zusammen und haben mich begreifen lassen, dass wirksame Friedfertigkeit aus diesen beiden Wurzeln wächst und Gemeinsamkeit wie Lebenshoffnung stärkt. Trotz mancher Zweifel habe ich zwei symbolischer Gebete u. Glaubensfahnen auch später nicht aus den Händen gelegt: „Nie wieder Krieg!“ steht auf der einen. Und: „Frieden schaffen ohne Waffen!“ auf der anderen.
Wer diese und andere Glaubens- und Hoffnungssätze grundsätzlich für irrelevant erklärt oder lächerlich macht und die „Liebe zum Leben“ für ein Gerücht hält, hat nicht verstanden, was es bedeutet, lebenslang im aufrechten Gang um das eigene Leben wie das Leben der anderen zu ringen wie zu bitten und gleichzeitig bitter erleben zu müssen, dass der Kampf um einen dauerhaften Frieden zwecklos zu sein scheint, aber immer Sinn macht. Und dass ich als Kriegskind des 2. Weltkrieges in Deutschland dann 80 Jahre in Frieden meinen Weg gehen konnte, macht mich dankbar, auch wenn sie manche Hoffnung als Strohhalm entpuppt hat.

Inzwischen bin ich eine alte Frau, die das Ende ihres Lebens vor Augen hat. Es ist wieder
Krieg in Europa. Und wie als Kind am Anfang meines Lebens fürchte ich mich, spüre meine Hilflosigkeit, sitze vor dem Fernseher und kann kaum aushalten, was ich sehe. Ich schalte ab, dosiere die Nachrichten, bin ratlos und wütend über die selbstgewissen Kommentare derer, die schon immer gewusst haben, dass der Lauf der Dinge in Kriegen und Frieden ohne militärische Waffen nicht denkbar ist. Und ich bin froh über die, die im Augenblick neben allen politisch- strategischen Überlegungen in erster Linie die leidenden Menschen sehen und diejenigen unterstützen, die fliehen müssen, um ihr Leben zu retten, die alles stehen und liegen lassen und uns brauchen. Und will mit denen leben, die mitleiden, die anpacken, wo es etwas einzupacken gibt, die trösten, die ohne Ansehen der Person Platz machen. Sie sind friedfertige Inseln mitten im Krieg und üben, was wir als Kunst des Überlebens in jeder Form einer menschlichen Zukunft brauchen.

Ich erinnere mich, wie meine Mutter und ich nach zwei Jahren Flucht und Gefangenschaft
1947 nach unserem Aufenthalt im Lager Friedland irgendwo in Nordrhein-Westfalen in ein leeres Zimmer „eingewiesen“ wurden und so etwas wie ein „kleiner Frieden“ begann. Ein Tag reichte, um in der Nachbarschaft das Nötigste für uns zu erbetteln: Bett, Schrank, Tisch, einen Ofen, Kochtopf und Pfanne, Tassen und Teller. Das klingt geradezu „romantisch“. Was soll oder kann ich im Angesicht von Gaza oder dem Krieg in der Ukraine inmitten meiner Ohnmacht, Wut und Verzweiflung über die Gewalt des Krieges, über die Androhung eines Atomkrieges im aktuellen Konflikt der beiden Atommächte Indien und Pakistan um Kaschmir, im Angesicht der zynischen Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts noch über Frieden schreiben?
Nun ja, vielleicht wenigstens darüber, was ich zwischen all den inneren wie äußeren Kriegen auf dem weiten Weg zum erneuten Frieden über mich und die Welt um mich herum lernen konnte. Was zu denken, zu fühlen, zu hoffen und zu tun nicht aufhören darf, was vielleicht eine tiefere, durch Lebenserfahrung angereicherte geistige Dimension im Älterwerden und Altsein werden kann und im Generationsdialog einzubringen ist: warum es sich zu leben lohnt. So schwer der Glaube und das Vertrauen in die Bereitschaft wie Fähigkeit der Menschen immer wieder werden mag, für das Recht auf ein Leben in Würde aller Menschen einzutreten und gegenseitig füreinander Sorge zu tragen, könnte die verletzte Hoffnung, dass es gelingen kann, für jeden einzelnen Menschen und unsere Gemeinschaften Lebenswille und Antriebskraft sein.

II. Worum es geht?
Humanismus der „Einen Welt“- Das Wissen, die Hoffnung und der Glauben, die uns friedensfähig machen können
Für Euch, für die Demokratie: Seid Menschen!
ruft die Holocaust Überlebende Margot Friedländer leidenschaftlich mahnend am Ende ihres Redebeitrags anlässlich der Gedenkfeier zum Ende des zweiten Weltkrieges im Bundestag im Mai 2025 -nicht nur den Abgeordneten des deutschen Bundestages und den politisch Verantwortlichen, sondern uns allen zu, die wir leben dürfen und für viele Arten des Friedens, der Befriedung und der dazu erforderlichen Freiheit in einer demokratischen Grundordnung einstehen müssten und könnten. Als Menschen mit entsprechenden Grundrechten geboren worden zu sein, reicht nicht, auch nicht für die Sicherung des eigenen Lebens. Zu leben ist Aufgabe und Auftrag zugleich, Prinzip Hoffnung, eine konkrete Utopie, die in jedem Augenblick beginnt und zur Wirklichkeit gelangen muss. Wir müssen lernen, die Art der Selbst- und Mitverantwortung zu übernehmen, die mit dem aufrechten Gang verbunden ist.
„Man kann nicht alle Menschen lieben, aber respektieren, jeden, ganz egal, welche Religion er hat, welche Hautfarbe er hat- seid Menschen“ mahnt Margot Friedländer mit schlichten Worten und erinnert an das, was durch die Zeiten hindurch von unterschiedlichen Philosophen, Dichtern und Denkern unterschiedlicher Traditionen und Kulturen, Religionen, Künstlern und vielen Menschen in vielfacher Weise als Grundidee menschlichen Seins zum Ausdruck gebracht, realisiert und angemahnt wurde – so strittig sie durch die Zeiten hindurch inhaltlich auch war , verändert angefochten und verteidigt wurde. Vor kurzem ist eine Textsammlung des Sozialpsychologen und Friedenskämpfers Erich Fromm unter dem Titel „Humanismus in Krisenzeiten. Texte zur Zukunft der Menschheit“ (dtv 2025) erschienen, dessen Aktualität aufrütttelt. Seine verschiedenen Erkenntnisse und Schriften zum Seelenzustand des gegenwärtigen Menschen, zur Theorie und Strategie des Friedens im nuklearen Zeitalter, zur Pathologie der Normalität, zur menschlichen Destruktivität und zum Gruppennarzissmus, zum Problem der Identitätssuche des Individuums wie ganzer Völker sind Texte zu Fragen der Zeit und einer Gegenwart, die uns gerade bedrängen. Die darin enthaltene Vorstellung und konkrete Utopie über die „Eine Welt“ und die Bedeutung des Humanismus für die Gegenwart sind mir selbst immer wieder zu unverzichtbaren Leitgedanken für die eigene Orientierung und Suche nach einer Position geworden, die meine soziale und politische Identität mit der spirituellen Dimension des menschlichen Seins verbindet. „Ohne einen neuen Humanismus gibt es die Eine Welt nicht“ schreibt Erich Fromm.
In den Ansprachen zur Verleihung wie Annahme des Friedensnobelpreises an die IPPNW vor 40 Jahren kommt diese „Eine Welt, um die es geht, zur Sprache. In seiner Rede zur Annahme des Friedensnobelpreises 1985 durch den Sprecher des IPPNW Yevgeny Chazow (Soviet Union) in Oslo zitiert dieser Saint-Exupery: „Why should we hate each other? We are all in one, sharing the same planet, a crew of the same ship. It is good when dispute between different civilisations gives birth to something new and mature, but it is outrageous when they devour each other.“ Und weiter heißt es im Dank für die Annahme der Auszeichnung seitens des damaligen CoPräsidenten der IPPNW, dem Kardiologen Bernard Lown (USA): „ We are both caerdiologists  and usually speak about the heart. If we are to succeed in our goal of ridding military arsenals of instruments of genocide, we need the exgtraordinary energising strength that comes when mind and heart are joined so serve humankind…We physicians who Shepherd human life from birth to death have a moral imperative to resist with all our being the drift towand the brink. The threatened inhabitants on this fragile planet must speak out for those yet unborn, for posterity has no lobby with politicians.(https://www.nobelprize.org/prizes/peace/1985/physicians/acceptance)

Frieden braucht mehr als das “ Nein“ zum Krieg. Dieses „Nein“ zum Krieg legt die Finger in eine Wunde, die die Menschheit schmerzt und bewegt und womit sie sich geistig und seelisch beschäftigt seit Menschen den Planeten Erde nicht nur bevölkern, sondern auch bewohnen, das heißt auf und mit ihm in einem Schöpfungszusammenhang leben wollen. Ob sie wollen oder nicht müssen sie dieses Leben miteinander organisieren und zwar mit allem, was dazugehört und was im Einzelnen geschaffen, erobert, verteidigt und geteilt werden muss.
Konflikte. Zerwürfnisse, Irrtümer, wechselseitige Machtergreifungen, Krieg und Frieden
begleiten die Realisierung dieses Bedürfnisses aller Menschen, leben zu wollen und zu
dürfen. „Wir sind Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Diesen Kernsatz einer sozialen Ethik des lebendigen Miteinanders schreibt Albert Schweitzer, der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1954, in seinem Buch „Kultur und Ethik“, in dem er die Folgen und praktischen Konsequenzen des ersten Weltkrieges für das Überleben der
Menschen reflektiert. Seinem Nobelvortrag am 4. November 1954 gab er übrigens den Titel „Das Problem des Friedens“, weil er mit dem Empfang des Friedensnobelpreises den Auftrag des Stifters verband, in allen wissenschaftlichen Disziplinen dem jeweiligen konkreten Stand eines Problems nachzugehen, sich also den spezifischen Ursachen und Möglichkeiten von Kriegsbegründungen, Friedensgedanken und Friedensverträgen in der jeweiligen historischen Formation und ihren Entwicklungen zuzuwenden. Dass es eine realistische Prozessanalyse mit Blick auf die beiden Weltkriege und auf der Suche nach einer Nachkriegsordnung nicht gegeben habe, hält Schweitzer für den Grund, dass die neue Ordnung nach beiden Weltkriegen wie zu erwarten die Saat zukünftiger Konflikte enthält. „Die eklatanteste Verletzung der historischen Rechte und in der Tat der Menschenrechte besteht darin, bestimmte Völker ihres Rechts auf das Land zu berauben, auf dem sie leben, und sie so zu zwingen, in andere Gebiete zu ziehen…Im Laufe der letzten beiden Kriege haben wir uns der Unmenschlichkeitshandlungen schuldig gemacht, die einen erschaudern lassen, und in jedem zukünftigen Krieg wären wir sicherlich noch schlimmer. Das darf nicht passieren!“ … Angesichts der Entdeckung und anschließenden Nutzung der riesigen Kräfte, die durch die Spaltung des Atoms befreit wurden und wir feststellen mussten, dass das zerstörerische Potential einer mit einer solchen bewaffneten Bombe unkalkulierbar war und dass selbst groß angelegte Tests Katastrophen auslösen könnten, die die Existenz der menschlichen Rasse bedrohen…Der volle Horror unserer Position ist offensichtlich geworden… Wir können der Frage der Zukunft der Menschheit nicht mehr ausweichen (Rede in Oslo, 1954).

In dem Wunsch, gemeinsam friedlich zu leben und dafür mit allen Kräften, Mut und Phantasie die Liebe zum Leben zu entwickeln, darf bei allen Unterschieden in den Vorstellungen, wie das gelingen kann, die Grundidee nicht verloren gehen, was heißt „Frieden zu schaffen“ und dies als den Kern menschlichen Daseins zu begreifen. Kein Gesetz, keine Institution und erst recht keine Machtkonstellation kann schaffen, was der Menschheit im Ganzen und dem einzelnen Menschen aufgegeben, nützlich und auch möglich ist und wofür es sich zu leben lohn! Wissen und Gewissen, Glaube, Hoffnung und Liebe geben uns im Kontext der erlebten Erfahrungen der Menschheit mit Hass, Unwissen, Zerstörung und Verfolgung des Lebendigen Kriterien an die Hand, die es möglich machen, über die Voraussetzungen und die Entwicklung einer Friedensfähigkeit zu streiten, die Kriegsbereitschaft u. Kriegstüchtigkeit mit Friedensnotwendigkeit und Friedensfähigkeit in einem Dialog bringt. Die dazu nötige Haltung hat Albert Schweitzer mit dem Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“ umschrieben. (Kultur und Ethik, 1923 u. Beck München 1996).

Erich Fromm setzt sich in seinen Studien zur Aggressivität und den verschiedenen Formen der menschlichen Destruktivität anders als Albert Schweitzer, aber in ähnlicher Bedeutung mit dem Lebenswillen des Menschen auseinander. Neben der Destruktivität, dem Hass und der Lust an Zerstörung des Menschen steht für Fromm das, was er Biophilie nennt, die besondere Liebe zum Leben. Sie ist kennzeichnend für Menschen, die nicht nur leben wollen wie alle, sondern Widerstand leisten, den verschiedenen, gesellschaftlichen wie selbst geschaffenen mentalen, seelischen und sozialen Gefängnissen von Unterordnung, Gehorsam, Langeweile und Wiederholung soweit wie möglich zu entrinnen versuchen, eine besondere Freude an allem haben, was lebt, was wächst, was greifbare Struktur hat, was sich bildet, was nicht mechanisch ist.
Dem Menschen ist in der Liebe zum Leben vieles möglich, das es auf dem Weg zum
friedlichen Zusammenleben zu unterstützen, zu fördern und zu ermutigen gilt. Nicht nur in der Katastrophenhilfe, auch in funktionierenden Nachbarschaften und ökologischen Projekten zur Veränderung der Lebenswelten können wir Belege für das finden, was in einem umfassenden Sinn lebendige Sinnstiftung ist. Für eine ausgebaute Theorie des Friedens brauchen wir eine sehr viel weiter ausgebaute Theorie vom Menschen, so Fromm. eine humanistisch-dynamische Anthropologie, die die wachsende Trennung zwischen Affekt und Intellekt, die Spaltung zwischen Affekt und Denken mit Blick auf die Entstehung und Zunahme von Feindseligkeit in den Blick nimmt und für die Frage nach Kriegsbereitschaft oder Friedensfähigkeit auswertet und dem Biographischen in den Lebenshaltungen der Menschen die Bedeutung zukommen lässt, die sie verdient!

Nicht über die Menschen, sondern mit ihnen zu sprechen, war übrigens auch Grundlage und Leitidee der biografisch- anthropologischen Medizin des Psychosomatikers Viktor von Weizsäcker. Seine Forderung, das „Subjekt“ in die Medizin eizuführen und so mit seiner eigenen Geschichte zu verbinden, steht auch für andere Wissenschaften noch aus und würde den „objektiven Befunden“ eine andere Aussagekraft verleihen. „Nicht ein Organ erkrankt, sondern der ganze Mensch erkrankt!“ und die „Geschichte einer Krankheit“ ist etwas anderes als die „Geschichte des erkrankten Menschen“, heißt es bei von Weizsäcker. (Weizsäcker, V. Gesammelte Werke; Frankfurt 1986 / dazu Keil, Wenn die Organe ihr Schweigen brechen, Krankheit u Gesundheit neu denken München Scorpio 2014) Die militärische Geschichte eines Krieges erzählt eine andere Geschichte als die der Menschen, die den Krieg erlitten und als Lebensgeschichte und Erinnerung in sich tragen. Die Abspaltung wichtiger Lebenserfahrungen aber, die den Menschen den Zugang zu sich selbst und ihren verlorenen wie gegenwärtigen Bedürfnissen und Lebensinteressen versperren, führen zunehmend zu einem Desinteresse, das viele Lebensbereiche umfasst. „Doch die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben ist vielleicht mehr noch als die Destruktivität eine der gefährlichsten Ursache für die Bereitschaft des Menschen, andere und sich selbst zu zerstören. (vgl. Fromm, Humanismus in Krisenzeiten, S. 137-39) In diesem Sinn hat der verstorbene Papst Franziskus von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ gesprochen, die das friedliche Zusammenleben der Menschen aufs äußerste gefährdet und auf das Prinzip der „Geschwisterlichkeit“ in der franziskanischen Theologie verwiesen, die dem Humanismus der „Einen Welt“ entspricht.
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Ich fasse zusammen
. „Wir fangen leer an. Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich,
schreit. Hat nicht, was man will.“ (Bloch, Prinzip Hoffnung und Spuren)
Der Sinn jeder Geburt ist Leben. Mein Leben, dein Leben oder unser Leben. Einzigartig,
unverwechselbar, auf friedliches, kritisches, sich gegenseitig respektierendes Miteinander
angewiesen. Streitbarer, menschenwürdiger und liebesfähiger Frieden ist und bleibt die
Leibspeise des Lebens, sichert und fördert Überleben. Um dieses aber muss gerungen werden, es ist weder selbstverständlich noch Selbstlauf.
Ob Mensch, Pflanze, Tier oder der Planet Erde selbst: alles was lebt, lebt aus einer Verbundenheit, einer Abhängigkeit voneinander, einem Miteinander, das allein Leben dauerhaft möglich macht. Leben lebt und überlebt in unendlichen Formen des Seins, formt sich von Menschen gestaltet in Wirklichkeiten, die Krieg und Frieden enthalten. Hunger und Sattheit, Heimat und Vertreibung, Geburt und Tod. Vieles trifft uns leibhaftig, wird Teil des individuellen Lebens, das meiste aber treibt an uns vorüber wie ein fremdes Schiff, das wir nicht kennen, dem wir einfach nachschauen, obwohl es uns wie die Klimakatastrophe direkt angeht, schon in der Gegenwart trifft und nicht erst in ferner Zukunft treffen kann. Die Losung der Gleichgültigkeit „Nach uns die Sintflut!“ lebt von der falschen Hoffnung, denn die Sintflut ist bereits neben uns wie uns die zuständigen Wissenschaften verdeutlichen und die Hitze- und Flutwellen, die Stürme und Dürren vor
Augen führen.
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III Was können wir tun?
Friedensbewegung ist kein politisches Tagesgeschäft mit Erfolgsgarantie, sondern ein dem menschlichen Leben innewohnender Auftrag, das Recht, die Würde und den Willen zum Leben aller Menschen zu hüten und zu fördern.
Dem, das uns unmittelbar trifft, muss unsere Tatkraft gehören, ihm sind wir ausgeliefert und verantwortlich, an ihm schult sich unsere Lebendigkeit, hier entsteht Welt- und
Lebensbejahung, aber auch Lebensverneinung, geteilte Freude und Angst vor dem Leben.
Kern und Motor dieser Tatkraft ist der mit der Geburt biologisch verbundene absolute
„Wille“, leben zu wollen, mit dem jedes Kind bei der Geburt trotz allem, was um es herum
geschieht, ausdrückt, worum es ihm geht! Es will leben. In seinem Buch „Christusmord“
(1979), schreibt der Arzt u. Psychoanalytiker Wilhelm Reich: „Zu allen Zeiten haben die
Kinder immer wieder alle Entwicklungsmöglichkeiten mit auf die Welt gebracht. Die Aufgabe besteht nun darin, die Aufmerksamkeit einer leidenden Menschheit von unbegründeten Patentrezepten auf das Neugeborene zu lenken… Somit wird das noch ungeborene Kind zum Zentrum des Interesses… Es ist aufgrund seiner Plastizität und seiner reichen Ausstattung mit natürlichen Entwicklungsmöglichkeiten die einzige lebendige Hoffnung, die in diesem menschlichen Inferno noch geblieben ist.“ (Reich, Freiburg, 1979,348) „Wir sprechen auch für die Ungeborenen, für die, die ihr Recht und ihr Interessen noch nicht wahrnehmen können,“ heißt es in den Reden der Vertreter der IPPNW bei der Verleihung des Friedensnobelpreises vor 40 Jahren. Es geht nicht um unseren Ruhm, sondern … for the happiness and for the future of all mothers and children, that we- International Physicians fort the Prevention of Nuclear War- have worked, are working and will work!“
Leben bedeutet Arbeit auf ein Ziel hin, dass das Leben selbst ist. „Wir sind Leben, das
leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ So lautet der Leit- und Leidfaden im Werk
von Albert Schweitzer. Grundlage, Sinn und Maßstab aller Förderung des Friedens ist die
„Ehrfurcht vor dem Leben“, kein ausgeklügelter Satz, keine abstrakte Moral, sondern täglich zu machende Erfahrung des Lebens. (Kultur und Ethik, 1923, 1990) Schweitzer spricht (auch mit Blick auf sein Erleben im ersten Weltkrieg) von der Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Der Anerkennung und dem Respekt gegenüber dieser „Ehrfurcht vor dem Leben“ verweigert sich jeder Krieg in all seinen Schattierungen und mit all seinen Begründungen, als Krieg mit Bomben und Raketen, als sozialer Krieg, als Krieg in den Innenräumen menschlichen Zusammenlebens. Er macht sie lächerlich, tritt sie mit Füßen, zerstört und höhlt sie aus, raubt dem menschlichen Gewissen die sinnstiftende Grundlage und hält auf diese Weise die menschliche Sehnsucht nach Frieden in Politik, Kultur und Gesellschaft gefangen. Hass. Gier, Machthunger wie die Schwächung u. der Verlust der „Ehrfurcht vor dem Leben“ lassen uns im Krieg und dem, was wir Friedenszeiten nennen, den Ursprung und die Grundlage menschlichen Seins vernachlässigen und vergessen.
Frieden zu schaffen, ist lebenslanger Auftrag, Selbstreflexion, Lebensarbeit, zivilgesellschaftlicher Mut und braucht jenen aktiven Willen zum Leben, mit dem wir geboren werden.
Ich erinnere mich an eine lang zurückliegende Diskussion während einer Demonstration
gegen die Stationierung amerikanischen Raketen mit der Theologin Dorothee Sölle und dem Arzt und Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter über die Zukunft der Friedensbewegung, in der Richter seine Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, dass vor allem die jungen Aktivisten in der Friedensbewegung jede Information über die Standorte, die Art der Waffen und die militärische Einsatzplanung der Raketen im Kopf hatten, aber sich sehr wenig mit dem Sinn, der Bedeutung und der inhaltlichen Zielsetzung der Friedensbewegung, nämlich sinnstiftend leben zu wollen und zu können, auseinandergesetzt hatten. Die Frage, wofür es sich von Generation zu Generation und über diese hinaus zu leben lohnt, schien abgekoppelt und verschwand unter dem Druck, möglichst umfassend die faktische Bedrohung durch die Raketenstationierung im Auge zu haben.
Die „traditionelle“ Friedensbewegung hat ihre öffentliche Präsenz und Bedeutung wenn auch nicht verloren, so doch zeitweise immer wieder eingebüßt. Die Ostermärsche sind fast zu rituellen Spaziergängen zusammengeschrumpft und wie in vielen anderen Bereichen fehlt die kontinuierliche und zukunftsweisende Auseinandersetzung mit den zahlreichen Krisen der Zeit. Gleichzeitig aber kommt es im Kontext unterschiedlicher politischer Strömungen und öffentlicher Meinungsbekundungen immer wieder auch zu spontanen Bewegungen, die wie „Friday for Future“ oder „Omas gegen rechts“ auf eine größere Bereitschaft verweisen, sich mit Protest für Meinungsvielfalt und gegen antidemokratische Entwicklungen einzusetzen.
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Angesichts des Krieges in der Ukraine, des Krieges im Nahen Osten und ihrer Einbindung in das Weltgeschehen und der verwirrenden Analysen über die weltweiten Konflikte zwischen den Großmächten, der Fragilität der Sicherheitssysteme wie dem Kampf um die politischen Ordnungen – ist die Auseinandersetzung um Krieg und Frieden und die für die Menschen spürbare Kriegsbedrohung fühlbarer und aktueller wie seit langem nicht mehr geworden Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir und die medial deutlich gemachte Drohung eines Atomkrieges zeigt eine Welt voller gefährlicher Brennpunkte und gibt dem Satz Albert Schweitzers bei seiner Rede zum Friedensnobelpreis 1954 eine furchterregende Aktualität: Wir können der Frage der Zukunft der Menschheit nicht mehr ausweichen. Für die Reaktivierung einer nicht nur generations- sondern auch parteiübergreifenden Friedensbewegung, in deren Mittelpunkt der Humanismus und die konkrete Sorge für das Leben der Menschen und der Kinder der Zukunft stehen, brauchen wir ein Nachdenken, das die praktische Umsetzung im Auge hat und in kleinen Schritten vor Ort und sozusagen mittendrin im Leben der Menschen vorantreibt, um was es gehen muss: friedensfähig ist man nicht, sondern wird man und zwar im Kontext der Verhältnisse, in denen die Menschen leben.

Wir brauchen in Familie, Schule, gesellschaftlichen Institutionen und vor allem in der
zivilgesellschaftlichen Entwicklung mehr spezifische Formen der Achtsamkeit und
Förderung jener Lebenskraft, die lieben, kämpfen und sich im täglichen Leben
durchsetzen kann. Die gleichzeitig auch geduldig ist, die Ungleichzeitigkeit dulden
und erdulden kann, die langfristigen Widerstand entwickelt, Konkurrenz und Vielfalt
annehmen und aushalten lernt. Es geht um eine Kraft, die stetig zum Anfangen bereit
ist, eine Art Anfängergeist, der sich im Kontext der jeweiligen Gegenwart
weiterentwickelt, die mit Zweifeln, Unsicherheit Unwägbarkeiten, Verlusten wie
Erfolgen schöpferisch umgehen, das heißt sich erneuern kann, wenn Gewohntes
zusammenbricht. Indem wir leben, müssen wir den Lebensalltag leben lernen und
durch alle Phasen hindurch auch verändern lernen.

 Frieden mit dem zu schließen, was wir nicht ändern können und sich aktiv für Frieden
zu entscheiden, wenn wir selbst Teil des kriegerischen Denkens und Handelns sind, ist
praktizierte Lebenskunst. „Erleiden“ und „Entscheiden“ hat der Arzt Viktor von
Weizsäcker die beiden Pfeiler der menschlichen Existenz genannt, um deren
Unterscheidung es geht. Um herauszufinden, worum es sich dabei konkret handelt,
muss der Mensch die aktuelle Qualität seines Lebens abtasten und klären, wo und wie
er sich im eigenen Leben befindet, worauf er sich gerade einlassen will, muss oder
kann oder ob Widerstand und Verweigerung angesagt sind. Weizsäcker spricht in
diesem Zusammenhange von „pathischen Kategorien“, einer Art „Selbstaufklärung“,
worum es im eigenen Leben gerade geht. Das Müssen, Sollen, Können, Wollen oder
Dürfen stehen im ständigen Wechsel miteinander, erzeugen Widersprüche, bekräftigen
Entscheidungen, verstärken Zweifel oder beheben sie. Können wir, was wir wollen?
Müssen und sollen wir , was wir dürfen? Unverfügbarkeit, Veränderungen, aber auch
Kontinuität nicht zu fürchten, unsere und der anderen Menschen Freiheit nicht für
falsche Sicherheiten zu opfern und immer wieder Mut aufzubringen, auf brüchigem
Boden Land zu gewinnen, sind Herausforderungen und Fähigkeiten einer
Friedfertigkeit, deren Ziel es ist, Frieden ohne Waffen zu schaffen. Ungewissheit,
Zweifel und die unaufhörliche Suche nach Möglichkeiten, Leben zu schützen und zu
fördern, sind nahe Verwandte jener ständig zu aktivierenden Friedfertigkeit, die ich
meine. Sie spielen eine tragende, mutige, kreative wie hoffnungsreiche Rolle im
tieferen Kern der „pathischen Existenz“, bereit für den Frieden zu sein.

 Friedensfähigkeit braucht eine andere Art von Politik, Wissenschaft und ethisch
humanistischer Ansprache, die nicht immer weiter vom „gesamten Menschen“ trennt,
sondern zusammenführt, was zusammengehört. Für die Friedensbewegung verlangt
das die Einsicht, dass die isolierende Organisation der Entrüstung nicht ausreicht und
dass diese mit Hass, Dominanz und Rechthaberei gepaart oft genau von denen
entfremdet, an die es zu appellieren gilt. Wir müssen anders verstehen, dialogisch
erklären und im Kontext von Zweifeln aufklären lernen. Wir sind aufgefordert, neue
Möglichkeiten der Demokratie zu erarbeiten, auch wenn diese selbst sich immer
wieder als Teil einer großen Farce manifestiert. Was heißt „partizipierende“
Demokratie? Wie kann man die existierende parlamentarische Demokratie durch neue
Formen der Beteiligung ergänzen? In der Geschichte der verschiedensten sozialen und
zivilgesellschaftlichen Bewegungen hat sich immer wieder gezeigt, dass Ideen, die
sich der Ideenlosigkeit gegenüberstellen, eine unerwartete Durchschlagskraft haben
können.

Es ist nicht leicht, mit den Widersprüchen und den Paradoxien im Dialog zwischen Krieg und Frieden, Kriegstüchtigkeit und Friedensfähigkeit umzugehen und sich der Unsicherheit der Vergeblichkeit zu stellen- aber die eine der wenigen Möglichkeiten die bleiben. Erinnerungen schweigen nicht, wir brauchen sie- jetzt!
„Ich wurde in den 2. Weltkrieg hinein geboren und werde jetzt wohl im Krieg sterben, beides habe ich mir nicht ausgesucht und schon gar nicht gewollt,“ sagt eine alte Frau in Kiew, die die Stadt weder verlassen will noch kann, auch wenn ihre Nachbarn sagen, dass sie gehen muss oder sollte. Ich weine, bin ihr nah und schreibe auf, wie die Erinnerungen des Kriegskindes Annelie von 1945 in die Gegenwart der 86-Jährigen im Jahr 2025 immer wieder einbrechen.