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Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

Nordsee bei Ebbe am Strand von Büsum in Dithmarschen am 1.8.2010 gegen Abend

 

Herero und Donauschwaben – zwei Vertreibungen
„Der Bundestag hätte keine eigene Herero-Resolution verabschieden sollen. Solche geschichtspolitischen Erklärungen vom moralischen Hochkatheder aus sind immer ambivalent. Der Punkt ist (…), daß die Herero-Resolution, sicher indirekt und ungewollt, wie eine Relativierung der Vertreibungen herüberkommen kann.
Denn wie groß ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Schicksal der Herero und zum Beispiel dem Untergang der Donauschwaben in der Vojvodina im heutigen Serbien? Von den 200.000 Menschen, die bei Kriegsende noch in Titos Jugoslawien lebten, ist schließlich allein etwa ein Drittel umgekommen. Und die Zerstörungsabsicht des Tito-Regimes scheint mir in diesem Fall sogar noch eindeutiger gewesen zu sein als das Vorgehen gegen die Herero.“
Manfred Kittel, Gründungsdirektor der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ und Professor für Europäische Geschichte an der Universität Regensburg, auf dem Portal „nordbayern.de“ am 15. August 2021

 

 

„Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ eröffnet
Umgang mit Vertriebenengedenken – Sich selbst der größte Feind
Schandbar lange hat es gedauert, bis das „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ überhaupt eröffnet wurde. Begleitet wurde das Vorhaben von einer moralisierenden, im Modus historischer Inkompetenz geführten Diskussion. Sie hatte schon im Vorfeld jede Hoffnung erstickt, die Ausstellung würde den blutigen Widerruf der deutschen Ostsiedlung, deren Anfänge bis in das 11. Jahrhundert zurückreichen, in seiner Bedeutung und Tragik erfassen, würdigen oder gar betrauern.
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Diese nationale Katastrophe mit den Wirtschaftsflüchtlingen kurzzuschließen, die heute glücklich im deutschen Sozialsystem ankommen, ist ein Skandal, aber auch konsequent, wenn man die deutsche Geschichte vor 1945 als Schuldgeschichte und die Bundesrepublik als ein staatsförmig organisiertes Sühneprojekt versteht.
In der Sechsten These von Walter Benjamins Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ heißt es sinngemäß, in jeder Epoche müsse versucht werden, die Überlieferung von neuem dem zeitgebundenen Konformismus zu entreißen, der sie zu überwältigen drohe. Aktuell heißt das, sich gegen den erinnerungslosen, konformistisch der Hypermoral verfallenen Staat zu stellen. Benjamin fährt fort: „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ Die Ausstellung in Berlin zeigt: Dieses Land ist sich selbst der schlimmste Feind.
… Alles vom 2.7.2021 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF, 27/21, Seite 19
https://www.junge-freiheit.de
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Vertrieben in den Kontext: Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Das Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung ist in der Bundeshauptstadt eröffnet worden: Das lange umstrittene „sichtbare Zeichen“ präsentiert sich im internationalisierten Gewand
von Christian Rudolf

Staatliche Museen anderer europäischer Länder würdigen nationale Großtaten oder kollektives Leiden der eigenen Gemeinschaft. Die Gedenkpolitik in den vormaligen „Bloodlands“ (Timothy Snyder) trägt eindeutig nationale Züge. So ist das Museum des Warschauer Aufstandes in der polnischen Hauptstadt eine bildgewaltige Heiligsprechung der Widerstandsbewegung und eine Anklage gegen die Besatzer; das Museum der Opfer des Genozids in Wilna sowie das Lettische Okkupationsmuseum in Riga dokumentieren und betrauern die Verbrechen, die Litauer und Letten durch Fremdherrschaft im Umfeld des Zweiten Weltkriegs erlitten; das Nationale Museum des Holodomor in Kiew kommemoriert, zeigt und vermittelt den Stalinschen Hunger-Genozid am ukrainischen Volk mit sieben Millionen Opfern und dessen Ableugnung durch die kommunistisch-russischen Täter. Die triumphalen Zentralmuseen des „Großen Vaterländischen Krieges“ in Moskau und Minsk verherrlichen Rote Armee und Partisanenkampf, strahlen ungebrochen sowjetischen Geist aus, inklusive Geschichtsklitterung. Gemeinsam ist allen Ansätzen: Sie stärken und stabilisieren nach innen und tragen zu einem guten kollektiven Selbstbild bei.

Führe mich also durch deine Museen, und ich sage dir, wie dein Staat es mit der eigenen Nationalgeschichte hält. Mitten in der deutschen Hauptstadt ist nun eine Dauerausstellung der Öffentlichkeit übergeben worden, die geschichtspolitisch so umstritten und von Querelen überschattet war wie kein anderes Projekt der zurückliegenden zwanzig Jahre: das lang erwartete neue Dokumentationszentrum der 2008 gegründeten Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, populär geworden unter dem Begriff des „sichtbaren Zeichens“. Doch mit der ursprünglichen Idee des Bundes der Vertriebenen unter Erika Steinbach sowie dem SPD-Politiker Peter Glotz, einen nationalen Erinnerungs- und Trauerort an Flucht, Vertreibung und gewaltsames Ende der 700jährigen Geschichte deutscher Ostsiedlung zu schaffen, hat der Inhalt nur mehr rudimentär etwas gemein. Wie auch, es sollte ja ein Gegenmodell werden; „daß es nicht um ein nationales, sondern um ein europäisch orientiertes Projekt geht“, faßte Wolfgang Thierse, zur Zeit der Stiftungsgründung Bundestagspräsident, dieser Tage den politischen Auftrag zusammen.

Nur der Ort, das ehemalige „Deutschlandhaus“ am Anhalter Bahnhof, ist noch derselbe. Die mächtigen Großbuchstaben des Schriftzugs über dem Haupteingang sind verschwunden, das Gebäude völlig entkernt und feinsinnig neugestaltet ­­– einschließlich Unisextoiletten.

Zwei Etagen für zwei Schauen: Das weite, helle erste Obergeschoß präsentiert in sechs locker gruppierten Themeninseln die Geschichte und Gegenwart von Zwangsmigration in und Einwanderung nach Europa, verursacht durch Krieg, Bürgerkrieg, ethnischen Haß, ökonomische Not – unabgeschlossen, auf die Zukunft hin zu ergänzen. Die Nation wird als ein Konstrukt der Zeit nach der Französischen Revolution eingeführt und sogleich begrifflich mit Nationalismus verknüpft. Weitere Stationen thematisieren hier „Wege und Lager“, „Krieg und Gewalt“, dort „Verlust und Neuanfang“, da „Erinnerung und Kontroversen“.

An Objekten steht das Bullauge der versenkten „Wilhelm Gustloff“ neben einem Iris-Scanner-Bezahlsystem in einem jordanischen Flüchtlingslager; ausgestellt ist der lebenslang aufbewahrte Fellmantel, der einen Siebenjährigen auf der Flucht aus Ostpreußen im bitterkalten Januar 1945 vor dem Erfrieren bewahrte genauso wie eins der Klappräder, die syrische Wirtschaftsmigranten 2015 auf der arktischen Route von Rußland nach Norwegen verwendeten und sich ihrer gleich nach Grenzübertritt entledigten; auf Videoleinwänden sprechen neben drei deutschen Vertriebenen drei Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien sowie drei ehemalige vietnamesische „Boatpeople“ über ihre höchst unterschiedlichen Neuanfänge in der Bundesrepublik. Das sowjetische Massaker von Nemmersdorf bekommt als Kriegsverbrechen genauso ein Schrankfach wie die Ukraine als aktuelles Beispiel für einen Staat mit einer großen Zahl von Binnenkriegsflüchtlingen. Doch selbst bei Nemmersdorf durfte der volkspädagogisch wesentliche Hinweis nicht fehlen, daß das NS-Regime die Morde „propagandistisch inszenierte“ und „instrumentalisierte“.
Die eigentliche Vertriebenenausstellung liegt, erreichbar über eine Wendeltreppe, versteckt im zweiten Obergeschoß – tageslichtlos, düsterer beleuchtet, streng angeordnet, in ihrer Kühle beinahe aseptisch.
Auf die zusammenhängende Darstellung von Flucht, Vertreibung und Ausmordung der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa ab 1944 und deren Eingliederung in Restdeutschland trifft der Besucher dort nur eingebettet, erwünscht heftig „kontextualisiert“.
Die Absicht der Besucherführung ist so durchsichtig wie BRD-volkspädagogisch. Auch visuell haben die Ausstellungsmacher das Kapitel B über „Neuordnung durch Vertreibungen“ verborgen hinter einem epischen Kapitel A mit Behandlung der deutschen Expansionspolitik nach Beginn des Zweiten Weltkriegs; eines Krieges, dessen Ausbruch und Grausamkeiten selbstverständlich allein dem Reich angelastet werden. Eine Feststellung wie beispielsweise die, Edward Benesch habe 1938 die Idee entwickelt, die Zahl der Deutschen im Land „zu verringern“, wird sogleich dadurch abgemildert, der tschechoslowakische Staatspräsident reagiere hiermit nur auf Hitlers Forderung nach Abtrennung des Sudetenlands.
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„Natürlich haben wir uns auch die jeweiligen nationalen Perspektiven unserer Nachbarn angesehen“, so Stiftungschefin Gundula Bavendamm in der Preußischen Allegemeinen Zeitung, „wir haben geschaut, wo es besondere Sensibilitäten gibt und dies auch in unserer Konzeption berücksichtigt.“ Deshalb: Kein Wort vom polnischen „Westgedanken“, der schon im 19. Jahrhundert Gebietsansprüche bis kurz vor Hamburg entwickelte, kein Wort über den antigermanischen Panslawismus, und Schwamm über das polnische Enteignungsgesetz von 1920. Die systematisch verübte, vieltausendfache sexuelle Gewalt an deutschen Frauen und Kindern ab 1944 – sie wird erwähnt.

Und auch in diesem Vertreibungskapitel, im konzeptionellen Kern der Ausstellung, ringen die bewegenden Familien- und Einzelschicksale unserer deutschen Vertriebenen nach dem Willen der Kuratoren gleichsam um Platz und Gehör mit den Geschichten der Zwangsumsiedlung von Polen, Ukrainern, Slowaken und Ungarn nach Kriegsende. Das ist alles interessant und menschlich rührend, keine Frage. Doch man bemerkt die erzieherische Absicht – und ist verstimmt.
… Alles vom 2.7.2021 von Christian Rudolf bitte lesen in der JF, 27/21, Seite 7
https://www.junge-freiheit.de

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Besuch im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung:
Ständige Ausstellung (Di.–So. 10 bis 19 Uhr),
Bibliothek und Zeitzeugenarchiv (Di.—Fr. 10 bis 19 Uhr)
sind seit dem 23. Juni geöffnet. Eintritt frei.
Für den Besuch wird eine Eintrittskarte für ein Zeitfenster benötigt, die zu buchen ist unter https://www.flucht-vertreibung-versöhnung.de.
Anschrift: Stresemannstraße 90, 10963 Berlin, S-Bahnhof Anhalter Bahnhof.

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Vertriebene vor 70 Jahren am 5.8.1950: „Wir verzichten auf Rache und Vergeltung“
Vor siebzig Jahren wurde in der „Charta der Heimatvertriebenen“ jeglichem Revanchismus abgeschworen und eine Verständigung in Europa angemahnt
von Gernot Facius
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Den Menschen in ihren abgewetzten Anzügen und Kleidern, die sich am 6. August 1950 vor der Ruine des Stuttgarter Schlosses versammelten, waren die Strapazen von Flucht und Vertreibung anzusehen. Die meisten von ihnen fristeten, vom „Wirtschaftswunder“ war noch nicht die Rede, ein armseliges Dasein, abgelehnt oder geschmäht von einheimischen Landsleuten.
Noch im Herbst 1949 lebten allein in Bayern mehr als 94.000 Personen in 465 Flüchtlingslagern; das letzte wurde dort erst 1963 aufgelöst. 1950 waren im Westen Deutschlands noch zwei von fünf „Neubürgern“ arbeitslos, weit über die Hälfte hatte keine ausreichende Wohnung. „Die Verzweiflung der Vertriebenen ist nicht zu beschreiben“, kommentierte die Neue Zürcher Zeitung, sie habe sich nur deshalb noch nie in Verzweiflungsakten geäußert, weil sie gepaart sei mit einer aus Hoffnungslosigkeit geborenen Apathie. Ruhe und Ordnung seien jedoch nur unter einer dünnen Decke bewahrt, die jederzeit brechen könne.
Viele hofften noch auf eine Rückkehr in die Heimat
Derartige Befürchtungen, daß sich die Entwurzelten radikalisieren und zu Revoluzzern werden könnten, waren weit verbreitet. Doch der zentrale Satz der an jenem Sommertag in der Schwabenmetropole offiziell verkündeten Charta der Heimatvertriebenen, die 24 Stunden zuvor im Kurhaus von Bad Cannstadt unterzeichnet worden war, lautete „Wir verzichten auf Rache und Vergeltung“. Die Formulierung war erstmals Ende November 1949 bei der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde, einer katholischen Gesinnungsgemeinschaft, in ihrer Adventsdeklaration aufgetaucht, sie ist also durch und durch christlich motiviert.

Daß sie in Stuttgart, kurz nach dem fünften Jahrestag der Beendigung der Potsdamer Konferenz der Großen Drei, wortgleich übernommen wurde, war ein politisches Bekenntnis nicht nur nach außen, sondern auch eine Botschaft nach innen, in die eigenen Reihen. „Der Satz war an die Schicksalsgefährten selbst gerichtet, solche Gefühle im Herzen nicht wachsen zu lassen, ihnen zu widerstehen. Dieser Botschaft ist der Satz angefügt: ‘Dieser Beschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat’“, schrieb Erika Steinbach als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen 2009 in der Welt.

Wer auch immer beklage, daß die Opfer des Nationalsozialismus ausgeblendet worden seien, habe diese Passage überlesen oder ignoriert. „Die wegweisende, ihrer Zeit vorauseilende Botschaft der Vertriebenen damals aber war das postulierte Engagement für ein friedliches und geeintes Europa, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.“ Man dachte zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht in EU-Kategorien wie heute, der Gedanke an eine Einigung des vom Krieg zerrissenen Kontinents, in welcher konkreten Gestalt auch immer, war allerdings schon präsent; und viele hofften auf eine Rückkehr in die Heimat – ein Trugschluß, wie sich schnell herausstellen sollte.

Gleichwohl hatten die Verfechter einer Rückkehr das Recht auf ihrer Seite. Sie konnten sich auf die 1948 verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte berufen, in der es heißt, jeder Mensch habe das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren. Das Vertreibungsverbot fand Eingang in internationale Abmachungen. Doch für die deutschen Vertriebenen ließ sich das Heimatrecht nicht durchsetzen, weder in der Zeit des Kalten Krieges noch nach dem Fall von Mauer und Stacheldraht. Politiker aller demokratischen Parteien lobten die Charta als konstruktiven Beitrag für eine neue Friedensordnung und schmeichelten den Autoren.

Aber was ist davon geblieben? Am Ende wenig. 1975, als das Dokument 25 Jahre alt wurde, wünschte sich der damalige Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP), daß man von einem „Tag der nationalen Einkehr“ spreche. Er stellte den Jahrestag von Stuttgart 1950 in eine Reihe mit dem Gedenken an den 17. Juni 1953 und den 20. Juli 1944. Für Norbert Lammert (CDU), Bundestagspräsident von 2005 bis 2017, gehörte die Charta zu den „Gründungsdokumenten“ der Bundesrepublik Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Initiatoren noch 2009 „Botschafter der Versöhnung und der Verständigung in Europa“.

Von Historikern wurde die Charta, wie die Ost-Denkschrift der EKD und der Briefwechsel der deutschen und polnischen Bischöfe, in den Kontext der großen Versöhnungsinitiativen gestellt. Otto Schily (SPD), damals Bundesinnenminister, würdigte im Jahr 2000 die „weitreichende Bedeutung“ des Dokuments, weil es „innenpolitisch radikalen Bestrebungen den Boden entzog und außenpolitisch einen Kurs der europäischen Einigung unter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn vorbereitete“. Wolfgang Schäuble (CDU) sprach 2006 von einem „beeindruckenden Zeugnis menschlicher Größe und Lernfähigkeit. Nicht Revanchismus, nicht Niedergeschlagenheit bestimmten diese Charta, sondern der Glaube an die Zukunft, Europäertum, christliche Humanität“. Schöne Worte.

Aber sie wurden allmählich überlagert von Distanzierungen von Initiatoren des Dokuments, denen selbst die Grünen-Politikerin Antje Vollmer einst attestiert hatte, „ihrer Zeit voraus“ gewesen zu sein. Heute wird von Kritikern bemängelt, daß die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg in der Charta nicht explizit zur Sprache komme. Dieser Befund ist, wer möchte es leugnen, nicht ganz von der Hand zu weisen. Darf man aber aus diesem Grund die Stuttgarter Geste geringschätzen? Sie ging von einer Opfergruppe aus, deren zutiefst traumatische Erfahrungen erst wenige Jahre zurücklagen. „Viele hielten den Vertriebenen vor, ihr Schicksal sei doch die Quittung für früheren Nationalismus und für den von Deutschland begonnenen Krieg“, sagte beim Tag der Heimat 2003 der damalige Bundespräsident Johannes Rau. „Das war nicht nur herzlos, das war auch dumm. Ich habe das nie verstehen können.“

Bereits drei Jahre zuvor hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Nörglern ins Stammbuch geschrieben: „Wenn man die Bedeutung dieser Charta ausreichend würdigen will, muß man sich die Situation vor Augen führen, in der sich die Vertriebenen 1950 befanden.“ Das war sozusagen die Gegenposition zu dem Dauervorwurf von linker und linksliberaler Seite, das Dokument von Stuttgart habe einem „nationalistisch verengten Opferdiskurs“ Vorschub geleistet, es relativiere die „deutsche Schuld“. In Politik und Publizistik war man vor dem August 1950 auf scharfe Töne und aggressive Forderungen gefaßt. Auf eine so eindeutige Absage an Revanche und auf die Willensbekundung, als vom Schicksal hart Betroffene zum Bau eines neuen, friedfertigen Europa beizutragen, darauf war man nicht eingestellt. Aus keinem Satz der Deklaration, vorgetragen von dem jungen Oberschlesier Manuel Jordan, sprach Haß gegenüber Nachbarvölkern.

Nährboden für politische Aufpeitscher war vorhanden
Ein „wahres deutsches Wunder“ titelte Jahre später die Frankfurter Allgemeine. Das Blatt verschwieg nicht, daß unter den Vertriebenenfunktionären auch ehemalige prominente NS-Parteigänger waren. Doch solche politisch Belastete gab es in der frühen Nachkriegszeit in fast allen Organisationen und Parteien. Gerecht wird man der Charta aber nur, wenn man sich vor Augen führt, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen sie entstanden ist. Die Charta nennt das Recht auf die Heimat eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit. „Damit“, so die FAZ, „war klar, daß auch die Polen, die – teilweise selbst vertrieben nun in den alten deutschen Gebieten jenseits von Oder und Neiße wohnten, ein Heimatrecht an ihrem neuen Wohnort erwerben würden. Daß es kein Zurück mehr zum alten Zustand geben würde, wurde den meisten Vertriebenen bald klar.“
Die Distanzierung von Inhalten der Charta durch große Teile der politischen Klasse hat allerdings bewirkt, daß die BdV-Initiative, den 5. August zu einem eigenständigen nationalen Gedenktag an die Opfer von Flucht und Vertreibung zu erklären, im Bundestag abgeblockt wurde. Die seinerzeitige Koalition aus CDU/CSU und FDP beugte sich dem Druck von SPD und Grünen. Stattdessen favorisierte man den „Weltflüchtlingstag“ der Vereinten Nationen (20. Juni) – eine leicht zu durchschauende Alibi-Entscheidung. In diesem Jahr hat es sich wieder gezeigt: Die politischen Vorgänge in den Krisenregionen in Afrika und Asien, die immer neue Flüchtlingsströme auslösen, haben die Erinnerung an das Geschehen vor einem Dreivierteljahrhundert nahezu verdrängt.
Und es ist zu befürchten, daß die Macht des Faktischen sich weiter durchsetzen wird. Da geben sich selbst die Spitzen der Vertriebenenverbände keinen Illusionen hin. „Ich stelle in Deutschland in Teilen unserer Gesellschaft eine verwunderliche Zurückhaltung fest, auch der eigenen Opfer zu gedenken“, bedauerte schon vor Jahren BdV-Präsident Bernd Fabritius. Und was noch schwerer wiegt: Manche Zeitgenossen sind nicht in der Lage, die Vertreibung der Deutschen richtig einzuordnen: als erstes Großverbrechen in Friedenszeiten. Politische Aufpeitscher hätten in der damaligen Situation durchaus einen geeigneten Nährboden für militante Handlungen der bettelarm in die sogenannte „neue Heimat“ gekommenen Landsleute finden können.
Daß die Millionen Vertriebenen und Flüchtlinge nicht zum sozialen Sprengkörper im Spannungsfeld Europa wurden, das ist auch den Initiatoren der Charta von Stuttgart zu verdanken. Die europäische Nachkriegsgeschichte hätte auch eine andere Richtung einschlagen können. Deshalb kann man sich getrost dem Urteil von Erika Steinbach anschließen: „Der 5. August 1950 ist für Deutschland und für Europa von unschätzbarer Bedeutung.“
… Alles vom 7.8.2020 bitte lesen in der JF 33/20 , Seite 19

 

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