Die hier angekündigte Feier „Dortu – Neff – Kromer: Gedenkfeier für die Kämpfer für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ am 31.7.2025 auf dem ehemaligen Wiehre-Friedhof in Freiburg war großartig. Es stimmte einfach alles:
1) Wetter: Nach dem Regen im vergangenen Jahr nun ein Sonne-Wolken-Mix bei angenehmen 22 Grad.
2) Gute Laune: Bei den zahlreichen Besuchern – vielleicht 150 – wie auch bei den ehrenamtlich Engagierten, die mit viel Beifall und hoffentlich vollem Spendenhut belohnt wurden.
3) Schauspiel: Die vier Darsteller Oliver Genzow (Kabarettist), Peter Haug-Lamersdorf (vormals Ansagestimme der VAG), Anja Steiger (Freistil-Theater) und Burkhard Wein (rechts im Bild) boten direkt am Dortu-Denkmal eine tolle Vorstellung. Allesamt Freelancer. Drei von ihnen bei Historix-Tours Freiburg als Fremdenführer bekannt. Zwei Wochen anstrengende Proben haben sich gelohnt. Kreativität und Witz: Genzow klettert auf das Denkmal. Spaten, Blumenstock.
4) Burschenschaften: Teutonia als älteste Freiburger Burschenschaft (1851 gegründet) sieht sich laut Ekkehard Gabriel als „Erbe der 1848er“ und war mit 14 Personen mit roten Käppis vertreten. Saxo-Silesia , seit 1885, mit drei grauen Käppis vorort.
5) Moderation und Organisation: Andreas Meckel (Text der szenischen Aufführung) und Heinz Siebold. Lieder „Ob wir rote, gelbe Kragen“ und „Die Gedanken sind frei“ mit Olaf Creutzburg. Hermann Hein. Vielen Dank für das ehrenamtliche Engagement.
6) Erinnerungskultur: Sie öffnet den Blick zurück und darauf aufbauend nach vorne: „Aus der Geschichte lernen“ ist wichtig. Erinnert wurde an die 1848 In Freiburg aktiven Freiheitskämpfer um Maximilian Dortu, die wegen des Eintretens für das Grundrecht der Meinungsfreiheit mit dem Tod bestraft wurden. Den Blick in Gegenwart und Zukunft. stellten die Ausführungen der Gemeinderätin Viviane Sigg (Text folgt) und der Kurzvortrag von Heinz Siebold zum Thema „Demokratie braucht Erinnerungskultur“ (siehe Anlage (1) unten) her.

Peter Haug-Lamersdorf, Anja Steyer, Oliver Genzow, Burghard Wein, Heinz Siebold, Viviane Sigg und Olaf Creutzburg (von links)

Kränze zum Gedenken Die Gedanken sind frei
1.8.2025
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Ende von Beitrag „Meinungsfreiheit heute – Dortu“
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Beginn von Anlagen (1) – (2)
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(1) Demokratie braucht Erinnerungskultur
Kurzvortrag am 31. Juli, 18 Uhr, Dortu-Gedenkfeier, Heinz Siebold
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat des spanischen Philosophen George Santayana stammt aus dem Jahr 1905. Santayana (Jahrgang 1863) ist 1952 gestorben, in seinem Leben ist sein Wort mehrfach dramatisch ignoriert worden: Schon der 1. Weltkrieg hätte nicht stattfinden dürfen, der zweite erst recht nicht, hätte man aus der Geschichte gelernt. Denn Kriege “‘brechen“ nicht einfach aus, sie sind in aller Regel auch die Folge von ungelösten Problemen der Vergangenheit, die in einem neuen Anlauf mit Gewalt unter Missachtung der historischen Erfahrung des vorangegangenen Krieges gewaltsam gelöst werden sollen. Als Revanche für Niederlagen, als Eroberung und Rückeroberung.
Wir erinnern uns an diesem historischen Ort an eine entscheidende Phase deutscher Geschichte und fragen uns: Wie wäre sie verlaufen, wenn die drei jungen Männer, die hier im Kugelhagel der preußischen Militärmacht im Sommer 1849 gestorben sind, zu den Siegern gehört hätten? Wenn in den Staaten des deutschen Bundes, sowohl in Baden, als auch in Preußen nicht die Monarchen, sondern die Demokraten gewonnen und parlamentarische Rechtstaaten errichtet hätten. Rechtsstaaten mit freiheitlichen und friedlichen Charakteren. Rechtsstaaten mit Verfassungen, die die Wahrung der Menschenwürde als oberstes Grundgesetz festgelegt hätten. Verfassungen, die ein Friedensgebot enthalten. Verfassungen, die den sozialen Ausgleich zum Ziel haben.
Wir wissen es nicht, weil „hätte, wenn und aber“ in der Geschichte nicht zählt, sondern nur, was dann tatsächlich passiert ist. Aber es ist nicht verboten, aus zurückliegenden Zeiten Rückschlüsse auf Gegenwart und Zukunft zu ziehen. In aller Vorsicht freilich, denn Geschichte wiederholt sich nie eins-zu-eins. Jede Zeit hat ihre eigenen Konstellationen, Faktoren und Situationen. Aber es nicht verkehrt, die Fakten und Zusammenhänge aus vergangenen Wegekreuzungen der Geschichte zu kennen, denn es gibt Konstanten.
Eine davon ist: Wird ein Land in einem Staatenbund, auf einem Kontinent oder gar weltweit zu mächtig, wird geradezu zwangsläufig eine Erzählung erfunden und verbreitet, die den Drang zur Expansion nach außen mit der Unterdrückung abweichender Meinung nach innen verquickt. Schauen wir auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts: Wie schnell wurde aus dem begeisterten 1848er Patriotismus ein aggressiver Nationalismus, den die preußische Militärmacht nach der Niederschlagung der Revolution in Baden zur Reichseinigung mit Schwert und Eisen und zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 befeuerte? Aus August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Bekenntnis „Deutschland über alles“ zu lieben, wurde der Schlachtruf, Deutschland sollte über alle anderen Länder herrschen, nicht nur von der Maas bis an die Memel. Die Jungfräulichkeit des Patriotismus war unter Preußens Herrschaft schnell dahin. Die frühe Warnung von Georg Herwegh im Jahr 1848: „Nationalität trennt – Freiheit verbindet“ endete 1871 in seinem Klagelied: „Germania – mir graut vor dir“ über das imperiale deutsche Kaiserreich, das auf dem Rücken des besiegten und gedemütigten Frankreich im Spiegelsaal von Versailles ausgerufen wurde. Die sogenannte „Erzfeindschaft“ war der Katalysator für die folgenden Kriege.
Seitdem und bis heute, ist der Nationalismus das Gift geblieben, das offenbar die Sinne der Menschen weltweit immer wieder so verwirrt, dass sie sehenden Auges immer wieder und überall Autokraten, Diktatoren, Tyrannen, Ideologen und Demagogen erliegen und millionenfach ins Verderben rennen. Nichts, kein massenhaftes, millionenfaches Sterben, kein furchtbares Elend, nicht die Zerstörung ganzer Länder hat dazu geführt, dass der Krieg ein für alle Mal vom Erdboden verschwunden ist. Im Gegenteil, wir wissen, was derzeit in der Ukraine, im Nahen Osten und in Afrika los ist. Es ist zum Verzweifeln.
Aber verzweifeln, das dürfen wir nicht. Gerade wir in Deutschland stehen aus historischer Verantwortung in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass dieser Kontinent nicht wieder in Schutt und Asche fällt. Wir wissen, dass wir mehr als nur ein Land zu verteidigen haben, mehr auch als nur das persönliche Eigentum und unser Leben. Wir gehören zu den Ländern, die genau einhundert Jahre nach der ersten deutschen demokratischen Verfassung, der Verfassung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche von März 1849 ein Grundgesetz bekommen haben, das sich als Urkunde eines freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates über sieben Jahrzehnte bewährt hat. Das Grundgesetz ist der Schatz der Demokratie, den uns die Freiheitskämpfer von 1848/49, wo immer sie auch standen oder saßen – auf den Barrikaden oder im Parlament – hinterlassen haben.
Maximilian Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer gehörten zu diesen Menschen, denen wir Respekt zollen. Sie mussten für ihren Einsatz für eine freie Republik mit dem Leben bezahlen. Aber es geht um mehr: Es geht darum, die Fackel der Demokratie weiter zu tragen. Wir sehen, wie stark die Demokratie von außen und von innen unter Druck geraten ist. Wir brauchen nicht weit zu schauen. Wir sehen, wie in der Türkei oder in Ungarn die Menschenrechte von Autokraten mit Füßen getreten werden. Und wir sehen in den Vereinigten Staaten von Amerika wie eine Clique machtbesessener Milliardäre, religiöser Fanatiker und zynischer Deal-Maker die ganze Welt in Unruhe versetzen und die Demokratie aushebeln kann. Dort zeigt sich derzeit am deutlichsten, wie es ist, wenn das „Mißverhältniss zwischen Arbeit und Capital“ nicht ausgeglichen wird, wie es die Offenburger Forderungen von 1847 verlangten. Und in unserem Land zeigt sich, wie die Würde des Menschen, die der Artikel 1 des Grundgesetzes schützt, durch eine völkisch-nationale Hetze von rechtsaussen mit Füßen getreten wird. Von dort, wo übrigens auch eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ propagiert wird. Interessante Frage: Was würde das für die Badische Revolution bedeuten?
Das Fazit kann nur sein: Zeigen wir uns als Demokraten wehrhaft. Lassen wir nicht zu, dass sich die Gegenwart – also die Geschichte von morgen – in welcher Form auch immer, wieder in autokratische, imperialistische und menschenfeindliche Richtung entwickelt. Halten wir uns an die Botschaft des französischen Sozialdemokraten Jean Jaures von 1910: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme“. Oder anders gesagt: Wir schauen nicht nur in den Rückspiegel, sondern nach vorn, im Wissen, dass lange vor uns schon andere – so wie Dortu, Neff und Kromer – den Weg beschritten haben, der in eine Gesellschaftsform gemündet ist, die es zu verteidigen und auszubauen gilt. In seinem letzten Brief an seine Eltern schrieb Maximilian Dortu, er gehe seinem Ende mutig entgegen, „weil ich für die Befreiung des Volkes gekämpft habe“. Wir müssen nicht sterben, wir können lebhaft und mutig dafür sorgen, dass Freiheit und Demokratie nicht zugrunde gehen.
31.7.2025, Heinz Siebold, hSiebold@aol.com
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(2) Links
Dortu-Mausoleum auf dem Spielplatz in der Oberwiehre (Ecke Erwin- und Dreikönigstraße):
https://oberwiehre-waldsee.de/2019/08/29/maximilian-dortu-ein-kurzes-leben-fuer-die-freiheit/
https://www.buergerverein-wiehre.de/184849-revolutionare-in-der-wiehre-erinnerung-an-max-dortu-2/
https://www.demokratiegeschichten.de/maximilian-dortu-maertyrer-der-revolution/
https://www.burschenschaft-teutonia-freiburg.de/
https://burschenschaft-saxosilesia.de/
https://www.mitwelt.org/max-dortu-friedrich-neff-gebhard-kromer-1848
https://www.freiburg-schwarzwald.de/blog/dortu



