Schicksalstag 9. November 1989

Wo immer ich mich umhöre: Der Lieblings-Nationalfeiertag der Deutschen ist der 9.11.1989, in Erinnerung an den Mauerfall vor nunmehr 36 Jahren. Leider wurde dieser Tag als Nachfolger für den 17. Juni (Volksaufstand am 17.6.1953 in Berlin und DDR) als Feiertag abgelehnt, wegen der angeblichen Konkurrenzsituation am 9. November, dem „Schicksalstag der Deutschen„:

9.11.1848: Revolution von 1848 gescheitert. Die Erschießung des Demokraten Robert Blum in Wien markiert das Ende der bürgerlichen Revolution in den Staaten des deutschen Bundes von 1848.
9.11.1918: Ausrufung der Republik vergeblich. Der Revolutionsbewegung zur Abdankung des Kaisers und Proklamation der Republik in Berlin war kein Erfolg beschieden.
9.11.1923: Hitlerputsch vergeblich. Der Versuch von Hitler und Ludendorff, in München mit dem Marsch zur Feldherrnhalle die Macht zu ergreifen, mißlang.
9.11.1938: Reichspogromnacht. Synagogen und Einrichtungen jüdischer Bürger wurden zerstört und Juden ermordet.
19.11.1989. Die Berliner Mauer fällt nach 28 Jahren Teilung der beiden deutschen Staaten.
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Die Bilder jubelnder Menschen mitsamt all den Mauerspechten gehen um die Welt. Ein
dermaßen freudiges Ereignis, das die ganze Welt in seinen Bann zog, gab es in der deutschen Geschichte noch nicht. Man sollte es zur Freude der Deutschen festhalten (1), um als Nationalfeiertag Jahr für Jahr in Erinnerung zu rufen: Lasst uns die deutsche Einheit in den jetzigen Grenzen bewahren und vor allem ausgelassen feiern!
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Nur fünf Jahre vor dem Mauerfall hatte Richard von Weizsäcker in seiner Antrittsrede als Bundespräsident am 1.7.1984 die Deutschen aufgemuntert: „Unsere Lage, die sich von der der meisten anderen Nationen unterscheidet, ist kein Anlass, uns ein Nationalgefühl zu versagen“. Mit der Begrifflichkeit um „Nation“ ging es von Weizsäcker gewiss nicht um den überholten Nationalismus des „wir sind besser als die anderen“, sondern um einen Nationalismus der Sorge um den Zusammenhalt und Erhalt der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im eigenen Land. Schließlich gilt das Diktum von Ralf Dahrendorf „Oberhalb des Nationalen ist keine Demokratie möglich“ nicht nur für Franzosen und US-Amerikaner, sondern selbstverständlich auch für Deutsche.

Leider hat Deutschland keine Revolution zu bieten wie etwa Frankreich mit dem 14. Juli 1789. Umso wichtiger ist ein Datum, mit dem sich möglichst breite Schichten des deutschen Volkes voll Stolz identifizieren können. Ich fahre jedes Jahr am „Quatorze Juillet“ über die Grenze ins Elsass nach Colmar, einfach um mich von der unbeschwerten Stimmung der Franzosen an diesem Tag anstecken zu lassen. Und eine solche Unbeschwertheit könnte der Tag des Mauerfalls als Feiertag der Deutschen liefern.
Aber was machen wir aus dem 9. November als unserem Schicksalstag im Jahr 2025? Ich möchte dies an drei Reden aufzeigen:

I. Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 9. November 2025
Anstatt der gescheiterten Revolution 1948, der Novemberpogrome am 9.11.1938 oder auch des Mauerfalls am 9.11.1989 zu gedenken, unternimmt der Bundespräsident eine parteipolitische Hetze gegen die größte Oppositionspartei im Land (2). Damit widerspricht Steinmeier dem auch auf der Website des Bundespräsidenten beschriebenen parteipolitischen Neutralitätsgebot. https://www.youtube.com/watch?v=V8NT61DxbAY&t=675s. Mehr dzu auch hier.
In seinem Beitrag „Affront gegen die deutsche Einheit“ (3) nennt Thorsten Hinz die Rede „eine Publikumsbeschimpfung in Richtung der östlichen Bundesländer … Ein Bundespräsident, der das Ganze im Blick hat, würde die Frage aufwerfen, warum gerade dort, wo die Menschen 1989/90 nach jahrzehntelanger Diktaturerfahrung hoffnungs- und vertrauensvoll in eine freiheitlich-demokratische Bundesrepublik aufgebrochen waren, heute das Gefühl vorherrscht, zunehmend in eine DDR 2.0 geraten zu sein“.
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II. Rede von Alexander Gauland: „Welcher 9. November ist nun der wichtigste?“
Der vielgescholtene Alexander Gauland (84) ging auf der Buchmesse Seitenwechsel in Halle an der Saale am 9.11.2025 auf die Frage „Welcher 9.11. ist nun der wichtigste?“ ein.
https://www.youtube.com/watch?v=SSDS82InOZw (ab 17:06). Dazu führte er das Gleichnis aus dem Märchen vom Dornröschen an: Nach der Geburt der Prinzessin äußerten mehrere Feen ihre Wünsche. Die 13.Fee wünschte der Prinzessin „den Tod“ und die 12. Fee „100 Jahre in einen tiefen Schlaf fallen“. Dieser Wunsch der 12.Fee entspricht dem Tag des Mauerfalls am 9.11.1989, denn er hat für Alexander Gauland „den totalitären Fluch dieses Datums ins Versöhnliche abgemildert. Mit diesem Tag 9.11.1989 der Freiheit, der Einheit und der Demokratie ist die vertrackte deutsche Geschichte am Ende noch einigermaßen gut ausgegangen. Deshalb wird der 9.11.1989 für mich der eigentliche Nationalfeiertag bleiben“.

III. Rede von Karlheinz Weißmann zum 9. November 2025
In seinem Rückblick auf die deutsche Geschichte (4) zitierte Weißmann auch den eher linken Zeithistoriker Professor Arnulf Baring, der sich „entschieden für den 9. November als zukünftigen „Tag der deutschen Einheit“ aussprach. Alle üblichen Einwände – der Zusammenhang mit dem Datum des Hitler-Putsches von 1923 und dem Pogrom von 1938 – wischte er beiseite. Für ihn war entscheidend, daß der 9. November seit 1989 für einen Höhepunkt der nationalen Geschichte stehe, geeignet, die Deutschen mit Stolz zu erfüllen, weil sie ein tyrannisches Regime beseitigt hatten. Und solcher Stolz sei notwendig, um die Stellung Deutschlands in Europa zu bestimmen und nach der formellen auch die innere Einheit zu vollenden.“
Doch in der Euphorie der Zeit unmittelbar nach dem 9.11.1989 waren die „Vaterlandsverächter“ nur kurz verstummt, und schon bald wurden die Widerstände der Antipatrioten gegen einen Mauerfall-Nationalfeiertag immer lauter. „Die politische Linke neigt seit den 1960er Jahren zum nationalen Selbsthass„, womit der Tag des Mauerfalls als Nationalfeiertag passé und dem 3. Oktober, dem Datum der pompösen Einheitsfeier im Berliner Reichstag, weichen musste.

Man nehme sich die Zeit und höre sich unvoreingenommen die Reden von Frank-Walter Steinmeier https://www.youtube.com/watch?v=2hIAXsemNJ8&t=10s und von Karlheinz Weißmann https://www.youtube.com/watch?v=2RJ4UBnUmLo hintereinander an, um dann selbst zu urteilen: Welcher Vortrag entspricht dem 9. November als dem „Schicksalstag der Deutschen“ eher?

Der am 9.11.2022 verstorbene DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz (Grüne) sagte in seiner fulminanten Rede https://www.youtube.com/watch?v=6jIsxkQCzeQ zum 9. November als Nationalfeiertag: „Die Wiedervereinigung fand am 9. November statt. Als die Berliner Mauer von beiden Seiten der Stadt überwunden wurde und sich die Menschen in den Armen lagen. Es war ein Akt der Selbstbefreiung des Volkes, der friedlichen Protestbewegung der DDR und nicht das Werk der großen Politik.“ Mehr hier.
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Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der für alle Deutschen spricht und von ihnen geachtet werden kann. Und der es vermag, zu repräsentieren, zu einen, zu versöhnen, zu verbinden, Sorgen zu teilen, zur Diskussion anzuregen und so für den Inneren Frieden im Land beizutragen. In einem Land, in dem der Mauerfall am 9. November 1989 vermag, „die Deutschen mit Stolz zu erfüllen“ (Arnulf Baring).
14.11.2025
Der Beitrag ist am 16.11.2025 auch erschienen auf
https://ansage.org/warum-ist-der-deutsche-schicksalstag-9-november-kein-nationalfeiertag/

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Ende von Beitrag „Schicksalstag 9. November 1989“
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Beginn von Anlagen (1) -(4)
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(1) Mauerfall 1989 | Seltene Originalaufnahmen aus Berlin
Diese seltenen Aufnahmen dokumentieren zentrale Ereignisse in Berlin im Herbst 1989, dem historischen Zeitraum des Mauerfalls. Berichte und Szenen der Tage rund um den 9. November zeigen die Öffnung der Grenzübergänge, den Menschenandrang an Orten wie Invalidenstraße, Glienicker Brücke und Brandenburger Tor, erste Begegnungen zwischen Ost und West sowie Reaktionen der Bevölkerung und Grenzoffiziere. https://www.youtube.com/watch?v=IhN7bPLk-Bw
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„Der 9. November in der deutschen Geschichte“ vom 7.11.2022 BpB
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/172172/der-9-november-in-der-deutschen-geschichte/
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(2) Bundespräsident eskaliert Kampf gegen Rechts
– sowie: Merz‘ Mega-Summe für den Klimaschutz
Statt der Novemberpogrome zu gedenken, nutzte Frank-Walter Steinmeier seine Rede am Sonntag für eine Kampfansage an die AfD. Ohne die Partei namentlich zu nennen, erklärte er deren mögliches Verbot zum Instrument der „wehrhaften Demokratie“
… Alles von 10.11.2025 von Max Mannhart bitte lesen auf https://www.youtube.com/watch?v=V8NT61DxbAY&t=675s
https://apollo-news.net/steinmeiers-kriegserklrung-an-die-afd-apollo-news-update/
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(3) Affront gegen die Einheit
Bundespräsident zum 9. November: Warum Steinmeiers Rede zu einer pietätlosen Bankrotterklärung wurde
Thorsten Hinz
Eine Rede zur Bedeutung des 9. November ist für ein deutsches Staatsoberhaupt eine der schwierigsten und zugleich dankbarsten Herausforderungen. Sie ist schwierig, weil drei der historischen Ereignisse, die sich mit diesem Tag verbinden – die Kriegsniederlage 1918, der Hitler-Putsch 1923, der Judenpogrom 1938 – ihn verdüstern. Auch 87 Jahre danach bietet der 9. November 1938 Grund für Schauder und blanke Verzweiflung: Loyale und oft hochverdiente Bürger des Landes wurden aufgrund einer ideologischen Wahnidee von den staatlichen Machthabern zu Freiwild erklärt, als solche behandelt und später massenhaft ermordet.

Das war einmal – und ist also weiterhin – eine Möglichkeit menschlichen und staatlichen Handelns. Glücklicherweise erschöpft der Nimbus dieses Tages sich nicht im Abgründigen, wie es ja auch mit der Verzweiflung „eine besondere Sache ist: sie trägt die Transzendenz zur Hoffnung schon in sich selbst“. Das schrieb Thomas Mann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Hoffnung hat sich am 9. November 1989 mit dem Mauerfall erfüllt. Deshalb ist die Aufgabe, an diesem deutschen Schicksalstag eine Rede zu halten, auch eine überaus dankbare.
Vor ihr hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vollständig versagt. Die Ansprache, die er am 9. November im Amtssitz Schloß Bellevue vor applaudierender Politik- und sonstiger Prominenz hielt, war in jeder Hinsicht eine Bankrotterklärung. Der seiernde Tonfall und die Aneinanderreihung der üblichen, inhaltsleeren Floskeln ließen sie zu einem rhetorischen Desaster geraten. In intellektueller Hinsicht war allenfalls ihre Anspruchslosigkeit buchenswert.

Kein einziges der drängenden Probleme wurde offen angesprochen, geschweige denn, daß Steinmeier sich der Analyse und Reflexion widmete. Während es an allen Ecken und Enden im Land bröckelt, knirscht, zusammenfällt und lodert, betonte Steinmeier die Notwendigkeit der Brandmauern – gegen die AfD, die größte Oppositionspartei, die ihre aktuelle Stärke nicht zuletzt aus der Unfähigkeit der Altparteien bezieht, die Probleme anzupacken und zu lösen. Für ein Staatsoberhaupt, das die ihm qua Grundgesetz auferlegte Überparteilichkeit ernst nimmt und sich um die Integration der unterschiedlichen politischen Lager in die gemeinsame Res publica (Sache des Volkes) sorgt, wäre der Zusammenhang zwischen der defizitären Lösungskompetenz der Altparteien und dem Aufstieg einer neuen Opposition ein drängendes Thema. Steinmeier hingegen machte sich zum Sprecher der Parteien, die ihn ins Amt gebracht und sich aus Angst vor dem Pfründeverlust zu einem Anti-AfD-Kartell zusammengeschlossen haben.

Selbst der zustimmungsfähige Satz: „Wir dürfen nicht gleichsam hineinrutschen erst in eine neue Faszination des Autoritären und dann in neue Unfreiheit“, geriet in seiner Rede zur Phrase, denn ihr Hauptzweck war das Gegenteil, die Insinuation, die AfD sei eine staatsfeindliche, mit den NS-Odium behaftete Partei, die hinter Brandmauern verbannt, durch Unvereinbarkeitsbeschlüsse eingehegt und durch Berufsverbote demoralisiert werden muß. Die in einem freiheitlichen Staat nach seiner Fasson nichts zu suchen hat.

Das Weltbild des Bundespräsidenten ist klar und übersichtlich. Im veröffentlichten Redemanuskript kommt siebenmal der Begriff „rechtsextrem“ und einmal das Wort „islamistisch“ vor. Der Linksextremismus scheint kein Problem für ihn zu sein, jedenfalls wird er nicht eindeutig benannt. Das ist eine Positionierung, die um so alarmierender wirkt, weil kurz zuvor ein linksextremer Anschlag auf den Fraktionsgeschäftsführer der AfD im Bundestag, Bernd Baumann, verübt worden war, der unmittelbar auf Einschüchterung, mittelbar auf die Beeinträchtigung der parlamentarischen Demokratie abzielt. Das Amt des Bundespräsidenten gebietet höchsten Respekt. Der gegenwärtige Amtsinhaber hat sich mit seiner Rede als personifizierte Fehlfunktion deklassiert.

Sie war auch ein Affront gegen die deutsche Einheit, eine Publikumsbeschimpfung in Richtung der östlichen Bundesländer, wo die AfD zu stärksten politischen Kraft aufsteigt. Ein Bundespräsident, der das Ganze im Blick hat, würde die Frage aufwerfen, warum gerade dort, wo die Menschen 1989/90 nach jahrzehntelanger Diktaturerfahrung hoffnungs- und vertrauensvoll in eine freiheitlich-demokratische Bundesrepublik aufgebrochen waren, heute das Gefühl vorherrscht, zunehmend in eine DDR 2.0 geraten zu sein.

Stattdessen entströmen seinem Mund hohltönende Phrasen wie: „(…) die Selbstbehauptung der Demokratie: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.“ Es handelt sich aber um eine Demokratie ohne Demos, wenn Wahlen, egal wie ihr Ergebnis lautet, stets zur Fortsetzung rot-grüner Destruktionspolitik führen. Wenn nur noch eine regierungskonforme Minderheit glaubt, frei die eigene Meinung äußern zu können. Wenn die Mehrheit sich in den öffentlich-rechtlichen Medien nicht wiederfindet. Wenn der Bundespräsident über die sozialen Medien, in die viele sich alternativ flüchten, nur drohend zu sagen weiß, daß sie von Lüge, Haß und Hetze durchflutet würden. Das ist geeignet, Frustration und Angst auszulösen. Angst ist ein apolitischer Zustand, der zu Opportunismus und Mitläufertum führt, also genau zu dem, was doch „nie wieder“ geschehen sollte.

„Extremisten tragen Feindschaft in das soziale Leben und zerstören das Vertrauen in der Gesellschaft – bürgerliche Politik baut Vertrauen auf und stiftet Zusammenhalt“, weiß Steinmeier. Extremisten stehen rechts, die bürgerliche Mitte, also die etablierte politische Klasse, hingegen steht für „Freiheit, Verantwortung, Gemeinschaftssinn, Vernunft, Augenmaß.“ Gewiß, das ist so freiheitlich wie die frühmorgendliche Hausdurchsuchung wegen eines spöttischen Tweets. So verantwortungsvoll wie die grenzenlose Migrationspolitik. So gemeinschaftsstiftend wie der „Kampf gegen Rechts“ und die Cancel Culture. So vernünftig wie die Energiewende und die Deindustrialisierung in ihrem Gefolge. So maßvoll wie die 500 Milliarden Euro Zusatzschulden, die als „Sondervermögen“ deklariert werden.

Kein Wunder, daß immer mehr Bürger das Gefühl haben, daß die Inhaber der Staatsmacht gegen statt für sie arbeiten und nach Alternativen suchen. Mit seiner rhetorisch, intellektuell und staatspolitisch peinlichen Rede vom 9. November ist Frank-Walter Steinmeier weder der NS-Vergangenheit noch der Gegenwart gerecht geworden. Er hat die Nomenklatura verteidigt, der er angehört. Das ist, um das mindeste zu sagen, pietätlos, egoistisch und bösartig.
… Alles vom 14.11.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 47/25, Seite 1

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(4) Karlheinz Weißmann: Rede zum 9. November „Deutschland kann nur durch Deutschland gerettet werden“
Wie Sie der Einladung entnehmen konnten, feiern wir „35 Jahre deutsche Einheit“. Womit eine recht kühne Behauptung aufgestellt ist. Nämlich die, daß der 9. November 1989 eine Entwicklung eingeleitet habe, die letztlich zur Wiedervereinigung geführt hat. Daß man die aber schon zum Zeitpunkt des Mauerfalls absehen konnte, wird man kaum behaupten können.
Für die Zeitgenossen war die Lage seit dem Beginn der „Friedlichen Revolution“ unübersichtlich. Als ich wenige Wochen nach dem Mauerfall, im Dezember 1989, mein Rigorosum ablegte, stellte mir mein Doktorvater – übrigens ein linker Sozialdemokrat – als erste Prüfungsfrage die, ob wir Zeugen einer „nationalen Revolution“ seien. Und meine Antwort war zögernd. Zu einer eindeutigen Bejahung konnte ich mich jedenfalls nicht entschließen.
Das hatte verschiedene Gründe: Einer lag in der Entschlossenheit der DDR-Führung, an der Behauptung zweier deutscher Nationen – einer „DDR-Nation“ und einer „BRD-Nation“ – festzuhalten, ein zweiter in dem diffusen Bild, das die DDR-Opposition abgab, deren einflußreichste Gruppen offenbar kein „nationales“ Programm hatten, und deren Basis zwischen der Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage und der Heilserwartung in die D-Mark schwankte, ein dritter in der lavierenden, wenn nicht ablehnenden Haltung des westdeutschen Establishments, das der Einheit bestenfalls indifferent gegenüberstand, und ein vierter in der schwer einschätzbaren Haltung der Siegermächte.

„Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da“
Da waren die Sowjets, die ihre Beute kaum freiwillig herauszugeben bereit sein würden, aber auch die der Briten und Franzosen – also der NATO-Partner, die in längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster zurückfielen und meinten, es sei in ihrem nationalen Interesse, die Wiedervereinigung zu sabotieren. Wenn die britische Premierministerin Margret Thatcher damals bitter bemerkte: „Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da“, dann durfte sie bei François Mitterrand, dem französischen Staatspräsidenten, sicher auf Zustimmung rechnen.
Die einzigen, die mit erstaunlicher Konsequenz an ihrem in der Vergangenheit abgegebenen Versprechen festhielten, sich für die deutsche Einheit einzusetzen, waren die Amerikaner. Natürlich nicht aus lauter Selbstlosigkeit, aber in dem Wissen, daß es auf dem Kontinent nach Lage der Dinge nur eine Nation gab, die für das Konzept „partnership in leadership“ – Partnerschaft in der Führung – geeignet war: die deutsche.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Wenn es nach dem Mauerfall innerhalb weniger Monate zur Wiedervereinigung https://www.ostbeauftragte.de/ostb-de/themen/35-jahre-deutsche-einheit kam, dann nicht, weil das eine Zwangsläufigkeit war, sondern das Ergebnis einer – für die deutsche Geschichte ungewöhnlichen – Verkettung glücklicher Umstände.

Der 9. November 1989 war ein Höhepunkt der nationalen Geschichte
Schon im Frühjahr 1990 jedenfalls schien sich die Lage dahingehend geklärt zu haben, daß es nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR gehe. Damals lernte ich bei einer Veranstaltung Arnulf Baring persönlich kennen. Baring war in der alten Bundesrepublik eine feste Größe, wenn es um die öffentliche Debatte ging. Professor, jemand, der mit dem Linkstrend der sechziger Jahre Karriere gemacht, sich aber immer eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils bewahrt hatte und nach und nach zu besseren Einsichten gekommen war. Die Bild-Zeitung apostrophierte ihn einmal als den „klügsten Professor der Bundesrepublik“.
In jedem Fall war er ein wacher Beobachter, und im Vorfeld der Wiedervereinigung ging es ihm um den zukünftigen Status Deutschlands und um dessen Selbstverständnis. In dem Zusammenhang sprach er sich bei unserer Unterhaltung entschieden für den 9. November als zukünftigen „Tag der deutschen Einheit“ aus. Alle üblichen Einwände – der Zusammenhang mit dem Datum des Hitler-Putsches von 1923 und dem Pogrom von 1938 – wischte er beiseite. Für ihn war entscheidend, daß der 9. November seit 1989 für einen Höhepunkt der nationalen Geschichte stehe, geeignet, die Deutschen mit Stolz zu erfüllen, weil sie ein tyrannisches Regime beseitigt hatten. Und solcher Stolz sei notwendig, um die Stellung Deutschlands in Europa zu bestimmen und nach der formellen auch die innere Einheit zu vollenden.

Die politische Linke neigt seit den 1960er Jahren zum nationalen Selbsthaß
Daß dem erhebliche Widerstände entgegenstanden, war uns beiden klar. Auch wenn wir uns in der euphorischen Stimmung dieser Monate nicht vorstellen konnten, wie groß sie sein würden. Tatsächlich schien es so, als ob die Vaterlandsverächter in die Defensive geraten seien und ansonsten würde der Fortgang der Ereignisse wie von selbst einen neuen nationalen Konsens entstehen lassen. Aber: Wenn es eine Fehleinschätzung der Lage gab, dann diese. Denn nach relativ kurzer Zeit sollte sich zeigen, daß die „Deutsche Frage“ keineswegs erledigt war, sondern in anderer Weise als zuvor auf der Tagesordnung stand, und daß es sehr verschiedene Vorstellungen davon gab, wie sie zu beantworten sei. Grob gesagt, bestimmten drei Meinungslager den Ton: die Antipatrioten, die Habermasianer und die Kohlisten.

Zu den wichtigsten Trägern des Antipatriotismus gehörte und gehört die politische Linke. Nicht weil das Proletariat kein Vaterland hatte oder am Patriotismus eines Julius Leber oder Kurt Schumacher Zweifel erlaubt sind, sondern weil ihre Führung seit den 1960er Jahren zu nationalem Selbsthaß neigt. Das ist kein rein deutsches Phänomen, aber auch hier sind wir besonders gründlich. Erinnert sei daran, daß der SPD-Vorsitzende Willy Brandt die Wiedervereinigung zur „Lebenslüge“ der Deutschen erklärt hatte und einer seiner Nachfolger – Oskar Lafontaine – noch im Vorfeld der Einheit meinte, es bleibe besser bei zwei deutschen Staaten.
Brandt und Lafontaine ist immerhin zuzugestehen, daß sie gewisse realpolitische Argumente für ihre Haltung hatten. Das unterschied sie von den Erben der Achtundsechziger, parteipolitisch organisiert in Gestalt der Grünen. Da wäre etwa Claudia Roth zu nennen, die – als sie noch nicht in den Rang einer Kulturstaatsministerin aufgestiegen war – hinter einem Transparent marschiert ist, auf dem „Nie wieder Deutschland“ zu lesen stand, oder daran, daß ihr Partei- und Kabinettskollege Robert Habeck meinte: „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“

Wie Jürgen Habermas das „postnationale Zeitalter“ vorbereitete
Und Felix Banaszak, der heute amtierende Co-Vorsitzende der Grünen, kann sich lediglich zu einer Liebeserklärung an seine Heimatstadt Duisburg durchringen, aber Deutschland ist ihm nichts. Eine Auffassung, die keineswegs isoliert dasteht. Sie findet sich so oder so ähnlich vor allem in den gebildeten Ständen verbreitet, die mehrheitlich links ausgerichtet sind: Von den Verantwortlichen wie den Journalisten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks über das Personal der Bildungseinrichtungen bis zu den Geistlichen der großen Kirchen. Wobei sich der Antipatriotismus heute noch auf das engste mit Antifaschismus und Antirassismus verbindet und mit sämtlichen intellektuellen Moden, vom Wokismus über den Postkolonialismus bis zur Theorie Kritischen-Weiß-Seins.

Der Einfluß dieser Ideologien ist allerdings nicht zu erklären ohne die Deckung, die sie aus dem zweiten Meinungslager erhalten, von dem hier die Rede sein muß: den Habermasianern, so benannt nach Jürgen Habermas, der nicht ganz zufällig als „Staatsphilosoph der Bundesrepublik“ gilt. Gemeint ist da die späte Bundesrepublik, nicht die des Wiederaufbaus nach dem Zusammenbruch von 1945, sondern die, die infolge eines Vorgangs entstand, den Habermas als „Fundamentalliberalisierung“ bezeichnet hat. Der sollte den Übergang in ein „postnationales“ Zeitalter vorbereiten.
Alle politischen Stellungnahmen von Habermas gegen das, was er „DM-Nationalismus“ nannte, um die Wiedervereinigung zu diskreditieren, dienten wie das Plädoyer für den europäischen Superstaat dem Zweck, den Deutschen auszureden, was er eine „konventionelle“ Identität nannte: also eine, die aus dem folgt, was man üblicherweise Nationalstolz nennt.

Kohl hat die D-Mark für Mitterrand geopfert – ein „Versailles ohne Krieg“
Dazu entwickelte Habermas eine neue politisch-moralische Doktrin, die außerordentlichen Einfluß gewann: Die beruhte – und beruht – auf der prinzipiellen „Anerkennung des Anderen“, der keinen Nachteil gegenüber dem „Eigenen“ haben darf, etwa als Nichtbürger gegenüber dem Bürger; der Forderung, daß die Deutschen ihr Selbstverständnis nur aus ihrer Kollektivschuld ableiten dürfen und ihr Beitrag zum „Projekt der Moderne“ darin zu bestehen hat, sich klaglos in einen „Westen“ hinein aufzulösen, der als Vorbild des künftigen „Weltstaats“ ohne Völker auskommt, weil er nur noch freischwebende Individuen kennt, die sich „universalen“ Werten verpflichtet fühlen.
Obwohl das angesichts der Rolle, die Helmut Kohl als „Kanzler der Einheit“ gespielt hat, ganz unwahrscheinlich schien, haben er und seine Anhänger – die Kohlisten – dieses Programm letztlich akzeptiert. Fragt man nach dem rationalen Kern ihres Verhaltens, wird man sagen müssen, daß die Kohlisten nicht nur ganz ernsthaft an die westliche Wertegemeinschaft und daran glaubten, daß das Zeitalter der Nationalstaaten vorbei sei, sondern auch, daß man alles tun müsse, um eine neuerliche „Einkreisung“ Deutschlands zu verhindern.
Wenn Kohl also die D-Mark geopfert hat, weil sein „Freund“ Mitterrand diesen Preis für die Zustimmung zur Einheit verlangte, und er hinnahm, daß die Franzosen nach dem Abschluß des Vertrags von Maastricht noch einmal triumphieren konnten – das sei „wie Versailles, nur ohne Krieg“ -, dann nicht deshalb, weil er naiv war, sondern weil er hoffte, mit der Selbstfesselung Deutschlands das Wiederaufflammen alter Ressentiments und eine neuerliche Isolierung verhindern zu können, aber auch, weil er überzeugt war, daß man die Deutschen vor sich selbst schützen müsse, indem man ihnen bestenfalls eingeschränkte Souveränitätsrechte zubilligte und sie daran hinderte, im Niemandsland zwischen Ost und West herumzuirren.

Soll Deutschland zukunftsfähig sein, muß es eine „selbstbewußte Nation“ werden
Diese Einstellung erklärt nicht zuletzt, warum die Kohlisten nie bereit waren, dem vierten – und jüngsten, eigentlich erst mit der Wiedervereinigung entstandenen – Meinungslager Unterstützung zu gewähren. Gemeint sind die „Normalisierungsnationalisten“. Den Begriff hat Peter Glotz, der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD und fraglos einer der klugen linken Köpfe geprägt. Er war negativ gemeint, aber nicht ganz unzutreffend. Denn entgegen allen Erwartungen entstand am Beginn der neunziger Jahre eine Gruppe aus Männern und Frauen sehr verschiedener Herkunft – enttäuschte Grüne, enttäuschte Sozialdemokraten, Nonkonformisten, nationale Liberale, Konservative und Neurechte -, die sich in einem Punkt einig waren: Deutschland mußte, wenn es zukunftsfähig sein wollte, eine „selbstbewußte Nation“ werden, um den Titel eines damals breit diskutierten Buches zu zitieren.
Die Erwartung dieser Normalisierungsnationalisten, daß man ihre Auffassungen als legitim anerkennen und ihnen im politischen Spektrum einen Platz einräumen würde, hat sich aber sehr schnell als Illusion erwiesen. Für die Antipatrioten waren sie selbstverständlich „Nazis“, für die Habermasianer „Jungkonservative“, die Deutschland zurück auf den „Sonderweg“ locken wollten, der irgendwie in einem zweiten Auschwitz enden mußte, und für die Kohlisten problematische Anhänger einer Realpolitik, von der man nichts mehr wissen wollte und unliebsame Konkurrenten, die die Berliner Republik tatsächlich als etwas Neues verstanden, nicht als remake der Bonner Republik.
Mustert man heute das politische Minimum der Normalisierungsnationalisten durch – Förderung der nationalen Identität, Schluß mit der Masseneinwanderung, Kampf gegen die destruktiven Kräfte in der Gesellschaft, starker Staat und starke Wirtschaft, Schutz der Grenzen und Verteidigungsfähigkeit –, stellt man fest, daß das meiste davon, wenn nicht mehrheitsfähig, dann doch Ausdruck dessen ist, was seit der „Zeitenwende“ eine erhebliche Resonanz findet. Noch bedeutsamer als das ist aber, daß es heute eine starke, organisierte Kraft in Deutschland gibt, die vieles von dem, was damals nur Theorie war, als ihr Programm betrachtet.

Der Mauerfall bedeutete kein „Ende der Geschichte“
Womit noch nichts entschieden ist. Denn zwischen einem Programm und seiner Verwirklichung steht die Notwendigkeit, sich die Macht zu verschaffen, die man zur Umsetzung braucht. Das ist keine Platitude. Denn zum Erbe von `89 gehört auch die zähe Illusion vom „Ende der Geschichte“: die Vorstellung, daß wir nur noch als Weltbürger leben müssen, die Globalisierung genießen und gutes Geld verdienen, um komfortabel tun und lassen zu können, was wir wollen.
Aber damit ist es nichts, und: Kein „Ende der Geschichte“ heißt auch kein „Ende der Politik“: Also keine Erlösung von Macht und Geographie und dem Konflikt der Interessen, kein internationales System mit nur einem Pol, keine feministische, nicht einmal eine „regelbasierte“ Außenpolitik, keine Stabilität von „Hippiestaaten“, die ihre Regierungen nach irgendwelchen Quoten bilden, aber keine Kontrolle über das „Stadtbild“ ihrer Metropolen oder ihrer Durchschnittskommunen haben.
Im Sinne Karl Freiherr vom Steins: „Deutschland kann nur durch Deutschland gerettet werden“
„Politik ist das Schicksal“ hat Napoleon gesagt, und damit nicht das tägliche Klein-Klein in irgendwelchen Ausschußsitzungen gemeint, das ewige Durchwursteln oder die Intrige oder den faulen Kompromiß. Politik ist im letzten darauf ausgerichtet, das Gemeinwesen in Form zu bringen und in Form zu halten. Das setzt harte sachliche Arbeit für das voraus, was man das Gemeinwohl nennt.

In diesem Sinn hat unser Gegen-Napoleon – Karl Freiherr vom Stein – in einer Situation, in der die Nation machtlos und zersplittert war, Verräter auf manchem Thron saßen und sich die Intelligenz in Opportunismus übte, erklärt, es gehe zuerst um die „Belebung des Gemeingeistes und Bürgersinns, die Benutzung der schlafenden oder falsch geleiteten Kräfte und der zerstreut liegenden Kenntnisse, der Einklang zwischen dem Geist der Nation, ihren Ansichten und Bedürfnissen und denen der Staatsbehörden, die Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre“. Und zuletzt: „Deutschland kann nur durch Deutschland gerettet werden“.
… Alles vom 12.11.2025 von Karlheinz Weißmann bitte lesen auf
https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2025/deutschland-kann-nur-durch-deutschland-gerettet-werden/

„Deutschland kann nur durch Deutschland gerettet werden“ – Karlheinz Weißmann’s Rede zu 35 Jahren Deutscher Einheit am 9. November auf Youtube
9.11.2025, https://www.youtube.com/watch?v=2RJ4UBnUmLo (41 min)
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