Hülsenfrüchte

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Blick von Salenstein/Arenenberg (CH) nach Norden über den Untersee zur Reichenau am 3.5.2021

  • Landwirte entdecken die Kichererbse für sich (31.7.2021)

 

Landwirte entdecken die Kichererbse für sich
Bisher werden die eiweißreichen Hülsenfrüchte in Deutschland meist importiert, doch das soll sich ändern. Auch in Südbaden wird der Kichererbsen-Anbau erprobt.
Manche feiern sie als das unterschätzte Superfood: Die Kichererbse ist reich an Mineralien, Spurenelementen und Ballaststoffen. Kommt die kugelige Hülsenfrucht in Deutschland auf den Tisch, ist sie allerdings meist importiert. In der deutschen Landwirtschaft fristen Kichererbsen bisher ein Nischendasein. Ein Acker in Forchheim am Kaiserstuhl könnte das ändern.
Auf dem Versuchsfeld des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg in Forchheim werden zwischen Sojabohnen, Erbsen und Ackerbohnen verschiedene Sorten von Kichererbsen angebaut. Projektleiterin Carola Blessing lässt das Feld ökologisch bewirtschaften.
Ein konventionell bewirtschaftetes Versuchsfeld betreut sie in Rheinstetten-Forchheim bei Karlsruhe; dort wachsen 24 Kichererbsensorten. Hinzu kommt ein halbes Dutzend Versuchsbetriebe quer über das Land verteilt, etwa am Oberrhein oder im Kreis Reutlingen, die ebenfalls mit Kichererbsen experimentieren. „Wir wollen das Potenzial der Kichererbsen testen“, sagt Blessing.
Jede Sorte stellt andere Ansprüche an den Standort, nicht jede eignet sich für einen Anbau in Deutschland. Grundsätzlich mögen es Kichererbsen warm und sonnig. Sie brauchen weniger Wasser als zum Beispiel Mais oder Soja. Das macht sie mit Blick auf den Klimawandel für die hiesige Landwirtschaft interessant. Der Versuchsanbau ist Teil der sogenannten Eiweißinitiative Baden-Württemberg, die seit 2012 läuft. Deren Ziel ist es, den heimischen Anbau von Hülsenfrüchten sowie Absatz- und Vermarktungsmöglichkeiten zu fördern.

„Wir haben in Deutschland eine Eiweißlücke“, sagt Blessing. Die Bundesrepublik kann ihren Bedarf an eiweißreichen Futtermitteln für das Vieh nicht selbst decken, sondern ist auf Importe angewiesen. Das gilt insbesondere für Soja und andere Hülsenfrüchte – und zwar auch für den menschlichen Bedarf. „Bisher importieren wir einen großen Anteil unserer Hülsenfrüchte, vor allem Soja, aber zum Beispiel auch Linsen“, erläutert Blessing. Der Import bringt nicht nur weite Transportwege mit sich. Vor allem der Sojaanbau – der Großteil stammt aus den USA, Brasilien oder Argentinien – ist auch wegen des Einsatzes von Gentechnik und der Abholzung von Regenwald für die Felder umstritten. „Ziel ist es daher, unabhängiger von Importen zu werden“, betont Blessing.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts ist der Kichererbsenimport seit 2019 um knapp 7000 Tonnen auf 19 300 Tonnen 2020 gestiegen. Die Nachfrage nach der Kichererbse in Deutschland wächst. „Ich gebe ihr große Chancen“, sagt Urte Grauwinkel, die in Halle zu Speisen der Zukunft forscht. „Die junge Generation entwickelt ein neues Bewusstsein dafür, weg vom Fleisch oder zumindest weniger davon, hin zu neuen, veganen Lebensmitteln“, sagt die Agraringenieurin und Umweltwissenschaftlerin. Dabei spiele die Sorge um das Klima eine große Rolle. Die Kichererbse habe großes Potenzial, der hohe Eiweißgehalt sei ein guter Proteinersatz für tierisches Eiweiß. Durch den Anbau in der Heimat könnten lange Transportwege vermieden und die Umwelt geschont werden.
Ökolandwirt Jonas Schulze Niehoff aus der Magdeburger Börde gehört zu den Pionieren des Kichererbsenanbaus in Deutschland. „Die Idee für den Anbau wurde bei uns zu Hause am Esstisch geboren. Es ging in dem Gespräch um vegane Ernährung“, sagt er. 2018 richtete er in seinem Betrieb eine Versuchsfläche von knapp einem Hektar ein. Heute, drei Jahre später, sind es schon 30 Hektar. Bei der Vermarktung setzt der 40-Jährige auf Regionalität; er verkauft seine Ernte in Unverpacktläden.

Bundesweit gibt es nach Angaben der Landwirtschaftsbranche viele Verarbeiter, die aber bisher fast ausschließlich importierte Ware nutzen. Jörn Gutowski von der Berliner Firma Zeevi, die Kofu (Tofu aus Kichererbsen) produziert, freut sich, dass er nun Kichererbsen in Bioqualität aus Sachsen-Anhalt verwenden kann. „Die Kunden fragen immer nach.“

Simon Rogowski, ein Geschäftsführer von Ministry of Cultures in Berlin, ist überzeugt: „Die Qualität ist besser als die von Importware.“ Die Berliner stellen Tempeh her. Das ursprünglich aus Indonesien stammende Nahrungsmittel besteht meist aus Soja, aber es können auch andere Bohnen, Getreide und Kichererbsen dafür verwendet werden. Rogowski ist überzeugt, dass sich der Preis der heimischen Kichererbsen nach der Testphase so entwickeln wird, dass das Produkt für Landwirte, aber auch für Verarbeiter und Kunden attraktiv werde. Bisher beschäftigen sich aber nur wenige Landwirte mit der Hülsenfrucht. Das Statistische Bundesamt erfasst Anbaufläche und Erntemenge für Erbsen, Ackerbohnen, Süßlupinen und Sojabohnen – aber nicht für Kichererbsen.

Auf dem Acker von Thomas Gäbert im brandenburgischen Trebbin liegt im zweiten Jahr in Folge der Samen für Kichererbsen im Boden. Die Pflänzchen sprießen kniehoch. „Bald steht die Ernte an“, sagt der Vorsitzende der Agrargenossenschaft Trebbin. Im Vorjahr habe er auf den 17 Hektar insgesamt 20 bis 25 Tonnen geerntet. „Das war ein Anfang.“ Insgesamt bewirtschaftet der Betrieb rund 2900 Hektar Ackerland. Noch sieht Gäbert die Kichererbse als Experiment, sie müsse sich auch rechnen.

„Kichererbsen stammen ursprünglich aus dem Himalaya“, sagt Moritz Reckling, Wissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin. Hier wird unter anderem untersucht, welche Sorten sich angesichts des Klimawandels für die hiesige Landwirtschaft eignen. Die Kichererbse komme gut mit Trockenheit zurecht. Sie werde im Mai gesät und könne im September geerntet werden. „Die Kichererbse war schon mal da“, sagt Bauer Schulze Niehoff. In deutschen Kochbüchern von 1920/30 seien Rezepte zu finden. Angebaut wurde die Frucht wohl vorrangig in Süddeutschland.

Pflanzenbauexpertin Blessing setzt große Hoffnungen in die Kichererbse. Als sogenannte Körnerleguminose könne sie zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen. „Körnerleguminosen brauchen keine Stickstoffdüngung“, erläutert Blessing. Voraussetzung sei, dass das Saatgut vor der Aussaat mit bestimmten Bakterien geimpft werde, die Stickstoff aus der Luft binden und in organischen Verbindungen umwandeln können, die von den Pflanzen als Stickstoffquelle genutzt werden können. Durch diese Symbiose mit den Bakterien können Hülsenfrüchte Stickstoff im Boden anreichern, der dann nachfolgenden Pflanzen zur Verfügung steht. Ihr Anbau kann außerdem die Bodenstruktur verbessern.

Der Anbau von Kichererbsen ist hierzulande allerdings noch so neu, dass es laut Blessing bisher kein zugelassenes Pflanzenschutzmittel gibt. „Daher bietet sich die Kichererbse im Moment vor allem für Biobetriebe an“, sagt die Projektleiterin. Auch die Vermarktungswege seien erst in der Entwicklung; „die Pioniere nutzen Direktvermarktung, lokale Gastronomie oder Unverpacktläden“.
Dass das Interesse zunehme, lasse sich auch daran ablesen, dass es in Deutschland inzwischen immerhin eine Handvoll Händler gebe, über die man Saatgut beziehen könne. „2019 war es nur aus anderen Ländern zu bekommen“, berichtet Blessing. Sie selbst hat vor einem Jahr die ersten Samen gesät. Wie es mit den Versuchsfeldern weitergeht, ist offen. Die Eiweißinitiative der Landesregierung läuft Ende dieses Jahres aus
… Alles vom 16.7.2021 von Barbara Schmidt bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/landwirte-entdecken-die-kichererbse-fuer-sich–203449679.html

Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg in Forchheim