Brombeerkopf

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Windkraftprojekt am Brombeerkopf : Antwort Kempf – Krimmel
Sehr geehrter Herr Dr. Krimmel,
vielen Dank für Ihre sachliche Rückmeldung und die Bereitschaft, zentrale Fragen rund um das Windkraftprojekt am Brombeerkopf grundsätzlich als legitim anzuerkennen. Gerade weil Sie sowohl Umweltmediziner als auch Gemeinderat sind, halte ich eine präzise und wissenschaftlich saubere Diskussion für besonders wichtig. Allerdings greift die Einordnung aus meiner Sicht an mehreren Stellen zu kurz.
Sie schreiben, es gebe „bislang keine belastbare Evidenz“, dass von Windkraftanlagen erhebliche Gefahren für Trinkwasser, Böden oder Nahrungsketten durch PFAS oder Mikroplastik ausgehen. Genau hier liegt jedoch das eigentliche Problem: Das Fehlen langfristiger belastbarer Daten bedeutet nicht automatisch das Fehlen eines Risikos – insbesondere bei vergleichsweise neuen Großanlagen mit Rotordurchmessern von deutlich über 150 Metern und Betriebszeiten über Jahrzehnte hinweg.
Rotorblatterosion ist heute ein anerkanntes technisches Problem der Windindustrie. Internationale Fachliteratur beschäftigt sich seit Jahren mit sogenannter Leading-Edge-Erosion durch Regen, Hagel, UV-Strahlung und Partikelbelastung. Selbst das US-Energieministerium (Sandia National Laboratories) beschreibt diese Erosion ausdrücklich als relevantes Problem mit Auswirkungen auf Materialverlust und Leistungseinbußen.
Gleichzeitig existieren inzwischen zahlreiche Arbeiten zur Verbreitung langlebiger Industriechemikalien und Mikroplastikpartikel in terrestrischen Ökosystemen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Rotorabrieb existiert – das ist unbestritten –, sondern welche Langzeitfolgen sich daraus in sensiblen Wald- und Quellgebieten ergeben können und ob diese bislang überhaupt ausreichend untersucht wurden.
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Die amerikanische Umweltbehörde EPA schreibt ausdrücklich, dass PFAS mit Krebs, Immunstörungen, hormonellen Eingriffen, Entwicklungsstörungen und Fruchtbarkeitsproblemen in Verbindung gebracht werden.
https://www.epa.gov/pfas/our-current-understanding-human-health-and-environmental-risks-pfas

Eine internationale Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt ausdrücklich die „Bioakkumulation in Fischen“ sowie Gesundheitsrisiken für Menschen durch den Verzehr belasteter Fischbestände.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969725020686

Eine weitere aktuelle Arbeit erklärt: „The bioaccumulation of PFAS in aquatic organisms can ultimately lead to humans.“ Also: PFAS reichern sich in Wasserorganismen an und gelangen letztlich bis zum Menschen.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12339656

Besonders brisant sind internationale Untersuchungen zur Biomagnifikation: PFAS-Konzentrationen steigen entlang der Nahrungskette teils massiv an. In marinen Nahrungsketten wurden Konzentrationen festgestellt, die tausendfach über den Wasserwerten liegen können. Wikipedia fasst dazu wissenschaftliche Literatur zusammen: Konzentrationen in Organismen können mehr als 5000-fach höher sein als im umgebenden Wasser.
https://en.wikipedia.org/wiki/PFAS

Auch die WHO-Debatte zeigt inzwischen, wie ernst das Thema international genommen wird. Die Weltgesundheitsorganisation überprüft ihre früheren Grenzwertansätze erneut, nachdem Wissenschaftler die bisherigen Werte als zu schwach kritisiert hatten
https://www.theguardian.com/us-news/article/2024/aug/13/world-health-organization-pfas-drinking-water-health-guidelines

Neuere Untersuchungen zeigen inzwischen sogar PFAS-Rückstände auf Obst und Gemüse: Eine Analyse aus Kalifornien fand PFAS-Rückstände auf 37 % der untersuchten Produkte, darunter Erdbeeren, Trauben und Steinobst.
https://www.theguardian.com/environment/2026/mar/29/pfas-residue-california-produce-analysis

International gilt inzwischen als wissenschaftlich gut belegt, dass PFAS persistent sind, sich in Umwelt und Nahrungsketten anreichern und gesundheitliche Risiken verursachen können. Besonders Wasserorganismen, Fischbestände und belastete Böden spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Langzeitfolgen vieler PFAS-Verbindungen sowie ihre kombinierte Wirkung sind jedoch weiterhin nicht vollständig erforscht.

Gerade bei PFAS und persistenten Industriechemikalien zeigt die aktuelle Forschung eindeutig:
Waldböden wirken als langfristige Speicher,
Pilze können Schadstoffe aufnehmen,
Wildschweine gelten bereits als Bioindikatoren für PFAS-Belastungen,
Nahrungsketteneffekte werden zunehmend untersucht,
in mehreren Regionen existieren bereits Verzehrwarnungen für belastetes Wild.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir das Vorsorgeprinzip zentral. Denn die öffentliche Debatte wird häufig so geführt, als müsse zunächst ein endgültiger Schadensnachweis vorliegen, bevor kritische Fragen berechtigt wären. Genau das widerspricht jedoch dem modernen Umweltrecht, das gerade bei langlebigen und potenziell irreversiblen Stoffeinträgen auf Vorsorge, Monitoring und Risikominimierung setzt.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den ich in Ihrer Antwort nur teilweise berücksichtigt sehe: die langfristige Haftungs- und Rückbauproblematik. Windparks werden häufig über Projektgesellschaften mit begrenzter Haftung betrieben. Gleichzeitig reden wir am Brombeerkopf nicht über einen Eingriff auf einer Industriebrache, sondern mitten in einem gewachsenen Waldökosystem mit Rodungen, Bodenverdichtungen, Kranstellflächen, Zuwegungen und massiven Fundamenten.

Deshalb bleiben aus meiner Sicht weiterhin konkrete Fragen offen:
Wie hoch sind die tatsächlich hinterlegten Sicherheitsleistungen?
Sind diese inflationsgesichert und insolvenzfest?
Wer haftet bei Betreiberwechsel oder Insolvenz?
Wer trägt die Kosten möglicher späterer Bodensanierungen?
Wie wird eine tatsächliche Renaturierung definiert und kontrolliert?
Gibt es verpflichtende unabhängige Nullmessungen von Böden, Quellwasser und Sedimenten vor Baubeginn?
Welche Langzeitmonitorings sind vorgesehen?
Gerade im Umwelt- und Trinkwasserschutz gilt normalerweise das Vorsorgeprinzip. Dieses besagt ausdrücklich nicht, dass erst ein eingetretener Schaden abgewartet werden muß. Im Gegenteil: Bei potenziell irreversiblen oder langlebigen Belastungen sind frühzeitige Schutzmaßnahmen und unabhängige Kontrollen vorgesehen.

Genau deshalb stellen sich aus meiner Sicht weiterhin zentrale Fragen:
Gibt es unabhängige hydrogeologische Langzeitgutachten?
Wurden Quellwasser, Böden und Sedimente vor Baubeginn als Nullmessung dokumentiert?
Welche regelmäßigen Kontrollen auf Mikroplastik, PFAS und andere persistente Stoffe sind vorgesehen?
Wer haftet bei späteren Belastungen des Trinkwassers?
Sind Sicherheitsleistungen auch für mögliche Umwelt- und Wasserschäden hinterlegt?
Wer trägt die Kosten möglicher Sanierungen in 20 oder 30 Jahren?
Gerade als Umweltmediziner wissen Sie vermutlich selbst, dass Belastungen im Trinkwasserbereich oft erst Jahre oder Jahrzehnte später sichtbar werden. Genau deshalb halte ich es für problematisch, mögliche Risiken heute vorschnell zu relativieren, solange wesentliche Langzeituntersuchungen für moderne Großanlagen im Wald überhaupt noch fehlen.

Sie verweisen zu Recht darauf, dass Windenergie laut IPCC weiterhin Teil einer klimaverträglichen Energieversorgung sei. Das bestreitet auch nicht automatisch jede Kritik. Gleichzeitig wird jedoch zunehmend relevant, dass selbst der IPCC und neuere Fachliteratur extreme Hoch-Emissionsszenarien wie SSP5-8.5 inzwischen deutlich kritischer und mit geringerer Wahrscheinlichkeit einordnen als noch vor wenigen Jahren. Genau deshalb halte ich es für notwendig, Eingriffe in Natur und Landschaft wieder stärker unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit zu diskutieren und nicht allein unter dem Eindruck früherer Worst-Case-Kommunikation.
Mir geht es ausdrücklich nicht um pauschale Ablehnung technischer Entwicklungen. Aber beim Trinkwasserschutz sollte aus meiner Sicht äußerste Vorsicht gelten — insbesondere in einer Region, die von ihren natürlichen Wasserressourcen, Waldökosystemen und empfindlichen Mittelgebirgslagen lebt.

Daher bitte ich den Gemeinderat beziehungsweise die zuständigen Stellen ausdrücklich darum, die oben genannten Fragen zu Trinkwasserschutz, hydrogeologischen Gutachten, Langzeitmonitoring, Mikroplastik- und PFAS-Belastungen, Haftung, Rückbau, Sicherheitsleistungen, Betreiberverantwortung sowie möglichen Stoffeinträgen nachvollziehbar, belastbar und öffentlich transparent zu beantworten. Gerade bei einem derart sensiblen Eingriff in Wald-, Quell- und Wasserschutzräume sollte aus meiner Sicht vollständige Transparenz gegenüber den Bürgern selbstverständlich sein. Nur wenn diese Fragen offen und fachlich sauber beantwortet werden, kann überhaupt eine verantwortungsvolle und langfristig tragfähige Entscheidung im Interesse von Natur, Trinkwasser und kommenden Generationen getroffen werden.
Mit freundlichen Grüßen , Adrian Kempf
8.5.2026

 

Umweltmediziner: Offene Forschung vs wiss. Erkenntnis
Sehr geehrter Herr Kempf,
vielen Dank für Ihre ausführliche Nachricht und die darin formulierten Fragen und Bedenken zum Windkraftprojekt am Brombeerkopf.
Zunächst möchte ich betonen, dass die angesprochenen Themen – insbesondere Natur- und Artenschutz, mögliche Langzeitfolgen, Rückbauverpflichtungen sowie Transparenz bei Genehmigungs- und Kontrollverfahren – aus meiner Sicht legitime Punkte einer öffentlichen Diskussion sind. Gerade in einer landschaftlich und ökologisch sensiblen Region wie dem Schwarzwald ist es wichtig, Eingriffe sorgfältig abzuwägen und nachvollziehbar zu kommunizieren.
Gleichzeitig halte ich es als Umweltmediziner für besonders wichtig, zwischen offenen Forschungsfragen und wissenschaftlich bereits belegten Risiken zu unterscheiden. Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es bislang keine belastbare Evidenz dafür, dass von Windkraftanlagen erhebliche Gefahren für Trinkwasser, Böden oder Nahrungsketten durch PFAS oder Mikroplastik ausgehen. Forschung zu Materialabrieb und Recyclingfragen findet statt und sollte selbstverständlich weiter aufmerksam verfolgt werden.
( Wissenschaftlich faire Einordnung – Rotorblattabrieb existiert und wird wissenschaftlich untersucht. Nach aktuellem Kenntnisstand ist seine Umweltrelevanz jedoch deutlich geringer als die großer etablierter Quellen wie Reifenabrieb oder Straßenverkehr.)
Daraus allein lässt sich aus meiner Sicht nicht ableiten, dass Umweltfragen grundsätzlich ungeklärt oder unbeachtet seien. Entscheidend ist vielmehr, dass Genehmigungen rechtsstaatlich, transparent und unter Einhaltung aller fachlichen Anforderungen erfolgen. Die Fragen nach Rückbau, finanziellen Sicherheiten und langfristiger Verantwortung sind dagegen sehr konkrete und berechtigte Punkte. Hier sehe ich durchaus die Aufgabe von Gemeinderäten und Genehmigungsbehörden, auf belastbare vertragliche und rechtliche Absicherungen zu achten.
Was die klimapolitische Einordnung betrifft, bleibt Windenergie nach Einschätzung des Weltklimarats IPCC weiterhin ein wichtiger Bestandteil einer klimaverträglichen Energieversorgung mit vergleichsweise geringen Lebenszyklus-Emissionen. Das bedeutet jedoch nicht, dass einzelne Projekte nicht kritisch geprüft oder diskutiert werden dürfen.
Ich halte deshalb eine sachliche Debatte ohne gegenseitige Unterstellungen für wichtig. Weder pauschale Verharmlosung noch grundsätzliche Ablehnung helfen aus meiner Sicht weiter. Ziel sollte vielmehr sein, Klima-, Natur- und Gemeinwohlinteressen verantwortungsvoll gegeneinander abzuwägen.
Vielen Dank nochmals für Ihre Anregungen und den Hinweis auf Ihren Hintergrundtext.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Krimmel, Umweltmediziner , Gemeinderat in Stegen, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen

7.5.2026 ,  gemeinderat.peter.krimmel@posteo.de