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  • Altbauexperte Willi Sutter: Sanierung vor Neubau (9.7.2026)

 

Altbauexperte Willi Sutter: Sanierung vor Neubau
Willi Sutter hat viele Spuren in der Region hinterlassen. Mit den von ihm gegründeten Unternehmen Sutter3, der IG Klösterle oder der Wohnbaugesellschaft Bogenständig hat er viele, teils Jahrhunderte alte Anwesen saniert und weiterentwickelt. Mit dem Klösterle in Neustadt fing in den 1980ern alles an. Weitere Beispiele sind die Kirchzartener Rainhofscheune, der Bruderhof in Menzenschwand, die Glottertäler Schlossmühle oder die Sanierung der Freiburger „Knopfhäusle-Siedlung“, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden war. Im Freiburger Stadtteil Weingarten zählt das Holzhochhaus Buggi-52, das über einem Supermarkt errichtet worden ist, zu seinen Referenzen.

Über 100 Kulturdenkmäler, historische und reizvolle Gebäude neueren Datums, so manche preisgekrönt, sind es im Laufe der Jahrzehnte geworden. Willi Sutters Credo ist dabei immer gleich. Er verbindet Altes mit Neuem. Vereint Tradition und Zukunft. Und behält dabei die Nachhaltigkeit im Blick. Das fängt bei der Vorliebe für den ur-schwarzwälderischen Baustoff Weißtannenholz an, geht über die Schaffung bezahlbarer Lebensräume für Menschen, denen der Wohnungsmarkt sonst keine Chance bietet, bis zum klimaschonenden Bauen und energiesparendem Wohnen.
Dass es einen Markt gibt für das Leben abseits von Reihenhaus, Wohnblock oder 3-Zimmer-Küche-Bad, zeigt auch die BZ-Serie „Ungewöhnlich wohnen – Menschen und ihr besonderes Zuhause“. Aber warum richtet jemand einen Altbau mit schiefen Wänden und abschüssigen Fußböden aufwändig her? Warum wollen Menschen in Gebäuden leben, die ursprünglich nicht fürs Wohnen gedacht waren, wenn es auch Neubauten gibt, lotrecht und bezugsfertig?

Willi Sutter hat aus jahrzehntelanger Erfahrung die Antwort: „Als ich in den 80er-Jahren mit der Sanierung von Häusern anfing, dominierte die Abrisswelle. Es wurden mehr Gebäude zerstört als im Krieg. Diese Haltung hat sich geändert. Heute ist das Bewusstsein für historische Substanz und ihre Qualitäten größer. Viele Menschen haben eine starke Verbundenheit zu einem alten Gebäude“, sagt er.

Gründe gibt es viele. Die einen entscheiden sich dafür, weil das Anwesen seit Generationen im Familienbesitz ist. Andere werfen einen Blick in die neue Versteigerungsliste oder ein Immobilienportal, entdecken dort ihr zukünftiges Zuhause, von dem sie vor fünf Minuten noch gar nicht wussten, dass sie genau das gesucht haben. Ob traditionsbewusst oder schockverliebt: Ist die Entscheidung für einen Altbau oder ein bestehendes Gebäude gefallen, braucht es jemanden, der aus den Wohnträumen Realität macht. Willi Sutter ist so einer.

Geschult hat ihn das Leben. „Mein Weg war ein praktischer. Ich bin Autodidakt“. Nach dem Abitur, mit 20 Jahren, hat er mit dem Sanieren von Häusern begonnen. „Ich habe auf dem Bau gearbeitet, verputzt, Fliesen gelegt, Heizungsbau gemacht, ein Haus nach dem anderen mit anderen zusammen saniert.“ Und er hat sich mit Fragen der Finanzierung und Umsetzung der Projekte beschäftigt. „Dadurch kenne ich die handwerkliche und die wirtschaftliche Seite.“

Die Entscheidung für einen Altbau ist in der Regel eine Bauchentscheidung, sagt Sutter: „Zunächst ist es oft die Begeisterung: Ein altes Haus gefällt. Es sieht schön aus, ist nicht von der Stange. Altbauten haben einen Charakter, den viele Neubauten nicht bieten.“

Im zweiten Schritt kommen die praktischen Fragen und die der Perspektiven eines solchen Projekts: Lassen sich Individualität und Alltag unter einen Hut bringen? „Wenn man älter wird, spielen Dinge wie Barrierefreiheit, Türbreiten oder bodenebene Duschen eine Rolle.“ Wähend der Planung merkten die Leute oft: Das geht. „Sie erhalten Räume mit historischen Elementen, aber auch genügend Licht und Komfort.“ Aber geht das alles im Neubau nicht viel einfacher? „Wir schaffen das im Altbau genauso – in Abstimmung mit der Denkmalpflege und mit heutigen technischen Möglichkeiten. Wir bauen auch viele Objekte für Menschen mit Behinderungen um.“

Am Beginn solcher Projekte steht die Bestandsaufnahme. Pläne und Daten zum Gebäude werden benötigt. Aus den Gesprächen mit den zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern entsteht ein Flächenkonzept – keine detaillierte Planung, denn solche Architektenleistungen kosteten sofort Geld, sagt Sutter. „Wir legen fest: hier eine Wohnung, dort ein Bad, hier eine Ferienwohnung, dort ein Gewerberaum. Wir prüfen, wo es statisch funktioniert, ob die vorhandenen Flächen passen, wie wir mit möglichst wenigen Eingriffen auskommen.“ Die Leitfrage lautet dabei: „Wie arbeitet man mit dem Gebäude – und nicht gegen das Gebäude?“

Wenn das Flächenkonzept steht, geht es an die wirtschaftlichen Fragen: Wie viel Eigenkapital ist vorhanden, wie viel muss finanziert werden? Gibt es Zuschüsse? Wie sehen die steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten aus? Gerade bei Denkmalen und in Sanierungsgebieten seien sie höher als bei normalen Gebäuden. „Für viele ist die Altbausanierung am Ende kostengünstiger als ein Neubau“, sagt Sutter. Wobei der Begriff „Altbau“ relativ ist. „Auch in früheren Jahrhunderten wurde verändert, modifiziert, erneuert. Man hat es deshalb fast nie mit dem Ursprungsbau zu tun, der seine historische Substanz vollständig bewahrt hat.“ Und weil über die Jahrzehnte oder Jahrhunderte die Baustile und Nutzungen ihre Spuren hinterlassen haben, ist die Herangehensweise jeweils individuell.

Dass Altbausanierung auch klimapolitisch wichtig ist, darauf hat Sutter schon hingewiesen, als das Thema Klimawandel höchstens in Expertenkreisen diskutiert worden ist. „Ein großer Teil des weltweiten CO2-Ausstoßes wird durch das Bauen verursacht. Wenn ich einen Altbau erhalte und saniere, spare ich gegenüber einem Abriss mit anschließendem Neubau Emissionen ein.“ Deswegen ist Sutter überzeugt: „Die Sanierung muss im Zentrum stehen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Jeder Bauherr, der ein vorhandenes Gebäude schön findet, tut gleichzeitig etwas für die Umwelt.“
Alte Gebäude oder ungenutzte Scheunen, die noch saniert werden oder im Zuge von Nachverdichtungen für neuen Wohnraum sorgen können, gibt es laut Sutter in der Region genug. Aber was ist mit dem, was seit den 1970ern entstanden ist – rechteckig, praktisch, gut? „Viele Neubauten seien serielle Einheitsarchitektur, weil das kostengünstiger sei und damit der wachsende Bedarf für Wohnungen leichter gedeckt werden konnte und kann.“ Unterschiedliche Fassadenfarben für Gebäude, die alle mal gleich verputzt wurden, könnten ganze Straßenzüge verändern. Fensterläden, Fenster in unterschiedlichen Größen, „ich kann an der Fassade mit Holz arbeiten, da bekomme ich gleich einen ganz anderen Charakter“.
Ob Gemäuer aus dem 18. Jahrhundert oder bundesrepublikanischer Standardbau: Ein Zuhause mit eigenem Gesicht ist für Sutter keine Frage des Baujahrs. Und auch kein Argument, um neu zu bauen: „Am Ende braucht niemand einen Stararchitekten für ein individuelles Haus“. Der Bestand gibt es her.
… Alles vom 9.7.2026 von Peter Disch bitte lesen auf https://www.badische-zeitung.de