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Blick vom Schauinsland über Stohren und Münstertal ins neblige Rheintal 11/2021
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Am 27. November jährt sich die Bombardierung Freiburgs zum 80. Mal
Ein Freiburger Schicksalstag
In den Abendstunden des 27. November 1944 ging das alte Freiburg im Feuersturm eines zwanzigminütigen Großangriffs der britischen Royal Air Force zugrunde. Die Altstadt lag zu 80 Prozent in Trümmern, angrenzende Stadtteile waren schwer getroffen worden. Ein Drittel aller Wohnungen war zerstört oder stark beschädigt. Fast 3000 Tote waren allein nach dieser Nacht zu beklagen, dazu 9600 Verletzte. Am 27. November jährt sich dieser Schicksalstag Freiburgs zum 80. Mal. Auf dieser Sonderseite blicken wir zurück auf die Ereignisse von damals und auf das Gedenken, das seither einen festen Platz im Jahresgang der Stadtgesellschaft hat.
Erstmals war Freiburg am 10. Mai 1940 von Bomben getroffen worden. Drei deutsche Flugzeuge auf dem Weg zu Zielen in Frankreich hatten ihre Bomben auf den Stühlinger geworfen. 57 Menschen, darunter 21 Kinder zwischen drei und zehn Jahren, wurden getötet. Die Reichsregierung in Berlin erklärte das Versehen zum Feindangriff und nutzte ihn für ihre Propaganda, unter anderem für die verheerende Bombardierung der britischen Stadt Coventry im November 1940.
Bis in den Oktober 1943 blieb Freiburg von größeren Bombardements weitgehend verschont. Bürgerinnen und Bürger wogen sich in trügerischer Sicherheit und vertrauten auf Aussagen wie „Freiburg ist doch Lazarettstadt“, „Hier gibt es doch nichts Kriegswichtiges“ oder „Wer wird schon eine Universitätsstadt angreifen?“ Friedlich, harmlos und fernab vom Fokus des Kriegsgeschehens – so sahen die Menschen in Freiburg ihre Heimatstadt.
„Jeder kann sich schützen“
Auch das Regime hatte den Menschen suggeriert: „Jeder kann sich vor den Bomben schützen.“ Schon kurz nach der „Machtergreifung“ war hierfür im April 1933 der „Reichsluftschutzbund“ gegründet worden, der die „Volksgemeinschaft“ systematisch auf Angriffe künftiger Feinde vorbereiten sollte. Es fanden regelmäßige Übungen statt, Hausbesitzer wurden verpflichtet, die Keller als Luftschutzräume einzurichten, die für Neubauten obligatorisch wurden. Dachböden mussten von Brandlasten befreit werden, und es war überall Lösch- und Rettungsgerät bereitzuhalten. Jedermann bekam eine „Volksgasmaske“ in Erwachsenen- und Kindergrößen bis hin zum „Luftschutzbettchen“ für Säuglinge und Kleinkinder, die vor Gasangriffen schützen sollten. In allen öffentlichen Bauten waren die Wege zu den Luftschutzkellern mit Leuchtfarbe ausgeschildert, und überall in der Stadt verwiesen Pfeile auf Fluchtwege zum Schlossberg oder in den Colombipark. Entlang der Bächle hatte man Geländer installiert, damit man bei ausgeschalteter Straßenbeleuchtung sicher in die Schutzräume gelangte. Da Freiburg insgesamt als nicht sehr gefährdet galt, wurden hier im Gegensatz zu anderen Städten kaum bombensichere Schutzbauten für die Zivilbevölkerung geschaffen In der Verwaltung dagegen war man sich der drohenden Gefahren schon lange bewusst. Maßnahmen zur Sicherung von Kulturgut hatten die Reichsbehörden in Berlin schon 1938 angeordnet; in Freiburg wurden bereits im Sommer 1939 wichtige Kunstwerke des Augustinermuseums eingelagert und die mittelalterlichen Glasfenster des Münsters ausgebaut. Reichsweit war die Dokumentation des historischen Baubestands verfügt worden. Das Freiburger Hochbauamt beauftragte 1943 die Münchner Fotografin Ruth GroßAlbenhausen, alle Altstadtstraßen systematisch aufzunehmen „damit für den Fall eines Fliegerangriffes und einer Zerstörung des Altstadtbildes photographische Unterlagen zur Hand sind“.
Ein ruhiger Frühwintertag
Der 27. November 1944, ein Montag, war ein ruhiger und schöner Frühwintertag, mit etwas Nebel, danach sonnig und recht kalt. Gegen Abend hatte der „Höllentäler“ als Windzug von Südosten her eingesetzt – ein Umstand, der später die Richtung des Bombenteppichs be- einflussen sollte. Freiburg bereitete sich auf eine ruhige Nacht vor. Wie überall im Reich herrschte Verdunklungspflicht, aber Lokale und Kinos hatten geöffnet und waren teilweise gut besucht.
„Ein brüllendes Flammemeer“
Die meisten Menschen in der Stadt traf der vom Bomber Command in Großbritannien akribisch geplante und „Tigerfish” genannte Luftangriff zwischen 19.55 und 20.18 Uhr nahezu unvorbereitet, zumal erst kurz zuvor Alarm gegeben wurde. Am Nachmittag des 27. November war Offenburg angegriffen worden, und man hatte nicht mit einem zweiten Angriff in der Region am selben Tag gerechnet. In zwanzig Minuten warfen 351 Flugzeuge über 3000 Sprengbomben und mehr als 11.000 Brandbomben mit einem Gesamtgewicht von über 1700 Tonnen über Freiburg ab. In der Innenstadt wütete ein Feuersturm. Ein Zeitzeuge berichtete: „Das Stadtzentrum war ein einziges tobendes, brüllendes, prasselndes, knatterndes Meer aus Flammen, das seine Wogen hoch in den Nachthimmel hinauf spritzte und quer durch die Straßen schleuderte, das sich gar nicht rasend genug gebärden konnte.“
Der Angriff hatte vor allem den historischen Stadtkern getroffen, von dem nur das Gebiet um Oberlinden und Schwabentor weitgehend verschont blieb. In der übrigen Innenstadt, in der Neuburg, in Herdern und im Stühlinger lagen ganze Straßenzüge in Trümmern. Schwer getroffen waren das Institutsviertel der Universität und das Klinikum. Auch der Hauptfriedhof war von Bomben geschädigt worden, wie auch die Stadtteile Lehen und Betzenhausen. 2797 Menschen wurden allein an diesem Abend getötet, etwa 9600 wurden verletzt. Fast 6000 Wohnungen waren total zerstört, 3500 schwer und 12.000 leicht beschädigt. Insgesamt konnte ein Drittel des Wohnungsbestands der Stadt nicht mehr genutzt werden. Gas-, Wasser und Stromversorgung waren vielerorts unterbrochen. Der Angriff hatte unersetzliche Kulturwerte vernichtet oder schwer geschädigt, teils unmittelbar, teils bei Bränden an den Tagen danach, die angesichts der mit Trümmern gefüllten Straße und der zerstörten Infrastruktur nicht gelöscht werden konnten. Viele Menschen flüchteten aus Angst vor weiteren Angriffen aus der schwer getroffenen Stadt, von deren 110.318 Einwohnern bei Kriegsbeginn nur noch 57.974 verblieben waren.
Retter der Kathedrale
Inmitten der zerstörten Stadt erhob sich nahezu unbeschädigt der Münsterturm, über den der Dichter Reinhold Schneider noch zu Beginn 1944 geschrieben hatte:
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„Steh unerschütterlich, herrlich im Gemüte
Du großer Beter glaubensmächtiger Zeit! …
Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm
Doch wenn des Dichters Blitze Dich zerschlagen
Steig‘ in Gebeten kühner aus der Erde!“
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Die weitgehende Unversehrtheit des Münsters nach dem Schreckenstag löst noch heute ungläubiges Erstaunen aus, war aber nicht mehr und nicht weniger als ein ungeheurer Zufall. Zu den eigentlichen Rettern der Kathedrale wurde eine Gruppe junger Freiburger und Freiburgerinnen aus der Münsterpfarrei und den angrenzenden Gemeinden, die zusammen mit französischen Kriegsgefangenen in den Wochen nach dem Angriff das vom Luftdruck der Explosionen abgedeckte Münsterdach mit neuen Ziegeln eindeckten und so Schäden durch den strengen Winter 1944/45 verhinderten
23.11.2024, Peter Kalchthaler
Peter Kalchthaler war 1994 bis 2023 Leiter des Museums für Stadtgeschichte in Freiburg
Europaplatz/Friedrichring: 1944 und heute
Nach dem Krieg war der Norden Freiburgs lange eine Trümmerlandschaft
Von Peter Kalchthaler
Das Quartier im Norden der Altstadt wurde beim Bombenangriff im November 1944 nahezu ausgelöscht. Der Neubau erfolgte zum Teil erst Jahre später.
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Viele Freiburgerinnen und Freiburger hatten sich 1944 auch im sechsten Kriegsjahr in trügerischer Sicherheit gewiegt. Schließlich sei Freiburg nicht „kriegswichtig“, eine Universitäts- und Lazarettstadt ohne große Industrie. Zwar waren seit 1940 mehrfach Bomben gefallen, ein Flächenbombardement, wie es seit 1942 bereits die Städte Lübeck, Hamburg oder Köln getroffen hatte, konnte oder wollte man sich für Freiburg nicht vorstellen.
Die Institutionen sahen das durchaus realistischer. Bereits kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 war der Reichsluftschutzbund ins Leben gerufen worden, der die Bevölkerung auf einen Luftkrieg vorbereiten sollte. Er wurde dank Zwangsverpflichtung zum größten Verein des Reichs. Da es in Freiburg kaum öffentliche Luftschutzräume gab, wurden Keller entsprechend ausgestattet. Auf den Dachstühlen hatte Löschmaterial bereitzustehen, dessen Einsatz regelmäßig geübt wurde.
Für Neubauten, wie für das 1935/36 gebaute Verkehrsamt, und für gewerblich genutzte private Gebäude waren Luftschutzkeller vorgeschrieben. Schon ein Jahr vor dem angeblich „überraschenden“ Kriegsausbruch 1939 wurden Kunstwerke aus dem Münster und dem Augustinermuseum ausgelagert. Ab 1943 ließ das städtische Hochbauamt, veranlasst durch die Reichsbehörden, die gesamte Altstadt systematisch dokumentieren, „damit für den Fall eines Fliegerangriffes und einer Zerstörung des Altstadtbildes photographische Unterlagen zur Hand sind“, so Oberbaudirektor Joseph Schlippe in einem Schreiben wenige Wochen vor dem Luftangriff 1944.

Früher: Der Blick aus dem Leopoldring in die Friedrichstraße (heute: Friedrichring) nach Westen entstand um 1950.

Heute: Das 2017 eröffnete Motel One ist bereits der zweite Nachfolge-Neubau nach der Zerstörung des Eckhauses.
Die Bomben des 27. November zerstörten große Teile des kurz zuvor noch weitgehend intakten, über Jahrhunderte gewachsenen und veränderten Stadtbildes. Besonders schwer hatte es den Nordwesten und Norden des Stadtgebiets getroffen. Hier hatten Spreng- und Brandbomben ganze Arbeit geleistet. Vom Münsterplatz mit dem weitgehend unzerstört gebliebenen Münster ging der Blick nahezu frei zum Karlsplatz. Das seit etwa 1830 vor dem Ruinengürtel der ehemaligen Festung entstandene Klinik- und Institutsviertel der Universität mit der benachbarten evangelischen Ludwigskirche lag völlig in Trümmern.
Unter den Fotografen, die die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt dokumentiert haben, sticht Egon Fehrenbach (1908 bis 1999) hervor. Als Bewohner der Altstadt und Zeitzeuge war Egon Fehrenbach bereits unmittelbar nach dem Angriff in der Nachbarschaft unterwegs gewesen und wurde zum wichtigen Dokumentar des Zeitgeschehens, der auch immer wieder das öffentliche Leben festgehalten hat. Seine Familie betrieb die „Breisgau-Drogerie“ in der Rathausgasse 11. Schon Egon Fehrenbachs gleichnamiger Vater war als Fotograf aktiv. Auch er hatte in seiner Ausbildung zum Drogisten fundierte fotografische Kenntnisse erworben und war schon Ende der 1920er Jahre mit seiner Leica in der Stadt unterwegs. Im Sommer 1939 fotografierte er ganz privat mit einem damals extrem seltenen Farbdiafilm Szenen vom Freiburger Kreisparteitag der NSDAP – geradezu entlarvende Zeitdokumente fernab der üblichen Parteipropaganda. Einige der Bilder waren 2016 im Augustinermuseum im Rahmen der NS-Ausstellung zu sehen. Der 1944 geborene Sohn des Fotografen, auch er trägt den Vornamen des Vaters und Großvaters, hatte sie zusammen mit weiteren Aufnahmen den Städtischen Museen überlassen. Im vorigen Jahr ergänzte er die Schenkung durch eine Serie von Fotos aus dem späten 1940er und frühen 1950er Jahren. Daher stammt das gezeigte historische Bild.
Egon Fehrenbachs Foto zeigt den Blick vom Leopoldring nach Westen in die völlig zerstörte Friedrichstraße (heute: Friedrichring), die zuvor mit zahlreichen Geschäften zu Freiburgs wichtigsten Flaniermeilen gezählt hatte. Dies zeigt auch die um 1890 entstandene Aufnahme aus dem Atelier Hase & Sohn in die Gegenrichtung.
Im Anschnitt rechts erkennt man auf dem Fehrenbach-Bild den ausgebrannten Eckturm des später wiederaufgebauten Merian-Sautierschen Hauses. Auf einer Verkehrsinsel wartet eine Gruppe von Fahrgästen auf die herannahende Straßenbahn der Linie 5 nach Herdern. Die mit Werbeplakaten gepflasterte Litfaßsäule und der aus den Trümmern sprießende, schon recht hohe Bewuchs zeigen, dass die Aufnahme einige Jahre nach dem Angriff entstanden ist. Erst nach 1960 waren die Trümmergrundstücke entlang des Friedrichrings wieder komplett bebaut.
Auf dem Eckgrundstück entstand Ende der 1950er Jahre ein zweiteiliger Bürobau mit einem fünfgeschossigen Baukörper und einem westlich anschließenden Achtstöcker. Mit Flachdächern setzte sich das Gebäude samt seinen Nachbarn zwischen Habsburger- und Rheinstraße deutlich von den seitens der Bauverwaltung propagierten Grundsätzen ab und wollte offenbar an dieser wichtigen Stelle bewusst einen modernen Akzent setzen. Auch der einst unter anderem von der Rentenversicherung, dem Bertelsmann-Buchclub und dem Herdhaus Stilz genutzte Gebäudekomplex ist wieder Geschichte. Die markante Kubatur der Vorgänger nimmt – mit erhöhter Geschoßzahl – der 2017 fertiggestellte Neubau des Motel One auf, den die Frankfurter Architekten Landes & Partner geplant haben.
… Alles vom 22.11.2021 von Peter Kalchthaler bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/nach-dem-krieg-war-der-norden-freiburgs-lange-eine-truemmerlandschaft–206620953.html
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