Drohnenkrieg

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Sonnenuntergang am 21.12.2024 am Mittelmeer bei Hyeres/Toulon

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  • Drohnentechnologie als geopolitischer Machtfaktor (12.6.2026)
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Drohnentechnologie als geopolitischer Machtfaktor
Das Schlachtfeld der Zukunft
Elliot Neaman

Im Jahr 1991 führten die Vereinigten Staaten eine Form der Kriegsführung vor, die das Schlachtfeld der Zukunft einzuläuten schien. Satelliten, Tarnkappenbomber, Marschflugkörper und Flugzeugträgerkampfgruppen verhießen eine Welt, in der eine einzige Supermacht, ausgestattet mit erlesener Technologie, jedes Schlachtfeld der Erde beherrschen konnte. Drei Jahrzehnte später begraben billige Drohnen, die über den Schützengräben der Ostukraine schweben, auf Ölraffinerien in Russland zustürzen und die Schiffahrtswege im Golf durchschwärmen, diese Vision still und leise. Das Zeitalter des Großen, Glänzenden und Seltenen wird vom Zeitalter des Billigen, Klugen und Massenhaften herausgefordert. In dieser neuen Ära sind Drohnen kein bloßer Zusatz zu bestehenden Streitkräftestrukturen. Sie verändern die Ökonomie, die Geometrie und die Politik des Krieges. Diese Verwandlung untergräbt die traditionelle Dominanz der Großmächte, stärkt regionale Akteure und drängt die Vereinigten Staaten in die unbequeme Rolle einer ungebundenen Supermacht, deren Präferenzen weniger zählen als zuvor und deren hochkomplexe Arsenale für die entscheidenden Konflikte zunehmend ungeeignet sind.

Der russisch-ukrainische Krieg ist das wichtigste Laboratorium der Drohnenkriegsführung. Er bietet einen Echtzeitblick auf die entstehende taktische Struktur künftiger Kriege. Im Gegensatz zu den Schützenlöchern des Ersten Weltkriegs sind die Gräben von heute oft leer – nicht weil der Krieg weniger tödlich wäre, sondern weil das Schlachtfeld von oben nahezu vollständig transparent geworden ist. Beide Seiten setzen inzwischen Millionen kleiner, über Videobrillen gesteuerte FPV-Drohnen ein. Viele sind über Glasfaserkabel mit ihren Bedienern verbunden, die sich über 20 bis 30 Kilometer erstrecken. Anders als Funkverbindungen können diese Leitungen nicht durch elektronische Kampfführung gestört werden. Das Ergebnis ist eine schwarze Zone oder Todeszone entlang großer Teile der Front: ein Raum, in dem jeder ungeschützte Mensch und jedes Fahrzeug rasch entdeckt und vernichtet wird.

Für das geopolitische Argument ist nicht nur entscheidend, dass Drohnen funktionieren, sondern dass sie billig funktionieren. Eine kleine FPV-Drohne mag einige hundert Dollar kosten, während der Panzer oder die Selbstfahrlafette, die sie zerstört, Hunderttausende oder Millionen kostet. Ein hochwertiges Raketensystem wie das amerikanische Patriot-System kann pro Schuss mehrere Millionen Dollar kosten und wird doch womöglich eingesetzt, um eine Drohne abzufangen, die aus kommerziellen Bauteilen und chinesischer Elektronik zusammengesetzt wurde. Diese Umkehrung der Kostenkurve untergräbt das Fundament des militärischen und strategischen Denkens des 20. Jahrhunderts.

Der Ukraine-Krieg hat auch gezeigt, dass große, hochentwickelte Drohnen in umkämpftem Luftraum nicht überlebensfähiger sind als bemannte Flugzeuge. Als russische Luftabwehr und elektronische Kampfführung wirksam integriert waren, verschwanden die türkischen Bayraktar-TB2-Drohnen nahezu vollständig vom Schlachtfeld. Die Lehre daraus ist eindeutig. Westliche Streitkräfte haben über Jahrzehnte in „erlesene“ Plattformen investiert – Tarnkappenflugzeuge, schwer geschützte Kampfpanzer, komplexe Überwasserschiffe –, in der Annahme, dass bessere Sensoren, Vernetzung und Präzision es ihnen erlauben würden, billigere Systeme zu dominieren. In einer von Drohnen gesättigten Umgebung bricht diese Annahme zusammen.

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der alles Große, Langsame und Teure nahe der Front zur Belastung wird. Das gilt nicht nur für Drohnen, sondern ebenso für bemannte Flugzeuge, für große Überwasserschiffe in engen Meeren und für Panzerkolonnen, die sich weder zerstreuen noch vor permanenter Drohnenaufklärung verbergen können. Der Aufstieg billiger robotischer Systeme ist keine bloße taktische Neuerung; er stellt eine existentielle Herausforderung für die überkommenen Beschaffungsmodelle in Washington, Moskau und Berlin dar.

In Europas größter Volkswirtschaft löst dieser Wandel bereits einen industriellen und politischen Machtkampf aus. Die traditionellen deutschen Rüstungschampions, im Kalten Krieg geformt und auf Panzer, Artillerie und große bemannte Plattformen ausgerichtet, stehen einer neuen Generation von Technologieunternehmen gegenüber, die kleine, KI-gestützte Aufklärungsdrohnen, Loitering Munition und widerstandsfähige Kommunikationssysteme entwickelt.

Das Ergebnis ist eine wachsende Lücke zwischen den Waffen, für die Europas Finanzministerien bezahlen, und den Werkzeugen, deren Wirksamkeit der Krieg tatsächlich bestätigt. Wer am alten Modell großer, langsamer und technisch perfektionierter Plattformen festhält, läuft Gefahr, zur Pferdezüchteraristokratie der nächsten Generation am Vorabend des mechanisierten Krieges zu werden.

Wenn die Ukraine zeigt, wie Drohnen den konventionellen Landkrieg umgestalten können, dann veranschaulicht der Iran, wie sie asymmetrische Konflikte und die regionale Geopolitik verändern.

Seit Jahren investiert Teheran in vergleichsweise kostengünstige Drohnen und Raketen, anstatt zu versuchen, mit amerikanischen Flugzeugträgerverbänden oder modernen Kampfflugzeugen gleichzuziehen. Diese Waffen verursachen selbst deutlich wohlhabenderen Gegnern reale Kosten und können trotz Sanktionen in großer Zahl bereitgestellt werden.

Die Vereinigten Staaten können anfliegende Drohnen und Raketen abschießen. Doch sie können dies weder billig noch unbegrenzt tun. Die Bestände der Luftverteidigung sind endlich. Hochwertige Abfangraketen sind teuer. Der Iran hingegen kann weiterhin große Mengen vergleichsweise einfacher Drohnen herstellen. In diesem Sinne ist der Iran ein Lehrstück dafür, wie eine mittlere Macht unter dem Schutzschirm billiger Präzisionswaffen überleben und ihren regionalen Einfluss sogar ausweiten kann. Die Ökonomie ist dabei ausschlaggebend. Eine Drohne im Wert von wenigen tausend Dollar mit einer Millionen-Dollar-Abfangrakete zu bekämpfen, ist in einem langen Krieg ein Verlustgeschäft.

Das Rückgrat dieser billigen Drohnenrevolution befindet sich weder in der Ukraine noch in Russland oder im Iran. Es befindet sich in China. Chinesische Unternehmen produzieren den Großteil der weltweit verwendeten kommerziellen und dual nutzbaren Drohnenkomponenten. Analysten schätzen, dass rund drei Viertel oder mehr der entscheidenden Bauteile vieler FPV-Systeme an der Front chinesischen Ursprungs sind. Sowohl Kiew als auch Moskau verwandeln diese zivilen Komponenten in tödliche Waffensysteme.

Jeder westliche Versuch, technologische Dominanz allein durch die Hortung hochentwickelter Systeme aufrechtzuerhalten, dürfte daher zum Scheitern verurteilt sein. Sanktionen können die Verbreitung einfacher Robotik verlangsamen, aber nicht verhindern. Das Wissen ist vergleichsweise leicht zugänglich, und ein großer Teil der Hardware unterscheidet sich kaum von gewöhnlicher Unterhaltungselektronik.

Die billige Drohnenrevolution nivelliert das Kräfteverhältnis nicht nur zwischen einer Großmacht und ihren kleineren Gegnern. Sie verteilt Macht horizontal auf zahlreiche Staaten und nichtstaatliche Akteure. Niemand besitzt mehr ein Monopol auf Letalität.

Für Europa hat die Trump-Ära einen bereits länger andauernden Erosionsprozess amerikanischer Glaubwürdigkeit beschleunigt. Gleichzeitig machte der Krieg in der Ukraine deutlich, wie sehr Europas eigene Rüstungsindustrie durch jahrzehntelange Abhängigkeit von amerikanischer Macht geschwächt worden war. Das Zusammentreffen eines neuen, drohnengeprägten Schlachtfeldes mit einem zunehmend unzuverlässigen Amerika zwang die europäischen Eliten zu einer grundlegenden Neubewertung.

Europa beginnt, sich zunehmend als Produzent von Sicherheit zu begreifen und nicht mehr lediglich als deren Konsument. Die treibende Kraft bildet dabei immer stärker ein mittel- und nordeuropäischer Kern: Polen, die baltischen Staaten, die nordischen Länder und die Ukraine selbst. Diese Staaten wissen, dass Russland eine langfristige Bedrohung darstellt. Zugleich betrachten sie die Ukraine nicht als Hilfsempfänger, sondern als Frontstaat und Verbündeten mit der kampferfahrensten Armee Europas und einer Verteidigungsindustrie, die sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit weiterentwickelt.

Der Schwerpunkt der Nato verschiebt sich nach Osten. Im Mittelpunkt stehen zunehmend die Landes- und Luftverteidigung gegen Russland sowie die Munitionsproduktion, die Entwicklung von Drohnentechnologien und der Aufbau wirksamer Drohnenabwehr.

Die Vereinigten Staaten bleiben wichtig, sind jedoch nicht mehr der alleinige Mittelpunkt. Die amerikanische finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine bleibt von zentraler Bedeutung, doch die täglichen Dynamiken des Krieges werden zunehmend von europäischen und ukrainischen Akteuren geprägt.

Abschreckung ist heute schwieriger und unübersichtlicher als während des Kalten Krieges. Damals beruhte das strategische Gleichgewicht im wesentlichen auf nuklearen Arsenalen und einer begrenzten Zahl großer stehender Armeen. Heute können weit mehr Akteure mit vergleichsweise geringem Aufwand hochwertige Ziele bedrohen. Die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verschwimmen, wenn eine Handvoll Drohnen genügt, um eine Meerenge zu blockieren oder ein Stromnetz für mehrere Tage lahmzulegen.

Russlands Besitz von Atomwaffen hat eine direkte militärische Intervention des Westens in der Ukraine verhindert. Andere Staaten werden daraus die naheliegende Lehre ziehen: Wer einen äußeren Angriff oder einen Regimewechsel fürchtet, erhält durch eine minimale nukleare Abschreckungsfähigkeit in Verbindung mit einer leistungsfähigen Drohnen- und Raketenstreitmacht eine äußerst wirksame Versicherung.

Doch die tiefere Lehre aus der Ukraine und dem Iran lautet, dass niemand die globale Gewaltordnung künftig so beherrschen wird, wie die Vereinigten Staaten dies für kurze Zeit nach 1991 taten. Sobald Letalität billig wird, Präzisionswaffen weit verbreitet sind und industrielles Know-how sich global ausbreitet, zerfällt die Vorstellung eines wohlwollenden Hegemons, der von oben Ordnung durchsetzt. An ihre Stelle tritt eine umkämpfte Landschaft regionaler Mächte, wechselnder Koalitionen, Stellvertreterkriege und technologischer Wettläufe um billige Robotik und Raketentechnik.

Die Vereinigten Staaten bleiben ein bedeutender Akteur – vorerst sogar der bedeutendste. Doch sie könnten schon bald nur noch einer unter vielen sein: mit begrenzterem Einfluss und weniger moralischer Autorität, als sie einst für sich beanspruchten. In diesem Sinne verändert die Drohnenkriegsführung nicht nur die Taktik des Krieges. Sie legt eine tiefere Wahrheit über die Geopolitik des 21. Jahrhunderts offen.

Supermächte, deren Macht auf kostspieliger und hochkomplexer Technologie beruht, sind in Wirklichkeit verletzlicher, als sie erscheinen. Regionale Mächte hingegen, die auf günstige, anpassungsfähige Drohnen und Raketen setzen, verfügen über eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Die Kriegskunst verlagert sich vom konzentrierten Schlag der gepanzerten Faust zu den unablässigen Stichen des robotischen Schwarms. Die drohnenerfüllten Himmel der Ukraine und die asymmetrischen Angriffe des Iran sind keine Ausnahmen. Sie sind frühe Momentaufnahmen der Zukunft.

Die Vereinigten Staaten und China werden noch lange als klassische Industriesupermächte miteinander konkurrieren. Unterhalb dieser vertrauten Rivalität der Großmächte entsteht jedoch bereits eine neue Realität: ein dicht bevölkerter, von Drohnen durchdrungener Gefechtsraum, in dem zahlreiche Regionalmächte und sogar nichtstaatliche Akteure kostengünstig jene Ziele bedrohen können, die einst ausschließlich im Machtbereich der Großmächte lagen. In einer solchen Welt wird Dominanz flüchtig. Verwundbarkeit wird zu einer allgemeinen Erfahrung. Sicherheit hängt weniger von gigantischen Arsenalen ab als von der Frage, wie klug und wie verantwortungsvoll Staaten einen dauerhaften Wettbewerb um Vorteile in einem stets umkämpften Raum organisieren.
Die Zukunft des Krieges spielt sich nicht mehr nur in den Höhen strategischer Bomberverbände oder in den Tiefen nuklearer Abschreckung ab. Sie summt in geringer Höhe über Schützengräben, Raffinerien und Häfen – und kündigt eine Welt an, in der Macht breiter verteilt, Gewalt leichter verfügbar und Ordnung schwerer durchzusetzen sein wird.
… Alles vom 12.6.2026 von Elliot Neaman bitte lesen in der JF 25/26, Seite 18
https://www.junge-freiheit.de

Prof. Dr. Elliot Neaman, Jahrgang 1957, Historiker, studierte in Vancouver, Berkeley und Berlin bei Ernst Nolte, promovierte 1992 über Ernst Jünger und lehrt seit 1993 an der University of San Francisco.

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