Rüdiger Nehberg ist Abenteurer, Überlebenskünstler und Menschenrechtsaktivist. In seiner Reportage „Querschnitt durch ein aufregendes Leben“ erzählt er im Rahmen der MUNDOlogia-Reihe am Sonntag 11.11.2012 um 19 Uhr im Paulussaal, was ihn befähigt, im Abseits der Welt bestehen zu können. Im Interview spricht der 77-Jährige über Albträume, Einsamkeit und das Älterwerden.
SK: Sie kommen gerade aus Äthiopien und Katar: Was haben Sie dort gemacht?
Nehberg: In Äthiopien bauen wir eine Geburtshilfeklinik für genital verstümmelte Mädchen und Frauen des Afar-Volkes. Ich habe eine Bauabnahme machen müssen. Und in Katar haben wir etwas vor, aber das ist noch geheim…
SK: Haben Sie dieses Jahr noch weitere Reisen geplant?
Nehberg: In ein paar Tagen fahren wir nach Guinea-Bissau in Westafrika. Dort veranstalten wir zusammen mit anderen Organisationen, unter anderem der UNO, eine Konferenz mit den obersten Geistlichen des Landes – es geht um den Kampf gegen Genitalverstümmelung.
SK: Sie haben in Ihrem Leben viele schreckliche Dinge gesehen und sind selbst mehrmals in Lebensgefahr gewesen, wie auf einer drei-Mann-Expedition am Blauen Nil, als vermummte Männer Ihren Freund Michael Teichmann töteten. Haben Sie solche Erlebnisse nie traumatisiert?
Nehberg: Nein. Das schlimmste war der Mord an meinem Freund vor meinen Augen, weil er komplett unerwartet geschehen ist. Wir waren bewaffnet, was die Männer nicht gesehen hatten, und schon beim ersten Gegenschuss flohen sie. Als ich sah, dass ein Dumdum-Geschoss Michael das Gesicht herausgesprengt hatte, machte ich mir in die Hosen. Ich griff nach seinem Revolver, damit er den Männern nicht in die Hände fiel, und wir rannten zum Fluss. Es folgten fünf Tage Flucht, bis wir wieder in die Zivilisation kamen. Aber ich hätte wegen solcher Erlebnisse nie auf Abenteuerreisen verzichtet. Ich wollte immer kurz und knackig leben und nicht lang und langweilig.
SK: Diese Erlebnisse sind zu einem großen Antrieb geworden?
Nehberg: Ja. Man muss Augenzeuge mancher Dinge werden. Wenn man das nur liest, dann weint man eine Träne, aber ist nicht ausreichend motiviert, um mit aller Entschiedenheit dagegen zu kämpfen.
SK: Sie haben sich später auf Ihre Reisen sehr gut vorbereitet. Sind Sie dennoch unterwegs mit Situationen konfrontiert worden, mit denen Sie nicht gerechnet haben?
Nehberg: Ja, man kann auch nicht alles planen. Als ich zum Beispiel 2000 mit einem massiven Baumstamm alleine über den Atlantik fuhr, bin ich auf dem nassen Boden ausgerutscht und habe mir das Kreuz verrenkt. Ich konnte mich einige Tage kaum bewegen. Für Piraten wäre ich ein willkommenes und leichtes Opfer gewesen…
SK: Hatten Sie auch besondere Begegnungen mit Tieren?
Nehberg: Ich suche das geradezu. Auf dem Ozean haben mich Haie besucht und neugierig gekuckt. Im Urwald hatte ich eine Begegnung mit zwei Jaguaren. Es gab auch tolle Begegnungen mit Schlangen. Ich hab mich mal Probe-Würgen lassen von einer viereinhalb Meter großen Python, um zu erfahren, wie Erwürgen funktioniert…
SK: Als Sie sich alleine im brasilianischen Regenwald aussetzen ließen, haben sich Maden in Ihre Wunden gesetzt. Denken Sie in solchen Situationen immer positiv?
Nehberg: Ich habe ein Leben lang erlebt, dass ich vieles überwinden kann. Ich habe medizinische Lehrgänge besucht und wusste, dass mir die Maden keinen Schaden zufügen. Das kann ich sehr gelassen sehen.
SK: Sie sind dieses Jahr 77 Jahre alt geworden…
Nehberg: Halbzeit.
SK: Wie halten Sie sich fit?
Nehberg: Ich habe ein Metallknie rechts und kann deshalb nicht mehr joggen. Das habe ich früher immer gerne gemacht. Jetzt belaste ich mich einfach, indem ich mein Gepäck und Bücher in die Vortragssäle schleppe und wenn es nicht gerade die vierte Etage ist, gehe ich zu Fuß rauf. Aber eigentlich bin ich durch unsere Aufgaben so ausgefüllt, dass ich im Grunde gar keine Zeit habe, über Alter und Schwachwerden nachzudenken. Natürlich merke ich, dass die Kräfte nachlassen – ohne Hörgeräte höre ich nichts mehr – aber geistig geht es noch…
Mit Rüdiger Nehberg sprach Janine Böhm
7.11.2012, www.stadtkurier.de
Vortrag von Rüdiger Nehberg am Sonntag um 19 Uhr im Paulussaal. Alle Infos dazu auf www.facebook.com/stadtkurier.freiburg