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- Chaim Noll: Raketen auf Europa (19.4.2026)
Chaim Noll: Raketen auf Europa
Die vielleicht erste positive Wirkung des Irankriegs ist, dass man die Gefahr nun nicht mehr leugnen kann, dass der Westen gezwungen ist, einzugreifen und endlich seine technologische und militärische Überlegenheit ins Spiel zu bringen. Dies gilt auch für Europa, denn iranische Raketen könnten auch Berlin, Zürich, Paris oder Rom erreichen.
Seit dem Angriff auf die amerikanische Luftwaffenbasis Diego Garcia im indischen Ozean, mit einer iranischen Rakete von 4.000 Kilometer Reichweite, liegen auch westeuropäische Staaten im Einschussbereich des Teheraner Regimes. Was derzeit schon für die arabischen Nachbarstaaten und Israel Alltag ist und für die Türkei, Aserbaidshan, Zypern zumindest reale Bedrohung, könnte dann auch Berlin, Zürich, Paris oder Rom treffen. Durch russische Satellitenaufnahmen und Geheimdienstinformationen ist die iranische Führung über die lohnenden Ziele Europas gut im Bilde.
Angesichts der internationalen Bedrohung stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass ein mörderisches Regime islamischer Fanatiker jahrzehntelang ungestört Raketen bauen und Uran für Atomwaffen anreichern konnte, obwohl seine Sprecher offen dem Westen den Krieg angesagt und ihre Vernichtungsabsichten erklärt haben?
Ohne Frage wurde die Gefahr im Westen unterschätzt. Man hat den Massenmördern in Teheran immer wieder die Hand gereicht, sich in „Verhandlungen“ und „Gesprächen“ hinhalten lassen, man hat mit ihnen Geschäfte gemacht und – von Israel abgesehen – tatenlos hingenommen, dass sie in den Ländern des Nahen Ostens ihre Milizen aufgebaut haben. Und das ist vielleicht die erste positive Wirkung dieses Krieges: dass man die Gefahr nun nicht mehr leugnen kann, dass der Westen gezwungen ist, einzugreifen und endlich seine technologische und militärische Überlegenheit ins Spiel zu bringen.
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Fast ungetrübte Zustimmung der israelischen Bevölkerung
Aus muslimischer Weltsicht ist es nur als Schwäche und Feigheit erklärbar, dass die Länder des Westens, obwohl sie die bei Weitem stärkeren Waffen besitzen, zugleich eine fast unüberwindliche Scheu zeigen, sie einzusetzen. „Nie wieder Krieg!“ ist eine sympathische, im von zwei Weltkriegen traumatisierten Europa verständliche, aber auch naive Formel. Wenn man angegriffen wird, ist Krieg unvermeidlich, es sei denn, man hätte suizidale Neigungen. Dass Europa seit 1945, also seit acht Jahrzehnten, keinen größeren Krieg mehr erlebt hat (wenn man den irischen Bürgerkrieg, den Krieg in Bosnien und ähnliche Konflikte einmal großzügig außer Acht lässt), ist eine historische Ausnahmeerscheinung. Diese Jahrzehnte haben genügt, das Gefahrbewusstsein der europäischen Gesellschaften einzuschläfern und ihre Jugend in untätige Fatalisten zu verwandeln. Doch die Friedfertigkeit religiös fanatischer, Koran-treuer Muslime lässt sich nicht durch Überredung oder – wie in der Kindererziehung – durch gutes Beispiel erreichen. Jetzt, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, liegt Krieg in der Luft, und wer ehrlich ist und unsere Situation nüchtern ins Auge fasst, gesteht sich ein, dass „der Krieg“, diese unbedingt zu verhindernde Ungeheuerlichkeit, von nun an zu unserem Leben gehört.
Wir in Israel haben es spätestens am 7. Oktober 2023 begriffen: dass einen selbst bei größter eigener Friedfertigkeit der Nachbar überfallen und in einen Krieg hineinziehen kann, den man nicht wollte. Die Konstruktion europäischer Medien, der Krieg Israels gegen Iran sei von einer „rechtsextremen“ israelischen Regierung vom Zaun gebrochen worden (oder von Premier Netanyahu, um von seinen Anklagen wegen Korruption abzulenken), verliert jeden Sinn angesichts der fast ungetrübten Zustimmung der israelischen Bevölkerung.
Am 7. Oktober haben die meisten Israelis begriffen, dass Wegschauen und falsche Toleranz im Umgang mit dem militanten Islam nichts nützen. Dass es besser ist, sich einer Bedrohung zu stellen, statt ihr immer wieder auszuweichen.
In Europa dagegen ist dieser Krieg extrem unpopulär. Seine Folgen sind steigende Benzinpreise, erhöhte Terrorgefahr, womöglich eine neue Flüchtlingswelle. Unumwunden geben europäische Medien zu verstehen, dass sie Trump für sein gewagtes Vorhaben nichts Gutes wünschen, Israel ohnehin nicht, und dass sie den Status quo bei Weitem einer – und sei es am Ende für Europa günstigen – Veränderung vorgezogen hätten. Noch etwas macht diesen Krieg unbeliebt: Er beendet die bisherige europäische Politik einer Kollaboration mit dem Terrorregime in Teheran um wirtschaftlicher Vorteile willen.
Der Iran war in seinen kriegerischen Absichten von erstaunlicher Offenheit
Unvermeidlich taucht das Argument auf, die USA und Israel hätten mit ihrem Angriff auf das Teheraner Regime „Völkerrecht“ verletzt. Abgesehen davon, dass „Völkerrecht“ eine ephemere, auf flüchtigen Mehrheiten und Absprachen beruhende Angelegenheit ist und von daher ein Instrument in jedermanns Hand, so lag mit der vom Mullah-Regime immer wieder erklärten Vernichtungsabsicht anderer Staaten längst ein Casus belli vor. Seit Jahrzehnten hat dieses Regime seine imperialistischen Ambitionen offen deklariert, seine aggressiven Strategien gegen andere Staaten, bis hin zu deren Auslöschung, es hat im gesamten Mittleren Osten Milizen aufgebaut, um dadurch andere Länder – nicht nur Israel – zu bedrohen und zu destabilisieren, es finanziert seit Jahrzehnten den Raketenkrieg der Hamas in Gaza, der Hisballah im Libabon, der Hash’d al-shaabi im Irak, der Huthi im Jemen, wodurch Letztere den Zugang zum Suez-Kanal blockieren und den internationalen Schiffsverkehr unterbrechen konnten.
Dieses Regime war in seinen kriegerischen Absichten von erstaunlicher Offenheit. Seine ganz auf die Produktion von Angriffswaffen ausgerichtete Ökonomie, das Opfern der eigenen Bevölkerung, um größenwahnsinnige Rüstungsprojekte zu realisieren, seine religiös unterlegte Hass-Rhetorik waren, zumindest als außenpolitische Doktrin eines Staates, beispiellos. 2014 veröffentlichte Ayatollah Khamenei, der geistliche Führer des Regimes, ein Strategie-Papier, bekannt als „Islamic-Iranian Blueprint for Progress”, das die iranische Politik für die nächsten fünfzig Jahre vorstellte. Darin werden die Hegemonialansprüche einer machtsüchtigen islamisch-klerikalen Elite offen dargelegt, zunächst im Nahen Osten und nach dessen Unterwerfung global. Der „Blueprint“ umreißt Khameneis Vision für den Iran nicht bloß als dominierenden Nationalstaat, sondern als „Vormund und Hüter der muslimischen Welt“, wie die iranischen Staatsmedien den Ayatollah tituliert hatten, im weiteren Verlauf als Führer einer „neuen Zivilisation“.
Der Iran werde in den kommenden Jahrzehnten „eins der fünf führenden Länder der Welt in Wissenschaft und Technologie“ sein, verheißt der „Blueprint“, und seine auf dem Islam basierende Politik „die wichtigste Säule der islamischen Einheit, der regionalen Stabilität und der globalen Gerechtigkeit und des Friedens“. Dieses Dokument wurde von den politischen Kreisen des Westens zunächst nicht ernst genommen (und von den Medien weitgehend ignoriert). In der Tat hat dieser Text eine Ausstrahlung von Geistesverwirrung und Realitätsverlust. Zugleich war das Teheraner Regime sehr klarsichtig, was die Schwächen des Westens betraf. Die Handlungsschwäche und Korrumpierbarkeit Westeuropas, so kalkulierte man, würden Irans weltpolitische Ambitionen
Die Wühltätigkeit des iranischen Imperialismus
Dieses Regime hat den Westen seit über vier Jahrzehnten unaufhörlich provoziert, ohne dass es zu nennenswerten Gegenreaktionen kam. Von demonstrativer Grausamkeit, betont frauenfeindlich, christophob, antisemitisch, feindselig gegenüber freiem, kreativen Denken, Bannerträger des weltweiten Anti-Amerikanismus, erfüllt von paranoidem Hass auf den Staat Israel und schiitischen Rachegelüsten gegen die sunnitisch-arabischen Staaten, unterwanderten Mullahs und ihre „Revolutionären Garden“ zunächst den Nahen Osten, indem sie schiitische Minderheiten oder arabische Underdog-Stämme mit Geldmitteln und modernen Waffen ausrüsteten. Auf diese Weise haben sie die Zukunft des Libanon zerstört, den einst europäische Partner als „Schweiz des Nahen Ostens“ erträumten, und der heute nichts anderes ist als ein von Bürgerkriegen ruiniertes Gebiet. Auch die hoffnungslose Zerrüttung der „Palästinenser“ in Gaza und im Westjordanland, die heute jede eigene Staatsgründung undenkbar macht, geht zum großen Teil auf die Wühltätigkeit des iranischen Imperialismus zurück.
Eine verhängnisvolle Zuspitzung erfuhr die nahöstliche Situation im März 2021, als durch die Untätigkeit der Biden-Administration der iranische Staatsvertrag mit China unterzeichnet werden konnte, den Trump in seiner ersten Amtszeit durch Sanktionsdrohungen verhindert hatte. Er sichert dem Mullah-Regime im Zeitraum der nächsten zwei Jahrzehnte die enorme Summe von 400 Milliarden Dollar für den Verkauf von Rohöl zu. Dieses Geld wird trotz der Armut, Zurückgebliebenheit und maroden Infrastruktur des Landes zum größten Teil für die Aufrüstung der auswärtigen Milizen, den Bau von Angriffswaffen und die Anreicherung von Uran verwendet.
Durch den Massenmord an den jugendlichen Protestlern im Januar 2026 hat sich das iranische Regime als das zu erkennen gegeben, was es ist: inhuman, gemeingefährlich, als Partner inakzeptabel. Hoffnung auf innere Reformierbarkeit dieses Systems besteht kaum, da die lückenlose Kontrolle durch fundamentalistische Kleriker jedes alternative Denken im Keim erstickt. Für den Nahen Osten gibt es keine Hoffnung auf Frieden, solange dieses Regime an der Macht ist. Sein Sturz wäre ein Segen für die gesamte Region, doch es bleibt Aufgabe der Iraner, ihn zu erzwingen. Auch wenn die amerikanisch-israelische Militäraktion nicht zum Sturz des Regimes führt, so werden die Machthaber in Teheran, ihre Ressourcen, ihr Militär, ihre Aufrüstung, auch ihre innenpolitische Schlagkraft erheblich geschwächt. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, vor allem der iranischen Jugend, hasst das Regime, und Erfahrung lehrt, dass sich bei der Bevölkerung verhasste Herrscher auch mit größter Brutalität nur begrenzte Zeit an der Macht halten können.
… Alles vom 19.4.2026 von Chaim Noll bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/raketen_auf_europa
Dieser Text erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ:
Raketen auf Mannheim – die Israeli haben die Lektion der Vernichtung spätestens am 7. Oktober 2023 gelernt, die Europäer träumen immer noch weiter
Lange hat Europa zugesehen, wie in Iran ein mörderisches Regime islamischer Fanatiker ein militärisches Arsenal aufbaute, das nicht nur Israel und die USA mit Vernichtung drohte, sondern auch den Nahen Osten auf Dauer zerrüttete. Die Zeit dieser Lebenslüge ist abgelaufen.
… Alles vom 4.4.2026 von Chaim Noll bitte lesen auf
https://www.nzz.ch/meinung/raketen-auf-mannheim-die-israeli-haben-die-lektion-der-vernichtung-spaetestens-am-7-oktober-2023-gelernt-die-europaeer-traeumen-immer-noch-weiter-ld.1930920
