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- Wie gelingt es der Freiburger Uniklinik, Pflegekräfte zu finden – und zu binden? (8.10.2025)
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Wie gelingt es der Freiburger Uniklinik, Pflegekräfte zu finden – und zu binden?
4768 Frauen und Männer arbeiten an der Uniklinik in der Pflege. In sechs Jahren hat die Freiburgs größte Arbeitgeberin 600 zusätzliche Pflegefachkräfte eingestellt. Und wie sieht deren Arbeit der Zukunft aus? Mit diesen Fragen setzen sich der scheidende Pflegedirektor Helmut Schiffer sowie seine bisherige Stellvertreterin und künftige Nachfolgerin Stefanie Bieberstein täglich auseinander. In ihren Antworten schwingt viel Zuversicht mit.
BZ: Fachkräftemangel, Überlastung, Fluktuation. So richtig optimistisch stimmt nicht, was man über Pflege hört und liest.
Schiffer: Damit benennen Sie den Fehler schon selbst. Pflege wird schlechtgeredet oder schlechtgeschrieben – und damit der Realität nicht gerecht.
BZ: Sie haben also keine offenen Stellen?
Schiffer: Doch, aktuell etwa 50. Aber angesichts der insgesamt 3350 Pflegestellen in unserem Haus sind das gerade einmal 1,5 Prozent.
BZ: Durch den demografischen Wandel und Wünsche nach flexibleren Arbeitszeitmodellen wird es vermutlich nicht leichter für Kliniken.
Schiffer: Bei uns teilen sich 4768 Menschen 3350 Stellen, die Teilzeitquote liegt bei 61 Prozent. Während es vor 13 Jahren, als ich die Position als Pflegedirektor übernommen habe, drei Modelle gab – 100, 75 oder 50 Prozent–, sind heute Reduzierungen in Fünf-Prozent-Schritten möglich. Wir möchten lebensphasengerechte Modelle anbieten. Und das kommt an: Seit 2019 haben wir knapp 600 Vollkräfte aufgebaut und das in Schweiznähe. Wir werden immer wieder gefragt: Wie schafft man das, wo kommen die her?
BZ: Gute Fragen. Also?
Bieberstein: Ein wesentlicher Baustein: Wir sind einer der größten Ausbilder in der Region, inzwischen können wir sogar mit der Berliner Charité konkurrieren.
Schiffer: So ein Riesenbetrieb könnte natürlich auch ein Hemmnis sein. Manche fragen sich: Will ich das? Unsere Übernahmequote von 90 Prozent spricht dafür. Die jungen Menschen entscheiden sich für uns wegen der Vielfalt der Fachdisziplinen, das wissen wir aus Gesprächen. Wir haben außerdem extrem in die pädagogische Begleitung der Auszubildenden auf den Stationen und OPs investiert und Personen für die pädagogische Begleitung qualifiziert. Das sind Vorbilder und gute Botschafter für den Pflegeberuf.
Bieberstein: Und wir bieten den Auszubildenden die Möglichkeit, unmittelbar Feedback zu geben, wie zufrieden sie sind, welche Verbesserungen sie sich wünschen. Die Azubis dürfen und sollen die einzelnen Ausbildungsabschnitte benoten. Mit den Ergebnissen können wir sehr zufrieden sein.
Schiffer: Die Abbrecherquote in der Pflegeausbildung liegt an der Uniklinik bei zirka 20 Prozent, landesweit bei etwa 29, in manchem Bundesland sogar bei 40 Prozent. Bevor die Ausbildung endet, präsentieren wir auf einem Markt der Möglichkeiten noch einmal alle Bereiche der Uniklinik, als Entscheidungshilfe für den weiteren Berufsweg. Die Auszubildenden können danach entscheiden, ob sie nochmal in einer bestimmten Klinik oder Abteilung hospitieren möchten.
Bieberstein: Das ist besonders wichtig, weil unsere Auszubildenden seit Einführung der generalistischen Pflegeausbildung fast ein Jahr in externen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen verbringen.
BZ: Umgekehrt sind auch immer Pflegende anderer Einrichtungen in der Uniklinik. Wollen manche Externen bleiben?
Bieberstein: Diese Befürchtung bestand anfangs bei Langzeitpflegeeinrichtungen, doch sie hat sich nicht bestätigt. Aber wir bekommen sehr gutes Feedback von den Azubis kleinerer Einrichtungen, die sich freuen, dass wir so viele Möglichkeiten bieten.
Schiffer: Punktuell kommt es schon vor, dass mal jemand bleiben möchte. Aber nicht in dem Maße, dass es beunruhigend wäre.
Bieberstein: Auch umgekehrt ist das nicht der Fall.
BZ: Wie gut funktioniert die Verteilung der Auszubildenden? Gibt es Stationen, die überrannt und solche, die gemieden werden?
Schiffer: Der interne Markt funktioniert ziemlich gut. Das liegt sicherlich daran, dass viele Mitarbeitende wissen: Wir müssen uns anstrengen und eine überzeugende Performance bieten, damit wir Leute für uns begeistern können.
Bieberstein: Gute Azubis werden umworben.
BZ: Und die weniger guten?
Bieberstein: Für jeden wird geschaut, ob es eine Stelle gibt, bei der er oder sie sich gut einbringen kann. Aber natürlich passt es nicht immer.
BZ: Haben Sie genügend Bewerbende, können Sie auswählen?
Schiffer: Wir bekommen 900 Bewerbungen auf jährlich 205 neu zu besetzende Ausbildungsplätze in der Pflegeausbildung und damit können die Plätze gut besetzt werden. Wir starten viermal jährlich mit neuen Auszubildenden, also jedes Quartal. Das schätzen viele. Außerdem macht es sich bezahlt, dass wir schon vor zehn Jahren angefangen haben, den Radius bei der Bewerbersuche zu erweitern. Langfristige Planung, heute zu überlegen, was uns in fünf, sechs Jahren gut tut, ist unerlässlich. Das ist unsere Strategie.
BZ: Wie stehen Sie zum Thema Akademisierung? Braucht die Pflege mehr davon?
Schiffer: Unbedingt. Seit 2010 kann man an der Universität in Freiburg Pflegewissenschaft studieren, inzwischen sogar promovieren. Das wird die Pflege weiter nach vorne bringen und die Disziplin stärken.
BZ: Wie viele Pflegewissenschaftler arbeiten in der Uniklinik und in welchen Bereichen?
Bieberstein: In der klinischen Versorgung arbeiten 35 Masterabsolventen in speziellen Rollen, alleine 15 davon in der Onkologie. Sie begleiten Patienten mit komplexen Krankheitsbildern – von der Diagnosestellung bis zur (Nach-)Behandlung im ambulanten Bereich.
Schiffer: Patienten stehen beispielsweise nach einer Knochenmarkstransplantation in regelmäßigem Austausch mit Pflegeexperten, damit bei Auffälligkeiten sofort reagiert werden kann. Diese Art Frühwarnsystem kann bisweilen Schlimmeres verhindern. Manchmal entscheiden wenige Tage darüber, wie komplikationsreich ein Verlauf ist. Die Pflegeexperten können die Versorgungsqualität maßgeblich verbessern.
Bieberstein: Und sie schließen Versorgungslücken. Zum Beispiel, indem sie nach einer Knochenmarkstransplantation mittels einer maßgeblich hier entwickelten App und einem speziellen Versorgungsmodell in regelmäßigem und niederschwelligem Austausch mit den Patient*innen stehen. So wird der Patient auch im Schwarzwald eng medizinisch betreut und muss nicht mehr für jede Frage, die in zehn Minuten geklärt ist, eine lange Anfahrt und Wartezeit in Kauf nehmen. Allgemein ist es doch so: Ohne Wissenschaft gibt es keine Weiterentwicklung der Pflege. Die Pflege der Zukunft braucht Forschung.
Schiffer: Damit eine Klinik exzellent ist, muss die Pflege im Gleichschritt mit der Medizin marschieren und dafür braucht es entsprechende Kompetenzen. Das soll nicht heißen, dass man Fachpersonal ohne Studium abhängt, das brauchen wir genauso. Aber die Akademisierung ermöglicht Weiterentwicklung sowohl der Mitarbeiter:innen als auch der Pflege insgesamt.
BZ: Haben Sie Beispiele für solche Entwicklungen in der Pflege?
Schiffer: Einige unserer Pflegeexperten überprüfen immer wieder, welche neuen Technologien für den Einsatz bei uns im Krankenhaus geeignet sind. Sensormatratzen sind ein schönes Beispiel. Sie messen, wie beweglich ein Patient ist und melden, wann eine pflegerische Intervention, also beispielsweise ein Umlagern, nötig wird.
Bieberstein: Ein anderes Beispiel: Patienten mit Weglauftendenzen können sich dank technischer Warnsysteme frei bewegen. Und es gibt insgesamt immer mehr technologische Innovationen wie zum Beispiel Fördermöglichkeiten durch kognitive Spiele, Monitore oder den Einsatz von Virtual Reality (VR).
Schiffer: VR eröffnet auch Weiterbildungsmöglichkeiten. So können Lernende virtuell verschiedene Situationen üben: sich am Patientenbett eine Wunde anschauen, auf Notfallsituationen vorbereiten oder einen Operationstisch mit OP-Besteck decken – im geschützten Rahmen.
Bieberstein: Bevor die neue Kinderklinik in Betrieb genommen wurde, konnten die Mitarbeitenden virtuell die Patientenzimmer kennenlernen, um Sicherheit zu gewinnen. Auch Spracherkennungs- und Übersetzungsprogramme erleichtern den Klinikalltag, genauso wie KI-unterstützte Entscheidungssysteme.
BZ: Wird der Pflegeberuf durch technische Neuerungen leichter?
Schiffer: Er verändert sich. Aber es stört uns beide sehr, dass Pflege häufig auf Belastung reduziert wird. Das entspricht nicht der Haltung und dem Selbstverständnis vieler Pflegender. Überhaupt: Welcher Beruf geht ohne zeitweise Belastung einher? Belastung ist auch ein subjektiver Faktor.
BZ: Wenn eine 50 Kilo schwere Pflegerin einen Patienten mit dem dreifachen Gewicht bewegen muss, ist es physisch anstrengend. Wenn Patienten leiden, belastet es psychisch.
Schiffer: Belastung und Anstrengung sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Natürlich wird es im Klinikbereich immer herausfordernde Situationen geben. Was unsere Personalausstattung angeht, können wir aber sagen: Wir bewegen uns im oberen Drittel der bestausgestatteten Kliniken bundesweit. Beschäftigten bieten wir flexible Modelle an, wenn sie gelegentlich zusätzlich flexibel arbeiten möchten. Nicht müssen wohlgemerkt.
Bieberstein: Die Arbeit muss zur Lebenssituation passen. Beispielsweise wenn jemand ein Haus gebaut hat und eine Weile mehr verdienen möchte, kann er zusätzliche Dienste übernehmen. Das wird gerne angenommen: Im ersten Halbjahr 2025 wurden fast 5000 solcher Zusatzdienste geleistet. Auch bei regulären Dienstplänen berücksichtigen wir Wünsche, so gut es geht.
Schiffer: Und wenn sich Mitarbeiter:innen wirklich belastet fühlen, bieten wir viel Unterstützung an, etwa psychosoziale Beratung oder Coaching. Wir haben außerdem viele gesundheitsfördernde Projekte. Das kommt an, wie eine aktuelle Mitarbeitendenbefragung zeigt. Die Zufriedenheit mit der Life-Work-Balance ist hoch.
BZ: War das nicht mal die Work-Life-Balance?
Schiffer: Die Generation Z hat das umgedreht.
BZ: Nun gibt es nicht nur junge Mitarbeitende. Wie ist die Bewerberlage von fertig ausgebildeten Fachkräften – und wie gelingt es Ihnen, sie zu halten?
Bieberstein: Wir bekommen dank der Empfehlungen unserer Mitarbeitenden viele Initiativbewerbungen. Aber natürlich ist Personal endlich. Deshalb müssen wir einerseits in Technologien und Entwicklung investieren, dürfen aber die Menschen nicht aus dem Blick verlieren, müssen ihnen gute Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Auch die Anwerbung von Personal aus dem Ausland ist ein kleiner Baustein.
BZ: Rekrutieren Sie gezielt international?
Schiffer: Dafür arbeiten wir mit Agenturen zusammen, ja. Und die Uniklinik verfügt auch über eine Stabsstelle für internationale Mitarbeitende. Bürokratisch ist die internationale Rekrutierung sehr aufwendig und braucht bis zu einem Jahr Vorlauf.
BZ: Bleiben beispielsweise junge Frauen aus Indien denn auch längerfristig?
Schiffer: Im Vergleich ist die Fluktuation der im Ausland Rekrutierten sogar etwas niedriger.
Bieberstein: Wir bemühen uns sehr um sie, haben eigene Sprachlehrer, ein internationales Café, verschiedene Beratungsangebote. Wir organisieren für sie Ausflüge in die Umgebung, vermitteln Kontakte. Unsere Aufgabe ist es auch, sozialer Integration Sorge zu tragen – ist es doch eine enorme Leistung, Familie und Freunde in einem anderen Kulturkreis zurückzulassen.
BZ: Egal ob aus Indien oder Ingolstadt: Mitarbeiter brauchen ein Dach über dem Kopf. Wie oft macht Ihnen der Wohnungsmarkt einen Strich durch die Rechnung?
Bieberstein: Der Wohnungsmangel in Freiburg ist in jedem Bewerbungsgespräch Thema. Wir bauen Wohnungen am Standort in Bad Krozingen und demnächst auch in Freiburg, verknüpft mit Kita-Angeboten. Außerdem versuchen wir, mit Anmietungen kurzfristig zu helfen. Auch im Stadtteil Dietenbach sollen Wohnungen entstehen.
BZ: Reicht das?
Bieberstein: Es ist ein wertvolles Angebot für die ersten Jahre. Wir können damit oft die schwierigste Phase des Ankommens überbrücken. Und mit dem geplanten Ausbau der Wohnungen wird das noch besser gelingen.
… Alles vom 8.10.2025 von Kathrin Blum bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/wie-gelingt-es-der-freiburger-uniklinik-pflegekraefte-zu-finden-und-zu-binden
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Die Interviewpartner
Helmut Schiffer (65) ist seit 2013 Pflegedirektor des Uniklinikums. Zuvor war er viele Jahre an der Charité tätig, zuletzt als stellvertretender Pflegedirektor. 2025 wurde er vom Bundesverband Pflegemanagement zum Pflegemanager des Jahres gekürt.
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Stefanie Bieberstein ist seit zehn Jahren Schiffers Stellvertreterin und übernimmt zum 1. Dezember die Funktion der Pflegedirektorin. Damit ist die 61-Jährige auch Mitglied des Vorstands des Universitätsklinikums Freiburg. Bevor sie 2015 nach Freiburg kam, war sie viele Jahre in leitenden Positionen an der Berliner Charité tätig. Ihre berufliche Laufbahn begann sie 1985 mit der Krankenpflegeausbildung in Göttingen.
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Einige Kommentare:
Ein großartiges Interview zur Pflege, das Zuversicht verbreitet. Jetzt fehlt nur noch zweierlei: 1. Wohnungen für die Angestellten und 2. Kita-Plätze.
Das Interview deckt einen beschämenden Mißstand auf: Die eigentlichen Probleme innerhalb der Klinik hat man lobenswerterweise gut im Griff, während die Randprobleme rundherum wie die Bereitstellung eines Wohnungsangebots zu erschwinglichen Preisen sowie Kitaplätze für Ärzte und Pflegepersonal ungelöst sind.
Kurz: Innerhalb der Uniklinik leistet man vorzügliche Arbeit, außerhalb der Klinik bei Stadt und Land hingegen weniger. E.K.
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