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- Verschwörung statt Diskussion (3.4.2023)
- Die Afterwissenschaft der Max-Planck-Gesellschaft (25.3.2023)
Die Afterwissenschaft der Max-Planck-Gesellschaft
Es gab eine Zeit, da meinte die Partikel „after“ in der deutschen Sprache alles, was schlechter als etwas anderes ist. Und so gab es einmal nicht nur den After, sondern auch die „Afterwissenschaft“ als schönes Wort für eine Scheinwissenschaft. Davon gibt es heute mehr denn je.
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Kein Wunder also, dass Ulf Poschardt, der Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, Anfang März in einem Meinungsartikel (hinter der Bezahlschranke) https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus244160641/Ulf-Poschardt-Die-Wissenschaft-und-wie-sie-sich-selbst-in-Verruf-brachte.html mit dieser Art von Wissenschaft ins Gericht ging und ihren ganz offen zur Schau getragenen politischen Aktivismus kritisierte, samt allem, was dazugehört: das (nicht nur) von Christian Drosten praktizierte „Eindreschen“ auf wissenschaftlich andersdenkende Experten; die als wissenschaftliche Expertise camouflierte Befürwortung freiheitsverachtender Maßnahmen; nicht zu vergessen den in der Klimabewegung festzustellenden „Kuddelmuddel aus Linksradikalismus, Antikapitalismus und Wissenschaftsaktivismus“. Und Poschardt schließt: „Die aktivistischen Wissenschaftler haben in der Öffentlichkeit die Wissenschaft in Verruf gebracht.“ Und: Das blinde Vertrauen in die Wissenschaft sei „immer schon falsch“ gewesen …
Und was macht die MPG? Sie schickt zwei Wochen später ihren Frontmann Patrick Cramer https://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Cramer vor, einen Chemiker und Biologen, der seit Beginn diesen Jahres als Präsident der MPG amtieren darf, um in der „Welt“ öffentlich zu verlautbaren (ebenfalls hinter der Bezahlschranke) https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus244349121/Forschung-und-Aktivismus-Nein-die-Wissenschaft-ist-nicht-in-Verruf-geraten.html , dass die Wissenschaft keineswegs in Verruf geraten sei. Und warum nicht? Weil, schreibt Cramer, nicht nur 62 Prozent der Deutschen der Wissenschaft vertrauen, sondern die Wissenschaft in Zeiten der Pandemie auch bewiesen habe, dass das Vertrauen in sie gerechtfertigt sei.
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Machen wir an dieser Stelle einen Bruch und springen wir 200 Jahre in der Zeit zurück. Damals schrieb Hegel in der Vorrede zu seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts, dass es der Wissenschaft um das „Ergründen des Vernünftigen“ gehe, und zwar als ein „Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen“. Und dann fallen jene Sätze, für die Hegel bis heute berüchtigt ist: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Tatsächlich ein äußerst missverständlicher Satz, aber in Wahrheit ein äußerst klarer. Vernunft und damit Wirklichkeit ist nämlich für Hegel nicht das, was irgendwer aus irgendwelchen Gründen für wahr halten mag und anderen Menschen als Wahrheit aufnötigen will.
Vernunft und Wirklichkeit stellen sich vielmehr erst ein, wenn wir uns bewusst machen, dass wir die Wirklichkeit, wie sie ist, immer nur in unseren Begriffen und also in unserer Sprache erfassen können und dass dieses begriffliche Erfassen immer nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen möglich ist. Vernunft und Wirklichkeit sind also nichts Festes außer uns, auf das wir nur mit dem Finger zeigen müssten, und schon sehen wir es; Vernunft ist vielmehr eine Gemeinschaftsaufgabe, eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und mit den Meinungen anderer Menschen über ebendiese Wirklichkeit.
Das ist eine grundlegende Erkenntnis, und es ist eine Erkenntnis, die die Philosophie (der alte Name für das, was wir heute „Wissenschaft“ nennen) von Beginn an – seit Sokrates, Platon und Aristoteles – begleitet hat und überhaupt erst zur Philosophie und Wissenschaft macht.
Blicken wir von diesem philosophisch-wissenschaftlichen Gipfelkamm auf die Wissenschaftswelt à la Cramer, Drosten und Mai Thi Ngyuen Kim, sehen wir, dass hier Wissenschaft zu einem einfachen Unternehmen zwecks Generierung von Erkenntnissen und Fakten wird, ohne dass wir erfahren würden, wie man sich das nun konkret vorzustellen habe. Stattdessen ist stets nur die Rede von „der Wissenschaft“ im Singular, die, wenn sie voranschreitet, einen „Konsens“ erzeugt, der als solcher dem Publikum über die Medien nur noch mitgeteilt werden muss.
Ebendas hätte von Sokrates bis Hegel als Gipfel der Unvernunft gegolten. Denn Unvernunft ist es, eine „Wissenschaft“ zu imaginieren, die aus besonders begabten Menschen besteht, die irgendwelche „Erkenntnisse“ haben und irgendwo „Fakten“ sehen, ohne dass man sie fragen dürfte, aus welchen Gründen sie wo was und wie lange sehen. Vor allem dann aber darf man nicht fragen, wenn man dort, wo Cramer, Drosten und Ngyuen Kim Fakten sehen, ein dickes Fragezeichen sieht. Das wäre für Cramer und seine Freunde nicht der Beginn eines fruchtbaren Austauschs über die Wirklichkeit und damit der Beginn einer vernünftigen Auseinandersetzung; es wäre vielmehr der Schritt aus dem wissenschaftlichen Konsens heraus und damit ein Schritt ins weite Feld von Fake-News und Desinformation.
Falls man es hier in der Diktion von Hegel sagen darf: Cramer und Konsorten denken Wissenschaft nicht als Vermittlung der Begriffe mit der Wirklichkeit und mit den Meinungen der Menschen. Sie haben mit der Wissenschaft vielmehr immer schon fertig, weil sie – und sie alleine als Experten – wissen, was ein Faktum ist und eine Erkenntnis. Und deshalb kennen sie auch keinen lebendigen Wissenschaftsprozess, in dem es in der vernünftigen Auseinandersetzung um Wirklichkeit und Wahrheit unter Wissenschaftlern hoch hergeht. Sie kennen vielmehr bloß die pädagogische Notwendigkeit, das von ihnen alleine erkannte und zum Konsens geronnene Faktum durch die Medien dem einfachen Volk mitzuteilen und das Volk dadurch im Prozess des Erkenntnisgewinns „mitzunehmen“. Für den, der es anders sieht als Wissenschaftler und als Laien, kennt Cramer nur die Rolle des devoten Schweigers.
Wenn Sie nun wissen wollen, was genau „Afterwissenschaft“ ist – genau das.
… Alles vom 25.3.2023 von Uwe Jochum bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/die_afterwissenschaft_der_Max_Planck_Gesellschaft
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Uwe Jochum, geb. 1959, studierte Germanistik und Politikwissenschaft in Heidelberg und promovierte an der Universität Düsseldorf. Seit 1988 arbeitet er als wissenschaftlicher Bibliothekar. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Bibliotheks- und Mediengeschichte, zuletzt »Geschichte der abendländischen Bibliotheken« (2. Aufl., 2012).
