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- Die vier Säulen der Zivilisation: Zement, Stahl, Ammoniak, Plastik (24.4.2025)
Die vier Säulen der Zivilisation: Zement, Stahl, Ammoniak, Plastik
Die Säulen unserer Zivilisation heißen Zement, Stahl, Kunststoffe und Ammoniak: Warum Klimakleber lieber Vaclav Smils „Wie die Welt wirklich funktioniert“ lesen sollten
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Nicht Smartphones, Apps oder der Datenaustausch im Internet seien das Rückgrat unserer Zivilisation, sondern physisch greifbare Materialien. Smil bezeichnet Zement, Stahl, Ammoniak und Kunststoffe als die vier tragenden Säulen der modernen Welt. Sie sind allgegenwärtig, aber unsichtbar geworden. Dabei zeigt der Blick in die Zahlen:
Allein im Jahr 2019 wurden weltweit 4,5 Milliarden Tonnen Zement, 1,8 Milliarden Tonnen Stahl, 370 Millionen Tonnen Kunststoffe und 150 Millionen Tonnen Ammoniak produziert.
Diese Stoffe sind nicht einfach ersetzbar – schon gar nicht kurzfristig. Sie entstehen durch komplexe industrielle Prozesse, die auf fossilen Energieträgern beruhen. Und sie sind die Voraussetzung für all das, was wir für selbstverständlich halten: Häuser, Transport, Nahrung, Medikamente, Stromversorgung, Kommunikation.
Zement ist untrennbar mit Beton verbunden – dem meistverwendeten Baustoff der Welt. Städte, Brücken, Windkraftanlagen: Ohne Zement gäbe es sie nicht. Auch nicht das Krankenhaus oder die Schule, die Aktivisten verteidigen wollen. China hat in nur zwei Jahren mehr Zement verbraucht als die USA im gesamten 20. Jahrhundert – ein Maßstab für die Realität globaler Infrastruktur. Kein Wunder: Beton ist robust, vielseitig und kostengünstig – und lässt sich gut recyceln. Selbst die Römer bauten mit Beton: Das Pantheon in Rom trotzt seit 2.000 Jahren Wind und Wetter – ein frühes Beispiel für die Dauerhaftigkeit des Materials. Moderne Betonbauten sind zwar weniger langlebig, aber immer noch essenziell.
Stahl wiederum, eine weitere Säule der Zivilisation, findet sich in Autos, Maschinen, Schiffen, Waffen, Windrädern. Seine Produktion ist energieintensiv, beruht bislang überwiegend auf Koks und verursacht rund sieben bis neun Prozent der globalen CO₂-Emissionen. „Grüner Stahl“ auf Wasserstoffbasis ist bisher nicht massentauglich; die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen.
Jeder Mensch nutzt jährlich durchschnittlich über 250 Kilogramm Stahl – in Autos, Geräten, Maschinen. Die klassische Stahlproduktion im Hochofen ist energieintensiv und kohlenstoffbasiert. Alternativen wie die Wasserstoffroute sind technisch noch nicht ausgereift und wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig. Auch hier gilt: ohne Stahl kein Fortschritt.
Ammoniak, die vielleicht unscheinbarste Säule, ist in Wahrheit der Dünger, der die Welt ernährt. Ohne synthetischen Stickstoffdünger könnten laut Smil kaum vier Milliarden Menschen überleben. Eine Rückkehr zur „biologischen“ Landwirtschaft sei eine Illusion. Doch auch Ammoniak basiert auf Erdgas – als Energiequelle und Rohstofflieferant.
Kunststoffe schließlich sind allgegenwärtig. Von Medizin bis Logistik, von Elektronik bis Kleidung – überall stecken Kunststoffe drin. Alternativen wie Papier oder Glas schneiden ökologisch nicht unbedingt besser ab – etwa durch höheren Energieverbrauch bei Herstellung und Transport.
Alle vier Materialien eint eines: Ihre Herstellung ist eng mit fossilen Energieträgern verbunden – und verursacht zusammen rund ein Viertel der globalen Emissionen aus fossilen Quellen. Dennoch sind sie auf absehbare Zeit nicht ersetzbar. „Die moderne Welt funktioniert nicht ohne sie“, so Smil.
Er kritisiert politische Zielsetzungen wie „Klimaneutralität bis 2030“ als technikferne Illusionen. Der Glaube, jahrhundertealte Infrastrukturen binnen weniger Jahrzehnte durch „grüne“ Alternativen ersetzen zu können, sei realitätsfern. Besonders Länder wie China oder Indien, deren Energiebedarf weiter wächst, könnten sich einen sofortigen Abschied von Kohle nicht leisten.
Smil warnt vor einem weit verbreiteten Denkfehler: Der technische Fortschritt bei Mobiltelefonen oder Computern lasse sich nicht auf Sektoren wie Energie, Bau oder Chemie übertragen. Es handelt sich um einen Kategorienfehler ersten Ranges, so Smil. Klar geht der Informationsfluss wesentlich schneller, neue Mobiltelefone werden im Jahrestakt auf den Markt geworfen – doch es ist ein erheblicher Unterschied, beispielsweise große Kraftwerke mit Dampf oder Gasturbinen und eine gigantische Energieversorgungsinfrastruktur schnell zu ersetzen, etwa durch Windräder oder PV-Anlagen. Die Dimensionen sind einfach zu gewaltig. Die Trägheit großer materieller Systeme lasse sich nicht digital „wegprogrammieren“.
… Alles vom 24.4.2025 von Holger Douglas bitte lesen auf
https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/physik-statt-ideologie/
Vaclav Smil: Wie die Welt wirklich funktioniert
Die fossilen Grundlagen unserer Zivilisation und die Zukunft der Menschheit
C.H.Beck, 28 Euro
