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- Thomas Hartung: Klimaanlagen statt Moral (30.6.2026)
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- Klimawandel-Glaube
Thomas Hartung: Klimaanlagen statt Moral
Die Moral schmilzt zuerst. Das ist vielleicht die ehrlichste Überschrift für eine Debatte, die uns dieser Tage mit voller Wucht trifft: die Debatte über Klimaanlagen. Auf den ersten Blick wirkt das fast lächerlich. Ein Kompressor an der Fassade, ein Verdampfer an der Wand, ein Schalter, ein Luftzug, ein paar Grad weniger. Auf den zweiten dagegen erkennt man inzwischen ein ganzes Weltbild. Denn Hitze ist nicht theoretisch. Über Inflation kann man ökonomisch diskutieren, über Migration semantisch ausweichen, über Kriminalität mathematisch jonglieren. Aber eine schwitzende Seniorin im Pflegeheim oder eine Schule, die zur Heißluftfritteuse mutiert, lassen sich nicht wegmoderieren. Da hilft auch kein moralischer Vortrag darüber, dass Klimaanlagen irgendwie nach Klimaverrat riechen: „Linke appellieren bei Hitze ans schlechte Gewissen, mahnen klimaschonendes Verhalten an, warnen, dass extreme Hitzewellen in Zukunft immer zahlreicher werden“, musste jüngst die „Zeit“ feststellen. Genau das ist der Punkt, an dem linke Hitzepolitik unerquicklich wird. Natürlich braucht es langfristig Verschattung, Dämmung, Entsiegelung, bessere Gebäude, bessere Städte. Niemand bestreitet das. Aber der Grundfehler liegt darin, die sofort wirksame Hilfe misstrauisch zu beäugen, sobald sie zu direkt, zu banal, zu alltagstauglich wird. Denn der Schalter an der Wand zerstört das pädagogische Monopol und schafft praktische Souveränität.
Ein Teil der Linken aber hat aus dem Verzicht eine Tugendreligion gemacht. Für die richtige Haltung darf man frieren, warten, zahlen und – jetzt eben – schwitzen. Die Bürger sollen doch bitte verstehen, dass extreme Hitzewellen in Zukunft häufiger werden und vor allem den Ernst der klimatechnischen Lage verinnerlichen: der Stromverbrauch, die Wärmeemission! Besonders unerquicklich wird das dort, wo Hitze nicht bloß lästig, sondern gefährlich wird: in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schulen. Das Offenbacher Sana-Klinikum etwa wurde schon vor Jahren als Sauna-Klinikum beschrieben. Aber wer im Krankenhaus liegt, kann eben nicht einfach in den Keller, ins Freibad oder zum „Cooling Point“ in der Stadtmitte flitzen. Er ist der Luft im Raum ausgeliefert. Noch härter wird die Schieflage, wenn man sich klarmacht: Für Nutztiere formuliert der Staat Temperaturstandards, für Kälber etwa maximal 25 Grad im Liegebereich. Gälte für Kassenpatienten also die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, müssten Krankenhäuser klimatisiert sein. Wasserkaraffen oder Hitzeschutzpläne reichen da nicht.
Dasselbe gilt für Schulen. Öffentliche Gebäude sind keine Gewächshäuser. Wenn Unterricht bei 32 Grad nur noch betreutes Durchhalten ist und Pflegekräfte in stickigen Stationen Kühlakkus verteilen, statt in klimatisierten Räumen zu arbeiten, dann ist das kein Schicksal, sondern Ergebnis politischer Nichtentscheidungen. Und genau an dieser Stelle wird es politisch brisant.
Wenn öffentliche Gebäude überhitzen, während gleichzeitig Milliarden in symbolische Weltrettung und ferne Moralhaushalte fließen, dann entsteht beim Bürger ein sehr einfacher Eindruck: Für alles ist Geld da, nur nicht für das Naheliegende. Nicht für Krankenhäuser, nicht für Pflegeheime, nicht für Schulen. Genau daraus speist sich der Vertrauensverlust. „Wir dürfen die Klimaanlage nicht den Rechten überlassen“, hieß es prompt in der „Zeit“. Die konservative Pointe lautet deshalb nicht: Alles zubauen und nur noch klimatisieren. Vernünftige Politik verbindet Technik und Baukultur, Kühlung und Verschattung, Geräte und Stadtplanung. Aber sie verdampft die konkrete Hilfe eben nicht in endlosen Moral- oder Systemdebatten. Kühlung ist weder Sündenfall noch Heilsbringer, sondern schlicht das, was Technik in einer zivilisierten Gesellschaft sein soll: ein Mittel, reale Belastungen zu mindern.
Die Linke aber macht aus dem schlechten Gewissen eine Regierungsform. Der Bürger soll nicht nur sicherer und gesünder leben. Er soll spüren, dass jede Erleichterung moralisch problematisch sein könnte. Heizen, fahren, fliegen, kühlen – alles steht unter Vorbehalt. Das Leben selbst wird zum Prüfstand der Haltung. Doch so lässt sich ein Gemeinwesen nicht auf Dauer führen. Politik entscheidet sich oft in den banalen Erfahrungen des Alltags. Im stickigen Krankenzimmer oder im überhitzten Klassenraum wird aus Ideologie plötzlich Körperlichkeit. Und der Körper ist ein schlechter Adressat für moralische Erziehungsprosa. Deshalb steckt in der Klimaanlage mehr politischer Sprengstoff, als ihr harmloses Äußeres vermuten lässt. Sie ist das kleine Streichholz, an dem sich ein großer Konflikt entzündet: Soll Politik zuerst die Wirklichkeit erleichtern oder zuerst die Moral bewachen? Der konservative Reflex lautet hier ganz schlicht: erleichtern. Und sommers heißt das: kühlen.
… Alles vom 30.6.026 von Thomas Hartung bitte lesen auf
https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-30-juni-2026
Anpassung an den Klimawandel – Weltuntergang? Nein danke!
die Erde erwärmt sich, ungeachtet der Pläne von Politik und Wirtschaft. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, darf angesichts des Booms der fossilen Energien und des ständigen Zubaus neuer Kohle- und Gaskraftwerke als gescheitert gelten. Die Schäden belaufen sich schon jetzt auf Milliardenhöhe. Doch es gibt eine Alternative zu Hysterie und Alarmismus. Diese Alternative hört auf den Namen Klimaanpassung. Damit ist ein Vorgang gemeint, bei dem sich nicht das Klima dem Mensch anpasst, sondern der Mensch dem Klima.
Es geht um den realpolitischen Umgang mit Dürre und anderen Wetterextremen. Die Klimaveränderung wird dabei nicht geleugnet, sondern als bittere Tatsache hingenommen, mit der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft umgehen müssen.
„Klimakatastrophe: Anleitung für Realisten“ heißt die Cover Story, die meine Kolleginnen Luisa Nuhr, Lena Waltle und Clara Meyer-Horn recherchiert und aufgeschrieben haben. Realismus bedeutet in diesem Fall auch Optimismus, weil die Welt eben nicht der Verbrennung überlassen wird, sondern der natürliche Lebensraum von Mensch, Tier und Pflanze verteidigt wird.
Die Politik will den Klimawandel aufhalten – und wird sehr wahrscheinlich mit diesem Ansinnen scheitern. Umso wichtiger ist es, sich an die Wetterextreme anzupassen. Das erfordert schnelle Entscheidungen, mutige Ideen – und eine neue Haltung.
… Alles vom 19.8.2023 bitte lesen auf https://www.thepioneer.de/originals/others/articles/klimakatastrophe-anleitung-fuer-realisten

