Home >Business >Gesund >Medizin >Apotheke >Arzneimittel
- Listenauswahl eines Beitrags (Artikel/Datum, Seite/Inhalt): Klicken oder scrollen
- Abhängigkeit bei Arzneimittelwirkstoffen von China und Indien macht Europa erpreßbar (30.10.2025)
- Apothekenreform gefährdet die Patientenversorgung (31.10.2025)
Abhängigkeit bei Arzneimittelwirkstoffen von China und Indien macht Europa erpreßbar
Die neue Apotheke der Welt
Jörg Schierholz
Aktuell sind in Deutschland etwa 500 Arzneimittel nicht oder nur schwer verfügbar. In der Herbst- und Winterzeit, betrifft es vorwiegend Antibiotika für Kinder und Erwachsene, Asthma- und Schmerzmittel, ADHS- und Diabetes-Medikamente oder Blutdruck- und Cholesterinsenker. Nur bei Impfstoffen gibt es derzeit keine Lieferengpässe. Das Problem ist seit Jahren bekannt, aber die bisherigen politischen Maßnahmen auf deutscher und europäischer Ebene führten nicht zu einer Lösung oder nennenswerten Verbesserung.
Das Gutachten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft („Strategische Arzneimittelabhängigkeit von China – Wie verletzlich ist Europa?“) kann durchaus als Brandbrief zur Versorgungssituation mit kritischen Medikamenten bewertet werden. So kommen die Studienautoren zu dem Schluß, daß sich kritische Importabhängigkeiten von China nicht nur bei elektronischen Erzeugnissen und im Maschinenbau verschärfen, sondern bei chemischen und pharmazeutischen Produkten besonders eklatant sind. Bei über einem Drittel der 56 untersuchten versorgungsrelevanten generischen Wirkstoffe ist der chinesische Produktionsanteil nicht mehr extern zu kompensieren. Es betrifft vor allem Fieber-, Schmerz- und Narkosemittel sowie deren Vorprodukte bzw. deren Hilfsstoffe.
Noch in den achtziger Jahren galt Deutschland neben den USA als Apotheke der Welt und wichtigster Entwicklungs- und Arzneimittel-Produktionsstandort in Europa. Doch die Chinesen investierten gezielt in die Herstellung von Arzneimitteln und ihrer Wirkstoffe, um primär den eigenen Bedarf zu decken und potentielle Überschüsse zu exportieren. Große Produktionsanlagen entstanden, und China gehört neben Indien zu den wichtigsten Zulieferern weltweit. Parallel dazu führten zunehmende regulatorische Hürden und der steigende Kostendruck in Deutschland insbesondere bei Arzneimitteln, deren Patente abgelaufen waren (Generika), dazu, immer mehr Wirk- und Hilfsstoffe zu importieren.
Neben den Personalkosten sind es die politischen Weichenstellungen und die Skepsis bei der „Gentechnik“, die hierzulande zur Zerschlagung großer und mittelständischer Firmen führten. Produktion und Forschung wanderten ins Ausland. Die Zerschlagung des Frankfurter Chemiegiganten Hoechst und der Verkauf der Arzneimittelsparte der BASF an Abbott (Illinois) sind Konsequenzen der Standortpolitik, Stichwort „Gentechnik“. Nur noch wenige Prozent der in Deutschland verordneten Arzneimittel stammen aus heimischer Produktion.
Mangelnder Realitätssinn und bürokratische Hemmnisse
China ist als „Low-Cost-Land“ nicht nur Lieferant von Vorprodukten, sondern inzwischen auch High-End-Hersteller. Bezüglich der unterschiedlichen pharmazeutischen Wertschöpfungsstufen an Wirkstoff- und Fertigarzneimitteln entstanden so globale Abhängigkeiten. Chinesische Pharmafirmen melden mehr Patente für chemisch-basierte pharmazeutische und biopharmazeutische Neuentwicklungen an als deutsche. Sie überholten in ihrer Dynamik die USA und entwickeln sich zunehmend zu globalen Innovationsführern. Mehr als die Hälfte aller neuen Antikörper in klinischen Studien stammen aus China, und westliche Pharmakonzerne kooperieren mit chinesischen Biotechs.
Die EU versucht mit ihrem Critical Medicines Act (CMA) die Stärkung der heimischen Arzneimittelproduktion anzugehen. Realistisch ist die Neuansiedlung generischer Produktionen unter den gegebenen Rahmenbedingungen allerdings kaum. Primär müßte die Abwanderung bestehender Produktionskapazitäten verhindert werden. Die Nationale Pharmastrategie der Bundesregierung und die Implementierung des Medizinforschungsgesetzes zeigen, daß man sich des Themas, auch wenn nur halbherzig, annehmen möchte. Das lange ohne politisches Echo beschlossene Ende der Produktion des Wirkstoffs Metamizol im Industriepark Frankfurt-Höchst, das nach Ibuprofen am zweithäufigsten verschriebene Schmerzmittel, zeigt allerdings, daß die Brisanz der Thematik weder bei deutschen noch EU-Bürokraten angekommen ist.
Die Liste deutscher Politiker zum Thema „schneller Aufbau bzw. Rückverlagerung von Produktionskapazitäten für Arzneimittel/Herstellung wichtiger Medikamente in Deutschland“, beginnend mit Angela Merkels Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), dann Karl Lauterbach (SPD), und Robert Habeck (Grüne), offenbart einen mangelnden Realitätssinn, da der „schnelle“ Aufbau einer Produktion hierzulande mindestens fünf Jahre dauert – immer begleitet von einem weiterhin eskalierenden Wust wirtschaftsfeindlicher bürokratischer Hemmnisse. Und die Forderung der Linken-Politikerin Kathrin Vogler, „Arzneimittel-Forschung und -Produktion raus aus der Profitlogik“ zu nehmen, wird kein Unternehmen der Welt zu einer Neuansiedelung in Deutschland motivieren.
In zahlreichen strategischen Lieferketten ist China mittlerweile unverzichtbar. China ist heute grundsätzlich in der Lage, kritische Abhängigkeiten zur offensiven Durchsetzung eigener Interessen zu nutzen. Primär wird China wahrscheinlich Abhängigkeiten bei Gütern, die auch für militärische Zwecke eingesetzt werden können (Dual-Use-Güter) instrumentaliseren. Im Krisen- und Konfliktfall könnten die Arzneimittel-Abhängigkeiten genutzt werden, um in Deutschland über eine drohende Medikamentenknappheit politisch Druck auszuüben. Daß dies nicht komplett abwegig ist, zeigen der Handelsboykott gegen Litauen und das Einstellen des Exports von Graphit nach Schweden.
Ein potentieller Ausfall chinesischer Kapazitäten stellt daher ein signifikantes Risiko für die Arzneimittelversorgung Europas dar. Das Problem kann nur außenpolitisch gelöst werden. Die von der EU und Bundesregierung ergriffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen sind nicht annähernd ausreichend, um das Problem mittelfristig zu lösen.
https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/2025/Gutachten_2025-Abhaengigkeiten-China-ProGenerika.pdf
…
… Alles vom 31.10.2025 von Jörg Schierholz bitte lesen in der JF 45/25, Seite 22
https://www.junge-freiheit.de
