Buchverlag kuendigt Amazon

„Am Infostand Bertoldsbrunnen eine Petition gegen die Leiharbeit-Sklaverei beim Versandhändler Amazon unter-schreiben, dann bei Rombach das im Spiegel gut besprochene Buch XYZ durchblättern (ein Buch muß man fühlen) und später ‚zuhause in Ruhe‘ eben dieses Buch XYZ bei Amazon bestellen.“ Dieses Verhaltensmuster muß auch in Freiburg en vogue sein, sonst ginge es den Buchhandlungen vorort nicht so schlecht bzw. Amazon so gut. Alle beneiden uns um die schönen Buchgeschäfte in Freiburg’s Altstadt – Rombach, Jos Fritz, Herder/Thalia, … Und was tun wir Freiburger: Wir kaufen dort immer weniger. Warum? Nicht weil’s bei Amazon billiger oder schneller wäre, sondern weil Zeitgeist und  Werbung das Online-Kaufen cool und hip erscheinen lassen.

Vom Buchkäufer zum Buchverlag: Der Verlag „Ch. Schroer. Die Neue Sachlichkeit“ aus Lindlar ist ein kleiner Verlag und deshalb eigentlich auf die Listung bei Amazon angewiesen. Nach dem ARD-Bericht über die Arbeitsbedingungen bei dem Versandhändler (Leiharbeit, moderner Sklavenhandel) hatte Verlagsinhaber genug: Er kündigt seine Kunden-/Zuliefererkonten bei Amazon und rechnet in einem offenen Brief gnadenlos mit dem Unternehmen ab. Der Offene Brief von Christopher Schroer, Verlag Die Neue Sachlichkeit, vom 15.2.2013 ist an die Europazentrale von Amazon in Luxembourg adressiert und an Amazon-Chef Jeff Bezos gerichtet:
„Heute nehmen wir Abschied, wir kündigen unsere Zulieferer- wie auch Kundenkonten. Mit sofortiger Wirkung. Ohne Wenn und Aber und mit allen Konsequenzen. Seit Jahren ist es uns als Verlag ein Dorn im Auge, dass Sie an kleine Zulieferer wie uns überzogene Rabattforderungen von 55% stellen. Nein, es muss ja, um mit dem Buchpreisbindungsgesetz konform zu sein, heißen: 50% Rabatt plus 5% Lagerkosten. Dass aber Waren, die nachweislich Durchlaufposten sind, auch ohne Lagerung diese 5% zusätzlichen Kosten verursachen, war uns schon immer unverständlich. Auch haben wir akzeptiert,
dass Sie mit luftigen Buchungstricks bei der Umsatzsteuer Ihren Gewinn maximieren; dass Sie von kleinen Zulieferern verlangen, Rechnungen zu stellen, die dann ins EU-Ausland versandt werden müssen; dass Sie sich vertraglich einen unglaublichen Skontorahmen einräumen lassen. Dass neue, frisch angelieferte Titel in Ihrem eigenen „Marketplace“-Anbieterkonto als Mängelexemplare auftauchen. Und dass Sie Kommissionswaren remittieren, die Sie nicht pfleglich behandelt haben und diese somit vom weiteren Verkauf ausgeschlossen sind.

Dass Sie Ihre Marktmacht gegenüber Ihren „Partnern“ rigoros ausnutzen, sollte wohl jedem klar sein: Lebendig erinnern wir uns an Ihre Aktion gegenüber den „Independent Publishers“ in Ihrem Heimatland, wo Sie neue Konditionen diktierten. Wer nicht mitzog, der wurde einfach ausgelistet, dessen Bücher waren urplötzlich nicht mehr verfügbar. Aber, das haben wir hingenommen, zwar nicht ganz freiwillig, denn will ein Kleinverlag von Endkunden wahrgenommen werden, ist es zwangsläufg verpflichtend, bei Ihnen gelistet zu sein. Amazon macht sichtbar, und wer nicht bei Ihnen gelistet ist, der ist bei Endkunden auch nicht „seriös“ – oder: Was es bei amazon.de nicht gibt, gibt’s nirgends.
Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht. Hat es im übrigens noch nie. Zu überzogen sind Ihre Forderungen, wir fühlen uns nicht als Partner behandelt, sondern als Bittsteller, der bitte, bitte, bitte seine Bücher über Ihre Plattform vertreiben darf und zwar zu Konditionen und Verträgen, die Sie diktieren. Nun aber bringt die aktuelle Berichterstattung das Fass zum Überlaufen: Sie behandeln Menschen wie Ware. Menschen, die in eine Notlage geraten sind, die Arbeit dringend brauchen. Diese Menschen, Ihre Arbeitnehmer, Ihr „Humankapital“ behandeln Sie mit genauso unfairen Praktiken, die Sie schon uns haben angedeihen lassen. Auf eine Wiederholung der Vorwürfe verzichten wir an dieser Stelle, stehen diese noch im Raum und sind aufmerksamen Zeitgenossen durchaus in lebendiger Erinnerung. Aber als Ergänzung sei hinzugefügt, dass unsere Ansprechpartner ebenfalls größtenteils nicht in Deutschland sitzen, sondern − so unser Verdacht – in Indien. Wie wohl hier die Menschen behandelt werden? Menschen, denen ein Staat weniger Schutz und Rechte gibt, als auf unserem europäischen Boden. Respektvolles Wirtschaften, faire Umgangsformen und gegenseitige Rücksichtnahme in einer Geschäftsbeziehung halten wir für unabdingbar. Egal, ob es dabei um Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer und Vertriebspartner geht.
Sie sind, waren es nie und werden es auch wohl zukünftig nicht werden: ein Unternehmen, das Menschen wie Menschen, das Verlage wie Partner, das Kunden wie Könige und Kaiser behandelt. Ein Unternehmen, welches sich u.a. dem Kulturgut „Buch“ verschreibt und soziale und ethische Grundsätze beachtet. Wir können daher nur unsere Konsequenzen ziehen und sagen „Adieu!“. Und eigentlich sind wir froh darüber, einen so schwierigen Geschäftspartner los zu sein.“
Mehr zum Offenen Brief vom 15.2.2013 auf  https://www.boersenblatt.net

ARD-Bericht 12.2.2013 – Dokumentation Leiharbeit bei Amazon:
https://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/ausgeliefert-leiharbeiter-bei-amazon?documentId=13402260

Christopher Schroer – Literaturverlag in Lindlar/Nordrhein-Westfalen
www.chschroer.de

 

Ein Verleger probt den Aufstand gegen Amazon
Beim Freiburger Herder Verlag hieß es gestern, man behalte die Entwicklungen bei Amazon genau im Blick. „Wenn die Debatte dazu beitragen kann, dass Leserinnen und Leser wieder im traditionellen Buchhandel einkaufen, begrüßen wir das sehr“, so Pressesprecher Andreas Bernheim. Verleger Schroer jedenfalls bleibt optimistisch: „Bei Amazon wird sich was rühren.“ ….. Alles vom 19.2.2013 bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/nachrichten/wirtschaft/hintergrund-xfxglabqx–69249355.html 

Die Nachfrage bestimmt das Angebot
Wie glaubt der verantwortungsvolle Konsumet kommen die Billigpreise zu stande? Die sich in der Öffentlichkeit nun empörenden neunmal klugen Heiligen sollen sich doch selbst bei der Nase nehmen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, somit sind die Amazon-Kunden letzlich die, die ständig noch billiger einkaufen wollen – und der Markt reagiert lediglich darauf. Also aufpassen was man nachfrägt, denn die Konsequenzen werden Eure Kinder tragen!
18.2.2013, Markus

Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Buch, Buchhandel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar