Im Podcast-Interview (siehe Anlage (1) unten) „Ein Spaziergang mit Ulrich Siegmund“ des Journalisten Gordon Repinski (Politico Springer) mit dem sachsen-anhaltinischen Politiker Ulrich Siegmund (AfD) ab Minute 28:40 https://www.youtube.com/watch?v=Cm7mLB6bDiM :
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Frage 1 Repinski: „Können Sie mir mal ´ne Einordnung geben, wenn Sie zurückblicken auf die Jahre ’33 bis ’45, was das für Sie bedeutet, wenn Sie das zusammenfassen wollen?“
Antwort 1 Siegmund: „Das ist, denke ich mal, bekannt, dass das über die ganze AfD hinweg gleichsam als Tiefpunkt unserer Geschichte betrachtet werden muss. …“
Frage 2 Repinski unterbricht: „Würden Sie auch sagen, das ist das schlimmste Menschheitsverbrechen?“
Antwort 2 Siegmund: „Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss.“
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Frage 1 ist im Genuschel nur schwer verständlich und mit „mal ’ne Einordnung“ dem ernsten Thema nicht angebracht salopp formuliert.
In Antwort 1 bezeichnet Siegmund die Jahre 1933-1945 als Tiefpunkt der deutschen Geschichte. Klipp und klar.
Frage 2: Als Siegmund fortfahren will, unterbricht ihn Repinski mit einer Zwischenfrage, ob „das“ (d.h. die Jahre ’33 bis ’45) „das schlimmste Menschheitsverbrechen“ sei.
Antwort 2: Siegmund lehnt es ab, eine Hierarchisierung bzw. ein Ranking „aller Verbrechen dieser Menschheit“ vorzunehmen.
Die Antworten von Ulrich Siegmund waren klar und geradezu staatstragend.
Die Fragen hingegen unpräzise: „Jahre“ können kein Verbrechen sein, wohl aber „Tiefpunkt der Geschichte“, was Siegmund auch bejahte. Und sind „Menschheitsverbrechen“ Verbrechen von üblen Tätern bzw. Diktatoren oder von Gruppen bzw. Völkern? Und ist damit die Shoa gemeint oder die nationalsozialistische Terrorherrschaft insgesamt?
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Mißverstehen mit Absicht ist eine unfeine, unerhrliche journalistische Methode: Der Interviewer stellt vage Fragen, um Antworten zu erhalten, die sich dann je nach Gusto interpretieren lassen. Nur: Muß sich ein Politiker triggern lassen?
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Alexander Wallasch wirft Siegmund vor, auf unpräzise Fragen ebenfalls unpräzise und vage geantwortet zu haben (2). Andere Autoren widersprechen (3) – (5).
Die Deutschen wollen immer die Besten sein. Und wo das nicht klappt, die Schlechtesten. Beides hängt natürlich zusammen – am Hochmut des „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Beide Extreme wollen sich die Deutschen nicht nehmen lassen. Auch deshalb erinnert Markus Vahlefeld (3) an das Statement des Historikers Eberhard Jäckel anläßlich des fünfjährigen Bestehens des Holocaustmahnmals in Berlin: „Es gibt Länder, die uns um dieses Mahnmal beneiden“.
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Der Arzt Lothar Krimmel (6) seziert den Podcast und weitet den Blick dann über die Enge vom Diesseits und Jenseits der deutschen Brandmauer und Diskussionskultur hinaus:
„Jeder vernünftige Mensch dieser Erde kann an dieser Aussage (von Ulrich Siegmund) selbst unter strengsten moralischen Maßstäben nichts auszusetzen haben.“
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Deutschland braucht den Inneren Frieden und keine von den Medien inszenierten Spaziergänge, um ggf. Mißverständnisse hervorzurufen.
Ja, die Shoa ist das „schlimmste Menschheitsverbrechen“, so schlimm, daß man sie nicht in das tägliche polit-mediale Kleinklein hinein zerren darf. Schon gar nicht in ein Interview, das betont lässig mit „Ein Spaziergang …“ als Headline überschrieben wird. Der Shoa gebührt Ernst, nicht aber die Leichtigkeit von irgendwelchen Spaziergängen.
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Ein Tip: Bitte nicht nur all die Berichte in den Medien über das Interview mit Ulrich Siegmund lesen, sondern einfach mal den Podcast selbst (siehe (1)) anhören und sich so aus erster Hand bei der Originalquelle informieren und seine Meinung bilden. Es lohnt sich.
25.11.2025
Dieser Beitrag wurde garantiert ohne KI geschrieben.
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Ende von Beitrag „Shoa – Journalismus – Siegmund“
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Beginn von Anlagen (1) – (6)
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(1) Ein Spaziergang mit Ulrich Siegmund
Ein Spaziergang durch Magdeburg und ein politisches Gespräch über ein Land im Wandel. Gordon Repinski trifft Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionschef in Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat für die Landtagswahl dort im nächsten Jahr. Er spricht mit ihm über seine Ambitionen als möglicher Ministerpräsident, seine Haltung zur Demokratie und den Umgang mit der deutschen Geschichte. Siegmund erklärt, warum er keine Koalition sucht, sondern auf eine Alleinregierung setzt, und warum er sich als Politiker für alle „rechtschaffenden Bürger“ versteht.
https://www.youtube.com/watch?v=Cm7mLB6bDiM
Das Gespräch führt weit über Sachsen-Anhalt hinaus: Migration, Sicherheit, Sprache und Erinnerungskultur. Es geht um den Begriff Remigration, um die Verantwortung der Politik im Umgang mit Geschichte und um die Frage, ob die AfD tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
… Alles vom 21.11.2025 bitte lesen auf https://www.politico.eu/podcast/berlin-playbook-podcast/ein-spaziergang-mit-ulrich-siegmund/
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(2) Die Generation Siegmund und der Holocaust
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Neun Jahre später soll also Ulrich Siegmund getriggert werden. Natürlich kennt Siegmund die richtigen Antworten und auch jene Antworten, die diesen Angriff sofort abwehren. Aber der Sachsen-Anhaltiner hatte keine Lust mehr dazu, lässt sich triggern und gibt halbgare und halbwahre, angreifbare Antworten:
„Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss. (…) Ich finde es maßlos übertrieben und völlig fernab jeglicher Realität, wie man das auslegt. Und für mich gilt es, eine Perspektive, nach vorne zu blicken und nicht zurück. Und natürlich muss man immer aus Geschichte lernen, aber nicht nur aus einzelnen Aspekten der Geschichte, sondern aus der gesamten Geschichte. (…) Der erste Schritt, wo ich aus der Geschichte lerne, ist ja, dass ich keine Sprachpolizei möchte. Wenn ich sage, das darfst du sagen, das darfst du nicht sagen, weil das vor 80 Jahren mal so und so war, dann beginne ich, eine Sprachpolizei einzurichten.“
Das muss man zweimal lesen und sich die Frage stellen, ob Ulrich Siegmund diese Sätze auch freigegeben hätte, wenn sie ihm in schriftlicher Form noch einmal vorgelegt worden wären.
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Die Generation Siegmund dieser Republik ist von Boomern erzogen worden, die wiederum von Lehrern erzogen wurden, deren Lehre aus dem Holocaust im Wesentlichen darin bestand, das Eigene abgrundtief hassen gelernt zu haben.
Der spätere Faschist und Antisemit Horst Mahler wurde in seiner linksextremistischen Phase einmal gefragt, warum er die RAF gegründet und Terrorist geworden sei. Seine Antwort damals noch: Wegen Auschwitz. Und auch ein Joschka Fischer, der es als Grüner zum Außenminister brachte, begründete die erste Beteiligung der Bundeswehr an einem Krieg in Europa (Jugoslawien) mit Auschwitz.
Die Generation Siegmund hat in die Muttermilch hineingepresst bekommen, dass Deutschland und die Deutschen eine Art Kainsmal in sich tragen, einen Gendefekt, über den man nicht spricht, der sie immer wieder potenziell zu Massenmördern macht.
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Wer dem Hass der Boomer auf das Eigene begegnen will, der darf nicht den Fehler machen, alles umkehren zu wollen, was diese Nachkriegsgeneration in ihren Hass auf das Eigene getrieben hat. Denn erst, indem man das Furchtbarste, was Menschen jemals Menschen angetan haben, ohne Wenn und Aber als deutsches Verbrechen anerkennt, kann ein Deutschland der Deutschen weiterbestehen. Davon bin ich zutiefst überzeugt.
Und Ulrich Siegmund soll nicht vergessen, dass es nach wie vor Überlebende dieses Menschheitsverbrechens gibt – da sind 80 Jahre dann keine so lange Zeit. Und diesen Menschen gegenüber ist jedes Wort des Bedauerns keins, das verschenkt wäre, denn der Schmerz kann niemals verlöschen.
Hier ist es schon aus Respekt geboten, seine Worte sorgsam zu wählen, keinen Unsinn zu erzählen, auch wenn man sich selbst so weit entfernt von den grausamen Ereignissen wähnt. Und das kann dann auch der entscheidende Unterschied sein zwischen der radikalen Selbstauflösungsrhetorik weiter Teile der Boomer-Generation und dem finalen Versuch einer Generation Deutscher, sich als Deutsche in Deutschland definieren zu wollen.
Und als Nachschlag: Die Linke relativiert den Holocaust, indem sie – wie die Nazis – ihre politischen Gegner mundtot macht oder gleich totschlägt. Hier wäre ein „Nie wieder!“ angebracht.
… Alles vom 22.11.2025 bitte lesen auf
https://www.alexander-wallasch.de/gesellschaft/die-generation-siegmund-und-der-holocaust
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(3) Markus Vahlefeld: Siegmund und sein Holocausturteil
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es kein Nachrichtenmagazin je gegeben haben, das so oft mit Hitler und den Nazis auf seinen Titelseiten für Aufmerksamkeit sorgte wie das linke Wochenmagazin „Der Spiegel“. Nazis verkaufen sich gut in Deutschland, und wenn alle Nazibilder bekannt, alle Nazis tot sind, dann muss man halt neue Nazis erfinden. Diesem Diktat folgen die deutschen Leitmedien nun, seitdem es die AfD gibt. Die Lüge von einer „Wannseekonferenz 2.0“ konnte ja nur deswegen Tausende auf die Straßen bringen, weil der Wunsch nach Nazis so ungebrochen ist, und man Befriedigung dann auch in der Lüge findet. Dieses Phänomen ist ganz und gar nicht neu, und hat bereits auch die CDU öfter schon heimgesucht.
Der wohl bekannteste Fall betraf den damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger und seine als Jenninger-Rede in die Geschichtsbücher eingegangene Ansprache vor dem Deutschen Bundestag 1988. Eine Grüne hatte bereits vor der Rede angekündigt, einen Eklat auszulösen, also ganz unabhängig davon, was Philipp Jenninger nun sagen würde. Sie tat es, andere folgten ihr, und die Leitmedien hatten endlich ihren Naziskandal. Philipp Jenninger musste zurücktreten.
Was verstörend wirkt, ist der Umstand, dass der spätere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, Jenningers Rede fast im Wortlaut ein Jahr später genauso nochmals hielt – und keiner merkte es.
Kampagnen haben mit Tatsachen viel weniger zu tun als mit dem Willen der Kampagnenmacher und einem tief sitzenden Wunsch der Medienkonsumenten, den sie zu befriedigen meinen. Nun soll es Ulrich Siegmund treffen, den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt. Er ist beliebt, und seine Partei steht in Umfragen bei fast 40 Prozent. Um dem abzuhelfen, versucht in einem Podcast aus dem Hause Springer der Fragesteller Ulrich Siegmund mit allerlei leeren Worthülsen zu konfrontieren, zu denen er, also Siegmund, sich nun zu verhalten habe.
Es ist Schmierlappen-Journalismus in Hochform. Natürlich geht es in dem Verhör um Remigration und um „alles für Deutschland“, also die beliebtesten Worthülsen, mit denen Journalisten um sich schmeißen können, damit es aussieht wie Dreck. Auf die schließlich mit Tremolo und als Höhepunkt gestellte Frage, ob der Holocaust für Siegmund das schlimmste Verbrechen der Menschheit sei, erwidert Siegmund (ich zitiere jetzt): „Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und man aus allen Verbrechen dieser Menschheit lernen muss, genauso aus diesem, wie aus vielen anderen auch. Und gerade in aktueller politischer Lage wäre es auch mal gut, wenn wir daraus lernen würden und das auch mal umsetzen und nicht immer nur erzählen würden.“
Eine Antwort also, die die Hohlheit dieser Worthülsen an den Fragesteller zurückreicht und sich weigert, über das Stöckchen zu springen, das ihm die Herrenmenschen aus den Redaktionsstuben so gerne zwischen die Beine werfen würden. Und eine Antwort, die ich durchaus für differenziert, maßvoll und eindeutig genug formuliert halte. Trotzdem: In Deutschland muss die Vernichtung der europäischen Juden als das schlimmste aller Menschheitsverbrechen wie eine Monstranz vor sich hergetragen werden. Es ist diese Verpflichtung zum Sündenstolz, die dann zu bizarren Äußerungen führt wie der des Historikers Eberhard Jäckel, der bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Holocaustmahnmals in Berlin meinte sagen zu müssen: „Es gibt Länder, die uns um dieses Mahnmal beneiden.“
Kurzum: Das Wichtigste ist, dass wir in allem die Besten sind und uns die Welt darum beneidet. Genau diese Sicht, dass wir Deutschen uns unseren Holocaust nicht nehmen lassen und schon gar nicht von mehr als fünfzig Millionen toten Chinesen unter Mao Zedong oder von bis zu zwanzig Millionen Toten während der Säuberungswellen Stalins, diese Sicht ist nicht verhandelbar. Sie ist das waltende deutsche Tabu und das wichtigste politische Glaubensbekenntnis der autochthonen Deutschen, damit die herrschende politische Klasse über sie schalten und walten kann, wie sie will. Genau deswegen funktionieren diese Schmierenkampagnen so gut. Mit politischem Maß und historischer Wahrheit hat das alles nichts zu tun.
… Alles vom 24.11.2025 von Markus Vahlefeld bitte lesen auf
https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-24-nobember-2025
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(4) Siegmunds Satz zum Holocaust – und der Sturm der Empörung
AfD-Politiker differenziert statt zu gehorchen – und wird moralisch exkommuniziert
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Er (Siegmund) sagte: „Ich maße mir nicht an, die Verbrechen der gesamten Menschheit zu gewichten.“ Das ist kein Angriff. Es ist ein Ausdruck von intellektueller Demut. Und es ist sogar ausgesprochen ehrfürchtig – denn Siegmund erkennt an, dass jedes Massenverbrechen auf seine Weise unfassbar ist. Und dass es nicht Aufgabe lebender Politiker ist, sich zu Richtern über die „Ränge“ des Schreckens aufzuschwingen. Das ist moralphilosophisch sauberer als vieles, was sich heute als Erinnerungsarbeit ausgibt. Doch genau das scheint heute unerwünscht, ja sogar gefährlich zu sein.
Und aus dieser differenzierten Antwort Siegmunds– natürlich verkürzt und kontextlos – machen die „Qualitätsmedien“ eine „Verharmlosung des Holocausts“. Und greifen jeden an, der zur Differenzierung mahnt, als Komplizen.
Die wahren Relativierer sind oft genau jene, die den Begriff „Relativierung“ reflexhaft einsetzen. Und das ist der eigentliche Skandal.
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Ich musste bei der Sache sofort an Hannah Arendt denken. An ihre berühmte Warnung vor dem, was man später als deutschen Sündenstolz bezeichnet hat. Die große Denkerin und moralische Instanz sagte 1970 in einem Interview: „Ich finde es merkwürdig, wenn die Deutschen nun sogar noch auf ihre Verbrechen stolz sind – im Sinne: Kein Volk hat solche Verbrecher hervorgebracht, wir haben es wirklich zu etwas gebracht.“
Es ist eine bittere Diagnose – die man heute wohl canceln würde. Das Grauen wird nicht nur erinnert, sondern auf eine paradoxe Weise auch in nationale Einzigartigkeit verwandelt.
Und genau da, fürchte ich, stehen wir heute wieder. Bei einem Anspruch auf Einzigartigkeit, der nicht aus Demut und Verantwortung erwachsen ist – sondern aus einem gespenstischen Drang, immer bei allem alle anderen zu übertreffen. Eben auch im Bösen. Was es noch gespenstischer macht.
Heute wirkt das Ganze noch absurder als zu den Zeiten, aus denen Arendts Zitat stammt – weil die Selbstgewissheit gewachsen ist, nicht die Demut. Kein anderes Land, so der unausgesprochene Subtext in Politik und Medien, habe so gründlich erinnert, so lückenlos aufgearbeitet, so vorbildlich gebüßt. Wir haben aus unserer Schuld eine moralische Überlegenheit gezimmert. Eine Überlegenheit, die so laut daherkommt, dass jede echte Demut darin erstickt.
Und aus dieser differenzierten Antwort Siegmunds– natürlich verkürzt und kontextlos – machen die „Qualitätsmedien“ eine „Verharmlosung des Holocausts“. Und greifen jeden an, der zur Differenzierung mahnt, als Komplizen.
Die wahren Relativierer sind oft genau jene, die den Begriff „Relativierung“ reflexhaft einsetzen. Und das ist der eigentliche Skandal.
…. Alles vom 23.11.2025 bitte lesen au
https://reitschuster.de/post/siegmunds-satz-zum-holocaust-und-der-sturm-der-empoerung/
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(5) Shoa, das schlimmste Menschheitsverbrechen
… Jemand fragte gar die KI, und die erteilte eine vergleichbare Auskunft zur selben Frage.
War die Shoa das schlimmste Menschheitsverbrechen? Ich, solchermaßen examiniert, stieße mich zuerst semantisch am Terminus „Menschheitsverbrechen” (dazu gleich), und meine Antwort wäre eine Gegenfrage: Wie wollen Sie das definieren? Nach welchen Kriterien ermittelt man das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte? (Denn das ist ja gemeint.) Und ist dieser Elativ vor allem auf die Täter gemünzt (da wäre ich diskussionsbereit), oder meint er die Opfer (da wäre ich es nicht; dazu ebenfalls weiter unten)?
Nun stünden dem Interviewer zwei Wege offen. Zum einen: Wir versuchen uns tatsächlich an einer Definition. Doch diesen Gedanken verwürfe er natürlich sofort, schon aus Furcht vor negativen beruflichen Folgen; stattdessen würde er die Frage wiederholen – es handelt sich schließlich nicht um ein Gespräch im Sinne irgendeines Erkenntnisgewinns, sondern um ein Verhör zwecks Überführung eines Ketzers –, und zwar verschärft um die Invektive: Sie leugnen also, dass der Holocaust das schlimmste aller Menschheitsverbrechen war? Damit läge die säkulartheologische – man könnte auch sagen: inquisitorische – Dimension der Befragung offen.
Wer sich darauf auch nur ein prokrastinatorisches „Äh” gestattet, wird aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen ausgestoßen und für unwählbar, ach was, unberührbar erklärt. Bingo!
Das Problem für Siegmund wie für jeden solcherart coram publico Erpressten ist das der Willensfreiheit (im Kantischen Sinne: Du kannst es sagen, aber ist es auch recht?). Sie besteht darin, dass zwei Repliken möglich und legitim sind: Ja, ich glaube, dass der Holocaust das schlimmste aller Verbrechen der Geschichte war, sowie: Ich weiß es nicht, es war ein schreckliches Verbrechen, aber ich maße mir kein Urteil über die Rangordnung der Schrecken an.
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Nicht zuletzt: Wer sich erst einmal darauf verständigt hat, dass man als Deutscher über die ermordeten Juden ausschließlich in sakralen Dimensionen sprechen darf, der kann dann auch guten Gewissens Abertausende Judenfeinde ins Land holen, die Untaten Israels verurteilen und den öffentlich bekundeten Wunsch „From the river to the see” für eine legitime Meinungsäußerung halten. Denn – in den geflügelten Worten von Alexander Wendt –: „Die beliebtesten Juden in Deutschland sind Herr und Frau Stolperstein.”
Ich wiederhole mich zwar ungern, aber beharrlich: Man kann als Politiker im Kontext Bundesrepublik mit dem Begriff „Auschwitz” keinen substantiellen Satz bilden, es kommt entweder eine Trivialität („Nie wieder”) oder eine Obszönität dabei heraus („Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen”).
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Wie nahezu sämtliche Fragen von intellektueller, moralischer, epistemologischer, erotischer und theologischer Relevanz ward auch die nach einem Ranking der Völkermorde bereits in den Acta traktiert und so salbungsvoll wie gründlich beantwortet. Nämlich folgendermaßen:
(Acta diurna, 30. Oktober 2012) …
… Alles vom 23.11.2025 bitte lesen auf
https://www.klonovsky.de/2025/11/23-november-2025/
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(6) Kann man Menschheitsverbrechen hierarchisieren?
Was ist das schlimmste Menschheitsverbrechen? Die Frage als solche sollte als rassistische Fangfrage geächtet werden. Oder man sollte unter den Völkern der Welt einmal darüber abstimmen. Eines ist sicher: die weißen Europäer würden ihr blaues Wunder erleben.
Kann man den Holocaust und die Verbrechen des Dritten Reiches als „schlimmstes“ Menschheitsverbrechen bezeichnen? Genau zu dieser Frage tobt seit einigen Tagen ein Meinungskrieg, der wieder einmal den Versuch unternimmt, die AfD mit der eigenwilligen Interpretation von Zitaten zu bekämpfen. Auslöser war eine Passage in einem Podcast-Interview https://www.youtube.com/watch?v=Cm7mLB6bDiM mit Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten der AfD, für die im nächsten Jahr anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.
Etwa nach 28 Minuten und 40 Sekunden kann aus dem schwer erträglichen Gestammel des Interviewers Gordon Repinski folgende Frage herausdestilliert werden: „Können Sie mir mal ´ne Einordnung geben, wenn Sie zurückblicken auf die Jahre ’33 bis ’45, was das für Sie bedeutet, wenn Sie das zusammenfassen wollen?“
Siegmund antwortet: „Das ist, denke ich mal, bekannt, dass das über die ganze AfD hinweg gleichsam als Tiefpunkt unserer Geschichte betrachtet werden muss.“
Und dann in die Antwort hinein die etwas untergehende Nachfrage Repinskis: „Würden Sie auch sagen, das ist das schlimmste Menschheitsverbrechen?“
Darauf dann Siegmund: „Das maße ich mir nicht an zu bewerten, weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann und aus allen Verbrechen dieser Menschheit natürlich lernen muss.“
Ausgerechnet diese fast schon staatsmännisch korrekte Antwort wurde von der links-grünen Empörungsindustrie zum Skandal des Jahres hochgeputscht. Die Vorwürfe an Siegmund verdichteten sich dabei allen Ernstes auf eine Leugnung des Holocausts an den europäischen Juden https://www.bild.de/politik/inland/cdu-entsetzt-bundes-afd-auf-distanz-empoerung-ueber-holocaust-aussage-von-afd-spitzenmann-69218bfc18b978b3b9f55183.
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Es ist bezeichnend, dass die Kritiker der staatsmännischen Antwort von Siegmund erstens die unpräzis gestellte Frage in unzulässiger Weise einseitig deuten, zweitens mit dieser Präzisierung die umfassende nationalsozialistische Terrorherrschaft auf die Shoah verkürzen (und damit die Verbrechen außerhalb der Shoah verniedlichen) und drittens einer nur als skandalös zu bezeichnenden Hierarchisierung von Menschheitsverbrechen das Wort reden.
Doch selbst wenn man unterstellt, dass Repinski und Siegmund mit Frage und Antwort übereinstimmend ausschließlich auf die Shoah anspielen, was weder aus der Frage noch aus der Antwort eindeutig zu entnehmen, ist, kann kein Vorwurf gegenüber Siegmund konstruiert werden.
Ja, der Holocaust an den europäischen Juden als rassistisch motivierter, industriell perfektionierter Massenmord ist ein singuläres Menschheitsverbrechen. Und Siegmund hat, soweit man eine Frage zu den „Jahren ’33 bis ’45“ überhaupt allein auf die Shoah beziehen konnte, weder deren Singularität angezweifelt noch deren Status eines „Menschheitsverbrechens“. Er hat lediglich – mit explizitem Bezug auf die „Jahre ’33 bis ’45“ – eine Hierarchisierung von Menschheitsverbrechen abgelehnt, worin ihm die große Mehrheit dieser Menschheit folgen dürfte.
Es gibt leider zu viele unfassbare Menschheitsverbrechen, zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Völkern, als dass eine verbindliche Hierarchie irgendeine Rechtfertigung haben, geschweige denn einen Sinn ergeben könnte. Und man muss in der Tat aus allen diesen Verbrechen für die Zukunft lernen.
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Der Interviewer Gordon Repinski und die jetzigen links-grünen Ankläger sind offensichtlich ihren eigenen historischen Bildungslücken und ihren rassistischen Beurteilungsrastern auf den Leim gegangen und versuchen nunmehr verzweifelt, ihre peinliche Blamage in einen publizistischen Sieg umzudeuten.
Und was der grenzenlosen Heuchelei der vermeintlichen Gutmenschen noch die Krone aufsetzt: Die Empörungsmaschinerie gegen Siegmund unter dem absurden Vorwurf der Holocaust-Leugnung wurde von den denselben links-grünen Milieus angestoßen, die den täglichen gewalttätigen Antisemitismus auf deutschen Straßen und Plätzen tolerieren oder ihn sogar noch unterstützen. Im Verbund mit radikalen Muslimen wird von Links und Grün der Tod Israels gefordert. Das ist der schreckliche Kult, der den Deutschen tief im Blut zu stecken scheint. Für die lebenden Juden gibt es hierzulande nichts außer billige Sonntagsreden. Für Juden bleibt der Tod ein Meister aus Deutschland.
… Alles vom 24.11.2025 von Lothar Krimmel bitte lesen auf
https://www.tichyseinblick.de/meinungen/kann-man-menschheitsverbrechen-hierarchisieren/
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TE-Gastautor Dr. med. Lothar Krimmel ist Facharzt für Allgemeinmedizin und war von 1992 bis 2000 Geschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.