Mutter-Kind

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Blatt eines Frauenmantels nach einer Regennacht morgens um 9 Uhr am 10.6.2013

 

Eva-Prinzip – Bindungstheorie: Film „Memoiren einer Schnecke“
„Die schlimmsten Käfige sind die, die wir uns selbst bauen“
Bindungstheorie: Was der diese Woche anlaufende Animationsfilm „Memoiren einer Schnecke“ mit Eva Herman zu tun hat

Freunde hat sie sich damals nicht viele gemacht, die Journalistin Eva Herman, als sie vor fast zwanzig Jahren ihr Buch „Das Eva-Prinzip“ herausbrachte. Die langjährige „Tagesschau“-Sprecherin hatte sich einen Tabubruch – im Prinzip gleich mehrere – erlaubt, der bei ihren Kolleginnen nicht sonderlich gut ankam. Sie hatte in dem Band und dem als Vorhut der Buchveröffentlichung fungie­renden Cicero-Essay „Die Emanzipation – ein Irr­tum?“, erschienen im Mai 2006, Leitlinien des Feminismus in Frage gestellt und für „eine neue Weiblichkeit“ plädiert, die die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter entkrampfen sollte. Alice Schwarzer war so begeistert, daß sie ihr per Spiegel- Interview sogleich das „Mutterkreuz“ verlieh. Eva Herman hatte ein unpopuläres Thema aufgegriffen. Unpopulär zumindest im Kreise ihrer Kollegen, weniger in der bundesdeutschen Leserschaft, die ihr Plädoyer für eine neue Art von Feminismus zum Renner in den Buchläden machte.

Eine zentrale Rolle spielten im „Eva-Prinzip“ Erkenntnisse der sogenannten Bindungstheorie, einer Forschungsrichtung, die sich mit der früh­kindlichen Prägephase und dem Einfluß einer intensiven Mutter-Kind-Beziehung auf die spä­tere Entwicklung des Neugeborenen beschäftigt. Herman referiert die Ergebnisse von Langzeitstu­dien des Münchner Kinderarztes und Pädiatrie- Spezialisten Theodor Hellbrügge (1919–2014), der Unterschiede in der Entwicklung zwischen Krippenkindern und Kindern, die bei der Mutter aufwuchsen, festgestellt hat: „Was Sprache, soziales Verhalten und selbst die motorische Entwicklung betrifft, waren Kinder, die in den ersten drei Jahren bei der Mutter blieben, ihren Alters­genossen aus den Krippen weit vor­aus. Auf unzähligen Kongressen und in zahlreichen Fachpublikationen haben Hellbrügge und seine inter­nationalen Kollegen diese Ergebnisse präsentiert – ein Echo aus dem po­litischen Lager blieb bis heute aus“ („Das Eva-Prinzip“, S. 128).
Auch der alles außer gewöhn­liche Animationsfilm „Memoiren einer Schnecke“ von Adam Elliot, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, versteht sich ganz si­cher nicht primär als Echo auf die Erkenntnisse von Bindungsforschern wie Hellbrüg­ge. Aber er exemplifiziert sie erstaunlich präzise. In dem mit viel Liebe zum skurrilen Detail insze­nierten Werk aus der Gattung der Knetanimati­onsfilme, also mit Figuren, die wie die britischen Serienhelden Wallace & Gromit aussehen wie aus Knetgummi geformt, erzählt die tragikomische Heldin Grace Pudel die Geschichte ihres Lebens und die ihres Zwillingsbruders Gilbert.
Schon die Geburt der zweieiigen Zwillinge wird zur Tragödie. Ihre Mutter kommt dabei um. Und als wäre das noch nicht Hypothek genug für ein gerade erst beginnendes Leben, leidet das Gracie genannte Mädchen auch noch unter einer Lip­penspalte, die ihr umständliche Optimierungs­operationen und die Hänseleien anderer Kinder einbringt. Einzig ihr Bruder steht immer loyal zu ihr.
Der Vater von Gracie und Gilbert sitzt im Roll­stuhl und ist alkoholkrank, tut aber immerhin sein Bestes, um seinen Kindern ein Zuhause zu geben. Gracie zieht sich in die Welt der Bücher und ihr eigenes Schneckenhaus zurück. Ihre Schnecken­hausmentalität, so legt es der Film nahe, ist auch der Grund für die irrationale Faszination, die die schleimigen Weichtiere von klein auf auf das Kind ausüben. Gracie sammelt und hätschelt sie. Und ihr liebstes Kleidungsstück, das sie praktisch nie ablegt, ist eine Mütze mit Schneckenfühlerimita­ten auf der Stirnseite.
Eines Tages bricht der Vater von Grace und Gil­bert tot zusammen. Die Fürsorge trennt die eigent­lich unzertrennlichen Geschwister. Sie landen in verschiedenen Pflegefamilien. Gilbert kommt zu bigotten Obstbauern in der Nähe von Perth in Westaustralien; Grace wird von zwei der Promiskuität hul­digenden Hippie-Eltern mit FKK-Tick adoptiert und lebt fortan in der australischen Hauptstadt Canberra, 3.000 Kilometer Wüste entfernt von ihrem Bruder.

Daß der in aufwendiger Stop-Mo­tion-Technik hergestellte Trickfilm nicht für Kinder gedacht ist, dürfte schon die kurze Zusammenfassung des Inhalts deutlich gemacht haben. Für Jugendliche, die gerade ihre erste schlimme Depression durchleiden, dürften sich die „Memoiren einer Schnecke“ dafür als Therapieprogramm geradezu empfehlen. Es gibt kaum ein neurotisches oder anderswie krankhaftes Verhalten, keinen Tick, keinen Exzess, mit dem es Gracie und ihr Bruder nicht zu tun bekommen.

… Alles vom 25.7.2025 von Dietmar Mehrens bitte lesen in der JF 31/25, Seite 13