Schreiben

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Der 4. Affe ist endlich da: Nichts hören, sehen, riechen, nur tippen

 

Nur wer (selbst, ohne KI) schreibt, der bleibt
Die Wissenschaftszeitschrift Nature Reviews Bioengineering kommentiert den grassieren­den KI-Hype und warnt davor, zu viel Kompe­tenz an die Maschinen abzugeben. Unter dem Titel „Schreiben ist Denken“ argumentiert die Redaktion, daß wissenschaftliches Schreiben weit mehr als bloße Kommunikation ist. Es ist ein zentrales Mittel des Denkens und Erken­nens. Forschende strukturieren ihre Ideen, Analysen und Ergebnisse beim Schreiben zu einer in sich schlüssigen Erzählung. Das för­dere den Erkenntnisprozess. Besonders hand­schriftliches Schreiben stärke laut Studien die neuronale Vernetzung. Die Autoren warnen: KI-Systeme können Formulierungen liefern, doch sie übernehmen keine Verantwortung und neigen zu falschen oder erfundenen In­halten, sogenannten „Halluzinationen“. Zudem koste die Kontrolle solcher Texte oft viel Zeit. Sie plädieren daher dafür, das Schreiben als kreativen, analytischen Kern des Forschens zu begreifen. Nur wer selbst schreibt, sei in der Lage, seine Forschung voll und ganz zu durch­dringen und überzeugend zu erzählen. (mp)
https://nature.com/articles/s44222-025-00323-4
… Alles vom 25.7.2025 von Jörg Schierholz bitte lesen in der JF 31/25, Seite 22

 

Pro & Contra: Sollen Grundschüler noch Schreibschrift lernen?
Die hübsche Schreibschrift mit den verbundenen Buchstaben: Sollte man sie weiterhin in der Grundschule lernen? Oder ist das im digitalen Zeitalter verschwendete Zeit? Zwei Redakteure, zwei Meinungen.

PRO:
Die Schreibschrift gibt den Schülern mehr Möglichkeiten, ihre eigene Handschrift zu entwickeln, meint BZ-Redakteur Michael Saurer
Schreibschrift ist schön. Die miteinander verbundenen Buchstaben muten ein wenig wie Kalligraphie an, sind ineinander verschlungen. Kein Vergleich zu den abgehackten Buchstaben der reinen Druckschrift, in der man zwar die Zeitung und Bücher gut lesen kann, die aber sonst keinen ästhetischen Mehrwert aufweist. Doch braucht eine Schrift diesen überhaupt? Einige Bildungsexperten bezweifeln das und fordern die Länder auf, das Unterrichten der Schreibschrift in den Grundschulen abzuschaffen. Langfristig würde das bedeuten, dass die Schreibschrift ausstirbt, ähnlich wie die Sütterlinschrift vor ihr.
Als Beobachter der Debatte fragt man sich dabei: Warum eigentlich? Es ist ein wenig wie mit der Zeitumstellung. Die Kritiker melden sich besonders lautstark zu Wort; diejenigen, die mit dem bestehenden System eigentlich ganz gut leben können, halten sich zurück. Dabei ist die Beibehaltung der Schreibschrift und ihr Erlernen im Grundschulunterricht eine Chance. Eine Chance, seiner Persönlichkeit eine eigene Note zu verleihen. Denn das Erlernen einer Schrift ist für Kinder viel mehr als nur das Auswendiglernen von Zeichen. Es ist ein Austarieren, ein Herantasten an das, was später einmal die Handschrift werden wird.
Schauen wir einfach unsere Handschriften einmal genauer an. Es gibt die akkuraten, exakt positionierten Handschriften, die aussehen, als seien sie mit einem Lineal gezogen, bei denen jeder Buchstabe gleich aussieht. Und es gibt die Sauklauen, die nur für den Schreiber selbst lesbar sind, fast wie bei einer Geheimschrift. Und natürlich gibt es ganz viel dazwischen.
Doch egal, in welche der beiden Richtungen man tendiert, wird man feststellen, dass die eigene Handschrift immer ein Mischsystem zwischen Schreib- und Druckschrift ist. Der Schreibende bedient sich aus einem großen Topf, den man ihm in der Grundschule bereitgestellt hat, verrührt die beiden Grundzutaten Schreib- und Druckschrift und kreiert damit etwas Eigenes. Das geht natürlich nur, wenn man zwei verschiedene Zutaten hat, die man miteinander vermischen kann. Hat man nur eine Zutat, kann man noch so viel dosieren, noch so viel herumdoktern – das Ergebnis wird immer gleich sein.
Das wäre schade. Wird die Schreibschrift nicht mehr unterrichtet, geht etwas verloren, was nie wieder aufgeholt werden kann. Wie bei einem Farbenkasten, aus dem ein Farbton verschwindet. Die Welt wird dadurch weniger bunt. Gewonnen wurde aber nichts.

CONTRA:
Wer stundenlang schön schreiben übt, lernt währenddessen nichts anderes. Dabei gäbe es so viel zu erfahren, findet BZ-Redakteur Patrik Müller
In einem Punkt haben die Traditionalisten ja recht: Es ist definitiv gut für die Gehirnentwicklung von Kindern, wenn sie neben der Druckschrift auch noch eine hübsche Schreibschrift mit verbundenen Buchstaben lernen. Mit dem gleichen Argument ließe es sich auch rechtfertigen, Lettern wie vor 3000 Jahren in Stein zu meißeln – auch hier passiert motorisch und intellektuell mehr als beim bloßen Drücken einer Computertaste. Trotzdem will niemand Klassenzimmer mit Schiefertafeln und Keilen ausrüsten. Dass sich die Schreibschrift so wacker hält, hat zwei Gründe. Der Erste hat mit Nostalgie zu tun, der zweite mit praktischen Erwägungen: Von den unzähligen Aktivitäten, die kleinen Gehirnen guttun, ist das Buchstabenmalen die einfachste und billigste. Ein Blatt Papier, ein Stift, fertig. Ein Klavier ist teuer, ein Tablet schwer zu kontrollieren, Ausflüge in den Wald kosten Zeit und dreckig ist es da auch: Hefte raus!
Doch tatsächlich spricht das Zeit-Argument gegen die Schreibschriftpflicht: Wer stundenlang da sitzt und Buchstaben übt, lernt währenddessen nichts anderes. Und eigentlich wollen Kinder ja lernen, schon die ganz kleinen: Papa, warum ist die Banane krumm? Weil sie zur Sonne wächst. Warum? Weil sie das Licht braucht. Warum? Wer nicht viel weiß, kann viel lernen.
Grundschullehrer könnten tolle Sachen mit den Kindern machen. Sie könnten philosophieren, zum Beispiel, ganz einfach und spielerisch natürlich: Woher weißt du eigentlich, dass es dich wirklich gibt – oder mich? Sie könnten sie an die Grundlagen des Programmierens heranführen, an Logik also, an Bewegung, an Musik, sie könnten früh mit einer zweiten Sprache anfangen oder sogar einer dritten, denn viele Kinder wachsen zweisprachig auf. Alles wäre besser als die Beschäftigung mit den Schnörkeln und Wellen der lateinischen Ausgangsschrift.
Die Druckschrift reicht, um Formulare auszufüllen. Und das ist wohl das, was die Mehrzahl der Schüler in ein paar Jahrzehnten noch von Hand machen wird. Traurig? Vielleicht. Doch eine Schreibschriftpflicht in der Grundschule bringt keinen dazu, später mal unvergessene Liebesbriefe mit dem Füller auf Büttenpapier zu hauchen. Ein Text ist nicht klüger, weil er analog entsteht, die Deutschklausur in der Oberstufe nicht oberflächlicher, nur weil sie in eine Computertastatur gehackt wird. Und eines ist sicher: Eine schöne Schreibschrift wird immer ihre Liebhaber finden, Kalligraphie immer cool sein – ohne schlechte Erfahrungen in der Kindheit vielleicht noch mehr.
… Alles vom 4.6.2025 bitte lesen auf
https://www.badische-zeitung.de/pro-und-contra-sollen-grundschueler-noch-schreibschrift-lernen

Einige Kommentare
„Wer stundenlang schön schreiben übt, lernt währenddessen nichts anderes.“
Wer das schreibt, hat nicht begriffen, was sich da im Gehirn abspielt Da wird das natürlich gemacht, was heute bei der KI bewundert wird. Es werden Neurone für bestimmte Dinge aktiviert. Im übrigen sind diese Bewegungen auch hilfreich beim späteren Zeichnen. Oder ist das auch hinfällig – nach Meinung des Autors? Marion May
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Gilt das Zeit-Argument „Wer stundenlang schön schreiben übt, lernt währenddessen nichts anderes“ konsequenterweise also auch für das Rechnenüben, das mittels Smartphone viel schneller und damit zeitsparender geschieht? Dann bliebe von den kulturellen Grundfertigkeiten „Lesen, Schreiben und Rechnen“ nur noch das Lesen übrig, das sich aber ebenfalls automatisieren läßt. E.K.
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