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- Merz setzt Wort („schlechter Witz“) mit Tat („Gewalt“) gleich (30.7.2026)
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Merz setzt Wort („schlechter Witz“) mit Tat („Gewalt“) gleich
Nach dem islamistischen Anschlag in Berlin erklärt Bundeskanzler Friedrich Merz vor der Libori-Gilde in Paderborn: „Gewalt beginnt nicht erst mit einem Anschlag. Gewalt beginnt mit Intoleranz, mit Ausgrenzung, mit Diskriminierung, mit dummen Redensarten und mit schlechten Witzen.“ Man muss diesen Satz ernst nehmen, denn er verdeckt eine intellektuelle Ungeheuerlichkeit. Merz sagt nicht nur, dass Worte verletzen können, Verachtung ein gesellschaftliches Klima verschlechtert oder Entmenschlichung tatsächlicher Gewalt vorausgehen kann:Das wäre ebenso banal wie richtig. Er ordnet vielmehr Intoleranz, Diskriminierung, dumme Redensarten, schlechte Witze und einen terroristischen Anschlag derselben Kategorie zu: der Gewalt. Damit verwandelt er einen Begriff, der gerade wegen seiner Härte und Eindeutigkeit unverzichtbar ist, in eine moralische Nebelmaschine. Er stellt den schlechten Witz und den terroristischen Anschlag auf dieselbe begriffliche Straße: Der eine steht am Anfang, der andere am Ende. Doch Gewalt ist zunächst körperlicher Zwang. Jemand schlägt, sticht, schießt oder fährt in eine Menschenmenge. Ein schlechter Witz kann geschmacklos, verletzend oder dumm sein. Aber er bleibt Sprache.
Die Unterscheidung zwischen Wort und Tat ist keine Spitzfindigkeit, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft. Wer sie verwischt, wertet nicht nur den Witz zur Gewalt auf. Er wertet den Anschlag zur bloßen Fortsetzung eines schlechten gesellschaftlichen Klimas ab. Besonders bequem ist dabei die Verschiebung der Verantwortung. Der islamistische Täter hat zwar gehandelt, aber irgendwie habe die Gesellschaft schon vorher begonnen: mit Intoleranz, Ausgrenzung und falschen Pointen. Die konkrete Ideologie des Islamismus – sein Verhältnis zu Homosexualität, Frauen, Juden, Religion und westlicher Freiheit – verschwindet wiederum in einem allgemeinen Nebel namens „Hass“. Der Bürger soll daraus lernen: Überprüfe deine Redensarten. Kontrolliere deine Assoziationen. Vielleicht steckt in deiner Pointe schon der nächste Anschlag. Diese Denkfigur ist nicht neu. Seit Jahren gilt Humor zunehmend als politische Waffe – vor allem dann, wenn er von rechts kommt oder gegen linksliberale Gewissheiten zielt. Uwe Steimle ist dafür ein Musterfall. Seine Ironie wurde nicht als kabarettistische Uneigentlichkeit behandelt, sondern als Gesinnungsbeweis. Man nahm den Satiriker absichtsvoll wörtlich und erklärte das Lachen selbst zum Verdachtsmoment.
Nicht jeder also darf über alles lachen. Über Ostdeutsche, Bauern, Männer, Katholiken, Ungeimpfte, Provinzler oder AfD-Wähler darf der öffentlich-rechtliche Humor bedenkenlos herziehen. Das heißt dann Satire, Haltung oder Aufklärung. Problematisch wird Humor erst, wenn er nach oben zielt – gegen Regierungserzählungen, Identitätspolitik oder den moralischen Ernst des Kulturbetriebs. Der entscheidende Gegensatz verläuft also nicht zwischen gutem und schlechtem Witz, sondern zwischen erlaubtem und unerlaubtem Gelächter. Wer lacht, verweigert den Gehorsam. Wer lacht, schafft Distanz. Genau das erträgt das herrschende politische Sprechsystem nicht. Durchtränkt von paramoralischer Überhöhung banaler Floskeln, reagiert es auf jede humorvolle Störung mit Intoleranz. Die Fürsten sind verschwunden – an ihre Stelle traten die Sprecher der „Zivilgesellschaft“. Doch statt zurückzulachen, verordnen sie Sprachregeln, deuten einen universellen Ausdruck menschlicher Freiheit zur finsteren Methode um. Die Pointe wird zum Attentat. Die politische Klasse kennt keine Selbstironie. Sie versteht das Lachen nicht als Reaktion, sondern als Provokation.
Ein Witz kann ein aufgeblasenes Pathos mit einem einzigen Satz zum Einsturz bringen. Darum wird er nicht nur kritisiert, sondern pathologisiert: als „rechte Waffe“, als Vorstufe der Verrohung, als Gewalt. Natürlich gibt es Grenzen. Morddrohung, Volksverhetzung und konkrete Aufforderung zu Straftaten sind keine harmlosen Pointen. Dafür aber besitzt der Rechtsstaat präzise Kategorien. Gerade deshalb ist Merz’ pauschale Gleichsetzung so verantwortungslos. Sie löst die Unterschiede auf, die ein Rechtsstaat benötigt. Und sie hat einen politischen Nutzen. Gegen einen Täter muss der Staat handeln. Gegen ein gesellschaftliches Klima kann er endlos erziehen: mit Meldestellen, Haltungsprogrammen, Schulprojekten, Medienkampagnen und Sensibilisierung. Der erfolglose Sicherheitsstaat wird zum erfolgreichen Pädagogen. Weil er die konkrete Gefahr nicht beherrscht, beaufsichtigt er die Sprache seiner Bürger. Friedrich Merz wollte nach einem Terroranschlag gesellschaftliche Geschlossenheit beschwören. Herausgekommen ist ein Lehrsatz der Umerziehungsrepublik: Der Islamismus fährt in eine Menschenmenge, und der Deutsche soll anschließend seinen Humor überprüfen. Vielleicht beginnt politische Verantwortungslosigkeit genau da: bei schlechten Sätzen von schlechten Bundeskanzlern.
… Alles vom 30,7,2026 von Thomas Hartung bitte lesen auf https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-30-juli-2026
