Matthias Baumann hört bei den Gedichten von Melek, Nedmije und Zeinab ganz genau hin und gibt den Versen in seinen musikalischen Kompositionen einen besonderen Ausdruck.
’94 in Serbien geboren / Dort habe ich meinen Bruder verloren
Ich sah Menschen davonrennen / Ich sah Eltern und Kinder sich trennen
Ich sah Menschen von Häusern springen / Ich sah Menschen Menschen umbringen
So beginnt ein Gedicht von Ruzdi B., inzwischen 17 Jahre alt und in Freiburg lebend. Sein Gedicht, wie auch die von sechs weiteren Jungendlichen mit Migrationshintergrund, ist während eines Interkulturellen Projektes auf eine CD gebrannt und öffentlich gemacht worden. An der Freiburger Hebel-Schule hat die Filmemacherin und Leiterin des Interkulturellen Projekts, Barbara Davids, Schülerinnen und Schüler zum Verfassen von Gedichten angeregt. Die Audio-CD trägt den Titel: „Weit vom Auge – weit vom Herz“. Es handelt sich um Gedichte, die vom Heimweh der Jugendlichen berichten. Von Flucht und Vertreibung, von der Hilflosigkeit im Leben der unterschiedlichen Kulturen, aber auch von Religiosität, von Momenten der Unterstützung, die die Jugendlichen durch neue Freunde erfahren haben, – eben vom Leben in Parallelwelten. So schreibt Nedmije E. aus dem Kosovo:
Ihr Freunde gebt mir Kraft
Wir Freunde sind füreinander da
Ich, Freunde, ich liebe euch,
Wenn ihr nicht da seid, Freunde, geht es mir nicht gut
Zum Lachen, Freunde, bringt ihr mich
Danke Freunde, dass ihr mir Liebe gebt. […]
Matthias Baumann, der in Littenweiler lebt und arbeitet, hat den Gedichten eine einfühlsame Musikbegleitung zur Seite gestellt. Er hat das Einsprechen der Verse im Studio geleitet, taucht dabei immer tiefer in die Einzelschicksale ein und merkt bald „ich muss das hier richtig gut machen“. So ging die Kompositionsarbeit über ein dreiviertel Jahr. Es kamen immer mehr Gedichte dazu. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten während des Projektes Feuereifer. Hatten sie es in der Schule mitunter schwer, konnten sie im Studio plötzlich stundenlang und konzentriert arbeiten. Und Nedmije E. hat inzwischen sogar ein Stipendium erhalten, damit sie ihren Realschulabschluss nachholen kann. Mit ihrem Gedicht „Weit vom Auge – weit vom Herz“ hat sie es geschafft, dass ihr Vater heute stolz auf sie ist, auch wenn er sich zuerst mit ihrer Frage auseinandersetzten musste:
[…] Vater
Streng, Vater gibst uns zu wenig Liebe
Ich liebe dich Vater, doch du mich auch?
Ohne dich Vater, gäbe es mich nicht
Unsere Ehre, Vater, ist das das Wichtigste für dich?
Vertraust du, Vater, nur den Jungs?
Ich bin deine Tochter, Vater, brauchst du mich nicht? […]
Aufgewachsen in Tübingen, hat Matthias Baumann eine Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher gemacht, an die er ein Studium der Sozialpädagogik (FH) in Reutlingen anschloss. Doch auf dem Arbeitsmarkt sah es eher schlecht für Sozialpädagogen aus. So war er auch für einige Zeit LKW-Fahrer. „Keine schlechte Erfahrung“, wie Matthias Baumann heute weiß. Sein Interesse, etwas mit Medien zu studieren, führte ihn schließlich zum Studiengang der Medienpädagogik. Er arbeitet beim PH-Radio, macht Hörspiele und wird Dozent für praktische Hörspielproduktionen. 2007 bekommt er eine Festanstellung, die nach drei Monaten aus Finanzierungsgründen wieder aufgekündigt wird. Aus der Arbeitslosigkeit heraus, machte Matthias Baumann sich als Medienpädagoge selbstständig. Sein Einsatzgebiet ist vielfältig: Er erhält von der Pädagogischen Hochschule Lehraufträge im Radio- und Trickfilmbereich und lehrt praktisches Hörspiel. Die Landesmedienzentrale beauftragt ihn mit Vorträgen für Schüler zu Cyber-Mobbing oder Facebook-Fallen. Er führt ein Schüler-Mentoren-Programm durch, und wird von Schulen zur Umsetzung von Trickfilm-Produktionen beauftragt, wie beispielsweise vom Deutsch-Französischen Gymnasium bei der Umsetzung des Gilgamesch-Epos. Er arbeitet als Medienpädagoge in der Kunsthalle Mannheim und setzt im Auftrag der Caritas mit FSJlern ihre Erfahrungen in einen Trickfilm um.
Für Baumann bieten sich bei diesem Projekt völlig neue Einblicke in die unterschiedlichen Kulturen. „Im Gedicht kommen diese fremden Kulturen zusammen und es entsteht eine Begegnung von der arabischen Kultur mit der Musik von mir, der ich in Deutschland aufgewachsen bin.“ Inzwischen werden die Protagonisten zu Podiumsdiskussionen eingeladen und tragen ihre Gedichte auch vor Senioren vor, die ein ganz besonderes Verstehen haben. Denn viele von ihnen wissen um Angst, Vertreibung und Verlust der Heimat und es zeigt sich ein Mitfühlen wenn Melek D. in ihrem Gedicht-Zyklus I-III „Wand aus schwarzem Glas“ schreibt
[…] Ich bete dafür,
dass ich trotzdem glücklich werde.
Die Audio-CD „Weit vom Auge – weit vom Herzen“, des Interkulturellen Projekts/Poetry Music liegen derzeit in der Buchhandlung Hall auf dem blauen Tisch aus sowie auch eindrucksvolle Zeichnungen der Verfasser/Innen.
Ein Interview des PH-Radios mit Matthias Baumann ist zu hören unter „Weit vom Auge, weit vom Herz“
https://ph-radio.de/346
12.8.2012, Beate Kierey, Littenweiler Dorfblatt
