Stille

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Eiche hellgrün und Löwenzahn rot im Frühling bei Freiburg 18.4.2026

 

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Lob der Stille: Was wir von dem römischen Philosophen und Stoiker Seneca lernen können
Zum Tag gegen Lärm
von Thorsten Thaler

Der heiße Nachmittag hängt schwer über dem Golf von Neapel. Lucius Annaeus Seneca sitzt am Fenster seiner Schreibstube im ersten Stock, den Federkiel in der Hand. Er hat sich zum Studieren in der Stille nach Baiae ans Mittelmeer zurückgezogen, fernab vom lärmenden Rom. Doch er wohnt dort direkt über einer Badeanstalt, in der ein munteres Treiben tobt. Seneca hört das Stöhnen der Athleten, das Klatschen der Masseure auf nackter Haut, das Platschen der Badenden, wenn sie ins Wasser springen, das Kreischen der Haarzupfer, das Rufen der Würstchen- und Kuchenverkäufer. Ein ganzer Chor des Alltags dringt durch den Holzboden herauf – lauter, lebendiger, unaufhaltsamer als jeder Marktplatz. Er legt den Kiel beiseite. „Hier bin ich“, schreibt er später an seinen Freund Lucilius, „umgeben von vielfältigem Lärm“, der einen dazu bringen könne, „dass man seinen eigenen Ohren grollt“.

Auch die von der Straße heraufdringenden Geräusche machen ihn kirre. Dazu rechnet er „einen vorüberrollenden Wagen, einen in oder neben dem Haus arbeitenden Schmied oder Zimmermann oder den Mann neben der Brunnensäule, der seine Flöten und Trompeten probiert und grelle Töne, nicht Melodien, von sich gibt“. Selbst den Bootsmann kann er hören, der „mit zerreißender Stimme den Ruderknechten den Takt angibt“.
Trotzdem zwingt der römische Stoiker seinen Geist, „nur auf sich gerichtet zu sein und sich nicht von Außendingen ablenken zu lassen“, wie er Lucilius wissen lässt. Die wahre Ruhe sei die eines ungestörten Geistes. In diesem Moment wird aus dem Lärm von unten die größte Lektion der Stille geboren: Nicht die Abwesenheit von Geräuschen zählt, sondern die Anwesenheit eines ruhigen Geistes.

Viele griechische und römische Denker sahen Lärm nicht nur als physische Belastung, sondern als Störung der inneren Ruhe, Konzentration und philosophischen Reflexion. Sie priesen die Stille als Voraussetzung für Weisheit, Seelenfrieden und ein gutes Leben. Epikur betonte die ungestörte Zurückgezogenheit als Ideal der Unerschütterlichkeit und Gelassenheit im Kontrast zum turbulenten Leben in der Menge und im Lärm der Polis. „Das größte Gut der Unabhängigkeit von den Menschen ergibt sich aus einem ruhigen Leben und dem Rückzug aus der Masse“, lautete einer seiner Lehrsätze.

Plutarch wird der Gedanke zugeschrieben, wonach Stille beziehungsweise Schweigen zur rechten Zeit Weisheit ist und besser als jede Rede. Von ihm stammt das Traktat über „Die Geschwätzigkeit“, in dem er den Lärm überflüssigen Redens und äußerer Ablenkungen der inneren Stille gegenüberstellt. Auch der römische Kaiser Mark Aurel betonte den Rückzug in die eigene Seele als den stillsten Ort, unabhängig vom äußeren Tumult.

Spätere Denker griffen diese antiken Stimmen wieder auf. Für den schottischen Schriftsteller und Historiker Thomas Carlyle war Stille das Element, „in dem große Dinge sich formen“, für Johann Wolfgang von Goethe „bildet ein Talent sich in der Stille“. Der Philosoph Friedrich Nietzsche schreibt in „Also sprach Zarathustra“: „Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“

Freilich: Sie alle konnten nichts von der modernen Reizüberflutung unserer Tage wissen. Nichts davon, wie wir Heutigen dank der Technik in einer nahezu rund um die Uhr lärmenden Welt leben. Straßenlärm, Fluglärm, Schienenlärm, Baulärm, Haus- und Nachbarschaftslärm, Sportlärm, Mediengetöse – die äußeren Einflüsse, die uns die Gemütsruhe rauben, sind mannigfaltig. Ganz zu schweigen von gesundheitlichen Beschwerden, die Lärm mit sich bringen kann.

Aus diesem Grund gibt es seit 1996 den sogenannten Tag gegen Lärm (International Noise Awareness Day). Er findet jährlich am letzten Mittwoch im April statt, dieses Mal also in der kommenden Woche am 29. April. Der Aktionstag geht auf eine Initiative des Center for Hearing and Communication (CHC) zurück, einer gemeinnützigen Organisation in den USA, die Dienstleistungen für Menschen mit Hörverlust, Gehörlosigkeit oder Hörproblemen anbietet. Er soll für die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Lärm sensibilisieren und Maßnahmen für mehr Ruhe im Alltag sowie den Gehörschutz fördern. Lärmbelastung zählt zu den umweltbedingten Risikofaktoren für Schlafstörungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Lärm kann zu Gereiztheit und Konzentrationsstörungen führen. Zumal sensible Naturen können davon ein garstig Lied singen.

Doch was genau gilt überhaupt als „Lärm“? In der Akustik und im Umweltrecht wird Lärm als unerwünschter Schall definiert, der Beeinträchtigungen des Wohlbefindens hervorrufen kann. Lärm ist also nicht einfach nur jedes laute Geräusch. Die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) und psychoakustische Forschungen unterstreichen: Nicht die objektive Lautstärke allein entscheidet, sondern die empfundene Störwirkung. Wer je in den ersten Reihen bei einem Rammstein-Konzert gestanden hat, weiß das, weil niemanden dort das gehörige Bassgewummer stört – im Gegenteil. Ob wir etwas als Lärm empfinden, ist sowohl eine Frage der äußeren Umstände als auch der inneren Haltung. Eine große Rolle spielen individuelle Faktoren. Ein und derselbe Schallpegel kann je nach Situation und Kontext als angenehm, neutral oder extrem störend wahrgenommen werden. Ein plätschernder Wasserlauf im Park wirkt beruhigend, der tropfende Wasserhahn zu Hause treibt einen in den Wahnsinn. Vogelgezwitscher beim Sonntagnachmittagskaffee im Garten oder auf dem Balkon klingt lieblich, doch wer nach einem anstrengenden Tag am nächsten ausschlafen will und noch in der Morgendämmerung von Nachtigall, Amsel und Singdrossel wachgeträllert wird, steht schon mit mordsmäßig schlechter Laune auf. Kinderlachen auf dem Spielplatz in Hörweite bei geöffnetem Fenster kann Freude oder pure Störung bedeuten – je nachdem, ob man selbst entspannt auf der Couch herumfläzt oder konzentriert am Schreibtisch in eine Arbeit vertieft ist. Nur der Schallpegel von Presslufthammer oder Kreissäge dürfte ausnahmslos immer und überall als übergriffiger Lärm verspürt werden.

Lärm und Stille können also sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen und Wirkungen zeitigen. Seneca erkannte ausweislich seines Briefes an Lucilius für sich die glückliche Fügung, dass sein Geist inmitten des Getöses des Badehauses ruhig blieb, solange keine inneren Leidenschaften tobten.
Andere Erfahrungen machen zum Beispiel die Protagonisten in zwei Romanen: „Die Wand“ (1963) von Marlen Haushofer und „Im Rausch der Stille“ von Albert Sánchez Piñol (Original: La pell freda, 2002; deutsche Übersetzung 2006).

In Haushofers Werk fährt die namenlose Ich-Erzählerin, eine Frau um die vierzig, mit ihrer Cousine und deren Mann in ein abgelegenes Jagdhaus in den österreichischen Alpen. Als das Paar abends nicht aus dem nahen Dorf zurückkehrt, macht sich die Frau am nächsten Morgen auf die Suche. Am Ausgang der Schlucht stößt sie auf eine unsichtbare, undurchdringliche Wand. Dahinter ist alles Leben, Menschen und Tiere, tödlich erstarrt.

Die Frau bleibt allein in einem begrenzten Alpental eingeschlossen. Mit dem, was sie in der Hütte und in der Natur vorfindet, kämpft sie ums Überleben. Ihr Leben wird zu einer Robinsonade – fernab jeder Zivilisation, ohne andere Menschen, ohne sozialen Lärm erfährt sie eine radikale innere Stille, die sie auf sich selbst zurückwirft. An einer Stelle heißt es: „Die Stille war so vollkommen, dass ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte.“ Die Wand wird zum Schutzraum. Am Ende bleibt die Frau mit ihrer Einsamkeit und der Erkenntnis zurück, dass wahre Freiheit und Selbstbestimmung nur jenseits menschlicher Gemeinschaft möglich scheinen.

In dem Roman des katalanischen Anthropologen und Schriftstellers flüchtet ein namenloser irischer Freiheitskämpfer vor den Konflikten Europas ans „Ende der Welt“. Er nimmt eine Stelle als Wetterbeobachter auf einer winzigen, stürmischen Insel im Südatlantik an. Bei seiner Ankunft findet er nur den verwilderten, misstrauischen Leuchtturmwärter Batís Caffó vor. Die scheinbare Idylle der einsamen Insel täuscht: Schon in der ersten Nacht greifen amphibische, froschähnliche Wesen oder „Haimenschen“ aus dem Meer den Leuchtturm an. Es beginnt ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben, bei dem die beiden Männer auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind. Im Laufe der Monate jedoch erkennt der Protagonist, dass die Angreifer nicht blutrünstige Monster, sondern Verteidiger ihrer Heimat sind. Die gesuchte Stille am Ende der Welt wird zur Prüfung.
Hier zeigt sich erneut, dass die wahre Stille letztlich nicht allein von äußeren Bedingungen abhängt, sondern etwas ist, das sich in uns selbst abspielt. Äußerer Lärm kann ertragen werden, solange der innere Tumult schweigt – und umgekehrt kann die vollkommene äußere Stille zur Qual werden, wenn der Geist unruhig bleibt. In Senecas Brief an Lucilius heißt es: „Noch fehlt es dem Geist an Haltung, noch hat er sich nicht in sein Inneres zurückgezogen, solange Töne und anderes Zufälliges ihn aufregen.“ Wie schwer das sein kann, formulierte im 17. Jahrhundert der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal mit entwaffnender Klarheit: „Alles Unglück der Menschen kommt daher, dass sie nicht fähig sind, ruhig allein in einem Zimmer zu sitzen.“

… Alles vom 24.4.2026 von Thorsten Thaler bitte lesen in der JF 18/26, Seite 13
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