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- Thorsten Hinz: Bürgerlichkeit, Bürgerliche Politik (24.7.2026)
Thorsten Hinz: Bürgerlichkeit, Bürgerliche Politik
Die Evolution im Rückwärtsgang
Massengesellschaft: Der Glaube an bürgerliche Politik als Gegenpol zum linksgrünen Nihilismus ist unausrottbar – doch er erweist sich als Illusion
Der Glaube an eine bürgerliche Politik als Gegenpol und Alternative zum woken, linksrotgrünen, klimareligiösen, deutschfeindlichen Nihilismus, der die Bundesrepublik fest im Griff hat – dieser Glaube ist nicht totzukriegen. So titelte die Neue Zürcher Zeitung nach dem Rückzug des der mehrfachen Lüge überführten Regierenden Bürgermeisters von Berlin ganz unironisch: „Kai Wegners Rückzug besiegelt das Ende eines bürgerlichen Experiments im historisch linken Berlin.“ Worin das Experiment des CDU-Mannes bestanden hat, bleibt unklar.
Das Wort „bürgerlich“ ist heute eine Wundertüte, in der vage Vorstellungen von Maß und Mitte, von praktischer Vernunft und Realismus stecken. Protagonist der bürgerlichen Politik müßte sprachlogisch das Bürgertum beziehungsweise der „bürgerliche Wähler“ sein, dem je nach Bedarf und Perspektive in unterschiedlicher Gewichtung wirtschaftliche, soziale, kulturelle, politische Merkmale zugeschrieben werden. In der klassischen Definition ist der Bürger die Synthese aus dem idealistischen Citoyen und dem nüchternen Bourgeoisen. Der eine will die Welt verbessern, der andere rechnet ihm vor, dass alles Geld, das ausgegeben werden soll, zuvor verdient werden muss.
Im Feudalismus war die Hierarchie klar: Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann. Kaiser und Könige gibt es nicht mehr, die Edelmänner tauchen in bunten Illustrierten auf und dienen als Aushängeschild im diplomatischen Dienst oder in Privatbanken. Die Arbeiterklasse hat den Bauernstand an Bedeutung übertroffen, befindet sich aber auch schon wieder in Auflösung. Die Bettelleute werden Prekariat genannt. Zu ihm gehört der brotlose Uni-Absolvent genauso wie der ungelernte Quartalssäufer. In der sozialistischen DDR etablierte sich eine „arbeiterliche Gesellschaft“ (Wolfgang Engler), in der Bundesrepublik eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky). Bürgertum meint heute idealerweise eine gutgestellte Schicht, die sich durch Talent und Sekundärtugenden auszeichnet, aus der sich eine für Führungsaufgaben befähigte Elite rekrutiert, die mit Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein in die Gesellschaft hineinwirkt und sie zu staatsbürgerlicher Loyalität motiviert.
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Während Karl Jaspers von der „Minderwertigkeit der Vielen, des Durchschnitts“ sprach, hob Ortega y Gasset immerhin auf die allgemeine Erhöhung des materiellen und geistigen Durchschnittsniveaus im Massenzeitalter ab. Hundert Jahre später sprechen alle Anzeichen dafür, dass die Evolution den Rückwärtsgang eingelegt hat. Die jüngsten Erhebungen haben ergeben, dass die Hälfte der Drittklässler in Berlin keine Mindeststandards in den Fächern Deutsch und Mathematik erfüllt. In zehn Jahren werden sie wahlberechtigt sein und, da sie über keinerlei Urteilskraft verfügen, ihrer Triebhaftigkeit und Reizbarkeit freien Lauf lassen und dort ihr Kreuz machen, wo Umverteilung und Gleichmacherei versprochen wird.
Eine bürgerliche Politik ist schon heute ein Ding der Unmöglichkeit. Zumindest in Berlin. Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus im September werden eine klare linke Mehrheit ergeben, mit Elif Eralp könnte dann eine Regierende Bürgermeisterin der Linkspartei ins Rote Rathaus einziehen.
Wie lautet das bürgerliche Gegenprogramm? Es ist von unfreiwilliger Komik, was die hochbürgerliche NZZ über die bemühte Bürgerlichkeit des CDU-Politikers Kai Wegner schreibt: „Dabei agierte er nicht als Law-and-Order-Mann, sondern setzte sich als Vertreter des weltoffenen CDU-Flügels in Szene. Etwa mit Auftritten beim Christopher Street Day.“
Mehr bleibt vom Bürger nicht übrig. Die Zukunft wird nicht bürgerlich sein, sondern hart, gemein, geprägt von massenhafter Dumm- und Bosheit. Und sie hat längst begonnen.
… Alles vom 24.7.2026 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 31+32/26, Seite 15
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