Wenn Linke nicht mehr links sind

Der Drang zum Linkssein beginnt mit der Pubertät. Wer jung ist, der ist links. Um dann  mit zunehmenden Alter Skepsis und Zweifel Raum greifen zu lassen und die Ideen der politischen Rechten für sich zu entdecken. An dieser Lebenserfahrung kommt man nur schwer vorbei. Derzeit erstaunt aber zweierlei:
Der Rechtsruck setzt immer früher ein. Grünlinke, die sich über das Herabsetzen des Wahlalters auf 16 Jahre einen Stimmengewinn erhofft hatten, wurden enttäuscht. Denn die Jungwähler votieren plötzlich rechts.
Und unter den bestaltrigen Linken – so zwischen 35 und 55 Jahre – stimmen viele dem Diktum von Wolf Biermann „Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung“ zu: Linke wollen plötzlich nicht mehr links sein.

Ulli Kulke , ein ehemaliger Redakteur der linken taz, hat den Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert“ (1) herausgegeben, in dem er vierzehn linke Dissidenten zu Wort kommen läßt, die an ihrer ursprünglichen Linksorientierung irgendwann zu zweifeln begannen.
Es ist ein äußerst schwieriges und unbequemes Unterfangen, eigenen Zweifeln nachzugehen, eigene Fehler einzugestehen und dann auch die Konsequenzen zu ziehen: Indem man den früheren Weg ändert und indem man sich outet und darüber schreibt. Diesen Mut bewiesen die Autoren des Sammelbandes „Wenn das Denken die Richtung ändert“.
„In einer politischen Kultur, in der Meinungsänderungen häufig als Schwäche oder Opportunismus interpretiert werden, verteidigen die Autoren eine Haltung, die für jede Gesellschaft unverzichtbar ist, nämlich die Bereitschaft, eigene Gewissheiten zu überprüfen.“ (2). Das Buch liefert keine (neue) Ideologie, Wahrheit bzw. irgendwie richtige Haltung. Das Buch will nicht missionieren, bekehren und eine bestimmte politische Richtung als die einzig Wahre anpreisen. Sondern es fordert dazu auf, seine Meinung zu hinterfragen und diese ggf. zu ändern, also ehrlich zu sich selbst zu sein.
8.5.2026
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Ende von Beitrag „Wenn Linke nicht mehr links sind“
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Beginn von Anlagen (1) – (3)
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(1) Wenn das Denken die Richtung ändert – warum wir nicht mehr links sind
von Ulli Kulke und Reinhard Mohr (Hrsg)
Kohlhammer Sachbuch 260 Seiten, 24 Euro,
Mit Beiträge von Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Nieder Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider
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Wir ändern uns – auch im Denken. Wolf Biermann hat dafür die knappste Formel gefunden: „Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung.“ Dieses Staunen über sich selbst ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Die Herausgeber Ulli Kulke und Reinhard Mohr versammeln zwölf Autorinnen und Autoren, fast alle geprägt von 68, linken Milieus oder der grünen Bewegung. Sie fragen sich, wie es dazu kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und nicht mehr an den Sozialismus glauben; dass sie den Staat weder verteufeln noch vergöttern; dass Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für sie zu den großen Errungenschaften zählen; und dass ihnen die Freiheit so wichtig ist, dass sie auf betreutes Denken und Sprechen gut verzichten können. Erzählt wird anschaulich und persönlich: von Irrtümern und Kurskorrekturen, von Widersprüchen, von komischen und bitteren Momenten. Denn kaum etwas ist schwerer, als sich von einem vertrauten Weltbild zu lösen, das zur geistigen und emotionalen Heimat geworden ist.
Warum also tut man das? Gab es einen Moment, der alles drehte? Oder viele kleine Anstöße – in der Uni, im Beruf, im Privatleben? Vielleicht war es auch nur Rudi in der WG, der 1977 den Parmaschinken aus dem Kühlschrank nahm und billige Bierwurst zurücklegte: eine lächerlich-kleine, doch sprechende Ungerechtigkeit im selbstverwalteten Kollektiv. Wie hält man den Abschied von der alten Gruppe aus, den Verlust von Freunden? Glaubt man danach an gar nichts mehr – oder bildet sich heimlich eine neue Blase, in der Kritik an Ideologien selbst zur Ideologie wird? Über allem schwebt die Rede vom „Rechtsruck“. Anders als in Frankreich, wo „la Gauche“ und „la Droite“ seit jeher zwei feste Größen sind, hat sich hierzulande in den letzten Jahren eine bequeme Gleichung eingebrannt: Wer nicht links oder wenigstens grün ist, gilt als rechts. Und wer rechts ist, steht schnell unter dem Verdacht, eigentlich rechtsradikal zu sein – also Nazi. Diese Abkürzung ersetzt kein Argument.
Darauf antworten Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider mit ihren eigenen Geschichten: offen, konkret, widerspruchsbereit – und der Wirklichkeit zugewandt. Spannend wie ein Roman liest man, wie aus Erfahrungen Einsichten werden. Nicht als Bekenntnis, sondern als ehrliche Bilanz.
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(2) Mut zum Zweifel – warum dieses Buch eine notwendige Debatte anstoßen wird
Ein Manifest als Warnsignal an Gesellschaft und Politik
Ein ebenso wertvolles wie wichtiges Buch über Freiheit, Zweifel und geistige Selbstkorrektur – geschrieben von der Crème de la Crème deutscher Autoren, Kolumnisten und Kabarettisten.

In einer Zeit, in der politische Positionen zunehmend zu identitätsstiftenden Markenzeichen werden und öffentliche Debatten nicht selten in moralischen Gewissheiten erstarren, wirkt dieses aktuelle Buch wie ein geradezu notwendiger intellektueller Weckruf. „Wenn das Denken die Richtung ändert – Warum wir nicht mehr links sind“, herausgegeben von Reinhard Mohr und Ulli Kulke im W. Kohlhammer Verlag, ist weit mehr als eine Essaysammlung. Es ist ein regelrecht notwendiges politisches Zeitdokument, ein persönliches Bekenntnisbuch und zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für geistige Freiheit.
Der gerade erschienene Band versammelt Texte von Autoren, die lange Zeit Teil eines eher linken politischen und kulturellen Milieus waren – und die dennoch irgendwann begonnen haben, ihre eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen. Oder die aus der politischen Mitte stammen, aber spüren, wie sich eben diese besagte Mitte zunehmend nach links orientiert hat. Dieses berechtigte und wohltuende Hinterfragen geschieht jedoch nicht im Ton einer plumpen Abrechnung oder eines ideologischen Gegenprogramms. Vielmehr beschreiben die Beiträge einen Prozess: den des Nachdenkens, des Zweifelns und schließlich auch des Umdenkens.
Gerade darin liegt die besondere Stärke dieses Buches. In einer politischen Kultur, in der Meinungsänderungen häufig als Schwäche oder Opportunismus interpretiert werden, verteidigen die Autoren eine Haltung, die für jede Gesellschaft unverzichtbar ist, nämlich die Bereitschaft, eigene Gewissheiten zu überprüfen.

Die bayerische Kabarettistin Monika Gruber, die sich der konservativen Mitte mit klassischen Werten zugehörig fühlt, formuliert dazu einen Satz, der im Buch fast programmatisch wirkt: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Dieses Bonmot bringt die zentrale Botschaft des gesamten Bandes auf den Punkt.

Noch pointierter formuliert es der Publizist Henryk M. Broder, dessen Beitrag gefühlt vielleicht zu den provokantesten des Buches gehört: „Nur Idioten müssen nie ihr Denken ändern.“

Dabei entsteht ein bemerkenswert vielstimmiges Bild. Einige Beiträge sind analytisch und journalistisch geprägt, andere stärker essayistisch oder persönlich. Doch gerade diese Vielfalt macht dieses Buch so lebendig. Es zeigt, dass intellektuelle Selbstkorrektur kein einmaliger Akt ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Am Ende bleibt der Eindruck eines Werkes, das weniger Antworten geben möchte als Denkanstöße. Es fordert seine Leser dazu auf, die eigene Haltung nicht als endgültige Wahrheit zu begreifen, sondern als Teil eines offenen Denkprozesses. Gerade deshalb ist „Wenn das Denken die Richtung ändert“ ein wichtiger Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen Debatte. In einer Zeit zunehmender Polarisierung erinnert dieses Buch daran, dass Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden bedeutet – und dass echte Demokratie nur dort funktioniert, wo unterschiedliche Perspektiven miteinander ringen dürfen.
Der große Wert dieses Bandes liegt somit nicht darin, eine neue ideologische Position zu formulieren. Sein Wert liegt vielmehr in der Haltung, die er verkörpert: intellektuelle Ehrlichkeit, Mut zum Zweifel und die Bereitschaft, sich selbst infrage zu stellen. In einer Epoche, in der politische Gewissheiten oft lauter vertreten werden als je zuvor, ist dieses Buch daher ein leises, aber umso wichtigeres Signal. Es erinnert daran, dass freies Denken nicht darin besteht, immer recht zu haben – sondern darin, den Mut zu besitzen, seine Meinung zu ändern.
… Alles vom 21.3.2026 von Jens Eichler bitte lesen auf
https://paz.de/artikel/mut-zum-zweifel-warum-dieses-buch-eine-notwendige-debatte-anstoszen-wird-a17071.html
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(3) Ulli Kulke: „Das linke Gesellschaftsmodell ist gescheitert“
Interview: Immer mehr Linke wollen nicht mehr links sein. Warum? Dieser Frage widmet sich Ex-taz-Redakteur Ulli Kulke in seinem neuen Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert“,der einige der bekanntesten linken Dissidenten versammelt

Herr Kulke, warum wollen immer mehr Linke nicht mehr links sein?
Ulli Kulke: Tja, das hat verschiedene Gründe, und einer ist womöglich sogar der Rechtsruck in der Gesellschaft, der vielen zu weit geht.

Wegen des „Rechtsrucks“ wollen Linke nicht mehr links sein? Das müssen Sie erklären.
Kulke: Immer mehr Bürger verstehen sich selbst als rechts …

Ihre Zahl ist laut Statista in nur drei Jahren von 13 Prozent 2021 auf 20 Prozent 2024 gestiegen, wo sie auch 2025 verharrte.
Kulke: Eben, aber bei vielen liegt der Grund dafür nicht darin, was die politische Rechte sagt und tut, sondern in dem, was die Linke behauptet und fordert. Die linke Deutungshoheit hat zu lange im Land geherrscht und eine radikale Eigendynamik entwickelt, die einem Teil auch der früheren Linken einfach zu weit geht.

Und deshalb gibt man das eigene Linkssein auf?
Kulke: Ich sprach eingangs ja von „verschiedenen Gründen“, und sicher spielt auch eine Rolle, welchen Schaden der Sozialismus angerichtet hat. So hat man etwa erkannt, dass die verhängnisvolle Staatsgläubigkeit, die Bürokratie, die Überzeugung, alles regulieren zu können, auch zu einem großen Teil linke Wurzeln hat – vom Lieferkettengesetz bis zur abgehobenen Klimapolitik. Hinzu kommt die Gleichmacherei, also die Umverteilung, die zur Wucherung des Sozialstaats geführt hat, was irgendwann nicht mehr zu bezahlen ist. Dazu gehört natürlich auch die ungehemmte Migrationspolitik. Das Jahr 2015 war sicherlich ein Schlüsselmoment, weil sich die Frage stellte: Kann das alles noch gutgehen?

Und, kann es das?
Kulke: Na, eben nicht, und das begreifen immer mehr Menschen.

Ist Rechts also das neue Links?
Kulke: In welcher Hinsicht?

Zum Beispiel, dass immer mehr kluge Köpfe sich heute nach rechts wenden.
Kulke: Wissen Sie, ich persönlich habe mit dem Begriff rechts kein Problem, denn mir ist klar, dass rechts nicht rechtsextrem bedeutet.

Aber?
Kulke: Nun, der Untertitel unseres Sammelbandes lautet „Warum wir nicht mehr links sind“.

Sie meinen, von „rechts“ ist da nicht die Rede.
Kulke: Genau, und das mit Bedacht, denn sonst hätten wir sicherlich weniger Autoren zusammenbekommen, vielleicht sogar gar keine.

Warum, aus Angst vor sozialen Folgen oder aus inhaltlicher Überzeugung?
Kulke: Aus beidem. Ich glaube, weil sie sich durch die Bank nicht als Rechte, sondern als echte Liberale sehen.

Für die woke Linke sind auch das Rechte.
Kulke: Nun, wenn Sie mit Ihrer Frage meinen, dass sich die intellektuelle Szene, die früher wie selbstverständlich links oder zumindest links angehaucht war, nun wandelt und immer weniger links ist, dann könnte man sie mit „ja“ beantworten.

Über Sie schrieb die „taz“ schon 2019 den Beitrag: „Als ‘der Ulli’ rechts abbog“.
Kulke: Ja, wie gesagt, ich habe damit kein Problem. Aber gefragt habe ich mich damals schon: Bin ich tatsächlich rechts angekommen oder nur rechts abgebogen?

Der Artikel begründete das so: „Der Ex-Grünen-Mitarbeiter und ‘taz’-Mitgründer ist zum Verteidiger der AfD geworden. Er findet den Umgang mit ihr ‘hysterisch’, nannte ihr Wahlprogramm 2017 ‘akzeptabel’, spricht sich allerdings gegen NS-Relativierungen und rassistische Äußerungen in der Partei aus.“
Kulke: Ja, meine ehemaligen taz-Kollegen sehen das eben als rechts, was ich respektiere. Und insgesamt war es ja ein fairer Artikel, ohne Schaum vorm Mund, der meinen Begründungen Raum gab, mit denen ich meinen Weg darlegen konnte, von der taz und der grünen Bundestagsfraktion zur Welt und zum Blog „Achse des Guten“ – die von Linken nun einmal als rechts betrachtet werden. Allerdings liegt der Beitrag jetzt sieben Jahre zurück, in denen sich die AfD weiter radikalisiert hat. Ich sehe sie heute erheblich kritischer, auch im Verhältnis zu Russland. Wobei ich die Brandmauer nach wie vor für fatal halte – sie wird auch scheitern.

Die Linke dürfte die Autoren Ihres Sammelbandes als „rechts“ einordnen, gleich wie diese sich selbst sehen. Zu ihnen zählen unter anderem Monika Maron, Monika Gruber, Dieter Nuhr, Harald Martenstein, Henryk M. Broder oder Reinhard Mohr – also einige der bekanntesten linken Dissidenten. Warum konkret wollen sie alle nicht mehr links sein?
Kulke: Das schildern sie im Buch in ihren jeweiligen Aufsätzen. Ein Grund ist auch ein einkehrender Realismus, also eine Abkehr von linker Träumerei und Romantizismus von einer schönen, heilen Welt, in der jeder alles darf.

Hat sich also die linke Weltsicht als Irrtum erwiesen?
Kulke: Wohl nicht in jeder einzelnen Hinsicht, aber im ganzen würde ich schon sagen, ja, das linke Gesellschaftsmodell ist gescheitert.

Inwiefern?
Kulke: Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Bildung. Man kann heute nicht mehr die Augen davor verschließen, dass es Unfug ist, alle Kinder in dieselbe Schulklasse zu stecken. Das funktioniert einfach nicht, weil es der Differenziertheit der Gesellschaft hinsichtlich der unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten der Menschen nicht gerecht wird. Das in der Bildungspolitik zu ignorieren ist fatal. Erst recht dort, wo die Hälfte oder gar – wie in vielen Berliner Klassen – bis zu achtzig oder neunzig Prozent der Schüler kaum Deutsch sprechen. Ein anderes Beispiel ist die Vorstellung, man könne den linken Umbau der Gesellschaft bedenkenlos den Unternehmen aufbürden. Denn die Folge ist, dass der Staat die Firmen erdrückt, wenn er sie mit Auflagen, Vorschriften und steuerlicher Belastung förmlich zuschüttet. So werden sämtliche Anreize für eine dynamische Wirtschaft vernichtet. Das merkt man ja inzwischen selbst in der SPD. Nur haben die Sozialdemokraten Angst, diese Wahrheit auch ihrer Funktionärsbasis zuzumuten. Daher wird lieber angestrengt überlegt, wo man noch mehr Geld herbekommt, um den Irrtum nicht offenbar werden zu lassen. Doch all das führt letztlich nur immer tiefer ins Scheitern des linken Gesellschaftsmodells.

Zeigen die meisten Beiträge im Buch nicht vor allem eines: eine persönliche Enttäuschung über die Linke – unabhängig davon, dass ihr Modell nicht funktioniert?
Kulke: Ja, auch das. Weil die Inhalte und Argumente der Linken inzwischen zum Teil ins Absurde geraten. Da wird etwa ein immer größerer moslemischer Gesellschaftsanteil produziert, ohne dazu Stellung zu nehmen, dass das auch zu immer stärkeren antisemitischen und antifeministischen Tendenzen führt. Gegen Werte also, die die Linke eigentlich immer vor sich hergetragen hat. Beim Thema islamische Einwanderung steht der linke Kampf gegen das Patriarchat auf einmal vollkommen zurück. Das reibt sich total, und natürlich merken die Menschen das und wenden sich immer mehr ab.

Sie selbst schreiben in Ihrem Beitrag im Buch von „Bigotterie im Dienste linker Weltsicht … da wollte ich nicht mehr mitmachen“ und schließlich, „ich war fertig mit der linken Weltsicht“. Was hat Sie so enttäuscht?
Kulke: Als studierter Ökonom und Wirtschaftsjournalist, der ich bei der taz war, wurden mir die populistischen Scheinlösungen der Linken schon während der achtziger Jahre immer deutlicher. Damals war die Verschuldung der Dritten Welt ein großes Thema, und die Linke forderte eine vollständige Streichung der Schulden – da die Industrieländer die Entwicklungsländer ja schließlich ausgeraubt hätten. Doch die am höchsten verschuldeten Staaten waren damals Argentinien, Uruguay und andere, die drei, vier Jahrzehnte zuvor noch zu den wohlhabendsten der Welt gehört hatten (oder wie Venezuela vor Ölreichtum strotzten), deren Befreiung vom Kolonialismus obendrein bereits 160 Jahre zurücklag. Was dagegen wirklich passiert war: Ihre linken Regierungen hatten sich mit kreditfinanzierten Wahlgeschenken an die Bevölkerung völlig verausgabt, um ihre Wiederwahl zu sichern. Und darüber waren diese Länder in die totale Verschuldung geraten. Doch das alles interessierte die Linke überhaupt nicht. Ebensowenig wie der Umstand, dass eine völlige Streichung der Schulden fatale Folgen für die Länder gehabt hätte, weil ihnen dann künftig niemand mehr einen Kredit geben würde. Mir erschien das nicht ehrlich.

Apropos ehrlich: „Rechts“ definiert die Linke gerne als autoritär, inhuman und unaufgeklärt, links als demokratisch, menschlich und vernünftig. Angesichts Ihrer Erfahrung als langjähriger Linker: Wie ehrlich ist das?
Kulke: Das ist natürlich keine ehrliche Definition. Aber dieses Selbstbild existiert bereits seit Beginn der Sozialdemokratie vor über 150 Jahren, und seitdem trägt man es beständig vor sich her. Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass die Linke nicht auch große Verdienste um die Entwicklung unserer Gesellschaft hat. Aber dieses undifferenzierte Selbstbild hat auch Schaden angerichtet, da es zu der Überzeugung beiträgt, dass linke Politik per se richtig ist, ohne Rücksicht auf Verluste. Zum Beispiel der Egalitarismus, der zum einen für sozialen Ausgleich in Gesellschaften sorgt, aber auch schon dazu beigetragen hat, Gesellschaften in den ökonomischen Abgrund zu reißen. Als vernünftig und menschenfreundlich verstehe ich, Menschen dabei zu helfen, das Beste aus sich zu machen. Aber das setzt voraus, anzuerkennen, dass es Unterschiede gibt und ist das Gegenteil von bedingungsloser Gleichmacherei. Die übrigens, weil sie nicht funktioniert, am Ende immer per Zwang, ja Außerkraftsetzung der Demokratie und der Menschenrechte durchgesetzt werden muss.

Also sind Gewalt und Unterdrückung Teil der Linken?
Kulke: Insofern, wie ich das eben geschildert habe, ja. Also aus dem Zwang heraus, sonst seine Ideen nicht umsetzen zu können. Gewalt ist folglich kein Selbstzweck, denn Linke träumen ja nicht unbedingt davon, sie auszuüben.

Wirklich? Nehmen Sie etwa die aktuelle Debatte um den Fall Collien Fernandes. Da überschlagen sich einige Linke vor Hass- und Gewaltphantasien gegen Männer.
Kulke: Das stimmt und ist in der Tat ein frappantes Beispiel in seiner pauschalen Schuldzuweisung an alle Männer. Selbst die Süddeutsche Zeitung hat jüngst darauf hingewiesen, wie erstaunlich diese Pauschalisierung doch ist, da sie von genau den Leuten kommt, die sonst selbst angesichts einer signifikant überdurchschnittlichen Beteiligung von Migranten an der hiesigen Gewaltkriminalität davor warnen, zu pauschalisieren, was doch menschenverachtend und rassistisch sei. Aber zurück zur linken Gewalt: Es ist schon richtig, dass Dinge wie das Gewaltmonopol des Staates oder auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung anzuerkennen, auf der Linken lange ein Tabu war. Ich erinnere mich etwa an einen Plausch mit drei grünen Bundestagsabgeordneten während meiner Zeit bei der Fraktion, in dessen Verlauf doch tatsächlich einer zu sagen wagte, dass das Gewaltmonopol des Staates im Grunde eine zivilisatorische Errungenschaft sei. Woraufhin keiner von uns anderen, obwohl wir alle gleich dachten, es wagte, dem Mutigen zuzustimmen, sondern wir nur herumdrucksten – so stark war dieses Tabu. Denn damals gab es jede Menge militante linke Gruppen, und regelmäßig flogen bei Demos Steine auf die Polizei, und natürlich waren die Grünen stets auf seiten auch der militanten Demonstranten. Zum Glück hat die Partei sich diesbezüglich gewandelt – während bei der AfD die Entwicklung ja umgekehrt ist.

Inwiefern?
Kulke: Sie startete bekanntlich als brave Professoren-Partei, vollzieht inzwischen aber ähnliche Absetzbewegungen von den Grundfesten des Staates wie anfangs die Grünen. Etwa wenn maßgebende AfD-Politiker sagen, dass der Staat nicht mehr verteidigenswert sei und gegen die Wehrpflicht sind.

Es stimmt, dass Björn Höcke dagegen ist, aber nicht grundsätzlich, sondern nur zum jetzigen Zeitpunkt.
Kulke: Höcke hält unser Land offenbar nicht für verteidigenswert, solange andere als die AfD regieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe die Partei ja schon mehrfach in Schutz genommen, nämlich dann, wenn sie diskriminiert wurde, etwa in Sachen Vizepräsidentenposten oder Fraktionssaal im Bundestag oder im Fall gewalttätiger Angriffe auf AfD-Mitglieder. Und das, obwohl sie nicht meine Partei ist. Aber ich kritisiere auch bedenkliche Entwicklungen. Wenn der Höckeflügel meint, Deutschland sei es nicht wert, verteidigt zu werden, dann frage ich mich schon, wie es um Staatstreue und Patriotismus dieser Leute bestellt ist. Und ich sehe mit Sorge, dass sich etliche in der Partei heute so wenig von Moskau abgrenzen wollen, wie viele Linke das früher zur Zeit der Nachrüstung nicht wollten, weil sie im Grunde auf seiten der Sowjets standen. Es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass sich hier die jeweiligen Positionen von Linken und Rechten damals und heute exakt ins jeweilige Gegenteil verkehrt haben. Ich kann ja nachvollziehen, warum die AfD gegründet wurde und warum viele Leute sie wählen. Aber ich halte nichts davon, auf den Irrwitz der Linken mit einer solchen Partei zu reagieren. Vielmehr wünsche ich mir, dass unsere Demokratie aus der Mitte heraus gerettet wird, in klarer Abgrenzung sowohl zum Links- wie zum Rechtsradikalismus.
… Alles vom 1.5.2026 mit Moritz Schwarz bitte lesen in der JF 19/26, Seite 3
https://www.junge-freiheit.de

Ulli Kulke: Der Mitgründer und seit 1979 Wirtschaftsredakteur der taz wechselte 1984 als Referent zur Bundestagsfraktion der Grünen, später erneut zur taz, dann zu natur, war Ressortleiter der Wochenpost, Vizechefredakteur von mare und von 2001 bis 2016 Mitarbeiter der Welt und Welt am Sonntag. Geboren 1952 als Ulrich Kulke in Benthe (heute Ronnenberg) in Niedersachsen, schrieb der mehrfach preisgekrönte Journalist mehrere Bücher, etwa über Alexander von Humboldt, Vasco da Gama, Wernher von Braun oder Erwin Wickert. Nun ist sein Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ erschienen. https://www.ullikulke.de

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