Hohwart-Windrad Breitnau 20 Jahre

Dass die Straße hinter Breitnau auf einen Veteranen zufährt, erkennt auch ein Windkraft-Laie auf den ersten Blick. Die kastenartige Gondel ist in ihrem Design von den schnittigen Turbinen-Nasen heutiger Windräder so weit entfernt, wie eine Ju52 von einem Düsenjet. Tatsächlich nähert man sich an diesem bedeckten Mittag auch einem Geburtstagskind: Die Maschine des Herstellers Enercon wurde im Maivor exakt 20 Jahren dort aufgestellt. Zu einem Zeitpunkt, als mit dem Thema Windkraft in der Region noch niemand etwas verband und zehn Jahre bevor an selber Stelle die Bürgerinitiativen gegen die „Verspargelung der Landschaften” aus dem Boden schossen und die CDU-geführte Landesregierung mit allen Kräften versuchte, die Ansiedlung von Windkraftanlagen im Ländle  zu verhindern. Noch einmal zehnJahre später hat sich der Wind erneut gedreht. Diese Woche änderte der Stuttgarter Landtag wie angekündigt das Landesplanungsgesetz, jetzt soll der Ausbau der Windenergie richtig in Fahrt  kommen. Früher konnten die Regionalverbände Gebiete festlegen, in denen der Bau von Windrädern verboten war – was sie dann auch ausgiebig taten. Jetzt ist es umgekehrt: Der Planungsverband kann Regionen als besonders geeignet und eben auch zulässig für Windkraftanlagen ausweisen, in allen anderen Gebieten können die Gemeinden selbst entscheiden, was sie auf ihrem Grund und Boden zu tun gedenken. „Anders als früher ist der Bau von Windrädern künftig grundsätzlich erlaubt und nicht mehr grundsätzlich verboten”, übersetzt Ministerpräsident  Winfried Kretschmann die Sachlage. An solche politischen Dimensionen hatte noch niemand gedacht, als sich am 26. Mai 1992 der Windkraft-Pionier in Breitnau zu drehen begann. Wie einzigartig war er damals? ImInternet findetman die Maschine als die erste Windkraftanlage modernen Typs im Hochschwarzwald verzeichnet, die  Badische Zeitung bezeichnete die Anlage gar einmal als das älteste Baden-Württembergs. Ob das tatsächlich stimmt, ist schon 20 Jahre danach nur noch schwer festzustellen. Aufgestellt hat das Rad die Firma Kraftwerk Laufenburg, doch die ist mittlerweile in der Energiedienst AG aufgegangen. Nein, sagt Ingrid Mardo, Sprecherin bei Energiedienst, man finde leider keinen Mitarbeiter von damals mehr, der den Pionierstatus der Anlage bestätigen könne. Andreas Markowsky, Chef der Freiburger Ökostromgruppe und damit des regionalen Windkraft-Marktführers, erinnert sich zumindest sofort: „Eine Enercon 33. Die hatte damals noch ein Getriebe”. Allerdings, sagt er, habe früher auch ein Windrad auf dem Feldberg gestanden, und noch immer gebe es eine Anlage auf der Baar bei Hüfingen – und die  könnte älter sein. Das Windrad auf demFeldberg erzeugte in den 50er und 60er Jahren Strom für eine  Wetterstation, hatte mit den Anlagen heutiger Prägung allerdings nichts tun. Und das Rad bei  Hüfingen? Auch Walter Witzel, lokaler Vertreter des Bundesverbands Windenergie, ist sich sicher, dass sie älter ist –  ein Baujahr aber weiß auch er nicht. Andreas Müller im Hauptamt der Gemeinde Breitnau kennt den korrekten Status der örtlichen Anlage ebenfalls nicht – immerhin aber hat er noch einen Prospekt von Kraftwerk Laufenburg zum Breitnauer Windrad herumliegen, einige Jahre nach ihrem Baumuss er herausgekommen sein. „Es war die erste Anlage dieser Größenordnung im Binnenland” steht darin, und „seiner Zeit der größte Windkonverter Süddeutschlands”. Vielleicht kann man, wenn man es vorsichtig formuliert, das Windrad auf dem Hohwart bei Breitnau wohl als die erste Windkraftanlage modernen Typs im Schwarzwald und sogar in Baden- Württemberg bezeichnen. Obwohl sie mit den Riesen, wie sie beispielsweise oberhalb von Freiburg stehen oder in  Freiamt bei Emmendingen oder in St. Peter, nicht viel zu tun haben. Die Nabe des Enercon-Veterans von Breitnau liegt in 33 Metern Höhe, die Naben der jetzt auch schon 10 Jahre alten Windräder über Freiburg in 100MeternHöhe. Jedes von ihnen liefert fast das Zehnfache der jährlich rund 280000 Kilowattstunden Strom, die der uralte Breitnauer Generator herstellen kann. Wenn die Ökostromgruppe ihre Pläne umsetzt, steht auf dem Freiburger Schauinsland irgendwann im kommenden Jahr ein zigfacher Urenkel der Breitnauer E33: Die E-126 erreicht, die Motoren mit eingerechnet, eineHöhe von 200 Metern. Die Ökostromgruppe hat auf den Startschuss der Landesregierung diese Woche gar nicht erst gewartet. Schon im März verkündete man die Bestellung von gleich 20 neuen Anlagen, ihre Standorte sollen – wenn genehmigt – in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen sowie in Freiburg und im Ortenaukreis liegen. An potenziellen Standorten auf dem Blauen haben fast zwei Dutzend Investoren Interesse angemeldet. Überall im Schwarzwald stehen Rathäuser, Energieversorger oder  Bürgergenossenschaften bereit ,um am Windboom teilzuhaben, zahlreiche Gemeinden gründen Zweckverbände. Christian Riesterer und Uwe Tischler backen da etwas kleinere Brötchen. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen”, sagt Riesterer nach einem Blick auf den Stromzähler. Er und Tischler haben die alte Enercon 33 auf dem Hohwart bei Breitnau vergangene Jahr gekauft und betreiben sie jetzt selbst. „Um den Standort zu halten”, sagt Riesterer. Denn die Energiedienst AG hatte an dem damals  sanierungsbedürftigen Gerät kein großes Interesse mehr gehabt – dochwäre die Anlage nur stillgestanden und dann abgebaut worden, hätte der Standort möglicherweise seine amtliche „Widmung” als Windmühlen-Areal verloren. Und der Standort, das ist das Land, das zu Christian Riesterers Bauernhof gehört – der Landwirt denkt durchaus daran, die alte Anlage eines Tages vielleicht durch eine neue, effizientere zu ersetzen. Durch einen Riesen wie bei Freiburg? „Nein”, sagt er, „hier würde natürlich niemals eine 100-Meter-Anlage herkommen”. Als die Ingenieure vom Kraftwerk Laufenburg vor 20 Jahren hier oben ihren Rotor aufstellten, um erste Erfahrungen mit der Windkraft zu sammeln, mussten sie noch mit Riesterers Vater verhandeln. Dass zu diesem Zeitpunkt irgend jemand im Dörfchen das Windrad als Bedrohung empfunden hat – wie es zehn Jahre später überall im Schwarzwald der Fall war. Der Mann, der in der Ortsmitte Auskunft gibt, wie man zum Windradkommt, sagt nur: „Daswar eine Sehenswürdigkeit damals.” Der Hauptamtsleiter im Rathaus denkt ähnlich: „Eigentlich ist das fast schon ein Wahrzeichen des Ortes.” Jeden Tag, sagt Neu- Windradbesitzer Riesterer, seien 50 Leute da gewesen und hätten beim Bau zugeschaut. „Das war das Ereignis.” Fortan speiste das Windradseinen Ertrag in das örtliche Stromnetz von Breitnau ein – der Identifikation der Bürger mit dem„ Wahrzeichen”dürfte das nicht geschadet haben. 
Jens Kitzler, 20.5.2012,  www.der-sonntag.de

 

 

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