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Drohne auf dem Freiburger Münsterplatz gelandet am 25.7.2015

Drohne auf dem Freiburger Münsterplatz gelandet am 25.7.2015

 

 

Promotionszeit länger als Vertragslaufzeit
Die Promotionszeit liegt deutlich bei über vier Jahren. Da Stipendien und Vertragslaufzeiten bei maximal drei Jahren enden, stehen Doktoranden unter Druck. Dasselbe gilt für PostDocs: Verträge sind zu kurz, um die Forschungen zu Ende führen.
Ein Professor betreut zwischen zwei und dreissig Doktoranden.
Zuviel ist von Doktorvater bzw. Doktormutter nicht zu erwarten, da die Dissertation ihren Charakter als eigenständige wissenschaftliche Leistung erhalten muß.
Befristete Verträge sind die beste Antibabypille – so der Doktorandenverein Thesis. www.thesis.de

Doktoranden-Umfrage von DIE ZEIT ab 3.9.2015
Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, dem drohen viel Arbeit, wenig Geld und eine unsichere Zukunft. Wir wollen von Doktoranden und Postdocs wissen: Wie sieht die Situation wirklich aus?
https://www.zeit.de/2015/36/doktoranden-karriere-wissenschaft-zukunft

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In vielen Fächern wird inzwischen die Promotion verlangt
…und zwar dank der Bologna-Reform. Wo früher ein Diplom ausreichte (z.B. in den MINT-Fächern), reicht der Master auch in der Privatwirtschaft nicht mehr aus. Daraus ergibt sich:
6 Semester Studium bis zum Bachelor
4 bis 6 Semester Studium bis zum Master
10 bis 12 Semester bis zur Promotion.
Macht eine Studienzeit von 20 (!) Semestern, bis ein viele Firmen zufriedenstellender Abschluss erreicht ist. Das Diplom gab’s nach 9 bis 12 Semestern. Und wie war das noch? Sollte Bologna nicht die Studienzeiten deutlich verkürzen? War das nicht eine Forderung, die lautstark von den Wirtschaftsverbänden kam? Jetzt dauert ein Studium doppelt so lange, wie vorher.

Es gibt unbestritten seit Umsetzung von Bologna schwere Qualitätsverluste. Ich treffe auf Absolventen, die ihren Stoff nicht mehr richtig beherrschen, weil nur Auswendiggelerntes abgefragt wird. Der Schwerpunkt des Lernens liegt nicht mehr im Erlernen des wissenschaftlichen Handwerkszeugs. Viele der Bachelor- und Masterabsolventen haben nicht gelernt, eigenständig zu recherchieren, Rechercheergebnisse aufzuarbeiten und eigene Forschungen zu betreiben. Dazu muss man aber in der Lage sein, formal wissenschaftlich korrekt zu reflektieren. Bologna setzte auf „Vergleichbarkeit“ der Leistungen. Der Vergleich findet aber letztendlich über irgendwelche von Betriebs- und Verwaltungswirten und Juristen entwickelte theoretische Standards, die mittels Excel-Tabelle überprüft werden. Das Studium heute ist ein hochgradig bürokratischer Prozess geworden – und genau das hat es komplett entwertet. Hat das Diplom noch als Nachweis ausgereicht, dass der Bewerber intellektuell und handwerklich in der Lage ist, wissenschaftlich korrekt zu arbeiten, so leistet dies der Master heute nicht mehr.

4.9.2015, N. See

Die Hauptprobleme aus meiner Sicht:
1. Das Abitur ist keine „allgemeine Studienbefähigung“ mehr. Fatalerweise hat sich die Uni darauf mit gesenkten Leistungsstandards eingestellt (BA und Auswendig-Lernen).
2. Das Studium ist qua BA kein Studium, sondern eine Grundausbildung, in die auch noch das Studieren-Können selbst integriert werden muss. Gerade für die GW ist das problematisch – die meisten Studis ahnen nicht mal, was sie nicht wissen.
3. Es gibt zu wenige Stellen, vor allem und gerade im Mittelbau (Akademische Räte!) Damit gibt es keine Perspektive. Ist seit Jahren bekannt, es ändert sich nichts.
4. Das Studium ist nach Bologna eine Hochbeschleunigungszeit zur Erlangung eines ersten qualifizierenden Abschlusses. Damit fehlt alles, was ein Studium, verstanden als Propädeutikum zur anschließenden wissenschaftlichen Betätigung, notwendig ausmacht. Vor allem fehlt Zeit.
5. Die Überakademisierung führt zur Entwertung von Bildungsabschlüssen und zur Produktion von junk knowledge. Wissenschaftlicher Fortschritt wird damit ebenso gehemmt, wie das erhoffte individuelle Fortkommen. Eine Promotion verschafft schon lange keinen Distinktionsgewinn mehr.
6. Es ist einfach nicht wahr, dass 50 % eines Jahrganges studierfähig sind (sondern max. 10 %).
Nein, nicht jede/r kann bis zum Abi gelangen. Und nein, nicht jede/r, sondern nur Wenige, nämlich die Besten, können studieren. Es gibt derzeit aber knapp 50 % Beste, jedes Jahr. Das ist gelogen, wird aber praktiziert.
4.9.2015, D.Barbar
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Ein kleiner Moment der Freiheit
Promovieren ist wunderbar, wenn man es für sich selbst macht. Es ist ein Luxus, Geld dafür zu bekommen, eine Frage zu finden und dieser nachzugehen. Ja klar, man ist arm in dieser Zeit und auch die Aussicht auf die Zukunft ist im besten Fall nebulös. Jedem muss klar sein, dass eine Zukunft in der Wissenschaft höchst unwahrscheinlich ist. Es ist die Zeit, in der man sich Freiheit und Autonomie erarbeitet. Man muss sich von den eigenen Erwartungen an die Zukunft, den Doktorvätern und -müttern, den Eltern und den Kollegen emanzipieren. Alleine denken, das ist das Ziel. Keinen anderen Nutzen hat eine Doktorarbeit für deren Autorin. Die Promotionsbedingungen zu verbessern ist wichtig. Aber es ist müßig darauf zu warten, dass sie für den einzelnen perfekt gestaltet werden. Man kann sehr wohl in drei Jahren einen eigenen Gedanken formulieren, man darf sich in dieser Zeit nur nicht ständig davon abbringen lassen.
4.9.2015, S. Murph
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Dr als Einstieg in Wissenschaft und Forschung
Zum Einen – ein Doktortitel ist eigentlich keine Berufsqualifikation, sondern eine für eine wissenschaftliche Laufbahn. Es gibt sicherlich Fächer, in denen ein Doktortitel für den Berufsweg hilfreich ist (Bio? Chemie?Medizin?) Dort sind die Promotionszeiten aber vergleichsweise kurz.
In den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern kann ich mir kaum vorstellen, dass man seine Berufsperspektive ausserhalb des Wissenschaftskosmos mit einem Doktortitel verbessert. In den Ingenieurwissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften auch nicht. Mir scheint, dass die Promotionen hier häufig Verlegenheitslösungen sind, um erstmal etwas sinnvolles zu machen, weil der Einstieg ins Arbeitsleben nicht nahtlos klappt…. Dass dabei aber relativ lange Promotionszeiten entstehen und außerdem die Energie widerum nicht voll auf die Integration in den Arbeitsmarkt gerichtet wird, erzeugt ja einen sich selbst verstärkenden Effekt von „prekärer“ Arbeitssituation und langer Promotionszeit.
Vieleicht sollte man wirklich wieder etwas dahin zurückfinden, dass ein Doktor ein Einstieg in die Welt der Wissenschaft und der Forschung ist, aber nicht ein nettes upgrade für die Berufswelt. Dann würden sich die Ressourcen auf weniger Doktoranden verteilen, deren Situation liesse sich verbessern und allen wäre geholfen.
4.9.2015, M.Brot

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