Zivilisiertheit

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  • Thorsten Hinz: Vom Verlust der Zivilisiertheit (5.12.2025)
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Vom Verlust der Zivilisiertheit
„Unsere Demokratie“: Der Mikroterror in einer gesinnungstüchtigen Zivilgesellschaft nimmt immer weiter zu
Thorsten Hinz

Was die vorgebliche Zivilgesellschaft in Gießen im großen Maßstab veranstaltete, um den Gründungskongreß des AfD-Jugendverbandes zu sabotieren, findet permanent und flächendeckend im Kleinen, auf der Mikroebene des Alltags statt. Tagtäglich fühlen Bürger sich berufen, in ihrem Umfeld gute Taten für „Unsere Demokratie“ zu vollbringen, indem sie sogenannten Schwurblern, Quer- und Andersdenkern, AfD-Mitgliedern, Rechten, Konservativen nachspüren, sie denunzieren, terrorisieren, aus Kirchenvorständen, der Freiwilligen Feuerwehr, Karnevalsvereinen, aus Gewerkschafts- und Verbandsgremien verbannen, ihre berufliche Karriere zerstören.

Dem ehemaligen thüringischen FDP-Chef Thomas Kemmerich, der jetzt dem „Team Freiheit“ von Frauke Petry angehört, wurde in einer Gaststätte in Weimar die Bedienung verweigert. Die Schlagersängerin Vicky Leandros wollte bei den Festspielen im Regensburger Thurn-und-Taxis-Schloß nur auftreten, wenn Alice Weidel fernbleibt. Ihre Begründung: „Ich stehe für Vielfalt, Toleranz, Menschenwürde, Menschenrechte und Internationalität.“ Man wüßte gern, aufgrund welcher Kenntnisse sie Alice Weidel selbige Überzeugungen abspricht.

Doch der Mikroterror braucht keine Wahrheitsbeweise. Das Lob, das Ministerpräsident Markus Söder Frau Leandros bei der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens zollte, spricht für sich: „Vicky Leandros steht für Werte. Für Toleranz, Vielfalt, Menschenwürde. Sie hat sich klar gegen Haß und Ausgrenzung positioniert. Als sie erfuhr, daß bei den Schloßfestspielen in Regensburg AfD-Chefin Alice Weidel eingeladen war, sagte sie: Nicht mit mir! Das ist Haltung!“

Was Söder als Haltung bezeichnet, ist der Gehorsam, die Akzeptanz eines Verhaltensmusters, das der politisch-mediale Komplex als staatsbürgerliche Pflicht postuliert hat. Die Beflissenheit, mit der die Sängerin den Katechismus herbetete, läßt vermuten, daß sie von Kontaktschuld-Angst getrieben war. Die Grenze zwischen persönlichem Bekenntnis und Opportunismus ist häufig fließend.

Die „Haltung“ ist zum bestimmenden Handlungsprinzip eines degenerierten Staats- und Gemeinwesens geworden. In der „Cancel Culture“ – dem Ausschluß, der Einschüchterung, der Stigmatisierung, Verleumdung, dem Boykott oppositioneller Stimmen – wird sie zum Politikum. Es handelt sich um Elemente eines „molekularen Bürgerkriegs“ (Hans Magnus Enzensberger), in dem nicht argumentiert und debattiert wird, sondern die gesellschaftliche und soziale Existenz, die Psyche und Physis des Kritikers und Oppositionellen zum Kriegsschauplatz gemacht wird mit dem Ziel, ihn zum Verstummen zu bringen, zu demoralisieren und – der Stasi-Jargon trifft den Kern der Sache – als Person zu „zersetzen“. Diese Unkultur grassiert im öffentlichen und halb-öffentlichen Raum (wo die hinterhältigen Kontokündigungen ein eigenes Kapitel bilden) und zunehmend auch im zwischenmenschlichen Bereich, im Freundeskreis und sogar in Familien. Mit der Durchpolitisierung des Privaten erfüllt sich ein totalitäres Ideal.

Der Ehrenvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, hat kürzlich in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung seine Erfahrungen geschildert: „Ich habe wegen der AfD praktisch alle meine Freunde verloren und einen Teil meiner Familie. In dem Traditionshotel, in dem ich mehrere Bücher geschrieben habe und vierzig Jahre lang gerngesehener Gast war, bekam ich gesagt: Wir möchten Sie nicht mehr bei uns beherbergen. Das sind menschliche, persönliche Verluste.“

Politik, Medien, Großinstitutionen wie Gewerkschaften und Kirchen fordern ausdrücklich dazu auf, politische Gegnerschaft in Feindschaft zu überführen und die sozialen Interaktionen dem Freund-Feind-Schema unterzuordnen.

Alexander Gauland wurde im Juni 2018, als er in einem See bei Potsdam badete, die Kleidung gestohlen. Die zuständige Lokalzeitung Märkische Allgemeine aus Potsdam, deren Herausgeber Gauland von 1991 bis 2006 gewesen war, titelte: „‘Kein Badespaß für Nazis!’ soll der Dieb gerufen haben“, und zitierte eine Augenzeugin: „Wir waren in der Nähe und haben die Polizeipräsenz gesehen. Kurz darauf lief Gauland in polizeilicher Begleitung in Badehose an uns vorbei. Es war ein großartiger Tag.“

So gut wie alle etablierten Medien machten sich die Häme zu eigen. Die taz höhnte: „Alternative Kleidung für Gauland“, und garnierte den Artikel mit einem Foto der unwürdigen Szene. Die FAZ gluckste: „Da hört der Spaß echt auf“, und fuhr zynisch fort: „Ein Bad im See tut außerdem nicht nur dem Körper, sondern auch manch gepeinigter Seele gut. Ohnehin ist es nachgerade rührend, daß ein Mann mit einer so düsteren Weltsicht wie Gauland so fröhlich naiv seinen Schlüssel am Badestrand zurückläßt – in der irrigen Annahme, daß ihm am idyllischen Heiligen See, wo sich in der Regel keine von der AfD so gefürchteten immigrierten Jungmännerhorden herumtreiben, nichts zustoßen kann.“

Eine Ausnahme bot die Zeit: Es gehe nicht bloß um Schadenfreude, es gehe auch um den Verlust der Zivilisiertheit. „Wer das Foto eines älteren Mannes, der gerade bestohlen wurde und in dieser Lage ganz sicher nicht fotografiert werden wollte, mit hämischen Kommentaren weiterverbreitet, dem fehlt nicht nur menschlicher Anstand. Ihm oder ihr fehlt auch das geschichtliche Bewußtsein dafür, was passieren kann, wenn zwei Lager immer weniger die inhaltliche Auseinandersetzung suchen, sondern immer mehr die Erledigung des Andersdenkenden.“ Um seine Gegenrede zu entschuldigen, stellte der Autor sie in einen politisch korrekten Rahmen. Unter der Überschrift „AfD-Kritik auf AfD-Niveau“ schickte er voraus, „daß die AfD eine demagogische Partei ist, die an das Niederste im Menschen appelliert, an die Arterhaltungstriebe und Angstinstinkte des Reptilienhirns, statt an seine Fähigkeit zur hinterfragenden Vernunft“.

Der Erwerb und der hier angesprochene Verlust der Zivilisiertheit war ein Lebensthema des Soziologen Norbert Elias (1897–1990). Ziviles Verhalten heißt, seine animalischen Impulse, Instinkte und Gefühle im Zaum zu halten und soziale Regeln zu befolgen, die sich aus den Notwendigkeiten des Zusammenlebens und den gegenseitigen Abhängigkeiten ergeben. In frühen Gesellschaften werden die Regeln durch Fremdzwänge, durch äußeren Druck, von staatlichen oder auch von religiösen Autoritäten durchgesetzt. In modernen Gesellschaften verschwinden die Fremdzwänge nicht gänzlich, aber sie treten hinter die individuellen Selbstzwänge beziehungsweise Selbstkontrolle zurück. Als Mittlerinstanzen fungieren der Verstand und das Gewissen. Dabei wird das Prinzip der Reziprozität, der Wechselseitigkeit verinnerlicht: Ich nehme Rücksicht auf den anderen in der Erwartung, von ihm gleichfalls rücksichtsvoll behandelt zu werden. Eine poetische Beschreibung dieses befriedeten Zustandes findet sich in Botho Strauß’ „Anschwellendem Bocksgesang“. Strauß würdigt „die ungeheuer komplizierten Abläufe“ im „grandiosen und empfindlichen Organismus des Miteinanders“ und „die Balance, die Tanzbereitschaft, das Spiel, die listige Verstellung, die artistische Manier“ in einer freiheitlichen Gesellschaft.

Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Zivilität ist ein Projekt, das sich im Verlauf von mehreren Generationen vollendet. Der Zerfall feudaler Hierarchien und die Etablierung demokratischer Strukturen – darunter des Parlamentarismus – bilden den politisch-historischen Hintergrund.

Mitglieder von Staaten, die autoritär oder diktatorisch regiert werden, entwickeln gleichfalls systemanaloge Persönlichkeitsstrukturen. Elias stellte den Vergleich mit einem Kind an, dem sein Vater die Benimmregeln durch Prügel einbleut, statt ihm durch Überredung, Überzeugung und Gesten der Zuneigung den Weg zu weisen. Aus diesem Kind wird mit einiger Wahrscheinlichkeit gleichfalls ein Schläger, der auf den Fremdzwang fixiert bleibt und diesen weitergibt. In der Bundesrepublik ist es heute so, daß die Wortführer „Unserer Demokratie“ die zivile Regression nicht bloß hinnehmen, sondern ausdrücklich vorantreiben.

Trotz Hambacher Fest und Paulskirche haben zivile und demokratische Verhaltensweisen in Deutschland keine sehr tiefen Wurzeln. Das 1871 gegründete Kaiserreich war ein Obrigkeitsstaat, in dem der Adel, höfische Gesellschaft, Militär, Beamtenschaft sich als das „eigentliche Deutschland“ verstanden. Gegen die Katholiken zettelte Bismarck den „Kulturkampf“ an, die Sozialdemokraten brandmarkte er als „Reichsfeinde“. Andererseits zählt das spätwilhelminische Kaiserreich noch zu den liberalsten und am meisten rechtsstaatlichen Phasen der jüngeren deutschen Geschichte. Die Weimarer Republik hatte die freiheitlichste Verfassung der Welt, aber das politische Leben wurde von physischer Gewalt durchzogen, beginnend mit dem Spartakusaufstand 1919 und seiner blutigen Niederschlagung bis hin zu den Saal- und Straßenschlachten zwischen paramilitärischen Formationen in ihrer Endzeit. Unter den Machthabern im Dritten Reich waren ziviler Verstand und Gewissen ausgeschaltet. Wer trotzdem an ihnen festhielt, ging ein lebensgefährliches Risiko ein.

Die beiden Nachkriegsstaaten standen sich in einer konfrontativen Bürgerkriegssituation gegenüber, die – wie sich nach der Wiedervereinigung zeigte – mentalitätsprägend war. Nach dem ersten Jubel wurde klargestellt, wer Sieger und wer Verlierer war. In der DDR waren die Menschen im Namen des Antifaschismus unter einen neuen politischen Fremdzwang gestellt worden. In der Bundesrepublik galten zwar die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie, doch in einem späten, unter dem Eindruck des RAF-Terrors verfaßten Aufsatz konstatierte Elias, daß es dem „sozialethischen Engagement“ der 68er Generation an der „Verpflichtung zum Anstand im Verkehr der Menschen untereinander (ermangele), die oft als bürgerlich-liberales Prinzip abgewertet wird“. Diese Generation steigerte sich in die Überzeugung hinein, in einem semi-faschistischen System zu leben. Elias sah dafür zwei Gründe: Erstens die fehlende Abrechnung der Adenauer-Regierung mit der NS-Vergangenheit. Zweitens konnte die Bundesrepublik als selbsterklärtes nationalstaatliches Provisorium den Jüngeren kein Identifikationsangebot bieten. Das habe ihre Hinwendung zum Marxismus und ihre ideologische Verhärtung verstärkt.

Der zweite Punkt betraf die offene deutsche Frage, die allerdings den Deutschen nur teilweise gehörte. Zum monierten Mangel an Vergangenheitsbewältigung wäre zu ergänzen, daß die „Umerziehung“ und „Charakterwäsche“ (Caspar von Schrenck-Notzing), die von den Alliierten und der Frankfurter Schule exekutiert wurden, gleichfalls als eine Form von Fremdzwang wirkten, der bei jungen Intellektuellen eine neurotisch-kognitive Dissonanz erzeugen mußte und ihre Empfänglichkeit für die marxistische Ideologie zusätzlich steigerte. Sie war so tief verinnerlicht, daß die Wiedervereinigung keine Heilung mehr brachte, sondern als Präludium zu einem möglichen neuen Faschismus empfunden wurde. Die AfD, die sich als Gegenkraft zur bundesdeutschen Selbstzerstörung konstituiert hat, wird vom politisch-medialen Komplex als dem Motor der Autoaggression als der natürliche Feind betrachtet, gegen den alle Mittel erlaubt sind.

Als die AfD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft nach dem Brandanschlag gegen Bernd Baumann, den in Hamburg lebenden Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, ein solidarisches Bekenntnis einforderte, lehnte die grüne Fraktionschefin das ab. „Solidarität ist ein Gefühl – und das teilen wir nicht mit der AfD.“ Man teile nicht die Werte, Haltungen und Ziele der Partei. Doch darum ging es gar nicht. Es ging um den universellen Anspruch auf die Unversehrtheit einer Person in der politischen Auseinandersetzung. Dieser Anspruch wird von „Unseren Demokraten“ mit Füßen getreten.
Nach seinem Rauswurf aus dem Restaurant sagte der sichtlich geschockte Thomas Kemmerich in einem kurzen Video, diese Praxis erinnere an „dunkle Zeiten“. Er spielt an Zeiten an, in denen bestimmte Menschengruppen „unerwünscht“ waren. Prompt folgten Reaktionen von der Art, im Dritten Reich sei die Abstammung, eine unabänderliche seinsmäßige Gegebenheit das Ausschlußkriterium gewesen. Heute gehe es um die individuelle Entscheidung für eine falsche Haltung, die zur gesellschaftlichen und sozialen Exklusion führt. Der Unterschied besteht tatsächlich, doch er ist hier sekundär. In beiden Fällen wurden und werden Menschen allein aufgrund einer ideologischen Setzung aus dem Gemeinwesen ausgeschieden.
Als der Medienwissenschaftler Norbert Bolz die gegen die AfD intendierte Überschrift der taz „Deutschland erwacht“ kommentierte: „Gute Übersetzung von ‘woke’: Deutschland erwache!“, war das mehr als Ironie, nämlich der Hinweis, daß der antifaschistische Furor sich dem anzuverwandeln droht, was er vorgibt zu bekämpfen. Das Brutalisierungspotential der gesinnungstüchtigen Zivilgesellschaft – man denke an die schlecht verhohlenen Sympathien „Unserer Demokraten“ für die „Hammerbande“ – ist im Großen wie im Kleinen offensichtlich.

… Alles vom 5.12.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 50/25, Seite 13