Home >Global >Afrika >Afrika-Migration >Afrika-Zukunft >Namibia
- Listenauswahl eines Beitrags: anklicken (falls unterstrichen) oder scrollen
- Michael Klonovsky zur Bundestagsdebatte 14.10.2026: Namibia, Völkermord (15.10.2026)
- Genozid
- Kolonialismus

Grün=USA, gelb=China und Orange=Indien
Michael Klonovsky zur Bundestagsdebatte 14.10.2026: Namibia, Völkermord
Debatte 101. Sitzung Bundestag am 14.10.2026 (ab 8,00,21 – 8.37,55)
https://www.youtube.com/watch?v=ANwVQVFbS0I
Behandelt wurde gestern Abend im Bundestag ein Antrag der Linken des Titels: „Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit”. Das heißt, die von einem SED-Historiker erfundene Interpretation der Ereignisse 1904 ff. in Deutsch-Südwest bzw. der „Verbrechen, die das Deutschen Kaiserreich verbrochen hat” (so dessen späte Genossin Charlotte Antonia Neuhäuser gestern im Parlament) kam endlich über die SED im Bundestag an. Applaus, Applaus!
Ich zitiere aus dem Antrag: „Schätzungsweise 100.000 Menschen, also 80 Prozent der damaligen OvaHerero- und 50 Prozent der damaligen Nama, wurden Opfer dieser beiden Völkermorde, der durch gezielte Gewalt und die ausdrückliche Absicht zur Vernichtung dieser Bevölkerungsgruppen gekennzeichnet war. Sie wurden in die Omaheke-Wüste getrieben, wo sie verdursteten, oder starben in den ersten Konzentrationslagern Deutschlands, darunter die berüchtigten Lager auf Shark Island und in Swakopmund.”
Für mitlesende Esel*:innen rücke ich ein, dass die deutsche Schutztruppe als Reaktion auf den Aufstand der Herero, bei dem etwa 130 Farmer massakriert wurden, mit brutaler Härte reagierte. Regelmäßige Besucher des Kleinen Eckladens wissen indes, dass ich erhebliche Zweifel an der Behauptung hege, es habe sich um einen Völkermord gehandelt (dazu gleich noch einmal). Einen solchen Völkermord zu unterstellen, den deutschen Steuerzahler dafür zur Kasse zu bitten und mit keinem Wort auf die Argumente einzugehen, die dagegen sprechen, ist jedenfalls unredlich, wenngleich typisch für das regierende masopatriotische Einheitsparteienkonglomerat.
Eine der Hauptbestrebungen der Grünroten besteht darin, deutsches Geld ins Ausland zu überweisen und sich für die deutsche Geschichte zu schämen, idealerweise beides zugleich und miteinander verbunden, um sich vom Fortschrittsmilieu dafür feiern zu lassen. Beispielhaft dafür war Joseph „Joschka” Fischers Entschuldigung für Deutschlands „(Mit-)Schuld an der Sklaverei und am Kolonialismus”, die er am 1. September 2001 auf der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban (Südafrika) in der ihm eigenen Schamlosigkeit aussprach, obwohl nun gerade Deutschland am welthistorischen Skandal der Sklaverei überhaupt keinen Anteil hatte – die Deutschen haben ganz im Gegenteil in ihren Kolonien die Sklaverei abgeschafft. Es kommt den Grünroten nicht in den Sinn, sich für ihr eigenes Land einzusetzen. Sie betrachten die kaiserlichen Truppen, überhaupt die Bewohner früherer Deutschländer nicht als Landsleute, sondern als Feinde, sie stehen automatisch auf der Seite des Auslands, also in diesem Falle der Herero und Nama, ohne Wenn und Aber und mit nationalmasochistischem Furor. Entlastungszeugen lassen sie nicht zu bzw. denunzieren sie als Nazis, Rassisten und was sich an dergleichen Kosetiteln noch in ihrem Repertoire befindet.
An der historischen Wahrheit sind sie nicht interessiert. Das waren Linke übrigens nie.
Die braven tumben Deutschen wiederum wählen in ihrem von den Posaunen der Schuld umdröhnten Bockshorn beharrlich Parteien, die ein Führungspersonal hervorbringen, welches verlässlich die Interessen des Auslands, der Amerikaner, der EU, der Dritten Welt oder der Menschheit über jene der Deutschen stellt, angefangen mit dem erwähnten Herrn Fischer über Merkel bis Merz – es ist inzwischen egal, auch die Unionsparteien gehören zum Kartell der fremdbestimmten Selbstpreisgeber, wie sich in der Namibia-Debatte einmal mehr zeigte.
Hören wir den Hauptredner der Schwefelpartei. Achten Sie auf die Zwischenrufe.
Dr. Alexander Wolf (AfD)
….
Sehr viel war aufseiten der Guten und Edlen die Rede von „Anstand” und „Wahrheit”. So erklärte etwa Thomas Rachel (CDU/CSU): „Die Fakten sind bekannt. Etwa 50.000 bis 70.000 Herero und Nama wurden von den kaiserlichen Kolonialtruppen brutal ermordet.”
Also wenn eines unbekannt ist, dann die Zahl der Herero und Nama. Und ebenso unbekannt ist die Zahl derer, denen die Durchquerung der Omaheke-Trockensavanne – von den Linken beharrlich „Wüste” genannt – gelang. Mit welcher Selbstgefälligkeit dieses Leute ihre Lügen und Halbwahrheiten verbreiten, ist mindestens bizarr. In anderen Ländern gilt die Regel Right or wrong, my country. In Deutschland heißt es: „Macht erhält nur, wer an der Verstetigung der deutschen Ohnmacht arbeitet” (Günter Maschke). Applaus bekommt, wer seine Vorfahren grundsätzlich bezichtigt und auf sie spuckt. Das ist abwechslungshalber ein wirklicher deutscher Sonderweg.
Ich sehe mich gezwungen, die hier bereits vor vier Jahren veröffentlichten – und in diesem Buch zuletzt zusammengefassten – Argumente gegen die Völkermordthese zu wiederholen. Wer sie schon kennt, kann an dieser Stelle aussteigen.
Lothar von Trotha, Generalleutnant aus dem alten, im Saalekreis beheimateten Adelgeschlecht, gilt Progressisten als ein typischer Vertreter des preußischen Militarismus, obendrein als Massen- oder gar Völkermörder. Die Wikipedia stellt ihn mit einer, wie ich inzwischen zu wissen meine, Mythe vor, nämlich: „Sein ‚Vernichtungsbefehl’ gilt als Grundlage für den Völkermord an den Herero und Nama.” Wikipedia hält übrigens auch fest, dass sein Erlass im Dezember 1904 auf Bitten der Reichsleitung von Kaiser Wilhelm aufgehoben wurde: „Im Reichstag und der deutschen Öffentlichkeit war es zu starken Protesten gekommen.” Hier folgt also der Blitz dem Donner; von Trothas Proklamation kam erst am 25. Mai 1905 im Reichstag zur Sprache, das heißt acht Monate, nachdem sie erlassen, und fünf Monate, nachdem sie annulliert worden war; zuvor war sie der Öffentlichkeit unbekannt. Soviel zum Grad der Seriosität, wie er uns bei diesem Thema auf Schritt und Tritt begegnen wird.
Der General, der den moderaten, liberalen und eingeborenenfreundlichen Theodor Leutwein als Chef der Schutztruppe ablöste, um den Aufstand der Herero niederzuschlagen, hatte sich in Deutsch-Ostafrika und während des Boxeraufstands den Ruf eines gnadenlosen „harten Hunds” erworben. Ich fand es interessant, dass dieser auch optisch so grobschlächtig wirkende Mensch naturwissenschaftlich interessiert war und in Afrika für deutsche Museen Vögel, Pflanzen und Mineralien sammelte – bei den dortigen Transportverhältnissen ein zumindest unpraktisches Geschäft –, dass er sich zudem als Geograph betätigte und die sehr unvollständigen Karten der Truppe korrigierte; zudem war er auch noch ein leidenschaftlicher Photograph.
Das Bild, das sich die deutsche Öffentlichkeit vom Feldzug gegen die Herero anno 1904 macht, beruht zunächst einmal auf dem Zusammenwirken von antikapitalistischer SED-Geschichtsschreibung und antideutscher britischer Kriegspropaganda, worauf der Schwefelpartei-Redner Alexander Wolf ja hinwies. Das bedeutet zwar nicht automatisch, dass dieses Bild falsch ist, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest tendenziös verzerrt. Die Briten fabrizierten ein sogenanntes „Blaubuch”, um den Deutschen in Versailles sozusagen die moralische Reife als Kolonialmacht abzusprechen und sich Deutsch-Südwest selbst unter den Nagel zu reißen; die Propagandaschrift mit Zeugnissen auf dem Level der angeblichen „Belgiengreuel” des Deutschen Heers anno 1914 wurde vor dem Ende des Ersten Weltkriegs in wenigen Monaten zusammengeschustert. Nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte, stampften die Briten das Machwerk schamvoll ein. Es blieb dem SED-Historiker Horst Drechsler vorbehalten, die antideutsche – bzw., wie es im Duktus des roten Imperiums hieß, antiimperialistische – Propaganda fortzusetzen. Er lieferte dem Zonenregime mit seiner Habilitationsschrift „Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus” die gewünschte Kontinuitätsthese – also die Behauptung einer vom Kaiserreich über die NS-Diktatur in die BRD führenden Traditionslinie.
Auch hier ist die Schrottsammelstelle im Bilde und wie immer, wenn es um Linke geht, völlig unkritisch: „Drechsler zählte in der DDR zu den profiliertesten Forschern auf dem Gebiet der deutschen Kolonialgeschichte. Auch international war er ein anerkannter Fachmann. Seine Habilitationsschrift wurde auf Initiative der Vereinten Nationen in den 1980er Jahren in englischer, französischer, russischer und spanischer Sprache publiziert. Davon ging die Einschätzung der deutschen Aktion gegen die Herero und Nama als Völkermord aus, die in der Bundesrepublik zuerst Helmut Bley und Jürgen Zimmerer aufgegriffen haben.” Man sieht, auch Teile der BRD-Geschichtsschreibung haben „geistige Wegbereiter” und „Steigbügelhalter”. Drechsler genoss das Privileg, dass er viele Akten des Kaiserreichs zu den Kolonien selektiv auswerten durfte, die sich in Ostberliner Archiven befanden, wobei er keineswegs nur dem Reich, sondern auch der Bundesrepublik den politischen Prozess zu machen suchte.
Schreiten wir in medias res, also zum – angeblichen – Völkermord an den Herero. Die offizielle Version lautet (ich wähle als Exempel Horst Gründer, „Geschichte der deutschen Kolonien”, Paderborn 2018): „Schließlich gelang es der Strategie Leutweins, dass sich die Hauptmasse der Herero am Waterberg festsetzte, wo sie nach dem Kommandowechsel im Oberbefehl der Schutztruppe von Generalleutnant von Trotha in einer Kesselschlacht am 11. 8. 1904 vernichtet bzw. an der Durchbruchstelle in die wasserarme Omaheke getrieben wurde.” Als Beleg folgt ein Zitat aus dem Generalstabswerk (dessen Verfasser in Berlin saßen, nicht am Waterberg): „Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feind den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur seines eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.”
Ich hatte immer meine Zweifel, ob eine Gesellschaft wie das Kaiserreich einen lupenreinen Völkermord hinbekommt. Bei meiner Besprechung von Bruce Gilleys Buch „Verteidigung des deutschen Kolonialismus” anno 2022 unkte ich stattdessen von einem „Massaker”. Daraufhin sandte mir ein freundlicher Mensch zur Belehrung ein paar Bücher zu, nach deren Lektüre und einigen Folgelektüren ich einigermaßen sprachlos war. Dazu gehörte der Bericht von Maximilian Bayer, Hauptmann unter Leutwein und von Trotha, „Mit dem Hauptquartier in Südwestafrika” (Berlin 1909), eine detaillierte Schilderung des Feldzugs, den Bayer an vorderster Front bestritten hatte, bevor er in den Stab von Trothas berufen wurde. Ich zitiere drei Passagen, die vom objektiven Charakter seines tagebuchartigen Berichts zeugen mögen:
„Ich kroch auch in einen Pontock (eine Hütte in einem eroberten Hererodorf – M. K.) und blieb darin so lange, als ich es ohne einzuatmen aushalten konnte, denn alle Wohnungen der Hereros stinken so intensiv und widerlich nach ranzigem Fett, übersäuerter Milch und ungegerbten Häuten, daß uns Europäern ein Schaudern ankommt. Derselbe durchdringende Geruch haftet auch an jedem Gegenstand, der den Eingeborenen gehört, und schließlich auch an den Hereros selbst, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Beiläufig bemerkt, behaupten die Hereros ganz dasselbe von uns und lieben es durchaus nicht, daß Weiße ihre Hütten betreten, weil die schlechte Ausdünstung der Europäer sich im Pontock festsetze!“ –
„Plötzlich sah er sich einer langen Verschanzung des Feindes gegenüber; ein heftiges Gewehrfeuer schlug der kleinen Abteilung entgegen; rasch entwickelte sich die erste Feldkompagnie. Gleichzeitig brachen die Hereros schon hervor; sie verließen den sicheren Dornenverhau und die Schützengräben und liefen heran; doch nicht als eine wilde, dichte Masse, wie die Derwische bei Omdurman, sondern in langer Schützenlinie, geduckt und in Sprüngen, mit großer Geschicklichkeit und unter Ausnutzung jeder Deckung. Schließlich stürmten sie mit Hurra!, voran ein Herero mit gezogenem Degen und in deutscher Offiziersuniform. Hinter der Schützenlinie schrien und tanzten die Hereroweiber und feuerten die Krieger zum Kampf an.“ –
„Dabei wurden dem Gegner schwere Verluste zugefügt, zumal dieser mit einer Tapferkeit vorstürmte, die uns Achtung und Bewunderung einflößte. Man sage über die Hereros, was man will, aber mutig waren sie, und sie wußten zu sterben.“ –
Ich komme noch auf den Hauptmann zurück.
.
Kolonialforschung: Gab es wirklich einen Völkermord ab den Herrero
In der Armenien-Debatte hat der türkische Präsident erdogan den Deutschen vorgeworfen, sie verdrängten den Völkermord a deb Herero in Südwestafrika.
Neue Forschungen wecken aber Zweifel, das es einen Genozid gab. von Batholomäus Grill
30.6.2016. 08:44 uhr
.
Sodann las ich die Aufsatzsammlung „Der Wahrheit eine Gasse” von Hinrich R. Schneider-Waterberg (Swakomund, Namibia, 2018), eines deutschstämmigen Farmers, Politikers und Historikers aus Namibia, der 2022 leider verstorben ist. Er spielt übrigens die Hauptrolle in einem erstaunlich neutralen Artikel des Spiegel-Südafrikakorrespondenten Bartholomäus Grill aus dem Jahre 2016 (dem selbstredend Wiedergutmachungsartikel mit der DDR- und Wikipedia-Tendenz gefolgt sind).
Schneider-Waterbergs Rekonstruktion der Ereignisse lautet zusammengefasst wir folgt: Was die Deutschen „Schlacht am Waterberg” und die Herero „Kämpfe von Hamakari” nennen, war keine Schlacht, sondern eine Abfolge zerstreuter Gefechte, vor allem keine Kesselschlacht – der deutsche „Kessel” war bei 1400 Mann, davon ein Gutteil krank und/oder unterversorgt, sowie 40 Kilometern Gesamtfrontlänge inmitten eines von stacheldrahtartigen Dornbüschen durchzogenen Gebietes, das die Herero sehr gut und die Deutschen überhaupt nicht kannten, ohnehin eine Wunschvorstellung –, und es war auch kein deutscher Sieg. Die Herero seien keineswegs geschlagen worden. Vielmehr habe die strategische Initiative bis zuletzt bei den Herero gelegen, sie seien der Schutztruppe stets einen Zug voraus gewesen, und ihr Abzug durch die Omahake-Trockensavanne sei nicht unmittelbar von den deutschen Verfolgern erzwungen worden; vielmehr habe sich das Volk, vor die Wahl zwischen Unterwerfung und Freiheit mit dem Risiko des Verdurstens gestellt, für die Freiheit entschieden, wobei sämtliche heute kursierenden Opferangaben Phantasiezahlen seien.
Fachhistoriker könnten einwenden, dass Schneider-Waterberg gar nicht vom Fache gewesen sei. Dafür war er eminent ortskundig, sein Anwesen befindet sich quasi in Sichtweite des Schlachtfeldes, was gerade für das Verstehen dieses Krieges wegen der dort herrschenden extremen klimatischen, geographischen, vegetationsspezifischen Bedinungen und deren Einfluss auf die menschliche Gesundheit bedeutend ist; außerdem sprach er die Sprache der Herero und stand von kleinauf an mit Angehörigen dieses Volkes auf vertrautem Fuße; nicht zuletzt erschloss er bislang unbekannte Quellen, während der 0815-Fachhistoriker die Quellen in der Regel nur von anderen Historikern abschreibt und nebenher auch allen möglichen Unsinn verstetigt.
Zum Beispiel wertete Schneider-Waterberg das bis dato unveröffentlichte Kriegstagebuch von Trothas aus. Im photographischen Nachlass des Generals machte er den vorhin angedeuteten Fund, nämlich die Aufnahme eines an der Seite eines Schutztruppenmajors reitenden englischen Offiziers, den er als Oberst F. J. A. Trench identifizierte, der als britischer Attaché 1904 und 1905 beobachtend bei der Truppe weilte und regelmäßige Berichte nach London sandte.
Schneider-Waterberg trieb auch diese als „vertraulich” eingestuften Berichte im Public Record Office in London auf und veröffentlichte sie auszugsweise (sie sind im Hinblick auf die später errichteten deutschen Lager für die überlebenden Herero bedeutsam, indem sie sowohl schlechte als auch gute Zustände dort bezeugen, was jedenfalls die These eines intendierten Gefangenensterbens widerlegt).
Bereits zwei Tage nach den Kämpfen von Hamakari, schreibt Schneider-Waterberg, am 13./14. August, sei die deutsche Verfolgung zusammengebrochen, weil sich das zweite Feldregiment unter Oberst Deimling bei seinem Vorstoß nicht verproviantisiert hatte und vor dem Verhungern beziehungsweise Verdursten stand; hunderte von Pferden und Zugtieren waren eingegangen. Währenddessen setzten die Herero das Steppengras in Brand, vergifteten die Wasserstellen mit Viehkadavern und vergrößerten ihren Vorsprung ins Unerreichbare. In seinem Kriegstagebuch fragte von Trotha am 19. September: „Wo sind die Herero geblieben?“ Am 30. September notierte er: „Verfolgen tue ich nicht mehr. Basta!“ Der Gegner, den er mit letzten Kräften zur Entscheidungsschlacht stellen wollte, war – verschwunden.
Am 1. Oktober hatten die Deutschen alle Vorräte aufgebraucht, Typhus und Ruhr dezimierten die Truppe immer mehr, an diesem Tag starb der 27. Offizier im Verlaufe des Feldzugs. Pferde und Zugochsen gingen massenhaft ein, die Nachschubversorgung funktionierte kaum noch. An ein Weitermarschieren war nicht mehr zu denken. In dieser Lage erst fabrizierte von Trotha seine berüchtigte „Proklamation an das Volk der Herero”! Mit Hilfe zweier Dolmetscher wurde sie übersetzt, sodann vervielfältigt, am 2. Oktober von ihm selbst der Truppe vorgelesen. Am 3. Oktober ließ von Trotha ungefähr 30 Alte, Frauen und Kinder mit Kopien der Proklamation aus dem Lager in die Omaheke treiben, auf dass sie ihr Volk informierten – niemand weiß, ob einer dieser Todgeweihten überlebte –; danach brach er mit Stab und Truppe zum Rückzug nach Windhoek auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Anführer der Herero, Samuel Maherero, die Trockensavanne längst durchquert und befand sich, wie Schneider-Waterberg recherchiert hat, bereits seit Tagen in Britisch-Betschuanaland, 300 Kilometer weiter nordöstlich.
Um der Lesefreundlichkeit willen folgen nun drei Punkte.
***
Da ich nicht weiß, ob Sie die Proklamation parat haben, sei sie hier eingerückt.
„Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält 5000 Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros.
Der große General des mächtigen deutschen Kaisers.
Dieser Erlaß ist bei den Appells der Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, daß auch der Truppe, die einen der Kapitänen fängt, die entsprechende Belohnung zuteil wird und das Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird, keine männlichen Gefangenen mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeiten gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des Deutschen Soldaten bewußt bleiben.“
Die Proklamation war der Theaterdonner vor dem Abzug, wilhelministischer Pomp – von Trotha wollte sein Scheitern in Berlin als einen Sieg verkaufen. Es gibt Äußerungen des Generals, die darauf hindeuten, dass er tatsächlich über das rein Militärische hinaus zur Vernichtung möglichst vieler Herero bereit gewesen wäre, er besaß, wie der Chef des Generalstabes, Alfred von Schlieffen, in einem Schreiben an Reichkanzler Bernhard von Bülow feststellte, „nur nicht die Macht, sie durchzuführen”.
Vom Waterberg bis nach Ozombo zo Vindimba, wo von Trotha seine heute berüchtigte, aber völlig wirkungslose Verkündigung ausgab, sind es etwa 220 Kilometer. Als die Schutztruppe fast zwei Monate nach den Gefechten dort ankam, hatten sich Hererotrupps auf einem riesigen Gebiet verteilt. Weder konnten noch wollten sie überhaupt zurückfluten. Auch eine „Absperrung” des Sandfelds – „Wochenlang wurde die Wüste abgeriegelt, jeder Rückweg blockiert“ (Spiegel vom 11. Januar 2004) – war logistisch und nach Lage der Kräfte vollkommen unmöglich. Die Omaheke ist ungefähr doppelt so groß wie die Schweiz, und die Truppe bestand am Ende nur noch aus ein paar hundert kampffähigen Männern. Vor allem kann niemand ein Gebiet absperren, der sich daraus zurückzieht.
„Für viele der traditionsbewussten alten Herero, die zum Teil noch mit ‚dabei gewesen’ waren, war der Krieg mit den Deutschen nach ihrem Abzug von Hamakari und dem Dursttrecks vom Sandfeldrand zu Ende gegangen. Über einen General von Trotha und einen Völkermord hatten sie erst zwei Generationen später von Rückkehrern oder Einwanderern gehört, die im Ausland diese Geschichtskenntnisse erworben hatten”, notiert Schneider-Waterberg.
Ein Kapitel in seinem Buch ist ein Gastbeitrag der Historikerin Brigitte Lau, Jahrgang 1955, die an der Universität Kapstadt Afrikanische Geschichte studierte und 1982 Forschungsbeauftragte im Nationalarchiv von Windhoek wurde, das sie von 1991 bis zu ihrem frühen Tod durch einen Autounfall im Jahre 1996 leitete. Dieser Text – „Ungewisse Gewissheiten: der Herero-deutsche Krieg von 1904” – ist in seinem Wahrhaftigkeitsfuror und seiner hererofreundlichen Brachialität von erregender Wirkung. Er erschien erstmals 1989.
„Von den deutschen Kolonisten zu behaupten, dass sie das Hererovolk mit Erfolg nahezu vernichteten und die übriggebliebenen versklavten, bedeutet, sie zu überlegenden Strategen und eiskalten Mordmaschinen zu stilisieren, die, bereits 1904, Ausrottungsstrategien verfolgten ähnlich jenen, vor denen sich die ganze Welt 1939 – zu recht – fürchtete, sie zu Übermenschen römischen Ausmaßes zu machen, die unerbittlich mit todbringenden Armeen in fremder Ferne operierten”, schreibt Lau. „Die Herero und Nama erscheinen in der Rolle hilfloser Opfer solcher Übermenschen.”
Und weiter: „Die mystifizierende Verwandlung einer komplexen Reihe von Abläufen, die einige Hererotraditionen stolz als Siege verkünden, in ein Schreckbild einer die Herero zermalmenden, kaltblütigen und supertüchtigen Arierkriegsmaschine muss einer ganzen Generation unkritischer Wissenschaftler und Schriftsteller – viele von ihnen Westdeutsche – zur Last gelegt werden.”
Die Zeitgenossen der Schutztruppe im Kaiserreich hätten noch versucht, „eine verwirrte, belanglose und teure militärische Situation zu rechtfertigen”. Ihr Drang, Kriegshelden zu erschaffen, denen die Herero zum Opfer fielen, sei „geschichtlicher Unsinn”, doch „einen Genozid daraus zu machen ein umso größerer”. Die Historiker, die dies taten, seien fast nie Namibianer und besäßen keine Vorstellung von den natürlichen Gegebenheiten dortzulande (der Feldzug fiel auf den namibischen Winter, die nahezu niederschlagsfreie Trockenzeit, mit Temperaturen von 25 Grad am Tage und null Grad in der Nacht).
Die Idee, die Omaheke „abzuriegeln”, sei erstmals bereits gegen Ende des amtlichen Kriegsberichts des Generalstabs aufgetaucht. Dieser Bericht demonstriere aber lediglich die „Absicht, die Tatsache zu beschönigen, dass sich die Truppe nach den Schlachten von Hamakari in vollkommener Unordnung und Verwirrung befand und noch nicht eingesehen hatte, dass der Hererokrieg eigentlich vorüber war”. Nach den unentschieden ausgegangenen Gefechten habe die Schutztruppe „nicht die leiseste Ahnung davon” besessen, „dass die Herero abermals die Initiative ergriffen hatten und als Nation einen Exodus ins Exil und in den Tod gewählt hatten, anstatt den Krieg fortzusetzen mit der letztendlichen Aussicht auf ein Überleben unter kolonialer Unterdrückung”.
Im Übrigen, fährt Lau fort, sei es „unwahrscheinlich”, dass die Deutschen jemals genozidartige Maßnahmen geplant hatten, „denn zu jenem Zeitpunkt waren die deutschen Soldaten von Krankheiten zermürbt und starben in großer Anzahl an Wassermangel oder unhygienischen Bedingungen, Typhus, Malaria, Gelbsucht, durch Selbstmord und, scheinbar dem schlimmsten Mörder, an chronischer Dysenterie (i.e. Ruhr – M. K.)”. Von den insgesamt 20.867 deutschen Kriegsteilnehmern in Südwestafrika zwischen 1904 und 1907 „verließen” dem Sanitätsbericht zufolge 13.029 die Truppe; über 10.000 davon wurden verwundet oder krank nach Hause geschickt, der Rest sind wohl die Toten. Das deckt sich mit einer Bemerkung von Hauptmann Bayer: „Schon Anfang Juni waren 10 Prozent unserer Abteilung krank, das war so viel, wie die Verluste eines schweren Gefechts!
Am 12. Juni betrug unsere Stärke an Weißen und nur noch 29 Offiziere, 528 Unteroffiziere und Reiter, vier Ärzte, zwei Veterinäre und zwei Postbeamte. Zu dieser Zeit lagen bereits 83 Mann im Lazarett, davon 61 Typhuskranke.”
Die Gesamtzahl der direkt im Feldzug gegen die Herero eingesetzten Soldaten betrug Lau zufolge maximal 4700 Mann, „von diesen sind 2000 oder 3000 gestorben”. General von Trotha hätte ein deutscher General Custer werden können.
„Die Verfolgung der Herero, die sich entschlossen hatten, kolonialer Unterdrückung zu entfliehen, indem sie als Volk in Richtung Botswana auswanderten, wobei Tausende entsetzlich in der Wüste umkamen”, fährt Lau fort, „dauerte zehn Monate und bestand meist aus ergebnislosen Kundschaftszügen und dauernder Suche nach Wasser und Schutz vor der Sonne, auf den Spuren von Leichen und trockenen oder vergifteten Wasserlöchern.”
Der Sanitätsbericht zeige „nicht die Geschichte einer gewaltigen Kriegsmaschine aus kaltblütigen Killern, sondern ein (…) Bild des Elends, der Unfähigkeit, des Leidens und der Schwäche. Es ist einfach nicht wahr, dass, sobald der Morgen des 12. August bei Hamakari graute, die deutsche Truppe aufbrach, um die entflohenen Herero ins Sandfeld zu treiben, damit sie dort umkämen, wie es die gegenwärtige Mythe angibt.”
Hauptmann Bayer erlag wohl im Stab einer nachträglichen Autosuggestion, als er schrieb: „Die deutschen Kolonnen zogen derart ostwärts, dass die Flügel vorgebogen waren, um dadurch dem Feind ein Ausbrechen nach Norden und Süden zu verwehren und ihn in das wasserlose Sandfeld zu drücken. Wir erwarteten nicht, dass die Hereros ohne energische Gegenwehr die letzten Wasserstellen am Rande der Omaheke räumen würden, sondern rechneten mit einem Verzweiflungskampf des untergehenden Volkes hart am Rande der Wüstensteppe, bevor es in dieser seinen Untergang finden musste.“ Freilich: Der Kampf blieb aus. Zu Gesicht bekommen hat er den Feind nicht mehr, lediglich sein zurückgelassenens, verendendes Vieh. Die Herero waren längst aufgebrochen, teils in die Freiheit, teils in den Untergang.
Ludwig von Estorff, der damals im Range eines Majors in der Schutztruppe diente – er wurde 1907 ihr Kommandeur und brachte es später noch zum General –, erhielt den Befehl, den Fliehenden weiter nachzusetzen und sie von den Wasserstellen tiefer in die Omaheke zu vertreiben. Er traf nur noch auf versprengte Reste des Volkes und war schockiert angesichts dessen, was er an Leiden und Tod von Mensch und Vieh zu sehen bekam, doch „seine Entrüstung über von Trothas unnachgiebige Haltung”, konstatiert Lau mit der Kühle eines Thukydides, bezeuge lediglich „den tragischen Exodus einer stolzen Nation, kennzeichnet sie aber nicht als passives Opfer eines Genozids”.
In einem Postscriptum erklärte Brigitte Lau, sie habe auf ihren Artikel zwei extreme Arten von Reaktionen erhalten. Die erste kam von Seiten der Herero, „von Menschen, die wirklich interessiert und in zwei Fällen tief gerührt waren”. Darunter ein Brief von einem sehr alten Herero, „in dem die schrecklichsten Details dieser Flucht wiedergegeben wurden: von Frauen, die ihre Säuglinge töteten, um ihren Männern die Milch ihrer Brüste zu überlassen, von Männern, die das Blut toter Rinder tranken, von Menschen, die selbst das Blut anderer Menschen, die gerade verhungert oder verdurstet waren, nicht verschmähten.
Es war, als ob der Artikel bei namibischen Lesern Schleusen geöffnet hätte. Westdeutsche Leser hingegen waren empört über die Anfechtung der ‚wahren Lehre’, die gewissermaßen auf dem Image des allmächtigen deutschen kaiserlichen Militärs beruhte, das die Herero wie Ungeziefer vernichtet habe.”
Das nenne ich mal eine Volte: Gerade die Aufrechterhaltung der Völkermordthese entspringt dem rassistischen, postkolonialen Blick auf ein schwarzes Volk, das sich entschieden hat, lieber in der Omaheke zu verdursten, als sich zu unterwerfen. Die einen sind stolz darauf, dass ihre Vorfahren Freiheit oder Tod gewählt haben, die anderen setzen ihren perversen Stolz dagegen, von Massenmördern abzustammen, und das soll ihnen jetzt kein Bimbo streitig machen. Leider und logischerweise sind die Nachfahren der Herero auf diesen Zug aufgesprungen; die in Aussicht stehenden deutschen Entschädigungssummen sind einfach zu verlockend hoch.
***
Eine elementare Frage, die die Leiterin des namibischen Nationalarchivs ebenfalls aufwarf, ist die nach der Zahl der Opfer. Laus Antwort lautete: „Die Bevölkerungszahl der Herero vor dem Krieg ist einfach nicht bekannt.” Deshalb sei sowohl eine Auskunft über die Verluste als auch über die Zahl der Überlebenden unmöglich. Das verfügbare dokumentierte Beweismaterial sei „erschreckend unvollständig”, was von heutigen Historikern indes selten eingestanden werde. Große Mengen amtlicher Papiere seien von südafrikanischen Truppen während der Besatzungszeit von 1915 bis 1919 vernichtet worden, darunter auch Archive der Schutztruppe, was umso bedauerlicher sei, als die Duplikate viele dieser Unterlagen im Deutschen Militärzentralarchiv zu Berlin „mit großer Wahrscheinlichkeit” einem Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges im Februar 1945 zum Opfer fielen.
Stabshauptmann Bayer spricht in seinen Erinnerungen von 60.000 Herero, davon 6000 Kriegern, die sich um den Waterberg versammelt hätten. Diese Zahl, die natürlich eine reine Vermutung war, ist inzwischen angezweifelt worden. Der russische, nach Namibia ausgewanderte Historiker Nikolai Mossolow (1901–1988) berichtete, er habe sich 1960 „mit dem alten Waterbergkämpfer W. Lorang auf der Farm Okawaha (Klein Waterberg)” unterhalten und ihn gefragt, ob er glauben könne, dass damals 60.000 Herero versammelt waren. Dessen Antwort war, dass „für eine so kolossale Menschen- und Viehansammlung das Wasser niemals gereicht hätte”. Bei den Weideverhältnissen und den vorhandenen Wasserstellen hätten „dort höchstens 30.000 Menschen mit ungefähr 10–12.000 Kopf Großvieh Platz finden” können.
Damit wäre ich bei meinem vierten und letzten Gewährsmann, Klaus Lorenz, Oberstleutnant der Bundeswehr, der mit seiner Magisterarbeit „Die Rolle der Kaiserlichen Schutztruppe als Herrschaftsinstrument in Südwestafrika“, eingereicht und mit „Sehr gut” benotet im Jahre 1999 an der Universität Hamburg, alles bislang hier Vorgetragene quellensatt bestätigt (wer will, kann sich die Arbeit hier für 1,49 Euro herunterladen). Auch Lorenz, der übrigens 2001 verstarb, war der Ansicht, die Zahl der Herero und damit auch der Toten müsse deutlich niedriger angesetzt werden – es seien „keinesfalls 50–60.000 Herero am Waterberg versammelt” gewesen –; schon vor 1904 seien „große Teile in die unkontrollierbaren Weiten des südlichen Afrikas” ausgewichen. Afrikanische Forscher haben inzwischen festgestellt, dass den Herero Routen durch die Kalahariwüste zwischen Namibia und Botswana bekannt waren und auch seit Jahrhunderten benutzt wurden.
Lorenz wiederum hat recherchiert, dass zumindest die Herero-Führer um Samuel Maherero einen möglichen Exodus nach Osten schon vor dem Aufstand ins Auge gefasst und mit den Engländern Kontakt aufgenommen hatten. Ein Indiz dafür sei, dass bei der Massakrierung von Weißen Briten und Buren gezielt verschont wurden: „Diese Kampfführung gehörte zum militärischen Plan zur Durchquerung der Omaheke mit dem Ziel, Asyl in British Betschuanaland zu erhalten, welchen die Herero für den Fall zu großen Drucks durch die Schutztruppe politisch vorbereitet und abgesichert hatten.”
Die Route durch die Omaheke zum Ngamisee in das britische Betschuanaland, fährt Lorenz fort, „wurde nach den Quellen schon vor 1903 außerhalb der Regenzeit von Hererogruppen unbekannter Stärke genutzt, um ebenso wie die Händler mit ihren Herden durch die wasser- und weidearmen Gebiete der Omaheke in das fruchtbare Land am Ngamisee zu gelangen; benutzt wurden die Trockenflussbette des Epukiro und des Eiseb”. Von Historikern ausgewertete britische und südafrikanische Quellen hätten „weitere Wege von Hererogruppen auf britisches Gebiet” ergeben. Das bedeute: „Es müssen mehr Wasserstellen und begrenzt auch mehr Weidegründe als angenommen in der Omaheke vorhanden gewesen sein, so daß für eine begrenzte Zahl von Menschen und Tieren Überlebensmöglichkeiten gegeben waren.”
Lorenz spricht vom „Ende der Omaheke-Legende”. Das war vor mehr als einem Vierteljahrhundert.
Theoretisch wäre damals schon ein Historikerstreit fällig gewesen; er ist es heute noch mehr. Ich fürchte nur, da gibt es wenig zu streiten; deshalb muss weiterhin damit gerechnet werden, dass Verleumdungen, Stigmatisierungen, Ausladungen und all die anderen bewährten Instrumente der Cancel Culture gegen jene „Völkermord-Leugner” zum Einsatz kommen, die bloß nach Beweisen verlangen und Argumente vortragen.
***
Die Konzentrationslager, die in Deutsch-Südwest nach dem kaiserlichen Gnadenerlass für die Herero errichtet wurden, hatten ihr Vorbild in den britischen Konzentrationslagern im Burenkrieg. Der Begriff ist durch die Nationalsozialisten im Nachhinein so belastet worden, dass sich sofort falsche Assoziationen einstellen. Konzentrationslager heißt zunächst nichts anderes als Sammellager. Die Frage, was die Deutschen mit den ungefähr 15.000 Herero hätten tun sollen, die versprengt und ihrer Herden beraubt durchs Land zogen, als sie in provisorischen Lagern zu sammeln, ist von niemandem schlüssig beantwortet worden.
Während die Zustände in manchen Lagern, zum Beispiel auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht, zum Teil dantesk war, vor allem wegen der Seuchen, berichtete der erwähnte britische Beobachter Oberst Trench über „920 Gefangene, die Hälfte davon Männer”, Ende 1905 in Swakopmund, die „stark und gesund und sehr verschieden von den unglücklichen Menschen in der Lüderitzbucht”, zum Teil auch „sehr gut angezogen” seien und tagsüber in dem Städtchen arbeiteten. Die Ursache der hohen Sterblichkeit in den Lagern war in jedem zweiten Fall Skorbut, verbunden mit einseitiger Ernährung; allerdings ging es, wie wir gesehen haben, der Schutztruppe nicht besser; es stand kein Mutwille dahinter.
***
Immer noch zum Vorigen.
Ein Telegramm aus dem Sandfeld, per Heliograph – denken Sie an die Leuchtfeuer im Film „Der Herr der Ringe”, Teil III – übermittelt, dauerte eine Woche bis zur Kabelstation Okahandja und von dort nochmals ein bis zwei Tage nach Berlin. Ein amtliches Schreiben brauchte sieben Wochen.
Der Chef des Großen Generalstabs erfuhr von der Proklamation von Trothas durch ein Schreiben des Generals, das dieser Anfang Oktober abgesetzt hatte und das irgendwann im November in Berlin eintraf. Reichskanzler von Bülow und Seine Majestät wurden am 24. November unterrichtet. Der Kaiser weilte im Harz und konnte von Bülow erst am 29. November antworten, es kam zu einem Notenwechsel zwischen Kanzler und Kaiser. Die Entscheidung für die Rücknahme des Befehls mit dem entsprechenden Telegramm fiel am 9. Dezember. Der „Weg der Gnade” wurde beschritten, von Trotha gemaßregelt und schließlich abberufen.
Dass es unter von Trotha zu Gefangenenhinrichtungen und Übergriffen kam, ist unstrittig.
Die Herero waren ihrerseits übrigens nicht zimperlich. „Bei einem Patrouillenritt”, erinnerte sich Hauptmann Bayer, „wurde ein Leutnant mit acht Mann nach kurzer Gegenwehr getötet. Nur zwei Mann waren, verwundet, entkommen. Die Hereros hatten die Leichen der Gefallenen viehisch verstümmelt, ihnen die Augen ausgestochen, die Hände abgehackt, den Hals bis zum Wirbel durchschnitten!”
***
Zum innerschwarzen Rassismus, von dem ich weiter oben sprach, berichtet Hauptmann Bayer: „Als ein gefangener Schwarzer erzählte, dass die Hereros alle Bergdamaras und Buschleute, die sie jetzt fingen, als Sklaven behandelten, hungern ließen, nachts anbänden, um ihr Entlaufen zu verhindern, und viele totschlügen, war Barnabas außer sich: ‚Hereros immer Kaffern totmachen, Hereros Feinde, aber Hereros zu stark.‘”
Die Hereros waren Viehnomaden, auch sie waren in das Land eingewandert und hatten die dort Ansässigen – San, Bantus – vertrieben oder umgebracht, weil sie für ihre riesigen Rinderherden Weideflächen brauchten; Status und Rang eines Hereros bemaßen sich an der Zahl seiner Rinder. Jedenfalls waren sie nicht die Besitzer des Landes, das vom deutschen Kaiserreich damals als Schutzgebiet verwaltet wurde.
Ende der Durchsage.
***
PS: „Respekt für die ausführliche und fundierte Darstellung zum historischen Dauerbrenner in Namibia. Dennoch gibt es einen Aspekt, dem regelmäßig nur wenig Bedeutung geschenkt wird, wenn es um historische Berichte geht: Übertreibungen und Propaganda. Natürlich will das von der Presse aufgeheizte deutsche Volk lesen, dass man den Hereros, die Unschuldige grausam ermordet hatten, das Handwerk gelegt hat. Das ist jedoch nicht so leicht, wenn sie in der Nacht abgehauen sind und man sie leider nicht mehr einholen konnte. Es bot sich daher an, eine glaubhafte Geschichte zu erzählen, wie es ihnen in der Omatheke ergangen sein könnte. Dass es ein Großteil nach Botswana geschafft hat, wo sie von den Briten Asyl bekamen, blendet man aus”, schreibt Leser ***.
Ähnlich war es 1943 bei der Panzerschlacht in Kursk. Was hat man da nicht alles für Panzermassen gesehen. Die Russen berichteten von einem unglaublich starken Gegner, die Deutschen von einer gewaltigen feindlichen Übermacht. Mittlerweile weiß man, dass die Berichte beider Seiten massive Übertreibungen enthalten. Kurzer Sprung in die Gegenwart: Die Anzahl der Russen, die täglich von den unsterblichen Ukrainern getötet werden, dürften auch nicht ganz der Realität entsprechen. Umgekehrt ist es mit Sicherheit genauso. Beide Seiten lügen, was das Zeug hält, und man kann ihnen dafür noch nicht mal einen Vorwurf machen. Das gehört schlichtweg dazu. Auf Basis solcher Lügen jedoch 120 Jahre später Reparationsforderungen zu stellen, ist schlichtweg lächerlich. Bei Propaganda kann man sich den Vortrag des Klagegegners eben nicht zu eigen machen, weil er gelogen ist.”
Ende von:
Michael Klonovsky zur Bundestagsdebatte 14.10.2026: Namibia, Völkermord
