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Titisee-Schwaerzenbach: Blick vom Russenkreuz nach Süden über den Hochebenehof zum Feldberg am 11.2.2008

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  • Thorsten Hinz: Deutsch-russische Kulturinstitute schließen 1.9.2026 (9.10.2026)

 

Thorsten Hinz: Deutsch-russische Kulturinstitute schließen 1.9.2026
Wenn die letzten Brücken brechen
Die Schließung von Kulturinstituten kappt Verbindungen, die gerade in Zeiten der Konfrontation wichtig wären
Thorsten Hinz
Am 1. September 2026, dem Jahrestag des Kriegsbeginns 1939, hat die Bundesregierung das deutsch-russische Abkommen über die beidseitigen Kultur- und Informationszentren gekündigt. Die Folge ist die Schließung des „Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur“ in der Berliner Friedrichstaße und die spiegelbildliche Liquidation der Goethe-Institute in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk. Damit sind letzte Brücken zwischen Deutschland und Russland abgebrochen worden: kulturelle, symbolische, politische, emotionale. Das Kulturzentum war 1984 eröffnet worden, damals in der Hauptstadt der DDR. Das 1993 abgeschlossene und 2013 erneuerte Kulturabkommen hatte ihm seine Fortexistenz gesichert.
Der siebenstöckige, im klobigen Sowjetstil errichtete Bau war spätestens seit Beginn des Ukraine-Krieges ein Stein des Anstoßes, ähnlich wie vor gut 60 Jahren das Amerika-Haus im Berliner Westen, das vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs von der Studentenbewegung attackiert wurde. Der Unterschied: Das Amerika-Haus wurde vom Staat geschützt; die Ablehnung des Russischen Hauses kam neben ukrainischen Exilanten direkt aus dem Politikbetrieb. Es handele sich um einen „Umschlagplatz für Desinformationen“, hieß es. Der glücklose Berliner SPD-Kandidat Steffen Krach postierte sich im Wahlkampf vor dem Haus mit einem Plakat, auf dem zu lesen stand: „Hier können wir enteignen, liebe Linke! Seid ihr dabei?“ Soviel versteht ein deutsches Provinzei von Außenpolitik. Das Haus bleibt natürlich Eigentum der Russischen Föderation. Der Grund und Boden gehört zwar der Bundesrepublik, doch das Abkommen von 2013 sichert Russland die Nutzung für 99 Jahre zu. Der Vertrag ist nicht einseitig kündbar.

Anlass für die Schließung war die mit Sprengstoff bestückte Drohne auf dem Leipziger Flughafen, die von einem beherzten Busfahrer – es muss sich um einen professionellen Kung-Fu-Fighter gehandelt haben – außer Gefecht gesetzt wurde. Außenminister Johannes Wadphul, der die Kündigung bekanntgab, war bereits im Frühjahr 2025 klargewesen: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben.“ Die Eskalationsspirale in den deutsch-russischen Beziehungen hat eine neue Drehung vollzogen.

Begründet wurde der Entschluss mit der russischen Spionagetätigkeit und der hybriden Kriegsführung auf deutschem Boden. Selbstverständlich spionieren die Russen in Deutschland. Das tun gewiss auch die Chinesen, die Franzosen, die Polen und die USA sowieso. 2013 machten Whistleblower bekannt, dass der Geheimdienst NSA das Handy der Kanzlerin abhörte. Nur sehr naive Menschen konnten davon überrascht sein. Und Hand aufs Herz: Wir wollen hoffen, dass der BND in Russ-land ebenfalls tüchtig spioniert und der Merz-Regierung reichlich Informationen liefert, die sie zu rationalen Entscheidungen befähigt.

Deutschland ist für die Ukraine wichtigster Finanzier, logistische Drehscheibe, Hinterland. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung hat der frühere BND-Chef Gerhard Schindler die Sichtweise und Handlungslogik der Russen erläutert. Für sie sei die Unterscheidung zwischen Krieg, Frieden und hybridem Krieg unmaßgeblich. „Jeder, der die Ukraine mit Waffen, Energieversorgung, Ersatzteilen oder anderen wichtigen Gütern unterstützt, ist aus russischer Sicht Teil des ukrainischen Systems, das es zu bekämpfen gilt. Die Russen machen eine nüchterne Lagebeurteilung: Woher kommt das Geld? Woher kommen Waffen und Gerät? Dann stellen sie fest: aus Deutschland.“ Also sei Deutschland ein Gegner. Die Ausweisung von Agenten hält er für kontraproduktiv, denn sie betrifft „bereits erkannte Angehörige russischer Dienste. Für die deutschen Nachrichtendienste konnte es durchaus von Vorteil sein, wenn man wusste: Dieser Kulturattaché gehört zum GRU oder dieser Wirtschaftsattaché zum FSB. Dann konnte man ihn beobachten und seine Aktivitäten verfolgen. Wenn man ihn ausweist, fängt man wieder von vorne an.“ Hinter der Ausweisung stünden nicht die deutschen Geheimdienste. „Das hatte politische Gründe.“

Es wird im Russischen Haus keine Veranstaltungen und Sprachkurse mehr geben. Das sorgt für Frustration bei Besuchern und Interessenten, doch der unmittelbare Schaden ist überschaubar. Schwerer wiegt die symbolische Ohrfeige, die auch Russen empfinden, die Putin ablehnen. Noch größer ist der Schaden, den Deutschland durch die Schließung der Goethe-Institute in Russland erleidet. Die Besucher von Auslandsinstituten sind an der Kultur des Gastlandes interessiert. Sie sind in der Regel überdurchschnittlich gebildet und empfehlen sich als Multiplikatoren, Netzwerker, als Angehörige oder Aspiranten einer kulturellen, politischen und sonstigen Elite. In repressiven Gesellschaften bilden derartige Einrichtungen eine regelrechte Oase. Die Besucher treten in eine andere Welt ein und nehmen sie in sich auf. Russland wird immer ein mächtiger und schwieriger Nachbar bleiben. Deshalb wäre die Pflege auch niedrigschwelliger Kontakte wichtig. Diese Möglichkeit wird durch tagespolitische Taktik zerstört.

Kultur kann – um den banalisierten Topos aufzugreifen – Zeichen setzen. Der öffentliche Höhepunkt der Reise Konrad Adenauers nach Moskau im Jahr 1955 war der Besuch im Bolschoi-Theater, wo das Ballett „Romeo und Julia“ mit der Musik von Sergej Prokowjew aufgeführt wurde. Am Ende reichen sich die Oberhäupter der feindlichen Familien Capulet und Montague über den Leichen ihrer Kinder die Hand. Adenauer und der sowjetische Ministerratsvorsitzende Nikolai Bulganin nahmen die Geste auf und schüttelten sich ebenfalls die Hände. Das geriet zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zur spektakulären Demonstration. Die Wunden, die Deutsche und Russen sich gegenseitig geschlagen hatten, bluteten noch. Die Sowjetführer waren beinharte Kommunisten, Adenauer ein beinharter Antikommunist. Die deutsch-sowjetischen Interessengegensätze schienen unüberbrückbar. Trotzdem sahen Adenauer und Bulganin sich in der Pflicht, vor ihren Völkern zu bekunden, dass Deutsche und Russen in einer gemeinsamen Welt lebten und irgendwann wieder zusammenfinden müssten. Einen Tag später wiederholte sich die Szene vor der Datscha, in der die deutsche Delegation untergebracht war; als dritter Beteiligter trat Parteichef Nikita Chruschtschow hinzu. Die Auftritte glichen den allegorischen Darstellungen aus der Barockzeit, in denen zwei, drei oder vier Monarchen ihre Hände ins eins legen, um ihr Bündnis oder einen Friedensschluss zu dokumentieren.

Über die Symbolik hinaus kann die Kultur einen unmittelbaren Anknüpfungspunkt für die Diplomatie bieten. Im Oktober 1960 kam es in der Uno-Vollversammlung, ausgelöst durch die Rede des US-Vertreters, zu einem legendären Wutanfall Chruschtschows. Der Kalte Krieg, der wegen der Berlin-Krise leicht in einen heißen umzuschlagen drohte, verschärfte sich weiter. Doch wenige Tage später besuchte Chruschtschow überraschend den Auftritt eines amerikanischen Ballett-Ensembles in Moskau. Nach der Vorstellung gab er für die Künstler ein Essen, das er für Gespräche mit dem US-Botschafter nutzte. Der Vorgang wiederholt sich im Oktober 1962, als die Kuba-Krise in einen Atomkrieg einzumünden drohte. Wieder erschien Chruschtschow mit hochrangiger Begleitung zum Auftritt eines US-Balletts in Moskau. Die Amerikaner verstanden die Geste so, wie sie gemeint war: als eine Geste und ein Angebot zur Entspannung. Das Inferno wurde im letzten Moment verhindert.

Die Aufkündigung der Kulturvereinbarung durch die Bundesregierung geht in die entgegengesetzte Richtung. Die strategische Überlegung, die dahintersteht, bleibt unklar. Die Schließung des Russischen Hauses verkürzt das Elend der Ukraine um keinen Tag; sie verschlechtert nur die Ausgangslage für deutsch-russische Gespräche, die eines Tages wieder geführt werden müssen. Die Entscheidung erscheint desto widersinniger, weil andererseits behauptet wird, ein russischer Angriff auf Nato-Gebiet sei jederzeit denkbar. Tatsächlich sind drohende Kommentare in Richtung Deutschland zu hören. Angesichts der konventionellen Schwäche der russischen Armee müsste ein solcher Angriff mit Atomwaffen unterlegt sein. Wenn man ernsthaft von dieser Bedrohung ausgeht, wäre es erst recht angesagt, Gesprächskanäle offenzuhalten statt sie mutwillig trockenzulegen.

Die andere Möglichkeit wäre, dass es sich bei der dramatischen Lagebeschreibung um Propaganda zu innenpolitischen Zwecken handelt. Die Beschwörung einer unmittelbaren Gefahr von außen soll den inneren Zusammenhalt sichern, der mangels einer verbindenden Staatsidee rasant erodiert. Das wäre ein riskantes Spiel. Auch auf diesem Feld erweist sich die AfD, die Gepräche mit Moskau fordert und auf die Schäden hinweist, die Deutschland durch seine Embargopolitik gegen Russland erleidet, als Stachel im schlaffen Fleisch. In „ihrer Russlandunterwürfigkeit und ihrem Landesverteidigungsdefätismus“ überschreite sie „die Grenze zum Landesverrat“, donnerte die FAZ.

Kehren wir noch einmal zurück in die Geschichte, zum Mauerbau 1961, der ein sowjetrussischer Faustschlag auf das Glaskinn des geteilten Deutschland war. Am 16. August 1961, drei Tage nach der gewaltsamen Grenzschließung in Berlin, tobte die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile „Der Westen tut NICHTS!“ gegen den Gleichmut an, mit dem die Verbündeten die Zementierung der deutschen Teilung quittierten. Konrad Adenauer aber empfing den sowjetischen Botschafter Andrej Smirnow zu einem Gespräch und versicherte anschließend in einem Kommuniqué, „dass die Bundesregierung keine Schritte unternimmt, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR erschweren und die internationale Lage verschlechtern können“. Das muss den alten Kanzler hart angekommen sein, zumal der Mauerbau das Scheitern seines ursprünglichen Konzepts, die Sowjetunion mit der vereinten Kraft des Westens zur Herausgabe der DDR zu bewegen, besiegelte. Aber er handelte gemäß seiner Einsicht in die Realitäten. Die Welt war froh, dass der Berlin-Krise die Spitze genommen war. „Eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg“, kommentierte US-Präsident Kennedy das monströse Bauwerk.

Die Deutschen zogen daraus die Lehre, dass Deutschland-Politik nur mit, nicht gegen die Sowjetunion erfolgreich sein kann. Die DDR-Bürger mussten sich außerdem damit abfinden, bis auf weiteres den Launen der Moskauer Führung ausgeliefert zu sein. Nur ein neues Tauwetter in der Sowjetunion konnte grundlegende Veränderungen bringen. Die Aktivitäten des – damals sowjetischen – Kulturzentrums fielen in eine solche Zeit der Veränderungen. 1985 trat der Reformer Michail Gorbatschow an die Spitze der Kommunistischen Partei. Die Auswirkungen waren bald zu spüren. Plötzlich kamen interessante Filme und Bücher aus der Sowjetunion, die man sich anschaute und las, weil sie neue Perspektiven auf die Welt eröffneten. Auch der Blick auf Russland veränderte sich nachhaltig. Daran zu erinnern bedeutet nicht, Russland als Vorbild oder Gegenentwurf zu den westlichen Gesellschaften zu begreifen oder den Phantasmen vom Dritten Rom und der messianischen Mission der russischen Orthodoxie anzuhängen. Es bedeutet schlichtweg Realismus.
Besonders populär waren in der DDR die Bücher des russisch schreibenden Autors Tschingis Aitmatow (1928–2008), der Gegenwartsprobleme virtuos mit den Mythen seiner kirgisischen Heimat verknüpfte. Sein Roman „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ enthält die Geschichte der Mankurts: Kriegsgefangene, denen das Kopfhaar abgeschoren und eine feuchte Kamelhaut über den nackten Schädel gezogen wurde, die sich unauflöslich mit der Kopfhaut verband. Der weitere Haarwuchs richtete sich nach Innen, wo er das Gehirn zerstörte. Wer die qualvolle Prozedur überlebte, war zum Zombie ohne Gedächtnis und eigenen Willen geworden. Da er die eigene Mutter nicht mehr erkannte, war er bereit zum Muttermord.

Die Legende bot sich damals als Gleichnis auf gläubige Kommunisten an. Es lässt sich erweitern auf blinde Zweckrationalisten, auf Konsum- und sich zu Tode amüsierende Medien- und Digitalidioten. In einem höheren Sinne handelt es sich um ein Gleichnis auf besinnungslose Gefangene, die „unter entwürdigenden Bedingungen am Leben (ge)lassen“ wurden, „in denen Überleben und Sich-treubleiben ausschließen“ (Arnold Gehlen). Die Beschäftigung mit russischer Kultur und Literatur kann bei der Selbsterkenntnis helfen. Das gilt erst recht nach der Schließung des Russischen Hauses.
Fotos: Schließung des deutschen Generalkonsulats in Sankt Petersburg: Mitarbeiter entfernen das Staatswappen. Die Anordnung dazu kam vom russischen Außenministerium als Reaktion auf die Entscheidung der Bundesregierung, Einrichtungen Russlands in Bonn und Berlin zu schließen
…. Alles vom 9.10.2026 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 42/26, Seite 13
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