Home >Global >Afrika >Entwicklungshilfe >Afrika-Zusammenarbeit >Afrika-Geschichte

15 Afrikaner aus Gambia und Nigeria bauen in Freiburg eine Trockenmauer in FR-Lehener Strasse mit Jochen Schmidt 1.12.2016
- Listenauswahl eines Beitrags (Artikel/Datum, Seite/Inhalt): Klicken oder scrollen
- Black History: Perspektivwechsel auf Afrika (17.10.2025)
- Toxische Weis(s)heit: Benin-Bronzen, die Story geht weiter (16.10.2025)
- Benin-Bronzen an Afrika privat (7.5.2023)
- Kolonialismus
- Postkolonialismus
Black History: Perspektivwechsel auf Afrika
Der Journalist Amat Levin legt eine entkolonialisierte Geschichte des schwarzen Kontinents vor
Laut Hegels „Philosophie der Weltgeschichte“ findet Geschichte dort statt, wo „mit dem Bewußtsein von Gesetzen (…) klare Taten vorhanden (sind) und mit ihnen die Klarheit eines Bewußtseins über sie, welche die Fähigkeit und das Bedürfnis gibt, sie so aufzubewahren”. In Afrika würde man Menschen im Zustand „der Barbarei und Wildheit sehen“, weshalb es dort im Unterschied zu Europa und Asien keine Entwicklung und Bewegung gebe, die es rechtfertigen würden, von einem „geschichtlichen Weltteil“ zu sprechen. Noch gut 150 Jahre später behauptete der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, der afrikanische Kontinent besäße keine eigene erzählenswerte Historie, nur eine „Geschichte der Europäer in Afrika“. Das Übrige sei das „recht unwichtige Tun und Treiben in einem malerischen, aber bedeutungslosen Winkel der Erde“.
Den Afrikanern wurde ihre Geschichte schlichtweg geraubt
Der in Stockholm lebende Journalist, Blogger und Podcaster Amat Levin, der sich einen „schwedisch-gambischen“ Autor nennt, tritt dieser These energisch entgegen. Natürlich gebe es eine afrikanische „Black History“, nur sei sie gelöscht und vergessen worden. Für den afrikanischen Kontinents und seine Bewohner verwendet er (in Großschreibung) das Adjektiv „Schwarz“, weil es den allermeisten ein Bild des Gemeinten vermittle. Gemeint ist die Bevölkerung südlich der Sahara und ihre weltweite Diaspora.
Die Staaten, die sich heute auf dem riesigen Territorium befinden, sind Ergebnisse der Kolonisierung durch die europäischen Mächte, die ihre Interessensphären ohne Rücksicht auf Stammesgrenzen, Kulturen und Sprachfamilien absteckten. Der schwarze Kontinent wurde als historisch unbeschriebenes weißes Blatt behandelt und sowohl kartographisch als auch geistig-kulturell überschrieben. Den Afrikanern, so Levins Gegenthese, wurde ihre Geschichte schlichtweg geraubt, was sie in ein anhaltendes Dilemma gestürzt hat. „Anstatt eine natürliche kulturelle Zusammengehörigkeit zu empfinden, mußten sie die Fragmente ihres Ursprungs in einem fremden Land zusammenpuzzeln.“
Die zumeist kurzen Buchkapitel gehen auf Blog- und Podcast-Beiträge zurück. Sie sind in vier Sachgruppen gegliedert. Die erste widmet sich der vermeintlich vorgeschichtlichen Zeit, die zweite der Erforschung Afrikas durch die Portugiesen und dem Sklavenhandel nach Übersee. Im dritten Teil geht es um den Einzug des Kolonialismus und im vierten Teil um die Zeit danach. Die Anordnung folgt dem Zufallsprinzip, was die Lektüre zu einer sprunghaften Angelegenheit macht. Levin erhebt nicht den Anspruch, eigene Erkenntnisse zu präsentieren, er faßt zusammen, referiert und popularisiert auf Wikipedia-Niveau, was neuere kulturwissenschaftliche, ethnologische und archäologische Studien hervorgebracht haben. Den Kapiteln ist jeweils eine Liste mit Literaturhinweisen angefügt.
Auch Afrika hat frühe Völkerwanderungen erlebt. Eine der größten war die Bantu-Expansion zu Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr., die ihren Ausgang im heutigen Nigeria und Kamerun nahm. Im dritten und vierten Jahrhundert bildete sich im heutigen Äthopien, ausgehend von der Stadt Aksum, eine „Großmacht der Antike“ heraus. Ihr bedeutendster erhalten gebliebener Artefakt ist eine 24 Meter hohe Stele, die 1937 auf Befehl Mussolinis als Kriegsbeute nach Rom gebracht, rekonstruiert und vor dem damaligen Afrika-Ministerium aufgestellt wurde. 2005 wurde sie an Äthopien zurückgegeben.
An diesem Beispiel läßt sich nachvollziehen, daß es bei den Forderungen nach Rückgabe von Kunst- und kultischen Gegenständen, die im 19. und 20. Jahrhundert in europäische Museen gelangten, auch um die Rückeroberung der eigenen Geschichte geht. Nur hat die Diskussion um die Benin-Bronzen gezeigt, daß die Interessenkonflikte sich weder im bildlichen noch im übertragenen Sinne automatisch in ein Schwarz-Weiß-Muster fügen. In materieller Hinsicht wurden die Bronzen aus den Profiten generiert, die afrikanische Stammesfürsten aus ihrer Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel gezogen hatten. Levin widmet sich auch dem muslimischen Sklavenhandel, den er allerdings quantitativ und qualitativ geringer einschätzt als den europäischen. Was gewiß damit zusammenhängt, daß die europäischen, nicht die arabischen Narrative das Bild von Afrika in der Neuzeit bestimmt haben. Die von Levin geschilderten Umstände der Sklavenverschiffung nach Amerika waren furchtbar. Gleiches gilt für das Schreckensregiment von König Leopold II. in Belgisch-Kongo und die Kriegsführung deutscher Kolonialtruppen gegen die Hereros im heutigen Namibia.
Levin kritisiert die Tendenz zum Afro-Zentrismus als Reaktion
Levin tritt aber nicht als „schwarzer Kulturkämpfer“ auf. Vielmehr kritisiert er die Tendenz, den Eurozentrismus mit einem Afro-Zentrismus zu beantworten, welcher der griechischen Antike afrikanische Ursprünge andichtet oder Beethoven als Afrikaner vereinnahmt. Es handele sich um einen „Eurozentrismus in Blackface“. Psychologisch sei das Verfahren nachvollziehbar, in der Sache aber unsinnig. Ergänzungsbedürftig sind Levins Anmerkungen zum schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo, nach dem gerade eine Straße in Berlin benannt wurde. Inzwischen ist bekannt, daß er als privilegierter Sproß einer afrikanischen Sklavenhalterfamilie nach Europa kam. Merkwürdigerweise bleiben Frantz Fanon und Nelson Mandela unerwähnt. Stattdessen hebt Levin Robert Mugabe hervor, unterschlägt aber dessen Kleptokraten-Regime in Simbabwe. Man könnte noch mehr Kritikpunkte aufzählen. Alles in allem aber bietet das Buch den gut verständlichen Einstieg in eine afrikanische Problemlage, die auch Europa noch intensiv beschäftigen wird.
… Alles vom 17.10.2025 von Thorsten Hinz bitte lesen in der JF 43/25, Seite 19
Amat Levin: Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas.
C.H. Beck Verlag, München 2025, broschiert, 528 Seiten, Abbildungen, 32 Euro
.
Toxische Weis(s)heit: Benin-Bronzen, die Story geht weiter
Mit der Rückgabe der Benin-Bronzen wollten Annalena Baerbock und Claudia Roth einen „Wendepunkt internationaler Kulturpolitik“ einleiten. Das Ganze geriet zur Farce. Doch die irre Geschichte geht mit einer weiteren irren Geschichte in die nächste Runde.
…
Kulturelles Erbe? Und ein Stück welcher Identität?
Nigeria ist seit 1960 unabhängig. Es hat heute 230 Millionen Einwohner aus etwa 250 Ethnien. Es werden 514 verschiedene Sprachen und Idiome gesprochen. Die drei größten Volksgruppen sind die Yoruba, die Igbo und die Hausa. Und für all deren Identitäten stehen die Benin-Bronzen? Und sie alle empfinden die Bronzen als „kulturelles Erbe“? Eher unwahrscheinlich. Und mit deutscher „kolonialer Vergangenheit“ hat die moralisch hochstehende Geste rein gar nichts zu tun. Das ist geradezu eine kulturelle Aneignung.
Vor allem aber sind die „Benin-Bronzen“ Artefakte nicht „der Nigerianer“, sondern des Königshauses Benin, im 16. Jahrhundert ein Hauptzentrum des Sklavenhandels und berüchtigt durch Menschenopfer bei Festlichkeiten. Die Benin-Bronzen sind meist aus sogenannten „Manillen“ gefertigt, Armreifen aus Bronze, auch als „Sklavenhandelswährung“ bekannt, als die Europäer begonnen hatten, damit den Erwerb von Sklaven zu bezahlen.
Nachdem 1897 eine britische Abordnung von Benin-Kriegern massakriert wurde, entsandte das British Empire umgehend 1.200 Soldaten zu einer Strafexpedition, in deren Verlauf Soldaten viele Benin-Bronzen mitgehen ließen, wonach sie auf dem Weltmarkt kursierten.
.
Erbe eines Sklavenstaates
Ein britischer Augenzeuge berichtet, die Bewohner der Stadt hätten sich beim Eintreffen der Briten kurz aus der Deckung heraus gewehrt, seien dann aber allesamt, inklusive des Königs, geflohen – unter Zurücklassung von rund 200 Leichen von auf bestialische Weise ermordeten Sklaven.
Der Augenzeuge beschreibt den grässlichen Leichengeruch, der über der Stadt lag und der selbst für hartgesottene Soldaten unerträglich gewesen sei; überall sei Blut zu sehen gewesen, die Leichen der ermordeten Sklaven lagen auf den Straßen und in Brunnenschächten, die Bronzen, das Elfenbein und sogar die Wände seien mit Blut beschmiert gewesen. (Siehe den Bericht von Peter J. Brenner in „Deutsche Legenden. Wer schreibt unsere Geschichte?“ Soeben erschienen im Buchhaus Loschwitz.)
Die Bronzen sind also kulturelles Erbe nicht „der“ Nigerianer, sondern eines Sklavenstaates, weshalb die Eigentumsrechte an den Benin-Bronzen per Erlass des nigerianischen Staatspräsidenten an den Ur-Ur-Enkel des Königs von Benin in Privatbesitz übertragen wurden. Konsequenterweise.
… Alles vom 16.10.2025 von Cora Stephan bitte lesen auf
https://www.achgut.com/artikel/toxische_weissheit__benin_bronzen_die_story_geht_weiter
Einige Kommentare:
Zu dem Blut, das an den 4.000 Bronzen klebt, anlässlich der dreitägigen Plünderung 1897 durch die Briten, gehört auch das der Sklaven, die vom Kriegerstaat Benin gegen das aus Europa stammende Material zur Herstellung der Kunstwerke eingetauscht wurden. Das Kupfer der Beninbronzen stammte aus Tiroler Bergwerken der Fugger. Der Bronze-Rohstoff wurde meist durch das Einschmelzen von Bronze-Manillen gewonnen. Das sind Armreifen im Gewicht von je etwa 750 Gramm. Sie dienten Händlern als Zahlungsmittel, um Sklaven von afrikanischen Sklavenhändlern zu erwerben. Aus dem Metall schufen Beniner Bronzegießer ihre Kunstwerke. Von den etwa 11 Millionen Schwarzafrikanern, die zwischen 1519 und 1867 nach Amerika versklavt wurden, sollen etwa 18 Prozent aus dem Königreich Benin oder anderen Teilen Nigerias stammen. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah (New York University), Sohn einer Britin und eines Ghanaers, hatte einen – in Deutschland und anderswo nicht beachteten – bedenkenswerten Vorschlag gemacht, sämtliche kolonialen Kulturgegenstände sollten in die Treuhänderschaft der Orte gegeben werden, an denen sie gegenwärtig befinden. Statt über Besitzfragen zu streiten, solle man sich um „Interpretation und Zugang“ kümmern und das Modell des Universalmuseums auch nach Mali oder Ghana exportieren. Mit dem Konzept des nationalen Kulturerbes komme man in Afrika nicht weiter, weil Besucher etwa des nigerianischen Nationalmuseums die Objekte nicht dem Staat Nigeria, sondern der Volksgruppe der Yoruba, Igbo, Haussa „oder einer von hundert anderen Identitäten“ zurechneten. Volker Seitz
.
Die Schweizer Wissenschaftlerin Brigitta Hauser-Schäublin, emeritierte Professorin für Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttingen, in der FAZ am 12. Januar 2022, Seite 12: „Niemand hat je nach dem Verbleib der Schätze jenseits der berühmten Bronzeköpfe und -platten gefragt, die der König von Benin ebenfalls in seiner Schatzkammer aufbewahrte. Reginald Bacon, der Kommandant der britischen Strafexpedition von 1987, stieß dort auf Gehstöcke aus Glas, alte Uniformen, auffällige Schirme und verschiedenen Putz. Bacon bezeichnete diese Dinge als Krimskrams. Aber für die Benin-Herrscher müssen sie einen besonderen Wert besessen haben. Wert konstituiert sich nicht zwangsläufig über Marktwert und Geld, auch wenn die Restitutionsdebatte implizit davon ausgeht. Ist „Identität“ an Geldwert gebunden – selbst dann, wenn die zurückgeforderten Objekte Symbole der Unterdrückung des Volkes durch eine gewaltbereite aristokratische Elite und Ausdruck menschenverachtender Praktiken waren, wie dies bei den Benin-Bronzen der Fall ist. An anderer Stelle schreibt sie: „Es steht außer Frage, dass es grauenhafte koloniale Verbrechen gab, wie der Genozid in Namibia, aber diese waren Ausnahmen, kein systematisches Ziel… Das Prinzip der Schuldvermutung dient als Schablone, um komplexe koloniale Vergangenheiten nach weißen Tätern und kolonialen Opfern zu durchforsten – und alles wegzulassen, was nicht ins Raster passt.“ [Z.B. auch die grausamen Menschenopfer an den Altären der Ahnen, auf denen manche Bronzen aufgestellt waren. Die Ahnen und die Könige sollten durch die Trophäenköpfe der Rivalen, die die Könige besiegt und enthaupteten ließen, magisch gestärkt werden.] Volker Seitz
.
Ein Freund aus Aachen hat mich darauf hingewiesen, dass das Material für viele Benin – Bronzen nicht nur aus Tirol ,sondern auch aus dem Rheinland zwischen Aachen und Köln stammt. Das hat 2023 eine Untersuchung von Bleiisotopen in Marillen ergeben, Armreife aus Messing, von denen viele früher für die Herstellung von Benin-Bronzen eingeschmolzen wurden. Ein Vertrag der Kaufmannsfamilie Fugger mit dem portugiesischen König aus dem Jahr 1548 über die Lieferung von Marillen macht die Analyseergebnisse plausibel. Trotz der Bezeichnung „Benin – Bronzen“ bestehen die meisten der Kunstwerke aus Messing, das vor allem Kupfer und Zink oft aber auch Blei, Zinn und weitere Elemente enthält. Für die Untersuchung standen den Wissenschaftlern von der TU Georg Agricola in Bochum 67 Marillen aus fünf Schiffswracks in afrikanischen, europäischen und amerikanischen Gewässern zur Verfügung. Weitere Manillen stammten aus Schweden, Ghana und Sierra Leone. Volker Seitz
Ende Kommentare