Geige

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Titisee-Schwaerzenbach: Blick vom Russenkreuz nach Süden über den Hochebenehof zum Feldberg am 11.2.2008

  • Der russische Geiger Maxim Kosinov spielt auf dem Wieselhof (16.7.2025)

 

Der russische Geiger Maxim Kosinov spielt auf dem Wieselhof
„Der Geiger Maxim Kosinov spielt und erzählt
Maxim Kosinov ist stellvertretender Konzertmeister des SWR Symphonieorchesters. Am 16.7.2025 spielt der Ausnahmekünstler im Seminarraum des Wieselhofs Werke für Violine solo von J.S. Bach und anderen und erzählt über seine musikalischen Werdegang vom straßenmusizierenden Jungen in St. Petersburg zur internationalen Tätigkeit als Konzertmeister in Sinfonieorchestern. Im Gespräch lässt sich Spannendes und Unbekanntes über das Instrument Geige (oder heißt es Violine?) und das Musikerleben erfahren. Aber vor allem wird es ein Vortragsabend mit viel Musik.“

So die Ankündigung von Wolfram Lamparter, dem Gastgeber der monatlichen Veranstaltungsreihe „15/15 – Für alle, die Wissen wollen“ im Seminarraum des Wieselhofs am Pfeiferberg in Kirchenzarten-Neuhäuser.
Es war ein wunderbarer Abend. Zwischen 19 und 21 Uhr spielte Herr Kosinov sechs Stücke:
(1) Peter Tschaikowsky: Nußknacker – „Danse russe“
(2) Peter Tschaikowsky: Violine-Solo aus Dornröschen von 1890
(3) J.S. Bach: Sarabande in d-Moll
(4) Richard Strauss: Daphne-Etude
(5) Francisco Canaro: Tango „Champagne-Tropfen“
(6) Jules Massanet: Meditation aus Thais

   Der Geiger Maxim Kosinov am Wieselhof

Dazwischen erzählte Maxim Kosinov  (in Stichworten):
Von seiner Kindheit in Petersburg. Als Maxim vier Jahre alt war, begann sein Vater, ein Gitarrist, Jahrgang 1953, mit dem Geigenunterricht. Streng und tagein tagaus. Sein Vater machte alles für seinen Sohn. Er konzentrierte sich so sehr darauf, daß seine Ehe zerbrach und die Mutter nach Polen emigrierte.
„Geige lernen in Hochleistungssport. Man muß sehr früh damit anfangen, wegen der kleinen Hände, die sich noch formen, ganz anders als zum Beispiel Posaune“.
„Musik professionell zu erlernen ist leider schon etwas mit Gewalt verbunden. Gar nicht so lustig für mich.“
Ganz früh Anfang der 1990er Jahre ließ sein Vater ihn vor Publikum spielen. So hat er heute kaum „Lampenfieber“. Später spielte er auf der Straße in St. Petersburg Geige, „sehr lukrativ für uns damals“, als viele Touristen aus dem Westen nach Russland kamen“. Binnen kurzem so viel  Geld, wie ein einfacher Arbeiter im Monat verdiente. Auch am 16. Juli 1995, als bei einer Regatta ein deutsches Schul-Segelschiff anlegte.
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Maxim Kosinov ist viel beschäftigt: Vorgestern Tournee in Granada, heute Abend hier im Wieselhof, dann in Stuttgart zur Probe und am kommenden Samstag im Konzerthaus Freiburg. „In diesem Beruf bleibt man immer unter Spannung“.
Er hat fünf Jahre in England gelebt. „Bach tut immer gut“. Zu seinem Sohn sagte Bach „Alles sind Etüden“, also alles zum Üben.

Im Alter von 10-11 Jahren ging er in St. Petersburg zur Schule als Geiger. Mit 18 hat er die Prüfung zum Konservatorium bestanden und musste deshalb nicht zur Armee. Sein Bruder dient in der Armee.
Seine Geige hatte ihm die Mutter 1999 in St. Petersburg gekauft, arg ramponiert, sogar durchschossen. „Aber ein Geigenbauer hat ihr das zweite Leben gegeben“. Deshalb hängt er sehr an seinem Instrument.
„Jede jüdische Familie hat irgendeinen Geiger in der Familie“.

Als Orchestermusiker erlebte er die Abende im Graben, nicht auf der Bühne. Aber in Düsseldorf: Raus aus dem Graben, umziehen und dann auf die Bühne als Solospieler.
Seine Frau – keine Musikerin – ist Französin, die Kinder besuchen das Deutsch-Französische Gymnasium DFG an der Dreisam, bilingual.
„Freiburg gefällt uns allen sehr gut“. Seine Schwester lebt in Strasbourg, Er hat eine zeitlang gegenüber in Kehl gewohnt. Ein Sohn ist 9 Jahre alt. Die Kinder werden nicht angehalten, irgendein Instrument zu spielen. „Sie sollen selbst entscheiden“.

Zum Geigensolo aus der Oper Thais (6): Das spielt er auf Hochzeiten wie bei Begräbnissen. „Auch bei meiner Einbürgerung als Franzose in Frankfurt habe ich das Stück von Jules Massanet gespielt“. Maxim Kosinov hat neben der französischen auch die russische Staatsbürgerschaft.
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Welch ein Genuß und welch ein Geschenk, ein Geigenspiel in solch einer Nähe erleben zu dürfen: Zu hören, wie der Bogen beim langsamen Spielen über die Saite kratzt, knistert, knistert, rauscht, summt (es gibt kein Wort dafür). Zu sehen, wie der Schweiß bei dem hochkonzentrierten Spiel von der Stirne rinnt. Zu spüren, wie der Musiker in der gerade gespielten Etüde (bei geschlossenen Augen) geradezu aufgeht.
Es ist auch ein großes Entgegenkommen, daß Maxim Kosinov überhaupt bereit ist, sich in so kurzer Distanz den ihm unbekannten Besuchern zu präsentieren und sie an seiner Virtuosität teilhaben zu lassen.
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Vielen Dank an Maxim Kosinov, daß er als gesuchter Geiger trotz vollem Terminplan bereit war, im Wieselhof zu spielen. Danke für die sechs so wunderbar gespielten Musikstücke und die interessanten Erzählungen dazwischen. Dazu sei eine Bemerkung gestattet:
Das Miteinanderreden ist gerade in einer Zeit wichtig, in der die offizielle deutsche Politik und leider auch ein großer Teil der Zivilgesellschaft ein grauenhaftes Russland-Bashing betreiben und sich plötzlich gegenüber den Russen mitsamt ihrer Kultur, Literatur und Musik feindlich gesinnt zeigen. Das hat „Mütterchen Russland“ niemals verdient.
Als Kosinov als Strassenmusiker in St. Petersburg für die zahlreichen westlichen Touristen spielte, schwärmten deutsche wie russische Medien von der Friedfertigkeit ihrer Bürger. Gut so. Heute hingegen warnen die deutschen Mainstreammedien vor den bösen und kriegerischen Russen- was für eine schlimme Entwicklung und auch Mißachtung der Geschichte. Wir brauchen eine europäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur – und zwar mit Russland als europäischem Kernland.
http://www.maximkosinov.com/