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Der Reiter von Thomas Rees am Pfeiferberg – Kamelberg 6.4.2007

Thomas Rees, Holzbildhauer, Freiburg-Kappel
www.thomas-rees.com
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Thomas Rees aus Kappel: Holzskulpturen

 

 

Jedes Stück Holz erzählt ihm eine andere Geschichte

Tatort Schwarzwald. Er geht mit der Säge durch die Natur und schafft skurrile Skulpturen aus Bruchholz. Thomas Rees aus Kappel hat neues Leben in einen vom Sturm verwüsteten Forst gebracht. Viel Zeit hat er nicht gebraucht, um das Jesuskindlein zu erschaffen, nicht mehr als fünf Minuten. Thomas Rees nahm seine Motorsäge, fräste ein paar Ecken und Kanten in ein Stück Holz – und das Kind war geboren. Nun liegt es in seinem Körbchen, Maria schaut müde herab, während der eisige Wind über den Kamelberg fegt. Eine stumme Szene, geschaffen aus einfachsten Materialien: ein hölzernes Kind, die Muttergottes mit Kartoffelsack auf dem Kopf, das Dach der Krippe aus dürren Ästen. Und doch scheint es ein magischer Ort zu sein hier droben, wo der Himmel fast bedrohlich nah rückt.
Es war Weihnachten 1999, als „Lothar“ mit mehr als 200 Stundenkilometern über das Land jagte. Ein Unwetter mit fatalen Folgen. Im Schwarzwald knickten die Bäume um. Dort, wo einst finstere Wälder waren, lagen die Stämme wie Mikadostäbchen übereinander. Auch über Kappel, einen Stadtteil von Freiburg, raste „Lothar“ und zog in den Wald eine breite Schneise. Als Thomas Rees am zweiten Weihnachtsfeiertag aufs Dach seines Hauses stieg, um die Ziegel wieder zu befestigen, stellte er fest, dass der dichte Forst verschwunden und der Berg plötzlich licht, hell und nackt war. Nur vier einsame Kiefern hatten den Sturm überlebt. Diese vier stehen noch immer auf dem Kamelberg, dürr und verloren ragen sie in die Höhe, während inzwischen eine wundersame Gesellschaft die Lichtung belagert. Neben der heiligen Familie wacht ein grimmiger Kerl mit krummer Nase. Dort drüben eine Jeanne d’Arc mit Haaren, die abstehen wie die Schlangen auf dem Haupt der Medusa. Ein Geier gafft aus den Brombeerbüschen heraus. Hier ein Einhorn, etwas abseits ein Dinosaurier. Und hockt dort nicht jemand? Ein müder Krieger? Ein Wesen aus einer anderen Zeit? Thomas Rees hat dieses geheimnisvolle, stille Szenario geschaffen – mit der kreischenden Motorsäge. Nach dem Sturm ist er immer wieder hinaufgestiegen und hat sich einen der vielen Baumstümpfe oder eine herausgerissene Wurzel vorgeknöpft. Eigentlich ist Thomas Rees Techniker von Beruf und verdient sein Geld bei der Telekom. „Ich lebe in zwei Welten“, sagt er. Sobald er einen abgeknickten Stamm sieht, eine Wurzel oder einen zerbrochenen oder verwachsenen Ast, begibt sich seine Phantasie auf eine wilde Reise. Dann sieht er plötzlich Tiere, Gesichter, fremde Wesen und Urviecher. Jedes Stück Holz erzählt ihm eine andere Geschichte, in den morschen oder krummen Ästen scheinen Geister und Wesen zu stecken, die von Rees befreit werden wollen. Meistens setzt er mit der Säge nur einige gezielte Schnitte, und schon schält sich das Motiv aus dem Holz heraus. „Man kann auch aus einer geraden Form etwas ganz Wildes machen“, sagt er, „aber es ist schöner, wenn die Form schon vorgegeben ist.” Manchmal arbeitet Rees auch mit Stemmeisen und Hammer – Werkzeuge, die doch eigentlich fürs Grobe sind. Aber Rees weiß sie so geschickt einzusetzen, dass Gesichter plötzlich zarte Fältchen bekommen oder Vögel ein feines Gefieder. Er nutzt die Struktur des Materials. Löcher, die Misteln im Holz hinterlassen haben, wirken wie weiches Fell, Rinde wie runzlige Haut …
Adrienne Braun, Dezember-Ausgabe von natur+kosmos, 12.12.2004

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