{"id":89042,"date":"2021-03-23T14:10:12","date_gmt":"2021-03-23T13:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=89042"},"modified":"2021-03-23T14:10:12","modified_gmt":"2021-03-23T13:10:12","slug":"journalist-reitschuster-vogelfrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/journalist-reitschuster-vogelfrei\/","title":{"rendered":"Journalist Reitschuster vogelfrei"},"content":{"rendered":"<p>Nach 16-j\u00e4hriger T\u00e4tigkeit als <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/gez-medien\/\">ARD<\/a>-Korrespondent in Moskau betreibt Boris Reitschuster die eigene Plattform <a href=\"https:\/\/reitschuster.de\">https:\/\/reitschuster.de<\/a>: Unabh\u00e4ngige Recherche, Journalist alter Schule (Trennung von Nachricht und Meinung), deshalb erfolgreich. Nachdem Reitschuster auf <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/buergerinitiativen\/demonstrationsrecht\/\">Demonstrationen<\/a> im <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/oeffentlicher-raum\/\">\u00f6ffentlichen Raum<\/a> <!--more-->mehrmals (zuletzt <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/medien-contra-corona-demos\/\">Kassel<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/berlin-demo29-8-2020\/\">Berlin<\/a>) Opfer von T\u00e4tlichkeiten wurde, bei denen man ihn auch verletzt hatte, mache ich mir gro\u00dfe Sorgen um diesen mutigen <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/journalismus\/\">Journalisten<\/a>.<br \/>\n.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/medienleute\/\">Medienleute<\/a> m\u00fcssen frei berichten k\u00f6nnen. Es darf nicht geduldet werden, da\u00df Menschen mit Presseausweis bei ihrer journalistischen Arbeit und Recherche von politisch <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/rechts\/rechts-links\/\">rechts<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/links\/\">links<\/a> oder wie auch immer Gesinnten durch verbale bzw. k\u00f6rperliche Gewalt behindert werden.<br \/>\nAlle Journalisten (nat\u00fcrlich auch Journalistinnen) besitzen die gleichen <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/freiheit\/freiheitsrechte\/\">Freiheitsrechte<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/deutschland\/moral2015\/doppelmoral\/\">Doppelmoral<\/a> bzw. <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/kulturverlust\/zweierlei\/\">zweierlei Ma\u00dfst\u00e4be<\/a> passen zum <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/totalitarismus\/\">totalit\u00e4ren System<\/a>, nicht aber zu unserer <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/demokratie\/direkte-demokratie\/\">Demokratie<\/a>. Das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung gilt f\u00fcr alle &#8211; den B\u00fcrger als Medienkonsumenten wie den B\u00fcrger als Medienschaffenden &#8211; gleich, ob letztere nun als Angestellte eines <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/mainstream\/\">Medienhauses<\/a>, als freie Mitarbeiter einer Zeitung oder als selbst\u00e4ndige Journalisten unterwegs sind. Ich hoffe, da\u00df meine Sorgen um Boris Reitschuster unberechtigt sind.<br \/>\n23.3.2021<br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n<strong>Auszug aus dem Wochenbriefing vom 23.3.2021 von Boris Reitschuster<\/strong><br \/>\nLiebe Leserinnen und Leser,<br \/>\ndarf ich Sie um ein Gedankenexperiment bitten? Stellen Sie sich vor, am Samstag auf der Demonstration in Kassel w\u00e4re Dunja Hayali vom ZDF von gewaltbereiten Demonstranten erst beleidigt, dann bedroht und schlie\u00dflich geschlagen worden. Was glauben Sie, wie gro\u00df das Echo in den Medien gewesen w\u00e4re? Man kann dem Gedankenexperiment auf die Spr\u00fcnge helfen, indem man im Internet nachsieht, wie viele Schlagzeilen es im August 2020 gab, als Hayali auf der gro\u00dfen Querdenken-Demonstration in Berlin beleidigt wurde.<\/p>\n<p>Ich selbst wurde am Samstag von Gegendemonstranten, die wirkten wie aus dem Antifa-Milieu, beleidigt, bedroht und attackiert. Mir wurde die Kamera aus der Hand geschlagen &#8211; anzusehen hier: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jeedDPuM34A&amp;t=393s\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jeedDPuM34A&amp;t=393s<\/a><br \/>\nIn den gro\u00dfen Medien wurde die Attacke bis auf ganz wenige Ausnahmen einfach totgeschwiegen. Wo von \u00dcbergriffen auf Journalisten berichtet wurde, wirkten diese Berichte im Gesamtkontext auf den Leser so, als ob sie von den Ma\u00dfnahmen-Kritikern ausgegangen w\u00e4ren.<br \/>\n.<br \/>\n<em>Vogelfreie Journalisten<\/em><br \/>\nAuf der Bundespressekonferenz habe ich auch das Innenministerium heute gefragt, was es zu tun gedenkt, um auf Demonstrationen die Pressefreiheit sicherzustellen. In meinem Fall ist es nicht das erste Mal, dass ich attackiert werde: Die Aggression von Aktivisten aus dem linksradikalen Milieu ist teilweise so stark, dass man nicht mehr normal berichten kann. Die Antwort des Ministeriums war ausgesprochen ausweichend. Zugespitzt k\u00f6nnte man sagen, dass bei gewaltbereiten Radikalen die Botschaft ankommen k\u00f6nnte, dass Journalisten wie ich vogelfrei sind.<br \/>\nSo ein Zustand ist untragbar. Und es macht einen ratlos, dass dies offenbar von weiten Teilen der Politik und der Medien einfach ignoriert bzw. toleriert wird. Genauso wie es einen sprachlos macht, dass die Regierung auf kritische Nachfragen zum Lockdown und zu den geplanten Ausgangssperren die Antwort verweigert. Und dies in einer Art und Weise, die ich als Ohrfeige f\u00fcr die B\u00fcrger verstehe. Klar \u2013 Regierungen dr\u00fccken sich immer und \u00fcberall oft um Antworten herum.<br \/>\nAber sie versuchen zumindest, den Anschein zu wahren, den B\u00fcrgern Rechenschaft schuldig zu sein. Wenn sie ganz demonstrativ den gegenteiligen Eindruck erwecken, ist das etwas, was einer Demokratie unw\u00fcrdig ist. Genauso wie \u00fcber die Regierung \u00e4rgere ich mich in diesem Zusammenhang aber auch \u00fcber die Menschen, die das einfach hinnehmen. Denn jeder, der v\u00f6llig \u00fcberzeugt hinter den Ma\u00dfnahmen der Regierung steht, sollte sich als B\u00fcrger durch dieses Dr\u00fccken vor Antworten f\u00fcr dumm verkauft f\u00fchlen. Aber offenbar haben sich erschreckend viele B\u00fcrger daran gew\u00f6hnt, behandelt zu werden wie kleine Kinder von einem autorit\u00e4ren Vater, oder in diesem Fall eher von einer autorit\u00e4ren Mutter.<br \/>\n.<br \/>\n<em>Demonstration in Kassel<\/em><br \/>\nWomit wir bei Kassel w\u00e4ren: Auf der Demonstration wurde mir sehr viel Sympathie entgegengebracht. So sehr ich das menschlich sch\u00e4tze, so sehr ist es f\u00fcr mich als Journalisten problematisch. Denn Sympathie von denen, \u00fcber die man berichtet, birgt nat\u00fcrlich die Gefahr in sich, dass man bei allem Bestreben, objektiv zu bleiben, doch aufgrund einer Grundstimmung ins Subjektive abrutschen kann. Ich versuche dieser Gefahr nach bestem Wissen und Gewissen zu widerstehen.<\/p>\n<p>Ich habe mir viele Gedanken gemacht, warum so viele Menschen so gro\u00dfe Sympathien haben f\u00fcr jemanden, der nach eigenem Empfinden nicht mehr und nicht weniger macht als seinen Job. Also das, was seine Aufgabe ist. Es liegt daran, dass das Grundvertrauen in unsere Institutionen, darunter eben auch die Presse, bei sehr, sehr vielen Menschen sehr gering ist. Und ich kann das bestens verstehen. Es ist ein Alarmsignal f\u00fcr unsere Gesellschaft, f\u00fcr unsere Demokratie<\/p>\n<p><em>Gro\u00dfe Verantwortung<\/em><br \/>\nAuch auf die Gefahr hin, Ihnen mit einer Wiederholung auf die Nerven zu gehen \u2013 einer meiner Lieblingsspr\u00fcche ist der von Woody Allen beziehungsweise Mark Twain: \u201eIch w\u00fcrde nie Mitglied in einem Verein werden, der so heruntergekommen ist, dass er mich als Mitglied aufnimmt.\u201c Umgem\u00fcnzt auf meine Situation: Es macht mir Angst, in einem Land zu leben, in dem selbst ich mit meinen eher durchschnittlichen F\u00e4higkeiten schon f\u00fcr einige Menschen zum Hoffnungstr\u00e4ger geworden bin. So sehr mich das menschlich ber\u00fchrt und bewegt, so erschreckend ist es als Diagnose f\u00fcr den Zustand unseres Landes. Und ich sehe es auch als eine riesige Verantwortung. Die ziemlich schwer auf mir lastet. Doch viel schwerer wiegt: Die Unterst\u00fctzung rettet mich in diesen finsteren Tagen, und ich wei\u00df nicht, wie tief das Loch w\u00e4re, in das ich ohne diesen Zuspruch, ohne die vielen Sympathiebekundungen, in diesen verr\u00fcckten Zeiten gefallen w\u00e4re. Ich f\u00fcrchte, ohne die R\u00fcckkopplung mit so vielen bodenst\u00e4ndigen, klugen, und vern\u00fcnftigen Menschen w\u00e4re ich an meinem Verstand verzweifelt.<\/p>\n<p>Denn was wir aktuell erleben, erinnert mich an einen der besten Ausspr\u00fcche des j\u00fcdisch-russisch-ukrainischen absurden Humors, den ich in 16 Jahren in Moskau kennen und lieben gelernt habe \u2013 und den ich Ihnen noch vor ein paar Jahren nie zugemutet h\u00e4tte, weil man ihn damals wohl westlich der Ukraine nicht verstanden h\u00e4tte. Heute, glaube ich, werden Sie ihn verstehen. Leider.<br \/>\n\u201eIch stehe auf dem Asphalt, und habe meine Ski angeschnallt.<br \/>\nAber irgendetwas stimmt nicht \u2013 die Ski fahren nicht.<br \/>\nEntweder m\u00fcssen die Ski kaputt sein.<br \/>\nOder ich habe den Verstand verloren.\u201c<br \/>\nSie, liebe Leserinnen und Leser, helfen mir jeden Tag, diese Skier des Wahnsinns abzuschnallen<\/p>\n<p><em>Zwei G\u00e4nge zur\u00fcck schalten<\/em><br \/>\nPhysisch geht die Belastung derzeit an die Grenze, ja dar\u00fcber hinaus. Nein, das ist keine Klage. Aber eine Bitte: Sollte ich tats\u00e4chlich wider Erwarten in n\u00e4chster Zeit meinen guten Vorsatz umsetzen k\u00f6nnen, etwas weniger zu arbeiten, dann glauben Sie bitte nicht, dass dies daran liegt, dass ich den Mut verloren h\u00e4tte oder einknicken w\u00fcrde. Das ist dann lediglich der Versuch, endlich wieder etwas Freizeit und vor allem etwas mehr Schlaf zu bekommen. Denn schlie\u00dflich wollen wir ja noch lange Freude am intellektuellen und vor allem auch menschlichen Austausch haben.<br \/>\nIn diesem Sinne \u2013 ganz herzlichen Dank, dass es Sie gibt!<br \/>\nHerzlich Ihr Boris Reitschuster , 23.2.2021<br \/>\nEnde Wochenbriefing<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.reitschuster.de\">https:\/\/www.reitschuster.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach 16-j\u00e4hriger T\u00e4tigkeit als ARD-Korrespondent in Moskau betreibt Boris Reitschuster die eigene Plattform https:\/\/reitschuster.de: Unabh\u00e4ngige Recherche, Journalist alter Schule (Trennung von Nachricht und Meinung), deshalb erfolgreich. 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