{"id":8712,"date":"2012-08-07T16:35:00","date_gmt":"2012-08-07T14:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=8712"},"modified":"2012-08-07T16:38:55","modified_gmt":"2012-08-07T14:38:55","slug":"fessenheim-der-atommeiler-nahe-basel-ist-erst-angezaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/fessenheim-der-atommeiler-nahe-basel-ist-erst-angezaehlt\/","title":{"rendered":"Fessenheim &#8211; der Atommeiler nahe Basel ist erst angezaehlt"},"content":{"rendered":"<p>Tiefrot ist auf der offiziellen Schweizer Erdbebenkarte die Oberrheinische Tiefebene eingezeichnet. In der Schweiz ist das Risiko eines starken Bebens nirgends gr\u00f6sser als in Basel. Am 18.Oktober 1356 legte das gr\u00f6sste bekannte Erdbeben n\u00f6rdlich der Alpen die Stadt <a title=\"Schweiz\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/schweiz\/\">Basel<\/a> in Schutt und Asche &#8211; dessen St\u00e4rke sch\u00e4tzt man heute auf 6,2 bis 6,7 auf der Richterskala. Ausgerechnet in dieser tektonisch unruhigen <a title=\"Trirhena\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/trirhena\/\">Zone zwischen Colmar, Freiburg im Breisgau und Basel<\/a> steht Frankreichs \u00e4ltestes <a title=\"AKW\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/energie\/akw\/\">AKW<\/a>. In Fessenheim am Rhein, 35 Kilometer n\u00f6rdlich von Basel, produziert der franz\u00f6sische Stromriese Electricit\u00e9 de France (EDF) seit 1977 Atomstrom in zwei <!--more-->mit Rheinwasser gek\u00fchlten 900-Megawatt-Druckwasserreaktoren. Seit Jahren machen sich vor allem die Nachbarn in der Schweiz und Deutschland, die den Bau eigener Atommeiler am Rhein in Kaiseraugst und Wyhl erfolgreich verhindert haben, Sorgen \u00fcber die Sicherheit der Anlage. Wohin mit 220&#8217;000 Menschen. Seit der Katastrophe von Fukushima fordern sie noch vehementer, dass das Els\u00e4sser AKW stillgelegt wird. Nicht nur \u00fcberzeugte Atomgegner, sondern unter anderem auch die Regierungen der Kantone Basel-Stadt und Jura halten auch nach neusten Beruhigungen der franz\u00f6sischen Atom-Aufsichtsbeh\u00f6rden an ihrem Abschaltbegehren fest.<br \/>\nDie Sorge ist verst\u00e4ndlich: Bei einem schweren St\u00f6rfall in Fessenheim m\u00fcssten allein im Umkreis von 20 Kilometern rund 100&#8217;000?Menschen im Elsass und rund 120&#8217;000 im Badischen evakuiert werden. In einem Umkreis von 30 Kilometern sind auch die St\u00e4dte M\u00fclhausen, Colmar und Freiburg betroffen. Sie m\u00fcssten ger\u00e4umt werden &#8211; die Sperrzone w\u00fcrde bis an die Stadtgrenze Basels reichen. Wohin mit all den Leuten, weiss niemand. \u00abMan kann nur hoffen, dass es nie zu einem schweren Unfall kommt. Sonst w\u00fcrde ein Chaos ausbrechen\u00bb, hatten Mitglieder des Krisenstabs bei der letzten AKW-Katastrophen\u00fcbung vor f\u00fcnf Jahren der Zeitung \u00abL&#8217;Alsace\u00bb erkl\u00e4rt.<\/p>\n<div id=\"attachment_8716\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/fessenheim-der-atommeiler-nahe-basel-ist-erst-angezaehlt\/fessenheim-fukushima1208\/\" rel=\"attachment wp-att-8716\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8716\" class=\"size-thumbnail wp-image-8716\" title=\"fessenheim-fukushima1208\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/fessenheim-fukushima1208-140x180.png\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/fessenheim-fukushima1208-140x180.png 140w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/fessenheim-fukushima1208.png 401w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8716\" class=\"wp-caption-text\">Fukushima-Wolke vom M\u00e4rz 2011 \u00fcbertragen auf die Gegend um Fessenheim - rot die am st\u00e4rksten verseuchte, verbotene Zone (100 Millisievert pro Jahr:<\/p><\/div>\n<p>H\u00f6rt man sich heute in der 2000-Einwohner-AKW-Gemeinde am Rhein um, ist trotz Fukushima wenig Angst zu sp\u00fcren. \u00abAns Atomrisiko haben wir gar nicht gedacht, als wir vor 15 Jahren hierhergezogen sind\u00bb, sagt eine der M\u00fctter, die vor der Dorfschule auf ihre Kinder warten. Auch Marcel Furstoss, der immer hier gewohnt hat und in einer Textilfabrik arbeitet, relativiert die Gefahr: \u00abNat\u00fcrlich diskutieren wir \u00fcber Fukushima. Aber Risiken gibt es auch andernorts, wenn ich nur an das nahe Chemiewerk der Rhodia denke.\u00bb Als Gewerkschaftsdelegierter bangt er in erster Linie um die Arbeitspl\u00e4tze, die vom AKW abh\u00e4ngen. F\u00fcr die Gemeinde und die \u00f6rtliche Wirtschaft ist der EDF-Atommeiler ein Segen: Die Unternehmenssteuern sind rekordtief, viele Einwohner leben direkt oder indirekt vom Werk. Und die EDF belohnt die Akzeptanz auch mit allerlei Zuwendungen an die Gemeinde und die \u00f6rtlichen Vereine. \u00abVor dem Bau des AKW lebten die Leute hier im Mittelalter. Seither sind wir im 22. Jahrhundert\u00bb, schw\u00e4rmt Jean-Louis Kress, seit 20 Jahren Arzt in Fessenheim. Er h\u00e4lt ein Abschalten f\u00fcr falsch und meint, fast alle AKW-Gegner seien sowieso Deutsche oder Schweizer. Das stimmt allerdings l\u00e4ngst nicht mehr: Auch im Elsass regt sich seit Fukushima der Widerstand gegen den Weiterbetrieb des Altreaktors. Und seit der Sozialist Fran\u00e7ois Hollande den AKW-Fan Nicolas Sarkozy aus dem Elys\u00e9e vertrieben hat, steht die Abschaltung von Fessenheim auf der politischen Tagesordnung. In seinem Wahlb\u00fcndnis mit den Gr\u00fcnen hatte sich der neue Staatspr\u00e4sident im letzten Herbst gar f\u00fcr die sofortige Still\u00adlegung starkgemacht. Mittlerweile hat er seine Ank\u00fcndigung etwas zur\u00fcckgenommen. Im Jahr 2017, dem letzten Jahr seiner Amtszeit, werde Fessenheim vom Netz gehen, versprach er unmittelbar vor seiner Wahl im Mai etwas vorsichtiger.<br \/>\nF\u00fcr die Anti-Fessenheim-Aktivisten war der pr\u00e4sidiale Teilr\u00fcckzieher eine Entt\u00e4uschung: Der Trinationale Atomschutzverband Tras, die wichtigste \u00adregionale Anti-Fessenheim-Organisation, forderte in einer Resolution zuhanden Hollandes umgehend einen Zeitplan f\u00fcr die schnellstm\u00f6gliche Stilllegung der zwei Reaktorbl\u00f6cke. \u00abHollande hat sich sehr explizit ge\u00e4us\u00adsert, und ich glaube, dass er zu seinem Wort steht\u00bb, sagt der Basler Tras-Pr\u00e4sident J\u00fcrg St\u00f6cklin dazu. \u00abIch habe Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass er Fessenheim nicht gleich bei seinem Amtsantritt schliessen kann. Daf\u00fcr braucht es ja sorgf\u00e4ltige Vorbereitungen.\u00bb\u00a0Dass Hollande von seinem Versprechen abr\u00fccken k\u00f6nnte, glaubt St\u00f6cklin umso weniger, als inzwischen auch Delphine Batho, die neue franz\u00f6sische Energieministerin, in einem Interview mit der regierungsnahen Zeitung \u00abLib\u00e9ration\u00bb die Stilllegungspl\u00e4ne best\u00e4tigt hat. \u00abWir schliessen Fessenheim, wir bauen den EPR-Reaktor von Flamanville fertig, und wir starten bis zum Ende der Legislatur kein neues Reaktorprojekt\u00bb, sagte sie w\u00f6rtlich.<br \/>\nTrotzdem, um es im Boxer-Jargon auszudr\u00fccken: Das AKW Fessenheim ist erst angez\u00e4hlt, das definitive Aus ist noch nicht besiegelt. Zurzeit ist ein Seilziehen um die Nachr\u00fcstung und den Weiterbetrieb des AKW in vollem Gang. Seit M\u00e4rz sind beide Reaktoren nach den alle zehn Jahre f\u00e4lligen In\u00adspektionen durch die franz\u00f6sische Atomaufsicht wieder am Netz. Reaktorblock 1 hat den Betrieb bereits im November 2011 wieder aufgenommen. Laut der Werkbetreiberin EDF haben die Revisions- und Nachr\u00fcstungsarbeiten der letzten Zeit \u00fcber 200?Millionen Euro gekostet, wobei die teuerste Investition der Austausch von drei Dampfgeneratoren war. Das Unternehmen EDF stellt sich \u00fcberhaupt nicht darauf ein, das Werk abzustellen.<br \/>\nDazu kommt, dass die Autorit\u00e9 de s\u00fbret\u00e9 nucl\u00e9aire (ASN) nach Fukushima den Weiterbetrieb an zus\u00e4tzliche Auflagen vor allem im Bereich von Erdbeben- und Hochwasserschutz gekn\u00fcpft hat. So m\u00fcssen unter anderem die zu d\u00fcnnen Bodenplatten, auf denen die Reaktoren stehen, nachtr\u00e4glich massiv verst\u00e4rkt werden, so dass sie bei einer Kernschmelze verhindern, dass Radioaktivit\u00e4t in den Untergrund und damit in den Rhein gelangt. Die EDF rechnet bei ihrem von der ASN noch nicht genehmigten Projekt mit Kosten von weiteren 30?Millionen Euro.<br \/>\nKritiker, darunter auch Andr\u00e9 Herrmann, der Basler Ex-Kantonschemiker, Pr\u00e4sident der Schweizer Strahlenschutzkommission und Fessenheim-Fachmann der Basler Regierung, halten die Pl\u00e4ne der EDF f\u00fcr ungen\u00fcgend. \u00abIch bin zwar in erster Linie Chemiker und kein Baufachmann. Aber an der von der EDF vorgeschlagenen L\u00f6sung, nachtr\u00e4glich die alte Platte mit einer neuen darauf aufgegossenen Schicht zu verst\u00e4rken, um so das bei einer Kernschmelze entstehende 2800 Grad heis\u00adse Corium aufzuhalten, habe ich meine Zweifel.\u00bb Sicher ist aber: Wenn die \u00adBodenplatten bis Mitte 2013 nicht wirklich verst\u00e4rkt sind, wird abgestellt. Das sagt neuerdings sogar die sonst sehr EDF-freundliche ASN.<br \/>\nGeldmaschine steht auf dem Spiel: Atomkritiker und Tras-Gr\u00fcndungsmitglied Rudolf Rechsteiner traut der Sache nicht: \u00abWenn derart viel Geld investiert wird, wird das AKW bestimmt l\u00e4nger als bis 2017 in Betrieb sein, f\u00fcrchtet er. Am sichersten w\u00e4re es laut Rechsteiner deshalb, sofort abzustellen. Im AKW Fessenheim selber will man sich zu den Stilllegungsforderungen nicht \u00e4ussern. Werkleiter Thierry Rosso sagt, das sei Sache der Politik. Er ist aber \u00fcberzeugt, dass ein Abstellen aus Sicherheitsgr\u00fcnden unn\u00f6tig ist. Sein oberster Chef, EDF-Konzernchef und Sarkozy-Freund Henri Proglio, hat f\u00fcr den Fall eines politisch begr\u00fcndeten Abstellens denn auch bereits Entsch\u00e4digungsforderungen angemeldet.<br \/>\nGegen die Stilllegung und eine Kurskorrektur der nationalen Energiepolitik weg vom Atompfad sind auch die in Atomfragen immer noch unbedarften Gewerkschaften. So findet auch Jean-Luc Cardoso, Gewerkschafter der CGT in Fessenheim, die bereits get\u00e4tigten und noch anstehenden Investitionen seien bei einer Stilllegung eigentlich rausgeworfenes Geld. Er sagt aber auch, dass die Stromproduktion in Fessenheim grunds\u00e4tzlich sehr rentabel ist. \u00abDie urspr\u00fcnglichen Investitionen sind nach 35 Jahren l\u00e4ngst amortisiert. Jeden Tag, an dem Fessenheim weiterl\u00e4uft, sp\u00fclt das Werk der EDF fette Gewinne in die Kasse.\u00bb<br \/>\nFelix Maise, 7.8.2012 \u00fcber\u00a0Bund Oberrhein, \u00a0<a href=\"https:\/\/www.tageswoche.ch\">www.tageswoche.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tiefrot ist auf der offiziellen Schweizer Erdbebenkarte die Oberrheinische Tiefebene eingezeichnet. In der Schweiz ist das Risiko eines starken Bebens nirgends gr\u00f6sser als in Basel. Am 18.Oktober 1356 legte das gr\u00f6sste bekannte Erdbeben n\u00f6rdlich der Alpen die Stadt Basel in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/fessenheim-der-atommeiler-nahe-basel-ist-erst-angezaehlt\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[164,219],"tags":[163,151],"class_list":["post-8712","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-akw","category-schweiz","tag-atomkraft","tag-erneuerbare-energien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8712","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8712"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8712\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8712"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}