{"id":8633,"date":"2012-08-06T16:43:30","date_gmt":"2012-08-06T14:43:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=8633"},"modified":"2012-08-06T16:43:30","modified_gmt":"2012-08-06T14:43:30","slug":"eurokrise-und-nachhaltigkeit-beitrag-aus-der-umweltbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/eurokrise-und-nachhaltigkeit-beitrag-aus-der-umweltbewegung\/","title":{"rendered":"Eurokrise und Nachhaltigkeit &#8211; Beitrag aus der Umweltbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Die sich zuspitzende <a title=\"EU-Banken\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/eu-banken\/\">Eurokrise<\/a> ist das beherrschende Thema im Sommer 2012. Die Berichterstattung pendelt zwischen Verharmlosung und <a title=\"Finanzsystem\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/finanzsystem\/\">Panikmache<\/a>, und die Sorgen der Menschen nehmen zu. Die gesellschaftliche Debatte um Krisenursachen und L\u00f6sungsans\u00e4tze wird (zumeist von den Verursachern der Krise) intensiv gef\u00fchrt, nur die <a title=\"Umwelt\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/umwelt\/\">\u00d6kologiebewegung<\/a> meldet sich nicht zu Wort. Das sollte sich \u00e4ndern meint BUND-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Axel Mayer. <!--more-->Mit Staatsschuldenkrise im Euroraum\u00a0wird die massive Verschuldungskrise einiger Mitgliedstaaten der Eurozone (Griechenland, Spanien, Italien, Irland&#8230;) bezeichnet. Doch nicht nur der Euroraum ist Schulden- und Krisenland.<br \/>\nDie USA stehen sozial und wirtschaftlich noch viel schlechter da als der Euroraum, auch wenn der Wirtschaftskrieg der amerikanischen Ratingagenturen gegen Europa ein anderes Bild vorgaukelt. Die USA waren zu Beginn des Jahres 2012 mit unglaublichen 15.033.867.390.294 Dollar verschuldet.<br \/>\n\u00dcber Wege aus der Krise wird intensiv diskutiert.<br \/>\na. Liberale und konservative Parteien setzen auf Deregulierung, Sozialabbau und Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit.<br \/>\nb.. Noch mehr Geld soll in die Rettung von maroden, nicht zu kontrollierenden Banken investiert werden.<br \/>\nc. Mehr soziale Gerechtigkeit und vor allem mehr Steuergerechtigkeit sind ein wichtiger und richtiger Ansatz von linken und gr\u00fcnen Parteien, um die Krise und das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern.<br \/>\nd. Mehr Wachstum soll die Probleme l\u00f6sen, sagt das Parteienspektrum von links bis rechts, und auch den GR\u00dcNEN f\u00e4llt nichts besseres ein.<\/p>\n<p>Eine der Ursachen der Krise war gerade das auf Schulden gebaute, teilweise zerst\u00f6rerische Wachstum der letzten Jahrzehnte. Die gigantische Immobilienblase in Spanien ist daf\u00fcr das beste Beispiel. Die spanische Baublase gr\u00fcndete in den Erwartungen der Investoren und K\u00e4ufer, die Immobilienpreise w\u00fcrden st\u00e4ndig wachsen und steigen. Die Banken f\u00f6rderten dieses krebsartige Wachstum (das auch Spaniens K\u00fcsten zerst\u00f6rte), indem sie immer weitere Kredite vergaben. In der Wachstumsphase wurde (und wird!) Kritik generell ignoriert. Mit ihrer Kreditpolitik halfen die spanischen Banken mit, die Immobilienblase aufzubl\u00e4hen, bis das System zusammen brach. Eine \u00e4hnliche Immobilienblase hat vor Jahrzehnten die japanische Krise ausgel\u00f6st. Doch beide Blasen sind nur Bl\u00e4schen in einer globalen Endphase exponentiellen Wachstums.<\/p>\n<p>Und zuk\u00fcnftig soll mehr Wachstum die europ\u00e4ischen Probleme l\u00f6sen? Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre&#8230; Wie soll das dauerhaft gehen?(Diese Kritik ist keine Ideologie, sondern schlichte Mathematik) Neue Stra\u00dfen, Autobahnen, Flugpl\u00e4tze, geplante Obsoleszenz, der Rummelplatz N\u00fcrburgring, teure, schlecht gebaute und extrem kurzlebige staatliche Bauten wie die Pinakothek der Moderne in M\u00fcnchen und die Universit\u00e4tsbibliothek Freiburg als L\u00f6sung aller Probleme? Haben wir nicht jahrzehntelang mit europ\u00e4ischen Geldern S\u00fcdeuropa mit einem unsinnig \u00fcberdimensionierten Stra\u00dfennetz \u00fcberzogen? So sahen und sehen die Konjunkturprogramme h\u00e4ufig aus, und leider haben auch manche linken Beton-Politiker immer noch diesen r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Fortschrittsglauben. Dass neue Stra\u00dfen, Flugpl\u00e4tze und staatliche Protzbauten dann auch von Schuldenstaaten mit hohen Kosten unterhalten, gepflegt und repariert werden m\u00fcssen, wird von den Konjunkturprogrammpolitikern gerne \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Konjunkturprogramm Abwrackpr\u00e4mie? Ein klassisches Beispiel f\u00fcr zerst\u00f6rerische Konjunkturprogramme war die &#8222;Richtlinie zur F\u00f6rderung des Absatzes von Personenkraftwagen&#8220; im Jahr 2009. Wer sein \u00fcber 10 Jahre altes Auto verschrottet, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltpr\u00e4mie von 2500 Euro. Hans Magnus Enzensberger gab der &#8222;Umweltpr\u00e4mie&#8220; den richtigen Namen. Er schrieb: &#8222;Die Abwrackpr\u00e4mie ist eine Belohnung f\u00fcr die Vernichtung von Gebrauchsgegenst\u00e4nden; ihr Besitzer empf\u00e4ngt diese Pr\u00e4mie, die er als Steuerzahler entrichtet.&#8220; Die Abwrackpr\u00e4mie war tats\u00e4chlich auch eine Umwelt- und Wertzerst\u00f6rungspr\u00e4mie, und der Begriff &#8222;Umweltpr\u00e4mie&#8220; war orwellsches Neusprech.<\/p>\n<p>Jetzt wird gesagt,\u00a0die Griechen, Italiener und der Rest der Welt sollten so arbeiten und produzieren wie die Deutschen, und die \u00f6konomischen Probleme Europas w\u00e4ren gel\u00f6st. Doch trotz Wirtschaftswachstum und hoher Produktivit\u00e4t w\u00e4chst in Deutschland der staatliche Schuldenberg auch im Jahr 2012 weiter. Die deutsche Staatsverschuldung lag im August 2012 bei 2.102.726.757.072 ? (2103 Milliarden). Nicht einmal Deutschland ist in der Lage, &#8222;in guten Zeiten&#8220; (in denen der private Reichtum w\u00e4chst) den Schuldenberg abzutragen. Wenn alle L\u00e4nder nach deutschem Vorbild Exportl\u00e4nder werden, brauchen wir tats\u00e4chlich Kolonien auf dem Mars, denn irgendwo m\u00fcssen die Produkte schlie\u00dflich hin&#8230;<\/p>\n<p>Deutschland hat im Jahr 2012 noch eine Sondersituation. Europa ist auch darum in der Krise, weil wir alle gerne 30 Euro in der Stunde verdienen und gleichzeitig liebend gerne Produkte kaufen, die in China und Indien unter Sklavenhalterbedingungen f\u00fcr einen Stundenlohn von 50 Cent produziert wurden. Gier ist leider kein Privileg der Reichen, auch wenn die Gier der Reichen zerst\u00f6rerischer ist&#8230; S\u00fcdeuropa ist auf dem globalen Markt schon lange nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig, und die hochwertigen Maschinen und Produkte, die Deutschland noch exportieren kann, werden in wenigen Jahren auch in Asien billiger hergestellt als bei uns. Einen ges\u00e4ttigten Markt mit immer neuen, kurzlebigeren und immer \u00fcberfl\u00fcssigeren Produkten zu \u00fcberschwemmen, ist keine dauerhafte Probleml\u00f6sung. In einen neoliberalen Deregulierungs- und Lohnwettkampf mit Asien einzusteigen, w\u00fcrde Revolten ausl\u00f6sen und w\u00e4re selbstm\u00f6rderisch.<\/p>\n<p>Der zunehmende Niedriglohnsektor in Deutschland f\u00fchrt bereits jetzt zu sozialer Verelendung, und menschenw\u00fcrdige Renten werden die Niedrigl\u00f6hner nie erhalten. Soziale Gerechtigkeit liegt auch im Interesse der noch verbliebenen Mittelschicht, denn ansonsten wird alles, was noch ein wenig Geld hat, zuk\u00fcnftig in bewachten Ghettos wohnen und Angst haben, was der Lebensqualit\u00e4t nicht unbedingt dient. Wenn tats\u00e4chlich &#8222;der Rest Europas und die ganze Welt&#8220; so leben und produzieren w\u00fcrde wie 2\/3 der Deutschen, dann w\u00e4ren die globalen Rohstoffreserven in wenigen Jahren ersch\u00f6pft, und wer sollte die ganzen Produkte eigentlich kaufen und konsumieren? Das Versprechen vom unbegrenzten Wachstum, in dem die Gier immer schneller w\u00e4chst als die Menge der produzierten Produkte, ist eine Illusion und einer der zentralen, nicht diskutierten Gr\u00fcnde f\u00fcr die global wachsende Krise.<\/p>\n<p>Auch in den aktuellen Finanzkrisen d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass hundertf\u00fcnfzig Jahre Industrialisierung dazu gef\u00fchrt haben, dass die in vielen Millionen Jahren geschaffenen Energievorr\u00e4te und Rohstoffreserven der Welt zur Neige gehen. Das menschengemachte Artensterben und der Klimawandel nehmen zu und fast eine Milliarde Menschen hungern. Wir erleben und erleiden die beginnenden multiplen Krisen eines nicht nachhaltigen Raubbausystems. Die nachfolgenden Generationen werden unser Zeitalter &#8211; mit \u00dcberfluss und Hunger &#8211; eine Zeit des Raubbaus und der Barbarei nennen. \u00dcberkonsum, geplante Obsoleszenz, staatliche Protzbauten, neue Stra\u00dfen und Flugpl\u00e4tze machen die Menschen nicht gl\u00fccklicher.<\/p>\n<p>Es ist erschreckend, dass die Umweltbewegung die aktuellen Krisen nicht offensiver als Krisen eines generell falschen, nicht nachhaltigen, un\u00f6kologischen Wirtschaftens aufzeigt und in der aktuellen Debatte still am Rande steht. Zwischen neoliberalen Deregulierungsphantasien und falschen Wachstumstr\u00e4umen m\u00fcssen wir einen dritten Weg globaler Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit aufzeigen unter Ber\u00fccksichtigung der Menschenrechte , wie er beispielsweise im Buch &#8222;Zukunftsf\u00e4higes Deutschland&#8220; beschrieben ist.<br \/>\na.. Eine konsequente, schnelle Energiewende w\u00e4re ein erster Schritt in die richtige Richtung, der auch Arbeitspl\u00e4tze schafft<br \/>\nb.. Schuldenabbau, ein gerechteres Steuersystem und Schlie\u00dfung der Steuerschlupfl\u00f6cher sind unabdingbar<br \/>\nc.. Eine Neuordnung der Finanzm\u00e4rkte und eine Finanztransaktionssteuer sind dringend erforderlich<br \/>\nd.. Nachhaltigkeit geht nur mit sozialer Gerechtigkeit<br \/>\ne.. Die weniger werdende Lohnarbeit (regional und global) gerechter zu verteilen ist unverzichtbar<br \/>\nf.. Gute, sinnvolle, langlebige, reparaturf\u00e4hige Produkte in Europa herzustellen und diese m\u00f6glichst lange zu nutzen w\u00e4re ein richtiger Ansatz.<br \/>\ng.. Das Buch &#8222;Zukunftsf\u00e4higes Deutschland&#8220; und die Toblacher Thesen zeigen Wege aus der Misere.<\/p>\n<p>Wenn in Europa die Menschen gegeneinander ausgespielt werden, um von den Ursachen und Verursachern der Krise abzulenken, wenn es hei\u00dft &#8222;Deutschland gegen Griechenland&#8220; und &#8222;S\u00fcden gegen Norden&#8220;, dann muss die Umweltbewegung aufstehen und zeigen, dass sie Europa mit erk\u00e4mpft hat und f\u00fcr Europa steht. Nicht f\u00fcr das Europa der Konzerne, Banken und B\u00fcrokraten, sondern f\u00fcr ein Europa der Menschen und der echten Nachhaltigkeit.<\/p>\n<p>Die Hintergr\u00fcnde der aktuellen Probleme sind Staatsverschuldung, Habgier, Banken- und Konzernmacht, Staatsgl\u00e4ubigkeit, B\u00fcrokratie, Deregulierung der Finanzm\u00e4rkte und immer neue Finanzkonstrukte, \u00dcberkonsum, Wachstumswahn, soziales Unrecht (regional und global), Energie- Rohstoff- und Arbeitszeitverschwendung. Wir leben in einem System, das nur funktioniert wenn es w\u00e4chst und sich damit zwangsl\u00e4ufig selbst zerst\u00f6rt. Es ist an der Zeit, dass sich die Umweltbewegung in die aktuelle Krisen-Debatte einmischt.<\/p>\n<p>Axel Mayer, BUND Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer (Freiburg), Kreisrat (Emmendingen), Vizepr\u00e4sident TRAS (Basel)<br \/>\n4.8.2012, Zeitung zum Samstag Freiburg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sich zuspitzende Eurokrise ist das beherrschende Thema im Sommer 2012. Die Berichterstattung pendelt zwischen Verharmlosung und Panikmache, und die Sorgen der Menschen nehmen zu. 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