{"id":7954,"date":"2012-07-13T08:08:36","date_gmt":"2012-07-13T06:08:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=7954"},"modified":"2012-07-30T08:23:27","modified_gmt":"2012-07-30T06:23:27","slug":"flars-alemannisch-dialektstudie-im-sprachgebiet-baden-elsass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/flars-alemannisch-dialektstudie-im-sprachgebiet-baden-elsass\/","title":{"rendered":"Flars &#8211; Alemannisch-Dialektstudie im Sprachgebiet Baden-Elsass"},"content":{"rendered":"<p><!-- RSPEAK_STOP --><!-- RSPEAK_START -->Wie schw\u00e4tzt man hier? Dialektforscher der Unis Freiburg und Stra\u00dfburg horchen derzeit in Mei\u00dfenheim genau hin. Besonders interessiert sie, welche Rolle die deutsch-franz\u00f6sische Grenze spielt. Selbstversuch. Die Redakteurin soll hochdeutsche S\u00e4tze in ihren<a title=\"Alemannisch\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/alemannisch\/\"> Dialekt<\/a>\u00a0\u00fcbersetzen, wie es auch die Testpersonen aus Mei\u00dfenheim tun. &#8222;Hast du das Licht ausgemacht?&#8220; \u2013 &#8222;Hesch du s\u2019Li\u00e4cht ussgmacht?&#8220; &#8222;Im Nachbargarten steht eine alte Eiche&#8220; \u2013 &#8222;Im Nochbersgarte steht \u00e4 aldi Eich&#8220;. &#8222;H\u00f6r doch auf, ihn zu bel\u00e4stigen!&#8220; \u2013 &#8222;Heer doch uff, ihne z\u2019g\u00e4ckse!&#8220; In diesen S\u00e4tzen, erkl\u00e4ren die Sprachwissenschaftler Julia Breuninger (27) und ihr Kollege Martin Pfeiffer (30), sind die Merkmale versteckt, auf die es die Sprachwissenschaftler abgesehen haben. Sprachmerkmale, die \u2013 grob gesagt \u2013 den Dialekt vom Hochdeutschen trennen.<!--more-->Sagt der Befragte Muetter oder Mudder? Endet die Eiche auf ein hartes oder ein weiches &#8222;ch&#8220;? Werden aus den alten M\u00e4nnern &#8222;aldi&#8220; oder &#8222;alde&#8220; M\u00e4nner? Die Sprachwissenschaftler sind in der Lage, an den Antworten abzulesen, wie es um den Dialekt bestellt ist. Letztlich wollen sie herausfinden, &#8222;wie die Leute schw\u00e4tzet&#8220; und was der Unterschied zu fr\u00fcher ist, umschreibt Martin Pfeiffer, dessen Remstalschw\u00e4bisch an dieser Stelle ein wenig hervorlugt. &#8222;Fr\u00fcher&#8220;, das sind in diesem Fall die 1970er-Jahre. Damals entstand an der Uni Freiburg der S\u00fcdwestdeutsche Sprachatlas, der die Sprachgeographie der alemannischen Dialekte erfasst. Mit diesen Daten werden die neuen Aufnahmen verglichen. Also ist die aktuelle Studie einfach die Neuauflage des Atlas? Ein Ist-Zustand? Nein, sagen die zwei Sprachwissenschaftler, die in 20 Orten von Au bei Karlsruhe bis Weil am Rhein im S\u00fcden jeweils sechs Personen aus zwei Altersgruppen (25 bis 35 und 60 bis 70 Jahre) befragen. Die Studie geht weiter. Sie fragt nicht nur nach dem &#8222;Was?&#8220;, sondern auch nach dem &#8222;Warum?&#8220;: Warum sprechen die Menschen im grenznahen Elsass und Baden, wie sie heute sprechen? Welche Einfl\u00fcsse wirken auf die Menschen? Welche Rolle spielt etwa eine Arbeitsstelle au\u00dferhalb des Rieds? Welchen Einfluss haben Internet und die wachsende Mobilit\u00e4t? Auch nach der Einstellung zum Dialekt wird gefragt. Sprachwissenschaftler Martin Pfeiffer fasst diesen Bereich so zusammen: &#8222;Was denken die Leute \u00fcber ihren eigenen Dialekt?&#8220; Will hei\u00dfen: Wie steht der Mei\u00dfenheimer zu seinem Dialekt und wie steht er zum Els\u00e4ssischen? Was halten grenznahe Els\u00e4sser und Badner voneinander? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden genannt? Der Blick \u00fcber die Grenze ist fester Bestandteil, ja Urgrund der Studie. Die Els\u00e4sser, in gleicher Anzahl und im spiegelbildlichen Verbreitungsgebiet von Nord nach S\u00fcd, bekommen die gleichen Fragen gestellt.<br \/>\nAn dieser Stelle wird das Projekt richtig spannend, das von der deutschen Forschungsgemeinschaft und der l\u2019Agence Nationale de la Recherche mit rund 400.000 Euro finanziert wird. Hier wird sich zeigen, ob es so etwas wie eine alemannische Identit\u00e4t gibt. Quasi eine Heimat \u00fcber den Rhein hinweg. Aus der Geschichte wissen wir, dass Kontakte gepflegt wurden. Mei\u00dfenheimer Bauern bewirtschafteten im Elsass Wiesen und \u00c4cker, hatten Verwandte. Die ber\u00fchmteste Mei\u00dfenheimerin, die Goethe-Geliebte Friederike Brion, war eine Els\u00e4sserin. Man f\u00fchlte sich \u00fcber den Rhein hinweg verschwistert, auch wenn die deutsch-franz\u00f6sische Geschichte leidvolle Kapitel schrieb. Der alemannische Dialekt, zu dem das Els\u00e4ssische z\u00e4hlt, hielt und h\u00e4lt sich sowieso nie an Grenzen. In Baden, Staatskonstrukt von Napoleons Gnaden, werden immerhin vier Dialekte gesprochen: Alemannisch, Kurpf\u00e4lzisch, Fr\u00e4nkisch und Schw\u00e4bisch. Eine der entscheidenden Fragen der Studie ist: Wie steht es mit der Verschwisterung? F\u00fchlen sich beide Seiten mehr und mehr entfremdet voneinander? Oder gibt es das Kontinuum noch, in dem \u00fcber Grenzen hinweg eine gemeinsame (Sprach)-Identit\u00e4t existiert? Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein. Angesichts des Ph\u00e4nomens, dass die politischen und wirtschaftlichen Grenzen zusehends unwichtiger und durchl\u00e4ssiger werden, k\u00f6nnte die Studie ein verbl\u00fcffendes Ergebnis zeitigen: Die Grenzen sind offener denn je, aber das Gef\u00fchl, sprachlich und damit auch kulturell zusammen zu geh\u00f6ren schwindet. Auf Spekulationen lassen sich die beiden Nachwuchswissenschaftler nicht ein: &#8222;Fraget Se mich dazu nochmal in drei Johr&#8220;, sagt Martin Pfeiffer diplomatisch. Bis dahin sollen die Ergebnisse der Studie, die im Fr\u00fchjahr anlief, vorliegen.<br \/>\n<a title=\"Derndinger\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/derndinger\/\">Ulrike Derndinger<\/a>, 13.7.2012<\/p>\n<div>\u00a0<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schw\u00e4tzt man hier? Dialektforscher der Unis Freiburg und Stra\u00dfburg horchen derzeit in Mei\u00dfenheim genau hin. Besonders interessiert sie, welche Rolle die deutsch-franz\u00f6sische Grenze spielt. Selbstversuch. 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