{"id":67716,"date":"2018-07-18T21:07:54","date_gmt":"2018-07-18T19:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=67716"},"modified":"2018-07-20T09:13:32","modified_gmt":"2018-07-20T07:13:32","slug":"alte-synagoge-als-seismograph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/alte-synagoge-als-seismograph\/","title":{"rendered":"Alte Synagoge als Seismograph"},"content":{"rendered":"<p>Wir sollten das <a title=\"Oeffentlicher-Raum\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/oeffentlicher-raum\/\">Geschehen<\/a> in und um das <a title=\"Alte Synagoge \u2013 Reste entdeckt\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/alte-synagoge-reste-entdeckt\/\">Wasserbecken<\/a> am erfreulicherweise immer besser besuchten <a title=\"Platz-der-Alten-Synagoge\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/freiburg\/platz-der-alten-synagoge\/\">Platz der Alten Synagoge<\/a> als Seismograph f\u00fcr den Zustand unserer <a title=\"Stadtfreiburg\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/freiburg\/stadtfreiburg\/\">Stadt-Gesellschaft<\/a> nutzen. Vielleicht zeigt dieser Seismograph an,<br \/>\n1) da\u00df viele Besucher des Platzes die Infotafeln zur <a title=\"Synagoge Freiburg 25 Jahre\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/synagoge-freiburg-25-jahre\/\">Reichsprogromnacht<\/a> \u00fcberhaupt nicht lesen k\u00f6nnen (Analphabeten) bzw. wollen (<a title=\"Zeit\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/zeit-2\/\">Zeitdruck<\/a>, <a title=\"Smartphone\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/smartphone\/\">Handy<\/a>) oder schlicht nicht verstehen (<a title=\"Deutschland schafft Bildung ab\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/deutschland-schafft-bildung-ab\/\">Bildung<\/a>)?<!--more--><br \/>\n2) wie beneidenswert unbefangen und unschuldig unsere Kinder sind, wenn sie im Wasserbecken lebensfroh spielen und planschen.<br \/>\n3) dass die tr\u00fcbste Zeit endlich vorbei ist:<br \/>\n&#8222;Dass das Leben nicht verging,<br \/>\nsoviel Blut auch schreit,<br \/>\nachtet dieses nicht gering<br \/>\nin der tr\u00fcbsten Zeit.&#8220;<br \/>\nSchalom ben Chorin, j\u00fcdischer Religionsphilosoph im Jahr 1946<br \/>\n4) da\u00df es hohe Zeit ist, miteinander zu reden. Gespr\u00e4che und Diskussionen tun der <a title=\"Holocaust-Education\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/bildung\/holocaust-education\/\">Erinnerungskultur<\/a> gut, w\u00e4hrend Z\u00e4une und Verbotsschilder ihr nur schaden.<br \/>\n5) wie sehr unser Nanny-Staat zur Verantwortungslosigkeit erzieht, wenn zumeist junge Leute an Wasserbecken und Sitzb\u00e4nken im Dreck rumlungern, w\u00e4hrend die Stadtreinigungsm\u00e4nner im orangegen Overall ihren M\u00fcll wegr\u00e4umt.<br \/>\n6) da\u00df Touristen, Migranten und all die, die &#8222;das vor 1945 nichts angeht&#8220;, sich gerne aufkl\u00e4ren lassen \u00fcber die deutschen Geschichte.<br \/>\n7) da\u00df erneute zus\u00e4tzliche Investitionen der Stadt Freiburg in wieder neue L\u00f6sungen voreilig sind, solange die vielen M\u00f6glichkeiten zu Kommunikation, Information, <a title=\"Holocaust-Education\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/bildung\/holocaust-education\/\">Gedenken<\/a> und Chillen, die der Platz der Alten Synagoge in seiner jetzigen Gestaltung bietet, \u00fcberhaupt noch nicht ausprobiert und bewertet sind.<br \/>\nKeine Gedenkst\u00e4tte im Freiburger Stadtgebiet ist so gut besucht wie der Platz der Alten Synagoge. Freuen wir uns daran. Jeder von uns &#8211; Bobbele oder andere &#8211; kann Sorge daf\u00fcr tragen, dass der Besuch auch &#8222;gut&#8220; ist.<br \/>\n18.7.2018<\/p>\n<p><strong>Durch Einschr\u00e4nkungen erzwungenes &#8222;Gedenken&#8220; diente keiner Erinnerungskultur<\/strong><br \/>\nAm Wochenende habe ich mich sehr \u00fcber das muntere fr\u00f6hliche Treiben auf dem Platz der Alten Synagoge gefreut, auch \u00fcber die Kinder, die voll Begeisterung im flachen Brunnen planschten. Der Platz ist das geworden, was er werden sollte: ein Ort mitten in der Stadt, an dem sich die ganze Bev\u00f6lkerung wohlf\u00fchlen kann. Dies ist ein wesentlicher Punkt: W\u00fcrde man einen zentralen Teil dieses Platzes als Gedenkst\u00e4tte reservieren, w\u00fcrde man ihn der Nutzung der Bev\u00f6lkerung entziehen.<br \/>\nIch h\u00e4tte kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, denn durch Einschr\u00e4nkungen erzwungenes &#8222;Gedenken&#8220; diente keiner Erinnerungskultur, sondern provozierte Ablehnung und bef\u00f6rderte das Zerrbild von Deutschland, wo alles durch Ge- und Verbote geregelt sein muss, auch wenn diese verzichtbar w\u00e4ren. Und verzichtbar w\u00e4ren sie, denn die Stadt entzieht sich nicht dem Gedenken. Die gro\u00dfartige Idee der Stolpersteine erinnert bei jedem Gang durch die Stadt an die uns\u00e4glichen Verbrechen; Stra\u00dfen werden \u2013 endlich \u2013 umbenannt, und auch eine Verwendung der Steine aus den Grundmauern der Alten Synagoge f\u00fcr ein Mahnmal an geeigneter Stelle beseitigt jeden Zweifel an dem angemessenen Bekenntnis der Stadt und der Mehrzahl ihrer B\u00fcrger zu Humanit\u00e4t und historischer Wahrhaftigkeit.<br \/>\nDie F\u00f6rderung der urbanen Lebensfreude steht damit wesentlich mehr in Einklang als eine griesgr\u00e4mige Einschr\u00e4nkung derselben \u2013 auch wenn einige Einwohner diese Lebensfreude als respektlos betrachten (vielleicht haben sie vergessen, wie viel Freude ihnen als Kindern das Planschen an hei\u00dfen Tagen gemacht hat?).<br \/>\n18.7.2018, Hans-Dietrich Heilmann, Freiburg, BZO<\/p>\n<p><strong>Der Gedenkplatz vereint die Gegens\u00e4tze<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Dass das Leben nicht verging, <\/em><br \/>\n<em>soviel Blut auch schreit, <\/em><br \/>\n<em>achtet dieses nicht gering <\/em><br \/>\n<em>in der tr\u00fcbsten Zeit.&#8220;<\/em><br \/>\nSo dichtete der j\u00fcdische Religionsphilosoph Schalom ben Chorin vier Jahre nach der Reichspogromnacht, der auch die Freiburger Synagoge zum Opfer fiel. Das Gro\u00dfartige am Gedenkplatz ist ja gerade, dass er die Gegens\u00e4tze vereint: die unmittelbare Freude am Lebendigsein, wie die Kinder es uns vormachen, und die bedr\u00fcckende Erinnerung an den industriellen Massenmord. Dass das Ganze menschlichen Lebens bis in seine Extreme in Erscheinung tritt: einerseits das lebendige Leben mit der Lebenslust der Kinder \u2013 und gelegentlichen Geschmacklosigkeiten Erwachsener \u2013 andererseits Tod und Zerst\u00f6rung. Dass sie das zusammenbringt, das steigert die Bedeutung der Erinnerungsst\u00e4tte, gibt ihr eine schwere Leichtigkeit und macht sie \u2013 mit Schalom ben Chorins Worten \u2013 zu einem &#8222;Fingerzeig, wie das Leben siegt.&#8220;<br \/>\n18.7.2018, Andreas Kautzsch, Freiburg, BZO<br \/>\n.<br \/>\n<strong>Sonntagmorgen, 8 Uhr, auf dem Platz der Alten Synagoge.<\/strong><br \/>\nGroteskes Schauspiel: Auf den B\u00e4nken lagern junge Leute, p\u00f6beln, saufen, gr\u00f6len. Um sie herum Dosen, Scherben, M\u00fcll. Zur selben Zeit M\u00e4nner in Orange, die diesen M\u00fcll beseitigen. Ist es nicht m\u00f6glich, diese jungen Leute unter Anleitung zu zwingen, ihren M\u00fcll selbst zu beseitigen? Sie w\u00fcrden eine sinnvolle Aufgabe erf\u00fcllen, vielleicht sogar ein bisschen daraus lernen, und die Angestellten der Abfallbeseitigung \u2013 von uns allen bezahlt \u2013 k\u00f6nnten am Sonntagmorgen ausschlafen.<br \/>\n18.7.2018, Margit Anhut, Freiburg, BZO<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sollten das Geschehen in und um das Wasserbecken am erfreulicherweise immer besser besuchten Platz der Alten Synagoge als Seismograph f\u00fcr den Zustand unserer Stadt-Gesellschaft nutzen. 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