{"id":51985,"date":"2014-12-09T14:24:05","date_gmt":"2014-12-09T13:24:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=51985"},"modified":"2014-12-09T14:41:00","modified_gmt":"2014-12-09T13:41:00","slug":"lesen-kulturtechnik-im-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/lesen-kulturtechnik-im-internet\/","title":{"rendered":"Lesen Kulturtechnik im Internet"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Internet\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/internet\/\">PC<\/a>, <a title=\"Smartphone\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/smartphone\/\">Smartphone<\/a> und <a title=\"E-Book\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/internet\/e-book\/\">Internet<\/a> ver\u00e4ndern die Kulturtechniken des<a title=\"Literatur\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/\"> Lesens<\/a> und Schreiben \u00e4hnlich radikal wie zuletzt die Erfindung des <a title=\"Verlage\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/medien\/verlage\/\">Buchdrucks<\/a> durch <a title=\"Buch\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/buch\/\">Johannes Gutenberg <\/a>im Jahr 1450. Viele Menschen haben das Schreiben von Hand heute schon praktisch verloren, die <a title=\"Bibliothek\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/bibliothek\/\">Schriftkultur<\/a> wird durch eine Bildkultur verdr\u00e4ngt. M\u00f6glicherweise verlernen wir das Schreiben &#8211; aber nicht das Lesen, das sich jedoch einschneidend ver\u00e4ndern wird.<!--more--><br \/>\n.<br \/>\n(1) Wir lesen Texte elektronisch (digitalisiert auf PC, Tablet oder Smartphone) oder auf Papier (Zeitung, Zeitschrift, Buch). Das Buch boomt auch in 2013: 9 Mrd Umsatz der Buchbranche, 93.600 Neuerscheinungen bzw. 2,5 km hoher Buchstapel.<\/p>\n<p>(2) Die US-Forscherin Maryanne Wolf unterscheidet zwei Arten des Lesens: Zeitaufw\u00e4ndiges, &#8222;tiefes Lesen&#8220; setzt ein &#8222;geistiges, kognitives R\u00e4derwerk aus Aufmerksamkeit, Ged\u00e4chtnis sowie visuellen, auditorischen und sprachlicher Prozessen in Gang&#8220; einerseits und &#8222;informierendes Lesen&#8220; andererseits, bei dem es um rasche Verarbeitung von m\u00f6glichst viel Information geht.<br \/>\n&#8222;Tiefes Lesen&#8220; geschieht \u00fcber das Buch, wobei 95% Anteil von Print gegen\u00fcber nur 5% von E-Book besagt, dass wir im Buch doch lieber auf Papier &#8222;be-greifen&#8220; als \u00fcber ein elektronisches Leseger\u00e4t (wie Kindle) lesen. &#8222;Informatorisches Lesen&#8220; geschieht im Internet \u00fcber SMS, eMail, Chat, Blog, Facebook, Twitter, Whatsapp, &#8230;<\/p>\n<p>(3) In den 1990er Jahren warnte die &#8222;Stiftung Lesen&#8220; vor einem starken R\u00fcckgang des Lesens der Jugendlichen. Seit Harry Potter von J.K.Rowling ist dies widerlegt. Noch nie wurde in Deutschland so viel gelesen wie heutzutage.<\/p>\n<p>(4) Erstmalig k\u00f6nnen wir nicht nur entscheiden, was wir lesen, sondern auch wie: Das Tr\u00e4germedium f\u00fcr Geschichten ist Papier, f\u00fcr Chat und Nachschauen im Netz werden PC und Handy benutzt.<\/p>\n<p>(5) Die Lesef\u00e4higkeit bildet die Grundlage f\u00fcr fast alle Schulf\u00e4cher, auch Mathematik. Zum Ende von Klasse 6 hat sich das t\u00e4gliche Lesepensum eines Sch\u00fclers zu 2 Mio W\u00f6rtern summiert. Die beste Hilfe, die Eltern ihrem Kind angedeihen lassen k\u00f6nnen, ist die, es zum Lesen zu animieren.<\/p>\n<p>(6) Das Lesen wurde schon h\u00e4ufig totgesagt &#8211; mit dem Aufkommen von Film, Fernsehen und Computer. Es wird auch das Internet \u00fcberleben, denn Ziel des &#8222;tiefen Lesens&#8220; ist nach Maryanne Wolf &#8222;\u00fcber die Idee des Autors hinweg zu Gedanken zu gelangen, die zunehmend autonom, transformativ und letztlich unabh\u00e4ngig von dem geschriebenen Text sind&#8220;, kurz: Lesen bildet und f\u00f6rdert Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>(7) Neu ist, dass B\u00fccher nicht nur \u00fcber Verlage, sondern auch im digitalen Self-Publishing vom Autor selbst ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen. Hier versuchen Verlage mitzumischen, z.B. \u00fcber die Hanser-Box als eine E-Book-Reihe, die jede Woche eine Neuerscheiung online stellt.<\/p>\n<p>(8) Die &#8222;Seite&#8220; hat mehrer Auspr\u00e4gungen: Papierseite, Seite im Kindle oder die Website. Letztere wird anders gelesen: Beim &#8222;Skimmen&#8220; sch\u00f6pft der Leser nur noch den Rahm ab, stets ungeduldig auf dem Sprung per Klick bzw. Link zur n\u00e4chsten Seite.<\/p>\n<p>(9) Der Computerlinguist Henning Lobin sieht drei Arten, wie &#8222;der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt&#8220;:<br \/>\na) Das urspr\u00fcnglich asoziale Lesen (im stillen K\u00e4mmerlein) weitet sich zu sozialem Lesen, bei dem wir teilen, was wir lesen, und wir lesen, was uns andere (mit-)geteilt haben. Kommentar, Rezension, like, &#8230;<br \/>\nb) Das Lesen wird multimedial: Text plus Video, Grafik, Bild, &#8230;<br \/>\nc) Das Lesen wird hybrid: Computer verwandelt Text in Bit-Folge und dann in lesbaren Text zur\u00fcck, kann also ohne Maschine nicht mehr gelesen werden. Wir sind beim lesen auf Computer und Digitalisierung angewiesen.<br \/>\nd) Lesen nicht mehr nur linear (Seite 1, 2, 3, &#8230;), sondern in beliebiger Reihenfolge &#8211; Hypertext.<\/p>\n<p>(10) Wenn wir nur noch lesen, was geliked, empfohlen bzw. geteilt wird, nehmen wir nur noch auf, was die eigene Meinung best\u00e4tigt. Wir werden zum geistig engen Wiederk\u00e4uer. Aber Lesen mu\u00df \u00fcber das Best\u00e4tigen hinausgehen hin zu Unvermutetem, \u00dcberraschendem, Neuem, Provozierendem und Fremdem. Lesen mu\u00df autonom erfolgen, entdeckt werden k\u00f6nnen und zuf\u00e4llig m\u00f6glich sein. Also Papa und Opa: Nimm die Tochter bzw. den Enkelsohn in den Buchladen am Ort mit, damit sie\/er selbst st\u00f6bern kann.<\/p>\n<p>(11) Die Informationsgiganten Google, Amazon, Facebook, &#8230; wollen uns beim Lesen ausspionieren und alles \u00fcber uns wissen, wobei wir gleichzeitig nichts \u00fcber sie (bzw. ihre Algorithmen) wissen d\u00fcrfen. Unser Lesen darf nicht eingehen &#8222;in eine Matrix aus Beobachtungen, \u00dcberwachungen, Vorhersagen, Bewertungen,\u00a0Verf\u00fchrungen und Ermahnungen.&#8220;, so Christoph Kucklick in seinem Buch &#8222;Die granulare Gesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p>(12) Amazon contra <a title=\"Buchhandel\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/business\/handel\/buchhandel\/\">Buchhandlungen<\/a>: Amazon will den Buchmarkt monopolisieren und damit das Lesen kontrollieren und selbst vermarkten. Dabei geht es beim Buch nicht einfach um eine x-beliebige Ware, sondern um das kostbarste Bildungs- und Kulturgut schlechthin. Dass die station\u00e4re Buchhandlung vorort den gleichen Service bieten kann wie Amazon, nur besser (bestelltes Buch tagsdrauf mit dem Fahrrad vorbeibringen), dies gilt es zu vermitteln. &#8222;In&#8220; und &#8222;hipp&#8220; gilt nicht f\u00fcr die Arbeitsbedingungen der Amazon-Mitarbeiter.<\/p>\n<p>(13) Wir lesen immer schneller und immer mehr, f\u00fchlen uns \u00fcberflutet und gehetzt von der Informationsflut. Da kommt es auf das Zeitmanagement an: Den Anteil am &#8222;informierenden Lesen&#8220; &#8211; siehe (2) &#8211; von Gebrauchstexten begrenzen, um Zeit f\u00fcr das &#8222;tiefe Lesen&#8220; zu behalten, also f\u00fcr die konzentrierte Lekt\u00fcre. Die lange Argumentationskette von Kant&#8217;s &#8222;Kritik der reinen Vernunft&#8220; mu\u00df auch von der n\u00e4chsten Generation selbst und selbst\u00e4ndig\u00a0(also nicht digital aufbereitet) gelesen werden k\u00f6nnen. Andernfalls wird die Aufkl\u00e4rung umsonst gewesen sein.<\/p>\n<p>Henning Lobin: Engelbarts Traum, Campus Verlag Frankfurt, 282 S., 22,90 Euro<br \/>\nChristoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft, Ullstein, 272 S., 14,99 Euro.<br \/>\nMaryanne Wolf: Das lesende Gehirn, Spektrum Verlag<br \/>\n<a href=\"https:\/\/shop.buchhandlung-christiansen.de\/\"><span lang=\"\">https:\/\/shop.buchhandlung-christiansen.de\/<\/span><\/a> <span lang=\"\"><br \/>\n<\/span>Hauke Goos und Claudia Voigt: Lesen und lesen lassen, Spiegel 50\/2014 vom 8.12.2014, S. 64-72<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PC, Smartphone und Internet ver\u00e4ndern die Kulturtechniken des Lesens und Schreiben \u00e4hnlich radikal wie zuletzt die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im Jahr 1450. 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