{"id":49022,"date":"2014-06-28T15:37:53","date_gmt":"2014-06-28T13:37:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=49022"},"modified":"2014-06-29T15:52:25","modified_gmt":"2014-06-29T13:52:25","slug":"abi-rede-demografie-krieg-held","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/abi-rede-demografie-krieg-held\/","title":{"rendered":"Abi-Rede Demografie Krieg Held"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe nichts \u00fcbrig f\u00fcr eine weichgesp\u00fclte Begr\u00fc\u00dfungszeremonie und eine darauffolgende nichtssagende <a title=\"Zukunft\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/zukunft\/\">Dankesbekundung<\/a>\u00a0an <a title=\"Familie\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/selbsthilfe\/familie\/\">Eltern<\/a>, <a title=\"Lehrer\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/bildung\/lehrer\/\">Lehrer<\/a> und Co \u2013 auch wenn ich wei\u00df, dass ich ohne euch nicht hier stehen w\u00fcrde, im Grunde niemand von uns. Ich m\u00f6chte nicht die Hochs und Tiefs einer vergangenen <a title=\"Schulen\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/bildung\/schulen\/\">Schulzeit<\/a> paraphrasieren, obwohl ich wei\u00df, dass vieles h\u00e4ufiger Erw\u00e4hnung finden sollte, <!--more-->um sich so l\u00e4nger in unseren K\u00f6pfen \u2013 in unseren Erinnerungen \u2013 festzusetzen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich an meine Mitsch\u00fcler wenden.<br \/>\nDie momentane durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,4 Kinder je Frau, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt momentan bei ca. 80 Jahren, Tendenz steigend. Dieser Vorgang nennt sich demographischer Wandel. Soll hei\u00dfen: Unsere Gesellschaft wird zunehmend \u00e4lter. Wir, die wir uns hier versammelt haben, um unsere \u201eReifepr\u00fcfung f\u00fcr den deutschen Durchschnittsb\u00fcrger\u201c zu feiern, sind im Allgemeinen zwischen 17 und 19 Jahren alt. Wir sind oder waren es zumindest bis vor kurzem: Sch\u00fcler, eine soziale Randgruppe. 2009 wurde in Hamburg eine Schule errichtet mit Pausenhof auf dem Dach, nicht auf Grund Platzmangels, das war in einem schwach besiedelten Wohngebiet, sondern um die Anwohner um die Schule herum, welche Kinderl\u00e4rm bef\u00fcrchteten, vor Kinderl\u00e4rm zu sch\u00fctzen. Die Chancengleichheit des deutschen Schulsystems ist der Berthelsmannstiftung zu Folge auch 2013 noch h\u00f6chst bedenklich gewesen. Auf den Aufstieg eines Sch\u00fclers auf das Gymnasium folgen 4,2 Sch\u00fcler, welche das Gymnasium auf Grund schlechter Noten auf einen niedrigeren Bildungsgrad verlassen. Das bedeutet: Unser Bildungssystem ist nur in eine Richtung durchl\u00e4ssig und zwar nach unten! Unsere Landesregierung k\u00fcrzt 2012 die Bildungsgelder! Die Zukunftsf\u00e4higkeit einer Gesellschaft l\u00e4sst sich an der Art und Weise ablesen, wie sie mit ihrer Jugend umgeht. Denn die Jugend ist die Zukunft der Gesellschaft. Aber nicht nur, dass wir h\u00e4ufig nicht akzeptiert, als faul und antriebslos bezeichnet werden, sondern dass man uns mit den Problemen der Zukunft konfrontiert ohne uns Hoffnung zu geben, dass wir sie l\u00f6sen k\u00f6nnen, l\u00f6st bei einigen \u2013 bei mir zumindest \u2013 eine erschreckende Lethargie aus.<\/p>\n<p>Die Welt ist schlecht, vor allem ungerecht!<br \/>\n2011 war der OECD zu Folge das kriegreichste Jahr seit 1945, 2014 hat die Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Reichtum einen neuen Spitzenstand erklommen, wie es eigentlich jedes Jahr sein d\u00fcrfte. Der neuesten Oxfamstudie zu Folge besitzen die reichsten 85 Menschen so viel, wie die \u00e4rmsten 107%\u201d&gt; Im Gaza \u2013 Streifen verhungert wahrscheinlich in diesem Moment ein Kind und in den un\u00fcberschaubaren Slums Indiens wird eine Frau vergewaltigt. Das sind die Dinge, die man lernt, wenn man in der Schule an der richtigen Stelle zuh\u00f6rt. Und man tut im gleichen Atemzug so, als ob es unsere Aufgabe w\u00e4re, diese Welt, die nur noch so von Krise in Krise schlittert, zu retten. Da widerspricht sich die Schule. Man sagt uns, dass das Leben erst jetzt richtig anfangen wird, jetzt da wir unser Abitur in der Tasche haben. Aber von diesem Leben will man hier gar nichts mehr wissen. Man hat uns in Formen gepresst, und alles was an Elan \u00fcbrig geblieben ist, verpufft wie Wasser auf einem hei\u00dfen Stein. Ich habe die Energie, mit der ich in der 5. Klasse dieses Schulgeb\u00e4ude betrat, den Optimismus, eines Tages als eine Art Superheld die Welt zu ver\u00e4ndern und die Euphorie mit der WIR in die damals kaum zu erwartende Zukunft blickten, in langwierigen Mathestunden abgesessen, in verstaubte Englischb\u00fccher hineingelesen und letzten Endes mit dem Abitur vollkommen verloren. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man sagen: Erkennen zu m\u00fcssen, dass man kein Held ist oder sein kann, ist hart, aber Teil des normalen Erwachsenwerdens und nicht Schuld der Schule. Doch wir m\u00fcssen der Wahrheit ins Gesicht blicken.<\/p>\n<p>Helden werden jetzt gebraucht wie nie zu vor.<br \/>\nHelden, die in der Lage sind uns mit uns selbst zu konfrontieren, Helden der Zukunft, welche nicht auf Schlachtfeldern geboren werden. Helden mit Visionen und Energie, diese umzusetzen, keine zurechtgestutzten, gesellschaftsf\u00e4higen Durchschnittsb\u00fcrger, die zwar alle ein 1, \u2013 Abitur haben, aber keine Leidenschaft, sich von ihren Sofas loszul\u00f6sen und zu beginnen auch f\u00fcr andere zu leben. Es ist in der heutigen Zeit schwer geworden ein passendes Beispiel zu finden. Man macht uns Angst. Wer will sich noch ins Licht stellen, wenn man wei\u00df, dass ein Edward Snowden oder ein Bradley Manning von einem Friedensnobelpreistr\u00e4ger gejagt werden und in dem Staat, dem sie am meisten helfen, n\u00e4mlich der BRD, keine Zuflucht finden. Also woher sollen die Helden der Zukunft kommen, wo sollen sie ausgebildet werden, wenn nicht in der Schule? Wir jungen Menschen sind die einzige Chance die dieser Planet und seine Bewohner noch haben, wir aus den westlichen L\u00e4ndern, die alle Mittel zur Verf\u00fcgung haben, grenzenlosen Wohlstand, den neuesten Technologieboom, das vernetzte Wissen, das Internet, mit dem wir als erste gelernt haben zu leben, als ob es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit w\u00e4re. Ich h\u00f6re sie schon nach uns rufen in ein paar Jahren. Doch wir werden immer weniger. Zudem wird dieser Planet zunehmend von alten Menschen regiert, die in alten Denkstrukturen leben, selbst wenn sie auf dem Papier auch noch unsere V\u00e4ter sein k\u00f6nnten. Das Internet ist f\u00fcr sie Neuland, Smartphones schwerlich zu bedienen, in Textnachrichten sehen sie das Verkommen der menschlichen Sprache und nicht die Renaissance schriftlicher Kommunikation. Doch mein Smartphone beschallt meine Ohren mit Peter Fox\u2018 \u201eHaus am See\u201c in Dauerschleife, pr\u00e4sentiert mir alles was ich und die restlichen Jugendlichen von unserer Zukunft noch erwarten auf einem Silbertablett: &#8218;Am Ende der Stra\u00dfe steht ein Haus am See, orangenbraune Bl\u00e4tter liegen auf dem Weg, ich habe 20 Kinder meine Frau ist sch\u00f6n, alle kommen vorbei ich brauch\u2018 nie raus zu gehen.&#8216;<\/p>\n<p>Das kann doch nicht alles sein!<br \/>\nWenn wir diesen Standpunkt verlassen wollen, wenn wir wieder mehr erreichen, wenn wir bewegen, leben und ver\u00e4ndern wollen, dann m\u00fcssen wir aufstehen uns von dem bleichen Licht unserer uns blendenden Bildschirme l\u00f6sen und wenn es die Alten nicht machen, dann m\u00fcssen wir ihnen die H\u00e4nde \u00fcber die Leichen unserer kaputten Tr\u00e4ume hinweg reichen. Liebe Eltern\/ liebe Schule, das geht an euch! Ihr seid nicht blind, genau wie wir, lasst und gemeinsam die Welt so gerecht formen, wie wir es in der Schule eigentlich beigebracht bekommen haben sollten und lasst uns gegenseitig vorleben, wie das geht. Auf jeden Fall nicht in einem Haus am See.&#8220;<\/p>\n<p>Rede von Felix Hoffmann, einem 17j\u00e4hrigen Abiturienten des Wentzinger Gymnasiums in Freiburg,\u00a0am 27.6.14 auf dem Abiball der Schule vor 600 Zuh\u00f6rerInnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe nichts \u00fcbrig f\u00fcr eine weichgesp\u00fclte Begr\u00fc\u00dfungszeremonie und eine darauffolgende nichtssagende Dankesbekundung\u00a0an Eltern, Lehrer und Co \u2013 auch wenn ich wei\u00df, dass ich ohne euch nicht hier stehen w\u00fcrde, im Grunde niemand von uns. 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