{"id":4390,"date":"2011-09-21T08:08:31","date_gmt":"2011-09-21T08:08:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=4390"},"modified":"2012-06-03T08:18:04","modified_gmt":"2012-06-03T08:18:04","slug":"kaffeefahrten-fur-senioren-erfahrungsbericht-zu-dubiosen-geschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kaffeefahrten-fur-senioren-erfahrungsbericht-zu-dubiosen-geschaften\/","title":{"rendered":"Kaffeefahrten f\u00fcr Senioren &#8211; Erfahrungsbericht zu dubiosen Gesch\u00e4ften"},"content":{"rendered":"<p>Seit nunmehr rund zwei Jahren bekomme ich so jede zweite Woche eine Mitteilung zugeschickt, dass ich 2500 Euro gewonnen habe und diese eigentlich nur abholen muss. Dazu ist es allerdings notwendig, dass ich an einem bestimmten Tag gratis und kostenlos mit einem Bus irgendwo in den Schwarzwald, an den Bodensee oder ins Elsass fahren muss und dort neben einem kostenlosen Fr\u00fchst\u00fcck, Freigetr\u00e4nk und Mittagessen auch noch allerlei Waren im Werte von einigen hundert Euro geschenkt bekomme. Ehrlich wie ich bin, habe ich diese Gewinnank\u00fcndigungen (bei denen st\u00e4ndig die Gefahr drohte, dass sie verfallen k\u00f6nnten) immer meiner Frau gezeigt. Diese hat alles immer wortlos zerrissen und in den Papierkorb geschmissen. Doch nun hat sie sich erweichen lassen und ist mit mir zu einer kostenlosen Fahrt ins Elsass zu einer Blumenschau in der N\u00e4he von Stra\u00dfburg gefahren.<!--more--><br \/>\nAls wir fr\u00fchmorgens am Scherrer-Platz in Haslach ankamen, standen schon mehrere \u00e4ltere Personen, teilweise mit Kr\u00fccken und Gehw\u00e4gelchen, und warteten auf den Bus. Dieser kam auch p\u00fcnktlich um 7.45 Uhr, Autokennzeichen Heilbronn, \u00e4lteres Modell. Als wir einstiegen, war der Bus schon fast voll. Meine Frau kam mit einem Mitreisenden ins Gespr\u00e4ch, der ihr erz\u00e4hlte, dass er schon einige Male bei solchen Fahrten dabei war und auch schon einiges erlebt hat. Er war sich fast sicher, dass wir nie in die Blumenschau kommen w\u00fcrden, da die Verkaufsveranstaltung \u2013 denn um eine solche handele es sich bei der Freifahrt \u2013 mindestens bis in die fr\u00fchen Abendstunden dauern w\u00fcrde. Naja, wenn ich daf\u00fcr aber die 2 500 Euro ausbezahlt bek\u00e4me, dann wollte ich dies noch verschmerzen.<br \/>\nDann ging es mit ratterndem Getriebe \u00fcber Breisach und Colmar in einen kleinen els\u00e4ssischen Ort namens Duppigheim. Dort weit au\u00dferhalb wurden wir am Lokal &#8222;Auberge du Vieux Moulin&#8220; abgeladen. Der Busfahrer wies noch darauf hin, dass der Wirt etwas eigenartig sei, und wenn ihm jemand bl\u00f6d komme, er einfach das Lokal verlasse und zum Angeln gehe; damit w\u00e4re das Mittagessen dann gestorben. Tats\u00e4chlich bekamen wir ein Fr\u00fchst\u00fcck mit Wurst und K\u00e4se und eine Tasse Kaffee. Kostenlos. Dann erkl\u00e4rte der clevere Verkaufsmanager, dass damit das Gratisessen erledigt sei, denn \u00fcber dem Coupon &#8222;Mittagessen&#8220; h\u00e4tte ja nicht &#8222;kostenlos&#8220; gestanden. Doch f\u00fcr 9 Euro, zu denen er noch 5 Euro aus der eigenen Tasche dazulegte, konnte man einen H\u00e4hnchenschlegel mit Sp\u00e4tzle und Pommes ordern, was auch die meisten taten.<br \/>\nDanach redete der Verkaufsmanager zwei Stunden lang pausenlos. S\u00e4mtliche \u00c4ngste der alten Leute \u2013 ob Rente, Pflegefall, Hartz IV, Krankheiten, Einsamkeit oder verrohte Jugendliche \u2013 kamen zur Sprache. Er bat um das Vertrauen f\u00fcr sich und ging so weit, dass er die meist weit \u00fcber 70 Jahre alten Teilnehmer (der \u00e4lteste war 96!) aufforderte, ihm ohne Gegenleistung 20 Euro zu schenken. Tats\u00e4chlich waren acht dazu bereit, denen er danach ein Geschenk mit einem wesentlich h\u00f6heren Wert als Dank versprach.<br \/>\nEs war fast 13 Uhr, als der Verk\u00e4ufer eine Pause und das Mittagessen ank\u00fcndigte. Doch stattdessen gab es eine kinoreife Wildwestshow. Der Verk\u00e4ufer kam sich am Tresen mit dem Wirt in die Haare und dieser streckte ihn mit einer gezielten Ohrfeige zu Boden. Nicht genug damit, packte er ihn am Hoseng\u00fcrtel und schleifte den halb Bewusstlosen hinaus vor die T\u00fcr. Vehement wurde nach der Polizei gerufen, aber au\u00dfer dem Verkaufsadjutanten hatte keiner ein Handy parat und erst recht nicht die Nummer der els\u00e4ssischen Polizei. Sich die Backe reibend, kam der Verk\u00e4ufer wieder in den Raum und erkl\u00e4rte, dass er schon lange so etwas habe kommen sehen. Der Wirt sei ein echter Deutschenhasser und er habe jetzt halt die Pr\u00fcgel bezogen. Nichtsdestotrotz m\u00fcsse er ja was verkaufen, weshalb er jetzt B\u00fcgeleisen und Aloe-Vera-Tinkturen zu einem sensationellen Preis anbot. Doch gekauft wurde nicht viel.<br \/>\nHatte der Geohrfeigte jetzt auf das Mitleid der Teilnehmer gehofft, so lag er voll daneben. Erreicht war nur, dass niemand mehr nach dem Essen verlangte. Das Schlemmermahl gab es dann tats\u00e4chlich gegen 15 Uhr, nachdem der Verkaufsassistent zuvor noch erfolglos Fu\u00dfcreme, Hornhaut- und H\u00fchneraugensalben angeboten hatte. Nach dem Essen tauchte ein weiterer Verk\u00e4ufer auf, der nun Reisen anbot. Auch war er zust\u00e4ndig f\u00fcr den versprochenen Gewinn. Dieser bestand aus einem Rubbellos der Staatlichen Lotterie, Preis 1 Euro, das jeder geschenkt bekam. Dadurch bestand tats\u00e4chlich die M\u00f6glichkeit, den Hauptgewinn \u00fcber 2 500 Euro freizurubbeln. Dies war nat\u00fcrlich nicht der Fall, worauf man darauf hingewiesen wurde, dass es sich ja nur um eine m\u00f6gliche &#8222;Gewinnoption&#8220; gehandelt habe und man nicht glauben sollte, dass sie sich nicht juristisch abgesichert h\u00e4tten. Tats\u00e4chlich hatten zwar alle in ihrem Einladungsschreiben den Gewinn von 2500 Euro versprochen bekommen, aber keiner stand nun auf und beklagte sich. Stattdessen wurden tats\u00e4chlich einige Reisen gebucht und daf\u00fcr sowohl Unterschriften geleistet als auch Bankdaten zum Lastschrifteinzug preisgegeben.<br \/>\nWir hatten inzwischen das Lokal verlassen und uns im Freien, gleich einigen anderen Gestressten und Gelangweilten, in die Sonne gesetzt. Um 18.30 Uhr wurden wir dann alle herein gerufen, da es jetzt die versprochenen Sachpreise f\u00fcr alle Teilnehmer geben sollte. Tats\u00e4chlich bekam jede Frau einen Pl\u00fcschseehund und die M\u00e4nner einen Plastiktaschenrechner und eine Miniwasserwaage \u00fcberreicht. Auf das zugesagte acht Pfund schwere Schlemmerpaket mit Wurstdosen, K\u00e4se, Eier und einer Flasche Rotwein (Paare bekommen alles doppelt!) angesprochen, wurde erkl\u00e4rt, dass dies nach dem Lebensmittelgesetz gar nicht erlaubt w\u00e4re und doch wohl niemand eine Vergiftung riskieren wolle. Man habe ja andere hochwertige Geschenke erhalten. Um 19 Uhr waren wir endlich im Bus, keiner fragte mehr nach der Blumenschau. Die Heimfahrt begann.<br \/>\nFazit: Nichts gewonnen, au\u00dfer an Erfahrung! Mehr als die H\u00e4lfte der recht alten Teilnehmer waren s\u00fcchtige Gratisbusreisende. Sie nutzten einfach die M\u00f6glichkeit, wieder mal billig aus den eigenen vier W\u00e4nden und unter andere Leute zu kommen! \u00dcbrigens: Heute lag schon die n\u00e4chste Einladung im Briefkasten, dieses Mal zu einer Schifffahrt in Stra\u00dfburg. Meine Frau hat sie wieder spontan zerrissen!<br \/>\nHans Sigmund, 21. September 2011<\/p>\n<p><em>Vor allem \u00e4ltere Menschen gehen betr\u00fcgerischen Anbietern von Kaffeefahrten immer wieder in die Falle, und das, obwohl die Verbraucherzentralen seit Jahren davor warnen. BZ-Mitarbeiter Hans Sigmund, 70, hat sich trotz alledem auf solch eine Werbefahrt begeben \u2013 und Kurioses erlebt. &#8222;Der beste Rat, den ich geben kann, ist: Gehen Sie da nicht hin!&#8220;, sagt Erich Nolte von der <a title=\"Verbraucher\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/engagement\/verbraucher\/\">Verbraucherzentrale<\/a> Baden-W\u00fcrttemberg. Ansonsten r\u00e4t er, nichts zu unterschreiben und nichts bar zu bezahlen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit nunmehr rund zwei Jahren bekomme ich so jede zweite Woche eine Mitteilung zugeschickt, dass ich 2500 Euro gewonnen habe und diese eigentlich nur abholen muss. 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