{"id":43109,"date":"2013-12-28T17:28:05","date_gmt":"2013-12-28T16:28:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=43109"},"modified":"2013-12-28T17:31:36","modified_gmt":"2013-12-28T16:31:36","slug":"jude-sein-israeli-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/jude-sein-israeli-sein\/","title":{"rendered":"Jude sein &#8211; Israeli sein"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>Shlomo Sand, Historiker an der Universit\u00e4t von <a title=\"TelAviv\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/twintowns\/telaviv\/\">Tel Aviv<\/a>, hat mit &#8222;Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein&#8220; keine wissenschaftliche Schrift, sondern ein <a title=\"Buch\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/dichter\/literatur\/buch\/\">Essay<\/a> bzw. eine Diatribe geschrieben. Anhand pers\u00f6nlicher Erfahrungen sucht er Antworten auf die wichtigen Fragen: Was genau bedeutet <a title=\"Israel\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/israel\/\">\u00bbj\u00fcdische Identit\u00e4t\u00ab<\/a> und worauf gr\u00fcndet sie?<br \/>\nWann bin ich <a title=\"Juden\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/religion\/juden\/\">Jude<\/a> &#8211; wenn ich mich selbst als solcher verstehe <!--more-->oder wenn ich so bezeichnet werde?<br \/>\nGibt es eine s\u00e4kulare j\u00fcdische Kultur, die all jenen gemeinsam ist, die sich als Juden betrachten?<br \/>\nWas ist der Unterschied zwischen einem Israeli und einem Juden?\u00a0<br \/>\nWie kann Israel demokratisch sein, wenn es nicht seinen Staatsb\u00fcrgern, sondern den Juden der Welt geh\u00f6rt?<br \/>\nWas bedeutet es, in diesem Staat \u00bbJude\u00ab zu sein, und was empfinden jene, die es nicht sind bzw. nicht sein d\u00fcrfen?\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br \/>\nSand\u00a0hinterfragt als Atheist seine vermeintliche Identit\u00e4t als \u201es\u00e4kularer Jude\u201c und kommt zu dem Schlu\u00df, dass es \u00fcbehaupt keine s\u00e4kular-j\u00fcdische Identit\u00e4t gibt. Denn \u201es\u00e4kulare Juden\u201c haben f\u00fcr Sand keine Gemeinsamkeiten, die sie als \u201ej\u00fcdisch\u201c auszeichnen: sie schreiben keine j\u00fcdischen Romane (wie Franz Kafka oder Philip Roth), drehen keine j\u00fcdischen Filme (wie Stanley Kubrick), singen keine j\u00fcdischen Chansons (wie Serge Gainsbourg). Sie alle werden nur geeint durch ihre Herkunft und Sand sieht keine Aussicht \u201eauf irgendeine gemeinsame Zukunft\u201c (Seite 41). Sand\u00a0beklagt Ethnozentriertheit,\u00a0Tribalismus,\u00a0Besatzung und Rassismus in Israel. Er fordert\u00a0einer \u00c4nderung der \u201eantirepublikanischen Identit\u00e4tspolitik\u201c des Staates Israel.<\/div>\n<div>\n<div>\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0<br \/>\nShlomo Sand hebt die folgenden drei Punkte der Kritik besonders hervor:<br \/>\n(1) Jude ist, wer eine j\u00fcdische Mutter hat oder gem\u00e4\u00df den religi\u00f6sen Gesetzen konvertiert ist<br \/>\nSand schildert die Absurdit\u00e4t dieser Regelung an seinem eigenen Fall. Er wurde als Kind polnisch-j\u00fcdischer Eltern, die dem Holocaust entkommen waren, in einem Lager f\u00fcr DP\u2019s (Displaced Persons) 1946 in Linz (\u00d6sterreich) geboren. Er ist nach dem israelischen Gesetz Jude, weil seine Mutter ihre j\u00fcdische Abstammung nachweisen konnte. W\u00e4re nun sein Vater Jude und die Mutter Nicht-J\u00fcdin, h\u00e4tten die israelischen Beh\u00f6rden in seinen Pass bei der Nationalit\u00e4t \u201e\u00d6sterreich\u201c eingetragen. Zwar h\u00e4tte er die israelische Staatsb\u00fcrgerschaft bekommen, h\u00e4tte aber sein Leben lang als Angeh\u00f6riger des \u00f6sterreichischen Volkes gegolten. Jude in Israel sein \u2013 so Sand \u2013 bedeutet einem Stamm, einem auserw\u00e4hlten Ethnos (altgriechisch: das Volk) anzugeh\u00f6ren, einem geschlossenen Club von Privilegierten. Im Reisepa\u00df eines\u00a0Pal\u00e4stinensers, der israelischer Staatsb\u00fcrger ist, ist &#8222;Araber&#8220;\u00a0eingetragen. &#8222;Auf dieses unab\u00e4nderliche Identifizierungsetikett haben sie keinen Einfluss. Was g\u00e4be es f\u00fcr einen Aufruhr, wenn die Beh\u00f6rden in Frankreich, in den Vereinigten Staaten, in Italien, in Deutschland oder in einer anderen liberalen Demokratie bei denjenigen, die sich als &#8222;Juden&#8220; bezeichnen, diese Selbstdefinition in den Personalausweis oder in das staatliche Bev\u00f6lkerungsregister einintr\u00fcgen.&#8220;<br \/>\nSand bekennt sich zu seiner israelischen Staatsb\u00fcrgerschaft (er nennt das\u00a0\u201eIsraelisch-Sein\u201c), nicht aber zur s\u00e4kularen j\u00fcdischen Identit\u00e4t, denn \u201eBetrug, Unaufrichtigkeit und \u00dcberheblichkeit pr\u00e4gen s\u00e4mtliche Aspekte der Definition von J\u00fcdisch-Sein im Staat Israel.\u201c Sand sieht Israel weniger durch einen \u00e4u\u00dferen Feind als von innen her bedroht, weil es \u201eeinen direkten Zusammenhang zwischen dem Verst\u00e4ndnis der Juden als \u201aEthnie\u2018 und als unverg\u00e4nglichem Rassenvolk einerseits und der Politik Israels andererseits gibt, die der Staat gegen\u00fcber B\u00fcrgern, die nicht als Juden gelten, gegen\u00fcber den geplagten Arbeitsimmigranten aus fernen L\u00e4ndern und nat\u00fcrlich gegen\u00fcber seinen rechtlosen Nachbarn, die seit 50 Jahren unter israelischer Besatzung leben, verfolgt.\u201c<br \/>\n\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br \/>\n<em>(2)\u00a0Die ungerechte Konstruktion des israelischen Staates\u00a0<br \/>\n<\/em>Der Staat\u00a0definiert sich nicht als israelisch, sondern als \u201ej\u00fcdisch\u201c, was bedeutet, dass 20 Prozent der B\u00fcrger (Pal\u00e4stinenser und Drusen) nicht zum Kreis der B\u00fcrger dieses Staates geh\u00f6ren. Sand z\u00e4hlt ausf\u00fchrlich all die bekannten Privilegien auf, die in Israel nur Juden vorbehalten sind \u2013 im Gegensatz zu den Nicht-Juden, \u201edenen neben den B\u00fcrgerrechten auch die Aus\u00fcbung der eigenen Souver\u00e4nit\u00e4t versagt bleibt. Als Jude kann man nicht nur auf Grund und Boden siedeln, der einem nicht geh\u00f6rt, sondern darf auch auf Umgehungsstra\u00dfen durch Jud\u00e4a und Samaria fahren, w\u00e4hrend sich die lokale Bev\u00f6lkerung in ihrer Heimat nicht frei bewegen darf. Als Jude wirst du, Gott bewahre, nicht an Checkpoints angehalten, du hast keine Folter zu erdulden, niemand dringt mitten in der Nacht in dein Haus ein, um eine Durchsuchung vorzunehmen, man schie\u00dft nicht versehentlich auf dich und zerst\u00f6rt auch nicht dein Haus. Nein, denn all diese Ma\u00dfnahmen, die schon seit knapp f\u00fcnfzig Jahren angewandt werden, richten sich allein gegen Araber.\u201c<br \/>\nUnd Sand folgert f\u00fcr sich selbst aus diesen t\u00e4glichen Realit\u00e4ten in Israel und den besetzten Gebieten: \u201eWie kann ein Mensch, der nicht religi\u00f6s ist, sondern einfach Humanist, Demokrat oder Liberaler, und nur einen Funken Rechtschaffenheit besitzt, sich unter diesen Umst\u00e4nden weiterhin als Jude bezeichnen? Kann sich ein Nachkomme von Verfolgten unter diesen Bedingungen zum Stamm der neuen s\u00e4kularen Juden z\u00e4hlen, die Israel als ihren alleinigen Besitz betrachten? Schlie\u00dft man sich durch die Selbstdefinition als Jude im Staat Israel denn nicht eigentlich einer privilegierten Kaste an, die unertr\u00e4gliche Ungerechtigkeiten begeht?\u201c<br \/>\n\u00a0\u00a0<br \/>\n(3) Erinnerungspolitik Israels in Bezug auf den Holocaust<br \/>\nSand beklagt den Aufbau einer Holocaust-Industrie:\u00a0&#8222;Diese war darauf aus, das Leiden der Vergangenheit zu maximieren und aus ihm so viel politisches Prestige und sogar wirtschaftliches Kapital zu schlagen wie nur m\u00f6glich.\u201c\u00a0Sand warnt von den Gefahren, die ein solcher Kult um die Shoah in sich birgt: \u201eWenn die Zionisten und ihre Sympathisanten aber die Erinnerung an die Trag\u00f6die in eine Zivilreligion mit Wallfahrten zu den rekonstruierten Schaupl\u00e4tzen der Vernichtung verwandeln und so der \u201aj\u00fcdischen\u2018 Generation von morgen die dazugeh\u00f6rige Paranoia einimpfen, sollte man innehalten und sich Folgendes klarmachen: Eine Identit\u00e4t, die auf der kontinuierlichen Mobilisierung eines Traumas beruht, ist in der Regel pervertiert und potentiell gef\u00e4hrlich sowohl f\u00fcr seine Tr\u00e4ger als auch f\u00fcr Menschen in ihrer Umgebung. Obwohl Israel die einzige Atommacht im Nahen Osten ist, sch\u00fcrt es dennoch best\u00e4ndig die Angst seiner Unterst\u00fctzer im Ausland, indem es die Bedrohung durch eine weitere Shoah an die Wand malt \u2013 h\u00f6chstwahrscheinlich ein gutes Rezept f\u00fcr zuk\u00fcnftige Katastrophen.&#8220;<\/div>\n<div>\u00a0\u00a0\u00a0<br \/>\nShlomo Sand fordert die Einf\u00fchrung einer an der Staatsb\u00fcrgerschaft orientierten israelischen Nationalit\u00e4t anstelle der j\u00fcdischen Nationalit\u00e4t. Er setzt sich ein f\u00fcr eine offene, demokratische Gesellschaft, die den Pal\u00e4stinensern als gleichberechtigten Mitb\u00fcrgern die Hand reicht.<br \/>\n28.12.2013<\/div>\n<\/div>\n<div>\n<div>\u00a0\u00a0<\/div>\n<div><strong>Gejammer einer Hassliebe<\/strong><br \/>\nShlomo Sand versucht, sich von seiner j\u00fcdischen Identit\u00e4t zu l\u00f6sen, indem er sie f\u00fcr \u00bbimagin\u00e4r\u00ab erkl\u00e4rt &#8230; So liest sich Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein, dem Titel zum Trotz, weniger wie eine Abschiedserkl\u00e4rung, sondern wie das Gejammer eines in eine symbiotische Hassliebe Verstrickten.<br \/>\nAlles vom 31.10.2013 bitte lesen auf <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/17424\">https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/17424<\/a>\u00a0<br \/>\n\u00a0\u00a0<br \/>\n<strong>Argumentiert man in Deutschland wie Shlomo Sand, gilt man als Antisemit?<\/strong><br \/>\nG\u00e4be es die brutale und v\u00f6lkerrechtswidrige Besatzungspolitik nicht, man m\u00fcsste Sympathie haben f\u00fcr dieses Land \u2013 allein schon wegen seiner kritischen Intellektuellen. Man kann dieses komplexe und schwierige Gebilde Israel erst verstehen, wenn man die B\u00fccher und Aufs\u00e4tze seiner besten oppositionellen K\u00f6pfe gelesen hat. Um nur ein paar Namen zu nennen: Uri Avnery, Abraham Burg, Akiva Eldar, Simcha Flapan, Amira Hass, Jeff Halper, Jeshajahu Leibowitz, Gideon Levy, Reuven Moskovitz, Ilan Pappe, Tom Segev, Israel Shahak, Idith Zertal, Moshe Zuckermann und eben Shlomo Sand, wobei diese Liste bei weitem nicht vollst\u00e4ndig ist. Die Ausf\u00fchrungen dieser intelligenten und human gesinnten Aufkl\u00e4rer haben mein Israel-Bild gepr\u00e4gt, das nat\u00fcrlich ein Gegenentwurf zum zionistischen Mainstream ist. Die Krux ist nur: Argumentiert man in Deutschland mit Darlegungen dieser Intellektuellen, dann steht man als \u201eAntisemit\u201c dar, wird gleich mit Nazi-Schergen in einen Topf geworfen. Allein an diesem Tatbestand zeigt sich, wie absurd, um nicht zu sagen pervers, die gegenw\u00e4rtige Diskussion um Israel und den Nahen Osten ist &#8230;<br \/>\nAlles von Arn Strohmeyer vom\u00a015.11.2013 bitte lesen auf<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.palaestina-portal.eu\/Stimmen_deutsch\/strohmeyer_arn_%20Ich%20steige%20aus%20dem%20Judentums%20aus.htm\">https:\/\/www.palaestina-portal.eu\/Stimmen_deutsch\/strohmeyer_arn_%20Ich%20steige%20aus%20dem%20Judentums%20aus.htm<\/a><br \/>\n\u00a0\u00a0\u00a0<br \/>\nShlomo Sand:<br \/>\nWarum ich aufh\u00f6re- Jude zu sein &#8211; Ein israelischer Standpunkt<br \/>\nISBN 978-3-549-07449-7<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.propylaeen-verlag.de\">www.propylaeen-verlag.de<\/a> , 2013, 156 S., 19.95 Euro<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shlomo Sand, Historiker an der Universit\u00e4t von Tel Aviv, hat mit &#8222;Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein&#8220; keine wissenschaftliche Schrift, sondern ein Essay bzw. eine Diatribe geschrieben. 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