{"id":40891,"date":"2013-11-01T12:49:46","date_gmt":"2013-11-01T11:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=40891"},"modified":"2013-11-17T13:01:27","modified_gmt":"2013-11-17T12:01:27","slug":"friedhof-spiegel-des-diesseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/friedhof-spiegel-des-diesseits\/","title":{"rendered":"Friedhof &#8211; Spiegel des Diesseits"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Unsere <a title=\"Friedhoefe\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/friedhoefe\/\">Friedh\u00f6fe<\/a> sind nicht mehr ausgelastet. Drei Gr\u00fcnde: Eine schrumpfende Gesellschaft gibt immer weniger Tote her. Immer mehr Individualisten wollen nicht mehr ins Schema der Reihengr\u00e4ber passen. Viele planen, am liebsten spurlos zu <a title=\"Oeffentlicher-Raum\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/kultur\/oeffentlicher-raum\/\">verschwinden<\/a>,\u00a0dabei aber pflegeleicht und preiswert. Dies trifft auch f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften unter den 30000 Friedh\u00f6fen in Deutschland zu &#8211; Hamburg-Ohlsdorf, der bis heute 1.5 Mio Leichen <!--more-->aufgenommen hat: 391 Hektar Fl\u00e4che (gr\u00f6\u00dfer als der Central Park in New York oder auch der Vatikan), 17 km Strasse, 87 km Wasserrohre, 700 Brunnen, 1300 B\u00e4nke, 24 Bushaltestellen, 300 Friedhofsmitarbeiter, eingeteilit in Hunderte Planquadrate von AH7 bis ZX13. Ohlsdorf sind Friedh\u00f6fe in einem: Kriegsgr\u00e4ber, Massengr\u00e4ber, Opfergr\u00e4ber, T\u00e4tergr\u00e4ber, Soldatengr\u00e4ber, Kindergr\u00e4ber, Prominentengr\u00e4ber, Seemannsgr\u00e4ber (in BI58) bzw. Chinesengr\u00e4ber (auf BP68). Der Anteil der Ein\u00e4scherungen nahm von 0.02% in 1900 auf 73% zu &#8211; die Kremation nach Nordosten hin zu: Durchschnitt in D 50%, Stuttgart 40%, Berlin 80% und Rostock 90%. F\u00fcr die Asche gilt die Friedhofspflicht, doch der Begriff des Friedhofs wird immer weiter gefasst: Friedwald (der erste in 2002 in Kassel), Ruheforst, Roheberg, Ruhewald, &#8230; Die anonyme Urnenbestattung kostet ca 850 Euro &#8211;\u00a0Ohlsdorf beherbert \u00fcber 40000 Urnen in drei anonymen Grabfeldern, garantiert biologisch abbauf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Brauchen wir\u00a0im Zeitalter der Mobilit\u00e4t noch ein sorgsdam gepflegtes Grab? Wer kommt \u00fcberhaupt noch zum Trauern in den Friedhof in einer Stadt, in der in jedem zweiten Haushalt ein Single lebt? Demzufolge boomt die Urnenbestattung\u00b4und das Gesch\u00e4ft rund ums Verbrennen ist l\u00e4ngst zu einem freien Markt mit Kampfpreisen geworden.\u00a0Immer mehr private Krematorien werden gebaut, einige in Gewerbegebieten. Wers billiger haben will, f\u00e4hrt die Verstorbenen zum Verbrennen nach Tschechien. Ein\u00e4schern in Polen, Importsarg aus Rum\u00e4nien, bestatten auf dem hiesigen Friedhof. Der moderne Volksfriedhof bietet jedem etwas: Vom Billiggrab f\u00fcr 850 Euro \u00fcber das Modern-Grab im Apfelhain-Gr\u00e4berfeld mit 80 Urnen- und 20 Sarggr\u00e4bern unter\u00a015 Apfelb\u00e4umen bis hin zum Premiumgrab f\u00fcr 6500 Euro.<\/p>\n<p>Nach der Freigabe durch den Amtsarzt brennt die Leiche im Ofen des Krematoriums. Gut eine Stunde bei 900 Grad. Erst brennt der Sarg, dann die Haare. Das K\u00f6rperfett verfl\u00fcssigt sich zu \u00d6l und zerkocht das Fleisch und verkohlt die Muskeln. Gut eine Stunde, bei Krebskranken doppelt so lange (eine lange Chemotherapie macht den K\u00f6rper fast feuerfest).\u00a0Am Ende bleiben vier bis f\u00fcnf Kilo Ascheflocken, ein paar Knochen, aber auch\u00a0Zahnersatz\u00a0und k\u00fcnstliche H\u00fcftgelenke. Schlie\u00dflich sammelt sich der ganze Zivilisationsschrott im Menschen: Antibiotika, Quecksilber, Weichmacher, Pestizide. Im Filter des Krematoriums finden sich mehr und mehr Furane und Dioxine, die als Sonderm\u00fcll in einem Bergwerk verklappt werden m\u00fcssen. &#8222;Was du zu Lebzeiten gelebt hat, erlebst du auch im Tod&#8220;, so ein erfahrener Friedhofsarbeiter.<\/p>\n<p>Der Mainstream suggeriert: Trauer braucht keinen realen Ort, auch die Cloud tuts. In Onlinefriedh\u00f6fen wie &#8222;Strasse der Besten&#8220; oder &#8222;Stay alive&#8220; z\u00fcndet man eine virtuelle Kerze an, betrachtet\u00a0Fotos und Videos der Verstorbenen, unabh\u00e4ngig davon, wo man sich gerade befindet.<\/p>\n<p>Es gibt sie aber noch, die Gegner der Privatisierung des Todes, die Bef\u00fcrworter der tradierten Friedhofskultur. Denn der Friedhof bietet die richtige Halbdistanz zwischen Toten und Lebenden &#8211;\u00a0als Ort, an dem langsam Gras dar\u00fcber wachsen kann. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt der Tote der Gesellschaft und nicht nur einem (der ihn in der diamantenen Schmuckurne um den Hals tr\u00e4gt) oder wenigen (die \u00fcber einen kostenpflichtigen Internet-Account verf\u00fcgen oder \u00a0einen Torschl\u00fcssel zu Erinnerungspark,\u00a0Schmetterlingsgarten, Rosenhain, Paaranlage bzw.\u00a0Themengrabst\u00e4tte) oder niemandem (da mit der Rakete ins All geschossen und dort vergl\u00fcht). Die meisten Friedh\u00f6fe bieten etwas, was in der Stadt immer rarer wird: Gr\u00fcn, Natur, alte B\u00e4ume, B\u00fcsche, Laub, Vogelgezwitscher und Eichh\u00f6rnchen. Sollte man sie nicht auch deshalb diesen notleidenden Randgruppen zug\u00e4nglich machen: Kindern und Radfahrern?<br \/>\n1.11.2013<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Friedh\u00f6fe sind nicht mehr ausgelastet. Drei Gr\u00fcnde: Eine schrumpfende Gesellschaft gibt immer weniger Tote her. 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