{"id":37882,"date":"2013-09-05T18:49:53","date_gmt":"2013-09-05T16:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=37882"},"modified":"2013-09-18T19:15:43","modified_gmt":"2013-09-18T17:15:43","slug":"oradur-nazi-massaker-gauck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/oradur-nazi-massaker-gauck\/","title":{"rendered":"Oradur Nazi-Massaker &#8211; Gauck"},"content":{"rendered":"<p>In\u00a0Oradour hatten Soldaten der Waffen-SS 1944 \u00fcber\u00a0600 Franzosen get\u00f6tet. Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck hat als erstes deutsches Staatsoberhaupt den Ort in <a title=\"France\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/france\/\">Mittelfrankreich<\/a> besucht. Seine\u00a0Rede zu dem furchbaren Massaker fand international\u00a0Anerkennung,\u00a0aber von Els\u00e4ssern kommt Kritik. Warum l\u00e4dt das <a title=\"Elsass\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/elsass\/\">Elsass<\/a> nicht\u00a0Herrn Gauck <a title=\"Trirhena\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/trirhena\/\">einfach mal ein<\/a>? Da k\u00f6nnte man das Problem der Zwangsrekrutierten\u00a0besprechen &#8211; unter Freunden.<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Massaker von Oradour: Hat Gauck begangenes Unrecht ignoriert?<br \/>\n<\/strong>Bei seinem Besuch in Oradour-sur-Glane hat Bundespr\u00e4sident Gauck sich schockiert \u00fcber das dort ver\u00fcbte Massaker der Nazis ge\u00e4u\u00dfert. Doch einige Els\u00e4sser sind entt\u00e4uscht \u2013 und machen ihm Vorw\u00fcrfe.\u00a0Es ist jetzt schon einige Tage her, dass Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck als erster hochrangiger Deutscher am Ort des Massakers von Oradour-sur-Glane der Opfer gedachte. Im Juni 1944 hatte dort eine Einheit der Waffen-SS Hunderte Menschenleben vernichtet. Gauck fand vor Ort starke Worte der Vers\u00f6hnung, er sprach von einem &#8222;zum Himmel schreienden Verbrechen&#8220; und von der Schuld, die Deutsche auf sich geladen h\u00e4tten. Einen aus els\u00e4ssischer Sicht zentralen Teil der Geschichte von Oradour klammerte er dabei aber aus.<br \/>\nWas in dem Dorf im Limousin vor fast sieben Jahrzehnten geschehen ist, betrifft nicht nur das Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschland und Frankreich, sondern auch die Beziehung der Franzosen zu den Els\u00e4ssern. Unter den T\u00e4tern befanden sich damals 14 junge M\u00e4nner aus dem Elsass \u2013 einer franz\u00f6sischen Region, die von den Nationalsozialisten besetzt worden war. Bis heute leiden Els\u00e4sser der Kriegs- und Nachkriegsgeneration an dem unterschwelligen Vorwurf, die mehr als 100.000 M\u00e4nner, die damals in die Waffen-SS und die Wehrmacht eingezogen worden waren, h\u00e4tten aus freien St\u00fccken f\u00fcr das nationalsozialistische Regime gek\u00e4mpft. Historiker und Veteranen sind im Elsass bis heute \u00fcberzeugt davon, diese Schuldvermutung gegen die Els\u00e4sser sei hinreichend ausger\u00e4umt.<br \/>\nWas ist mit den Zwangsrekrutierten? Die Erwartungen an Gaucks Besuch in Oradour waren deshalb hoch gewesen, manche Reaktionen auf seine Worte fielen entsprechend ungehalten aus. &#8222;Warum hat er es nicht ausgesprochen, dass die Els\u00e4sser keine Wahl hatten?&#8220;, fragt sich Bernard Rodenstein, Sohn eines Zwangsrekrutierten. Rodenstein, ein pensionierter Pastor aus Colmar, setzt sich seit Jahren f\u00fcr die Anerkennung der Kriegswaisen der Zwangsrekrutierten ein. Er hat wie viele andere Hinterbliebene und Veteranen gehofft, Gauck werde das Unrecht eingestehen und das Kriegsverbrechen an den Els\u00e4ssern beim Namen nennen. V\u00f6lkerrechtlich ist es seit der Haager Landkriegsordnung Ende des 19. Jahrhunderts festgeschrieben, dass die Bewohner eines besetzten Gebietes (in diesem Fall das Elsass) nicht zu Kriegshandlungen gegen ihr eigenes Land gezwungen werden d\u00fcrfen. Die Tragik von Oradour besteht f\u00fcr den els\u00e4ssischen Historiker Jean-Laurent Vonau darin, dass der Mord an franz\u00f6sischen Zivilisten vor diesem Hintergrund ein zweifaches Kriegsverbrechen darstellt. Gauck traf f\u00fcr ihn jedenfalls nicht die richtigen Worte. &#8222;Die Klammer ist geschlossen, diese Gelegenheit wird nicht wiederkommen&#8220;, macht er seiner Entt\u00e4uschung Luft. Bei Gaucks Besuch in Oradour habe eine deutsch-franz\u00f6sische Vers\u00f6hnung \u00fcber die K\u00f6pfe der Els\u00e4sser hinweg stattgefunden.<br \/>\nUnverst\u00e4ndnis bei den Els\u00e4ssern: Auch dass ausgerechnet Robert H\u00e9bras, einer der wenigen \u00dcberlebenden, die beiden Pr\u00e4sidenten bei ihrem Rundgang durch die Ruinen von Oradour gef\u00fchrt hat, st\u00f6\u00dft auf Unverst\u00e4ndnis. Seit Jahren vergiftet ein Rechtsstreit zwischen Veteranenverb\u00e4nden und H\u00e9bras das Verh\u00e4ltnis zwischen den beiden Regionen. Der 88-J\u00e4hrige schreibt in seinem Buch \u00fcber die letzten Stunden von Oradour, die beteiligten Els\u00e4sser seien &#8222;angeblich Zwangsrekrutierte&#8220; gewesen. F\u00fcr den Historiker Alfred Wahl handelt es sich um &#8222;eine Provokation, die verhindert, dass sich die Wunde schlie\u00dft&#8220;.<br \/>\nFest steht: Was in Oradour geschehen ist, wurde bis heute auch hierzulande unzureichend aufgearbeitet. Die deutsche Justiz bereitet erst jetzt eine Anklage gegen die noch lebenden deutschen Verantwortlichen vor. In Frankreich wurde 1953 nach dem Prozess von Bordeaux gegen 13 der 14 Els\u00e4sser eine Amnestie erlassen. Sie hatten glaubhaft vermitteln k\u00f6nnen, dass sie gegen ihren Willen in der Waffen-SS gek\u00e4mpft und in Oradour nicht zu den Anf\u00fchrern geh\u00f6rt hatten. &#8222;H\u00e9bras streut weiter den Zweifel&#8220;, betont Rodenstein, &#8222;die Els\u00e4sser h\u00e4tten aus freien St\u00fccken mitgemacht.&#8220;<br \/>\n18.9.2013, B\u00e4rbel N\u00fcckles<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Malgre-nous<br \/>\n<\/strong>Ich gebe Ihnen Recht, Herr Gauck wird das Thema bestimmt &#8222;diplomatisch geschickt&#8220; umgangen haben, das Thema ist komplexer als es vielleicht erscheint. @ Wolf Hermann Armin: Als dt.-frz. Doppelstaatler habe ich es quasi in die Wiege gelegt bekommen, mich mit der deutsch-franz\u00f6sischen und der els\u00e4ssischen Geschichte auseinanderzusetzen. Aus ganz pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen mit ehemaligen els\u00e4ssischen Wehrmachts- und SS-Angeh\u00f6rigen kann ich guten Gewissens behaupten, dass es nicht nur die unschuldig zwangsrekrutierten &#8222;malgr\u00e9-nous&#8220; gab, nein es gab auch Els\u00e4sser, die mit Feuer und Flamme f\u00fcr das Naziregime gek\u00e4mpft haben. Die franz\u00f6sische Politik und Gesellschaft hat bis heute ein gro\u00dfes Problem damit, sich der Diskussion \u00fcber die franz\u00f6sischen Kollaborateure im Dritten Reich zu stellen. Das geschehene Unrecht an den Zwangsrekrutierten ist nach au\u00dfen hin wesentlich komfortabler darzustellen. Das KZ-Zwischenlager Drancy bei Paris, welches von franz\u00f6sischen Vichy-Gendarmen bewacht und ger\u00e4umt wurde, ist hier eines der unr\u00fchmlichsten Beispiele von Geschichtsverdr\u00e4ngung. Versetzen Sie sich in die damalige Zeit, auf der einen Seite das politisch und instabile Frankreich, auf der anderen Seiten das milit\u00e4risch und wirtschaftlich aufstrebende (auch wenn auf Schulden gebettete) Deutschland, welches den Franzosen auch noch das vormals besetzte Ruhrgebiet sang- und klanglos abgeluchst hat. Wie auch die Deutschen selbst ist auch so mancher Els\u00e4sser, welcher h\u00e4ufig ja noch aus wilhelminischer Zeit Familienangeh\u00f6rige auf der anderen Rheinseite hatte, dieser Verblendung unterlegen. Nochmals zur\u00fcck zu den Zwangsrekrutierten. Aus strategischen Gr\u00fcnden und offensichtlich mi\u00dftrauischen Zw\u00e4ngen wurden die els\u00e4ssischen Zwangsrekrutierten in den meisten F\u00e4llen nicht an der Westfront eingesetzt sondern eher an der Ostfront &#8222;verbraten&#8220;. Dort konnte man relativ sicher sein, dass keiner auf seine &#8222;franz\u00f6sischen Br\u00fcder&#8220; schie\u00dfen musste. An der Westfront selbst kamen aus Nazisicht eher &#8222;zuverl\u00e4ssig regimetreue Kameraden&#8220; zum Einsatz. Ich habe also meine berechtigten Zweifel, dass die els\u00e4ssischen SS-Sch\u00e4rgen von Oradour Ihre Unschuld in H\u00e4nde waschen und sich unter dem M\u00e4ntelchen der Zwangsrekrutierung verstecken k\u00f6nnen. Es kann und darf aber nicht ein deutsches Staatsoberhaupt sein, welcher hier den Nagel der geschichtlichen Mitverantwortlichkeit ins franz\u00f6sische und damit els\u00e4ssische Brett schl\u00e4gt, nein dies muss aus einer kritischen gesellschaftlichen Mitte Frankreichs, also auch des Elsasses, kommen. Bonne soir\u00e9e \u00e0 tous.<br \/>\n18.9.2013, Patrick Pfefferle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In\u00a0Oradour hatten Soldaten der Waffen-SS 1944 \u00fcber\u00a0600 Franzosen get\u00f6tet. Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck hat als erstes deutsches Staatsoberhaupt den Ort in Mittelfrankreich besucht. 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