{"id":3679,"date":"2012-05-23T16:50:29","date_gmt":"2012-05-23T16:50:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=3679"},"modified":"2012-05-23T16:50:29","modified_gmt":"2012-05-23T16:50:29","slug":"ultras-im-stadion-szenekenner-sieht-sc-in-der-pflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/ultras-im-stadion-szenekenner-sieht-sc-in-der-pflicht\/","title":{"rendered":"Ultras im Stadion &#8211; Szenekenner sieht SC in der Pflicht"},"content":{"rendered":"<p>Illegale Pyrotechnik, Gewalt und vermummte Fans. Fu\u00dfball-Deutschland fragt sich, was da in den Kurven passiert. Der s\u00fcdbadische Journalist Christoph Ruf berichtet f\u00fcr \u00fcberregionale Medien wie &#8222;Stern&#8220; und &#8222;Spiegel&#8220; seit vielen Jahren \u00fcber die Ultraszene. Im Gespr\u00e4ch mit Sven Meyer bewertet er die j\u00fcngste Eskalation.<br \/>\n<em>Herr Ruf, was genau ist ein Ultra?<\/em><br \/>\nRuf: Erstmal ist das eine Eigenbeschreibung, jemand sagt selbst von sich, er sei ein Ultra. Die meisten sind unter 30, viele sogar unter 20 Jahren. Inhaltlich gibt es ein sogenanntes Ultra-Manifest. Kurz gefasst, ist das eine rebellische, rein auf den Fu\u00dfball bezogene Subkultur. Zurzeit werden Ultras gleichgesetzt mit Randalierern und Gewaltt\u00e4tern. So ist es nicht, wenngleich es einzelne Gruppierungen gibt, die Anlass zur Sorge geben.<!--more--><em>Was treibt diese Leute zu einem derart fanatischen Loyalismus?<\/em><br \/>\nRuf: Ein Fanatismus, der sich darin \u00e4u\u00dfert, jedes Spiel und jedes Trainingslager mitzunehmen, den gab es auch schon bei den Kuttenfans. Was neu ist, ist dass die Ultras ihre Liebe abstrakt definieren. Es geht ihnen um das nebul\u00f6se Erbe des Vereins, vor allem aber um die eigene Gruppe und ihre Choreografien. Man misst sich mit anderen Ultras und will sich einen bundesweiten Ruf erarbeiten. Im Gegensatz zu fr\u00fcher ziehen diese Leute ihren Stolz nicht mehr so sehr aus dem sportlichen Ruhm des eigenen Vereins.<br \/>\n<em>Pyrotechnik ist in den Stadien illegal. Es gibt strenge Kontrollen. Wie schaffen es die Fans trotzdem, ihre Bengalos ins Stadion zu schmuggeln?<\/em><br \/>\nRuf: Die Dinger sind verdammt klein und es ist den Ultras unglaublich wichtig, sie ins Stadion zu bekommen. Die kriegst du in den BH deiner Freundin, in Schuhe oder &#8211; unappetitlich &#8211; in K\u00f6rper\u00f6ffnungen rein. Vielleicht kennt man aber auch jemanden, der beim Catering arbeitet. Dann kommen sie gemeinsam mit den Bratw\u00fcrsten ins Stadion. Oft werden sie im Gedr\u00e4nge aber auch einfach nicht bemerkt.<br \/>\n<em>Erstaunt Sie die offenbar neue Dimension des Problems?<\/em><br \/>\nRuf: Als langj\u00e4hriger Beobachter erstaunt es mich nicht so sehr. Eigentlich war es sogar klar, dass nach dem gescheiterten Kompromissangebot seitens der Ultras (geduldetes Abbrennen in ausgewiesenen Stadionsektoren, Anm. d. Red.) etwas passieren w\u00fcrde. Dass es im Zusammenhang mit der H\u00e4ufung der Vorf\u00e4lle Absprachen gab, liegt auf der Hand.<br \/>\n<em>\u00dcbertreiben Funktion\u00e4re und Medien oder besteht wirklich Grund zu gr\u00f6\u00dfter Sorge?<\/em><br \/>\nRuf: Ich m\u00f6chte die Gefahren von Pyrotechnik auf gar keinen Fall verharmlosen. Wie das beim Spiel D\u00fcsseldorf gegen Hertha gehandhabt wurde, war verantwortungslos. Trotzdem halte ich es f\u00fcr falsch, wenn beispielsweise Hertha-Anwalt Schickhardt von &#8222;Todesangst&#8220; spricht. In D\u00fcsseldorf gab es keine K\u00f6rperverletzung. Dort wurden Bengalos abgefackelt und Leute sind auf den Platz gest\u00fcrmt. Das geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch bestraft, hat aber erstmal nichts mit Gewalt zu tun. Ich pers\u00f6nlich h\u00e4tte es spannend gefunden, wenn man in einer Testphase geschaut h\u00e4tte, ob der Ultra-Kompromiss funktioniert h\u00e4tte.<br \/>\n<em>K\u00f6nnten es sich die Clubs \u00fcberhaupt leisten, die Ultras auszusperren?<\/em><br \/>\nRuf: Nein, aber ich warte darauf, dass das der erste Politiker fordert.<br \/>\n<em>Warum w\u00fcrde das nicht\u00a0 funktionieren?<\/em><br \/>\nRuf: Zum einen geht jeder junge Mensch, der ins Stadion geht, dahin, wo am meisten los ist. Die Bewegung w\u00e4chst noch, Verbote w\u00fcrden sie nur interessanter machen. Zweitens ist die Bundesliga ein Unterhaltungsbetrieb. Das Produkt lie\u00dfe sich schlecht verkaufen, wenn man in den Stadien auf einmal Friedhofsruhe h\u00e4tte.<br \/>\n<em>Wenn aber Ultras Mannschaftsbusse angreifen und Stadien in Nebel h\u00fcllen, k\u00f6nnten irgendwann die normalen Fans wegbleiben.<\/em><br \/>\nRuf: Aufpassen muss man auf jeden Fall. Viele j\u00fcngere Ultras wollen sich in der Hierarchie hocharbeiten, indem sie m\u00f6glichst viele illegale Dinge machen. Das ist ein unglaublich egoistisches Verhalten. Wenn die Ultras das nicht selbst abstellen k\u00f6nnen &#8211; im Sinne von Selbstreinigung &#8211;\u00a0 hat sich das Thema irgendwann von selbst erledigt. Das sieht man doch jetzt schon, wenn das ganze Stadion applaudiert, sobald die Polizei den Fanblock r\u00e4umt. Noch aber sehen viele traditionelle Fans die Szene auch als Vork\u00e4mpfer, weil die Ultras eben auch fordern, dass es immer Stehpl\u00e4tze und billige Tickets geben muss.<br \/>\n<em>Wie steht es um die\u00a0 Ultras beim <a title=\"SCfreiburg\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/sport\/sportvereine\/scfreiburg\/\">SC Freiburg <\/a>&#8211; herrscht hier s\u00fcdbadische Gem\u00fctlichkeit?<\/em><br \/>\nRuf: Freiburg stellt in der Gesamtheit eine Insellage dar, weil es bis 1991 ja eigentlich keine richtige Fanszene gab. Ich sehe die Situation trotzdem kritisch. Der SC denkt immer noch, er h\u00e4tte kein Fanprojekt n\u00f6tig. Gerade ein Verein, der mit viel Expertise aus wenig Mitteln viel macht, weil er in allen Bereichen Experten verpflichtet, meint, sich gerade beim Thema Fans auf Ehrenamtliche und P\u00f6stchenj\u00e4ger verlassen zu k\u00f6nnen. Ich habe beim SC zwei Dinge noch nie verstanden: Die stockkonservative Skepsis gegen\u00fcber Pr\u00e4vention und Sozialarbeit und die Tatsache, dass das Wort &#8222;Ultra&#8220; offenbar als Synonym f\u00fcr Problemfan gesehen wird.\u00a0 Dabei sind es bei Freiburger Ausw\u00e4rtsspielen die vern\u00fcnftigen Ultras, die erzieherisch auf die jungen einwirken, denen auch mal sagen: Du hast jetzt genug Bier getrunken! Der Verein sollte die vern\u00fcnftigen Leute in der Ultraszene st\u00e4rken, weil nur diese in der Lage sind, die anderen auszugrenzen.<br \/>\nInterview von Sven Meyer, <a href=\"https:\/\/www.der-sonntag.de\">www.der-sonntag.de<\/a><\/p>\n<p>Christoph Ruf, Volker Backes und\u00a0 Andreas Beune<br \/>\n&#8222;Ohne Fu\u00dfball w\u00e4r&#8217;n wir gar nicht hier &#8211;\u00a0Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis&#8220;<br \/>\nVerlag Die Werkstatt, 9,90 Euro, Taschenbuch 5\/2012.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illegale Pyrotechnik, Gewalt und vermummte Fans. Fu\u00dfball-Deutschland fragt sich, was da in den Kurven passiert. Der s\u00fcdbadische Journalist Christoph Ruf berichtet f\u00fcr \u00fcberregionale Medien wie &#8222;Stern&#8220; und &#8222;Spiegel&#8220; seit vielen Jahren \u00fcber die Ultraszene. 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