{"id":28950,"date":"2013-05-07T16:11:12","date_gmt":"2013-05-07T14:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/?p=28950"},"modified":"2013-05-07T16:50:38","modified_gmt":"2013-05-07T14:50:38","slug":"gaertner-contra-saatgut-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/gaertner-contra-saatgut-industrie\/","title":{"rendered":"Gaertner contra Saatgut-Industrie"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Bauernwaren immer die Eigent\u00fcmer ihres Saatguts. Nun wurden sie enteignet.&#8220; Dr. Thomas Gladis, Biologe und Kulturpflanzenforscher. Er und k\u00e4mpferische <a title=\"Landwirt\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/\">G\u00e4rtner<\/a> leisten Widerstand gegen die <a title=\"Saatgut\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/saatgut\/\">Saatgut<\/a>-Industrie und die<a title=\"EU\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/global\/eu\/\"> EU <\/a>&#8211; auch am <a title=\"Samengarten\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/saatgut\/samengarten\/\">Samengarten<\/a> in\u00a0<a title=\"Eichstetten\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/orte\/eichstetten\/\">Eichstetten<\/a> am <a title=\"Kaiserstuhl\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/regio\/kaiserstuhl\/\">Kaiserstuhl<\/a>. Jahrtausendealtes Erbe der Ackerbaukultur, hier schlummert es \u2013 in eingestaubten <a title=\"Gemuesebau\" href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/natur\/landwirt\/gemuesebau\/\">Gurkengl\u00e4sern<\/a> und gebrauchten Wasserflaschen aus Plastik. <!--more-->Hinter den dicken Mauern der Zehntscheuer von Eichstetten am Kaiserstuhl bewahrt\u00a0 Thomas Gladis rund 800 Planzensorten auf, genauer gesagt: deren Samen. Der Biologe betreut die Kulturpflanzensammlung der Stiftung Kaiserst\u00fchler Garten, zusammenmit einem Team von Ehrenamtlichen. Sie\u00a0suchen alte Getreidesorten, Bohnen, Salate, Kr\u00e4uter, die durch die Einheitssorten der Agrar- und\u00a0 Lebensmittelindustrie verdr\u00e4ngt wurden. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie in der genetischen Vielfalt alter Kulturpflanzen eine Zukunftsgarantie der Landwirtschaft sehen. G\u00e4rtner, hobbym\u00e4\u00dfige und professionelle, bestellen in Eichstetten Samenproben. Einer der Pflanzensammler sucht dann unter den feins\u00e4uberlich nummerierten Gl\u00e4sern, Flaschen oder Papiert\u00fcten die richtige heraus und f\u00fcllt einen Teel\u00f6ffel Samen in ein T\u00fctchen. Zwei Euro \u201eAufwandsentsch\u00e4digung&#8220; sind daf\u00fcr zu zahlen. Rund 2000 solcher Samenproben haben die Kaiserst\u00fchler dieses\u00a0 Jahr schon abgegeben. Doch nun droht ihnen Br\u00fcssel einen Strich durch die Rechnung zumachen. Eine neue europ\u00e4ische Saatgutverordnung, die morgen zwischen\u00a0den EU-Kommissaren ausgehandelt werden soll, k\u00f6nnte die Kaiserst\u00fchler Samensammlung in ihrer Existenz bedrohen. So wie andere \u00e4hnliche Initiativen in ganz Europa, die bereits Sturmgegen die Br\u00fcssler Pl\u00e4ne laufen, obwohl sie im Detail noch gar nicht bekannt sind. Sie bef\u00fcrchten, dass sich die Lobbyisten der Saatgut-Konzerne durchsetzen. Es drohen strengere Zulassungspflichten f\u00fcr den Handel mit Pflanzensamen. Nur amtlich registrierte Sorten d\u00fcrften dann weitergegeben werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/gaertner-contra-saatgut-industrie\/samengarten-gladis-thomas130505\/\" rel=\"attachment wp-att-28954\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-28954\" title=\"samengarten-gladis-thomas130505\" src=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/samengarten-gladis-thomas130505-180x140.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"140\" srcset=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/samengarten-gladis-thomas130505-180x140.jpg 180w, https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/samengarten-gladis-thomas130505.jpg 639w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>\u00a0<br \/>\nThomas Gladis im Eichstetter Samengarten will genetische Vielfalt erhalten. Bild: Daniel Gr\u00e4ber<\/p>\n<p>Der Widerstand von \u00d6koaktivisten und Saatgutsammlern ist in den vergangenen Wochen stark angewachsen: Zwei Online-Petitionen wurden gestartet, offene Briefe an EU-Kommissare geschrieben. Sogar Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat sich eingemischt. \u201eEs darf nicht so weit kommen, dass Privatg\u00e4rtner f\u00fcr ein paar Samenk\u00f6rnchen eine amtliche Zulassung vorzulegen haben&#8220;, sagte sie dem Handelsblatt.<em><\/em>Und: \u201eKleine Z\u00fcchter m\u00fcssen von der Zulassungspflicht befreitwerden.&#8220; Die EU-Kommission reagierte mit einer \u201eKlarstellung&#8220;. Darin hei\u00dft es, die neuen Regeln gelten ausschlie\u00dflich f\u00fcr \u201eprofessionelle Akteure&#8220; wie Landwirte oder Gartenbaubetriebe. F\u00fcr Kleinstunternehmen werde es Ausnahmen geben. Kulturpflanzenforscher Thomas Gladis gibt sich damit nicht\u00a0 zufrieden. \u201eDas ist nur eine Vernebelungstaktik&#8220;,\u00a0sagt erund seine Stimmewirdw\u00fctend. Er redet schnell und mit Berliner Akzent. Erwill keineAusnahmenvon der Sortenregistrierungspflicht f\u00fcr nicht-professionelle Z\u00fcchter und keine Erleichterungen f\u00fcr Kleinstbetriebe. Erwill, dass sich die EU-B\u00fcrokratie ganz aus dem Saatgutgesch\u00e4ft heraush\u00e4lt. \u201eDas regelt doch die Marktwirtschaft. Wer mit unseren Samen\u00a0 nicht zufrieden ist, bestellt sie eben nicht mehr. Fertig.&#8220; Alle 800 in Eichstetten gesammelten Sorten registrieren zu lassen, das w\u00e4re selbst beivereinfachten Regeln ein Aufwand, den er und seine ehrenamtlichen Helfer kaum leisten k\u00f6nnten. 2007 kam Gladis nach Eichstetten, seitdem engagiert er sich beim Kaiserst\u00fchler Samengarten. Gegr\u00fcndet wurde die Initiative, die sich haupts\u00e4chlich durch\u00a0 Spenden und das Stiftungsverm\u00f6gen finanziert, im Jahr 2000. Er \u00f6ffnet eines der Gl\u00e4ser, die auf einer Tischreihe in der Zehntscheuer stehen. F\u00fcnf, sechs dunkelviolette, ungew\u00f6hnlich runde Bohnen mit je einemwei\u00dfen Punkt an der Seite sch\u00fcttet er sich in die Hand. \u201eT\u00fcrkische Schwertbohnen&#8220;, sagt er. \u201eDie haben Einwa derer an den Kaiserstuhl gebracht und ich habe sie beim Spaziergang von einer t\u00fcrkischen G\u00e4rtnerin geschenkt bekommen.&#8220; Der Samentausch \u00fcber den Gartenzaun, das war sehr lange die wichtigste Formdes Saatguthandels. Und es hat sehr lange sehr gut funktioniert. \u201eDie Bauern waren immer die Eigent\u00fcmer ihres Saatguts. Nun wurden sie durch die Industrie mit Hilfe der EU-B\u00fcrokratie enteignet.&#8220;\u00a0 Thomas Gladis spricht in der Vergangenheitsform, denn die aktuell diskutierte Saatgut-Verordnung ist nur ein weiterer Schritt in einer Reihe von Regelungen, die den wirtschaftlichen Interessen der Agrarkonzerne in die H\u00e4nde spielen. Darunter sind h\u00f6chst umstrittene wie das Patentrecht auf Pflanzen. Die industriellen Gro\u00dfz\u00fcchter behaupten, ohne exklusive Vermarktungsrechte k\u00f6nnten sie die wachsende Weltbev\u00f6lkerung nicht ern\u00e4hren. Zusammen mit dem Klimawandel eine gewaltige Herausforderung f\u00fcr die Landwirtschaft weltweit. Ihre L\u00f6sung: Hightech-Z\u00fcchtungen und die dazu passenden Chemie-Wundermittel. Doch \u00d6koaktivisten und Saatgutsammler wie Thomas Gladis widersprechen demvehement. Sie werfen den gro\u00dfen Samenlieferanten wie Monsanto und Syngenta vor, ein weltweites Kartell zu errichten und Landwirte in ihre Abh\u00e4ngigkeit zu bringen. Zum Beispiel durch Hybrid-Z\u00fcchtungen: sehr ertragreiche und gleichf\u00f6rmigwachsende Sorten, deren Samen allerdings immer wieder neu gekauft werden m\u00fcssen. Einen kleinen Teil der Ernte einzubehalten, um daraus selbst Samen zu gewinnen, sei inderheute \u00fcblichen Landwirtschaft kaum mehr \u00fcblich, beklagt Gladis. \u201eDoch dadurch liegt die Ern\u00e4hrungssicherheit der gesamten Menschheit in den H\u00e4nden dieser paar Firmen.&#8220; Alte, regionale Sorten, die Generationen von Z\u00fcchtern an die jeweiligen\u00a0B\u00f6den und Witterungsbedingungen angepasst haben, seien unverzichtbar, sagt Gladis. Ihr genetischer Reichtum sei Grundlage daf\u00fcr, neue Sorten zu z\u00fcchten \u2013 angepasst an neue Bedingungen. Ein kleiner Teil der in der Zehntscheuer schlummernden Gen-Sch\u00e4tze wird einige hundert Meter weiter zum Leben erweckt. Gladis und seine Helfer hegen ein fu\u00dfballfeldgro\u00dfes St\u00fcck Land am Rande Eichstettens, den Kaiserst\u00fchler Samengarten. Es geht ihnen darum, das Saatgut zu vermehren, bestimmte Sorten an die hiesigen Verh\u00e4ltnisse anzupassen und Interessierten einen Einblick in die Vielfalt an Tomaten, Salaten, Kr\u00e4utern und anderen Nutzpflanzen zu geben. Auf einemkleinen Eck\u00a0 vorderen Bereich des Gartens haben sie alte Getreidesorten gepflanzt: Spelzweizen und Emmer. Deren gr\u00fcne Halme sind schon schienbeinhoch. Gladis b\u00fcckt sich, um sie auseinanderzubiegen. Zum Vorschein kommen zart bl\u00fchende Pfl\u00e4nzlein, sonnengelb bis himmelblau. \u201eHahnenfu\u00df und Ehrenpreis&#8220;, benennt Gladis sie. Dann entdeckt er Feldsalat, der so hei\u00dft, weil er eigentlich auf den Getreidefeldern wuchs, Nadelkerbel, das als W\u00fcrzkraut diente, und die Kornrade. \u201e,Rade, Rade, Rade rot \u2013 in vierWochen neues Brot\u2018, haben die Kinder fr\u00fcher gesunden&#8220;, sagt Gladis. Weil die Rade vier Wochen vor der Kornreife rotbl\u00fcht. \u201eDas Liedist ausgestorben, so wie die Pflanze beinahe auch.&#8220; In der Eichstettener Samensammlung lebt sie noch. Gladis hat sie in seinem Getreideeck ausges\u00e4t, zusammen mit 90 anderen \u201eUnkr\u00e4utern&#8220;. In der modernen Landwirtschaft, w\u00e4chst kaum ein Kraut mehr zwischen dem Korn. Denn die neuen Sorten seien auf Unkrautvernichtungsmittel angewiesen, sagt Gladis. \u201eSie wachsen nicht hoch genug, um das Unkraut zu \u00fcberragen.&#8220; Und als Erkl\u00e4rung f\u00fcgt er hinzu: \u201eDas weltweite Saatgutgesch\u00e4ft ist in den H\u00e4nden von Chemiekonzernen. Die leben eben davon, dass ihre Kampfstoffe eingesetzt werden.&#8220; Sein Samengarten braucht nichts davon.\u00a0<br \/>\nDaniel Gr\u00e4ber, 5.5.2013, <a href=\"https:\/\/www.der-sonntag.de\">www.der-sonntag.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Bauernwaren immer die Eigent\u00fcmer ihres Saatguts. Nun wurden sie enteignet.&#8220; Dr. Thomas Gladis, Biologe und Kulturpflanzenforscher. Er und k\u00e4mpferische G\u00e4rtner leisten Widerstand gegen die Saatgut-Industrie und die EU &#8211; auch am Samengarten in\u00a0Eichstetten am Kaiserstuhl. Jahrtausendealtes Erbe der Ackerbaukultur, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/gaertner-contra-saatgut-industrie\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54,254,178,13,201,141],"tags":[277,286,435,737],"class_list":["post-28950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ehrenamt","category-gentechnik","category-kaiserstuhl","category-kultur","category-landwirt","category-nachhaltigkeit","tag-bauer","tag-bioland","tag-gartner","tag-gentechnik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28950"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28950\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freiburg-schwarzwald.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}